Ausgabe 
5.1.1926
 
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Er setzte stch vor den Herd und hielt das Bändel sorglich tn die Wärme. Der kleine Schmidt hatte trockenes Holz gv» ftrnden und warf es aufs Feuer, und der Unteroffizier hi«ü Ausschau, wie's mit dein Wetter und dem Rückmarsch sei. Frierend und mit Schnee bedeckt kam ec zurück zu den beiden andern.

Keine Möglichkeit, einen Weg zu finden, der schönst« Schneesturm! Wir schaffen's kaum allein, viel weniger mit dein lebendigen Gepäck da. Denn mitnehmen müssen wir daS Dübel doch aus alle Fälle?"

Natürlich muß es mit! Wer weiß, ob die Drisson wieder» kommt. Und wir könnens doch nicht allein bei der Toten bassen."

So warten wir hier, bis das schlimmste Wetter vorüber ist", sagte der Unteroffizier.Morgen fttih läßt sich der Weg schon finden."

Und derweil feiert die Kompagnie da unten und schnappt uns alle Liebesgaben fort", meinte der Mecklenburger.

So feiern wir drei eben hier ein Christkinde! haben wir ja schon."

Des lleinen Kriegsfreiwilligen Augen glänzten, als er das sagte, und sie wurden alle drei froh und zufrieden.

Es fand sich Landwein, Tee und Zucker, und der Mecklen­burger mischte sachverständig einen Weihnachtspunsch Derweil hielt der Unteroffizier vorsichtig mit den ungeschulten Händen das Kind in die Wärme, und der kleine Schmidt heizte gewallig ein und faßte inrmer wieder prüfend die kleinen Fäuste und vev- kündete stolz, daß sie sich nun schon ganz warm anfühlten.

So verlebten die drei ihre Christnacht. Einer saß immer vor dem Feuer und hielt das schlafende Kind warm, einer legte Holz nach und sorgte für die Wärine; der dritte schlief, in seinen Mantel gepackt, auf dem Steinboden neben dem Herd.

Am Christmorgen fanden sie bei klarem, sonnigem Frost­wetter den Weg bergab und hielten mit ihrer Beute ihren Ein­zug ins Dorf. Der Unteroffizier trug das Wollbündel, die beiden andern marschierten stolz nebenher.

Es gab ein Hallo, als die drei so ankamen. Der Kompagnie- fchreiber, der in seinem bürgerlichen Verhältnis Theologe im zweiten Semester war, prägte das Wort von denHeiligen drei Königen", und nannte den kleinen Ghmidt denMohrenkönig", und die andern alle deuteten diesen Witz nach Kräften aus.

Der Feldwebel machte seine Meldung, und der Hauptmann befahl, daß die drei das Kind ins Pfarrhaus bringen sollten. Dort beriet er eingehend mit dem Pfarrherrn über das weitere Schicksal des Findlings und wie die junge Mutter ihre letzte Ruhestätte finden sollte.

Die heiligen drei Königs aber lietzsn's sich nicht nehmen, das Kind selbst in gute Hut zu bringen, zu den grauen Nonnen ins Marienllösterchen, die es aufnehmen, hegen und pflegen und zu einem Christenmenschen erziehen sollten.

Der Unteroffizier suchte sein bestes Französisch hervor und legte den Nonnen das Bübchen noch ganz besonders ans Herz und bat, daß man ihn und seine Kameraden zur Taufe als Gevatter heranholen und ein Patengeschenk für das Kind annehmen möge. Und seine beiden Kameraden standen ernsthaft und tüchtig daüi, und allen dreien wars höchst verwunderlich, als sie dann mit leeren Händen ins Quartier zurückgingen.

Das Schicksal hat dann die drei sehr verschiedene Wege ge­führt. Dem kleinen Schmidt brachte eine französische Kugel einen jungen, schmerzlosen Tod. Der Melchior trägt schwer am Leben rmd seinen Enttäuschungen und kranrt oft in den alten Erinne­rungen.

Der Mecklenburger hat nicht viel Zeit, daran zu denken. Sein« eigenen sechs Kinder und die Sorge um Acker und Vieh lassen ihm keine Zeit und Ruhe. Aber am Heiligabend nach der Bescherung gehen auch seine Gedanken den alten Weg, und dann erzählt er seinen Kindern von dem fremden Kind imt> möchte wissen, was aus dem Bübchen geworden ist.

Halifax und Biwifax.

Von Fritz Müller-Partenkirchen.

Zu Weihnachten bekam der Max Stadelmann Schlittschuhe. Und dabei hatte er sie gar nicht auf den Wunschzettel geschrieben, wie er uns nachher erzählte. Während ich mir extra Schlitt­schuhe gewünscht hatte und anstatt dessen drei Paar wollens Strümpfe und sechs Hemden bekam.

Einen guerigen Sinn hat oft dieses Christkindl. Aber es hilft nichts, sich zu beschweren. Die Entscheidungen des Christ kindels sind unanfechtbar, sagte man uns damals. Das heißt, nur für Kinder. Die Erwachsenen untereinander schlleßen mit dem Warenhaus Christkinde! auch Geschäfte mit der Klausel Umtausch nach Belieben" ab.

Meine Strümpfe und Hemden hatten diese Klausel nicht. Betrübten Sinnes fuhr mein junger Kops durch eines dieser Hem­den, das ich anprobieren mußte. Widerwillig schlüpste mein schlittschuhsehnsüchtiger Fuß in diese neuen Strümpfe. Fünf­hundert Hemden und fünftausend Strümpfe hätte ich drangegeben für ein Paar Halifax.

Ein Paar Halifax, wie der Max Stadelmann sie hatte. Kreuzteufel, glänzten diese Halifax verführerisch. Und natürlich hatte sie der Max Stadclmann schon am zweiten Weihnachts­feiertage an einem Riemen am Arme hängen, als wir ihn auf der Straße trafen.

.Wie, laß sehen, Stadelmairn."

»Von mir aus."

»Das sind feine Schlittschuhe."

»Hch krieg überhaupt nur feine Sachen zu Weihnachten." - »Jegerlnern, andre Leut' auch!"

.®°? W° sind denn dann deine Schlittschuh?" Das war «w bösartige Senge von Max Stadelmann an meine Eigen- £eb^?Q;,toeron keine Zeugen gehabt hätte. Aber da standen bk Schulkameraden herum und patzten auf, was ich jetzt sagen wuwe.

Meine Schlittschuhe?" sagte ich so gleichmütig, als ich konnte, .meine Schlittschuhe sind daheim