7
ordinmg wieder fest. Denn ich errichtete einen Gegenwert dafür, wenn mir der liebe Gott Weiterhelsen wollte, daß eS nicht fror: Ich versprach dem lieben Gott lauter gute Laten, die ich bisher unterlassen hatte.
Lind so kam eS, daß sich mein jüngerer Bruder nicht genug Wundern konnte, warum ich ihm plötzlich bei den Schulaufgaben half. Daß meine ältere Schwester sehr überrascht über mein freiwilliges Angebot war, ihr di« Bücher aus der Bibliothek *u holen und wieder hinzutragen. Daß meine Mutter zum Vater sagte:
„Du glaubst gar nicht, wie günstig sich der Fritz vmandert hat. Bor Weihnachten war er noch so wild, und jetzt ist er so nett und kommt alle Augenblicke in die Küche, um zu fragen, ob er was für mich besorgen könne."
„Vielleicht haben ihn die Weihnachtsstrümpfe und die Weihnachtshemden so sanft gemacht?" hört« ich durch die halbossene Türe Vater lustig sagen. Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, daß es die Biwifax-Schlittschuhe toaten, die ich erlogen hatte.
Lind, um es wahrheitsgemäß zu berichten, ich bekam durch das Gegengeschäft mit dem lieben Gott wirklich mit der Seit bas gute Gewissen wieder. Lind wenn es am Tische noch gegen Ende Januar verwundert hieß:
„Wie merkwürdig, daß es in diesem Winter gar nicht frieren will, solchen Winter haben tote doch seit vielen Jahren nicht mehr gehabt," so hörte ich das mit einer überlegenen Miene an und fühlte mich sehr wichtig. .Fast selber als ein kleiner Sott, der das Wetter in der Hand hatte: Ich brauchte nur morgen mit meiner Gegenleistung aufhören, so war der Frost da.
Einmal aber gingen meine logischen Kinderüberlegungen noch ein Stücklein weiter, und da kam das Merkwürdige heraus, daß eigentlich nicht ich sondern meine Biwifax-Schlittschuhe der Drehpunkt der ganzen Wetterlage waren. Sonderbar, dachte ich, Schlittschuhe, die gar nicht existieren...?
Einmal aber ■>— ich muß in meiner Gegenleistung' nachgelassen haben, scheint es — fror es dennoch. „Morgen ist die Decke dick genug", erklärte der Gruber am Heimweg von der Schule, „morgen können wir lausen."
„Dann weih doch der Stadelmann endlich", sagte ein anderer, „warum er seine Halifax zu Weihnachten bekommen hat."
„Ja", setzte wieder einer hinzu, „und der Müller seine Biwisax."
Ich hörte es beklommen. Denn meine Biwisax hatten sich inzwischen in der Schule herumgesprochen. Lind, wie das immer geht, jeder hatte was dazugemacht. So dah jetzt die wildesten Gerüchte über meine Biwisax umliefen. Vicht nur, dah sie einen Diesenhohlschliff hatten, nein, auch aus Nickel waren sie, und die geheimnisvoll gebogene Spitze war vergoldet. Llnd eine selbsttätige Feder hatten sie, vermöge deren sie den Fahrer blitzschnell fortbewegten, so dah man selbst sich diese Mühe sparen konnte... Llnd zu jeder neuen Wunderzutat wurde meine Bestätigung eingeholt. Was sollte ich tun? Ich muhte nicken, nicken — wie ein Vater aufkommen muh für die immer ver- wegsneren Streiche seines schlechtgeratenen Jungen. Denn die Biwisax, die waren nun einmal meine Kinder.
„And dann können wir auch dem Stadelmann seine Halifax mit dein Müller seine Biwifax vergleichen," sagte noch der Gruber,
ehe wir uns trennten.
Am anderen Tage stand es in der Zeitung: „Heute Eislauf auf dem Kleinhesseloher See". Lind in der Nacht auf diesen Tag fuhr ich Schlittschuhe. Auf meinen Biwifax aus der amemka- nischen Fabrik mit den zehntausend Arbeitern. Im Traum natürlich. Aber so lebendig sah ich meine Biwifax im Traum mit allen aufgelogenen Eigenschaften, daß ich mir im Traume überlegte: „Also ist doch alles wahr, also habe ich doch die Biwifax zu Weihnachten bekommen und keine Hemden und keine Strümpfe, und es ist gerade umgekehrt: Die Hemden und die Strümpfe sind erlogen."
Dann fuhr ich mit denr Finger über den wunderbaren Hohlschliff. Au, beinahe hätte ich mich daran geschnitten. And der Gruber stand dabei und zeigt« auf das glänzende Nickel und die vergoldete Spitze, und sagte zu den anderen, die im Kreise standen: • . _,
„Nun, seht ihrs jetzt. Was hab ich euch gesagt! Schaut, auch keine Schraube ist da. Jetzt Paht erst auf, wenn er sie anlegt. Das gibt einen Knacks, dann sitzen sie von selber."
And siehe da, als ich die Schlittschuhe nur leicht an meine Sohle hielt, da gab es wirklich einen Knacks — schon saßen sie wie angegossen.
„And habt ihr die Feder nicht gesehen? "fuhr der Gruber fort, „ganz von selber fahren die Biwifax."
Vrr — schon fuhren sie mit mir davon. O, war das schön!
„Kommt mit! Kommt mit!" rief ich Aber meine Biwifax fuhren zu schnell. Sie konnten mich nicht mehr einholen. Auseinander kamen wir. Im Nebel sah ich meine Freunde verschwinden. Meine Biwifax trugen mich mit Windeseile und auf Nimmerwiedersehen von ihnen fort.
„Halt!" rief ich, aber meine Biwifax kehrten sich nicht daran.
„Halt, um Gotteswillen, halt!" Aber meine Biwifax fuhren nur noch schneller. Das blaue Eis flitzt« unter mir weg. Die Bäume am Wasserrande schossen tote Telegraphenstangen am Zuge an mir vorbei. Jetzt kam ein Eishügel — darüber gings mit
And jetzt —
Knirschen und Gestiebe. Jetzt kam eine Mulde — wie tollgewordene Hunde hetzten mich meine Biwifax hinunter und hinauf. Weit«, einsame Flächen kamen. Kein Mensch mehr weit und
breit. Nur ich mit meinen Biwifax, die mit mit machten, was st« wollten. Die mich jagten. Deren fürchterlicher, unaufhaltsamer Laus mir jetzt alle Schauer der Vereisung über den Dücken lausen ließ. Di« mir gleich daraus so heiß machten, daß tch boenmende Lohe tn mir emporschlagen fühlte. And jetzt —
„Herr im Himmel, halt, halt!"
Dwrl drüben gähnte ein Spall im Eis, nein, ein großes Loch And meine Biwifax zielten haargenau daraus. Ich zerbog mir meine Knie — nicht einen Zoll hinüber oder herüber lenll« ich die Biwifax. Das Loch das Loch, sie wollten mein Verderben. And jetzt hörte ich sie lachen. Meine Biwisax lachten unter meinen Füßen hämisch herauf, schadenfroh. And jetzt blleben sie mit einem Ruck knapp vor dem Loche stehen und schleuderten mich mit einem hohen Schwung hinein in den Tod —
„Nein, Sie dürfen ihn nicht aufstehen lassen", hörte ich Me Stimme unseres Arztes, „er hat Fieber, aber ich hoffe, dah «6 nicht gefährlich ist."
Dann ging er.
And dann spürte ich meiner Mutter Hand aus der glühenden ©time. Es wurde mir so sonderbar. Ein Geständnis hatte sich da drunten in meiner Brust gelockert. Es wollte heraus.
„Mutter", sagte ich, „gell, heut ist Eislauf auf dem Klein- hesselohersee?"
„Nein, Kind, eben waren deine Kameraden da, um dir mitzuteilen, dah «s getaut hätte, und dah grobe Löcher aufge- brochen wären."
„And was haben sie noch gesagt, Mutter?" fragte ich angstvoll.
„Daß es fo fchade wäre, denn sie hätten sich so sehr auf dein« neuen Schlittschuh« gefreut — auf deine — deine Biwifax, f flöten fie "
„And Mutter, was — was sagtest du, Mutter?" stieß ich hervor. „
„Ich? Ich sagte, daß tote deine — deine Biwisax unserem Vetter nach Stettin geschickt hätten, wo es dieses Jähr besser friere als bei uns."
„O. Mutter, das sagtest du?"
„3a, mein Sohn, das sagte ich, und nun mutzt du bald wieder gesund werden," sprach sie ruhig und ließ ihr« Hand nicht von meiner Stirne. Ich aber drückte diese Hand und sagte leise:
„Mutter, ich mutz dir noch meinen Traum erzählen, meinen Traum von den Biwifax."
„Ja." nickte sie.
And wie ich meinen Traum erzählt hatte, lächelte sie, und ich war. ehe noch das Fieber von mir ging, geheilt von meinen Biwisax und gewarnt vor manchen anderen Viwifaxen, deren Hohlschlisi und vergoldete Spitze und selbsttätige Fortbewegung am Horizonte meines Lebens sichtbar wurden...
Wie Christen eine Frau gewinnt.
Von Jeremias Gotthelf
(Fortteyung.)
So etwas braucht man wilden Buben nicht zweimal zu sagen, st« lassen eS sich gesagt sein; sie schlugen, datz Fetzen davon- fuhren, daß es manchmal nicht bloß tausend, sondern zweitausend Pfund kostete, Schmerzengeld und Kosten, die Hälfte der Söhn« immer banifiert (verbannt) war und da ebenfalls ein Höllengeld verputzte. Nein, Grit, da wollte ich das Vermögen nicht mchr teuer; das ist ein aus gedrückter Schwamm, es scheint noch der gleiche Schwamm, aber es ist nichts mehr darin, wenn man genauer luegt.“
„3a", sagte Grit, „von den Buben habe ich wohl schon gehört. denn solche Sachen kommen weit herum, aber etwas Schlech- tis ist das nicht; es heißt ja, das gebe die bravsten Bauern, wo die tollsten Schläger gewesen. Aber von den Meiilene, da habe ich gar nichts gehört. Es ist möglich, dah sie nicht so reich werden, wie ich geglaubt; aber werchbar sind sie, und bsunderöar wohl verstehn sie alles, das ist am Ende für eine Bäuerin doch die Hauptsache. Wenn man einen großen Kohlwagen voll Dublonen hätte, was Hilfs einem, wenn man ein Dabi zur Frau hat, die vom Halben nichts versteht und das andere Halbe lätz macht, keine Suppe, keine Rösti (geröstete Erdäpfel), nicht einmal einen Sier- tätsch machen kann. And werchbar sind die auf dem Kabisgrat, bfunberbar anschlägig; von ihnen habe ich immer nur Gutes g^ hört, und dah sie solche Brüder haben, dessen vermögen sich doch die arme More (Tröpfe) von Meitlene nichts."
„Jetzt, Grit, schwyg, jetzt hab ichs satt, schäm dich! Hast nicht «in besser Herz für mich, gönnst mir solche Menscher zu Söhnis- wybern! Wenn selb ist, so kann ich es auch machen ohne dich: öppe Schwamm hat man allenthalben." „Nein aber, Anni, wird mir nicht bös, bin Wäger aufrichtig wie ein untauft Kind gegen dich, und im Himmel und auf Erden habe ich nichts ßieberaS, Wäger hab ich nicht! Aber was ich nicht weih, weih ich nicht, und was ich nicht gehört habe, habe ich nicht gehört.1
„Sei das, wie «S wolle, Grit, so schweig mir von den Menschern!" sagte di« Wirtin. „Wenn ich ein Söhniswyb kriegen sollte,


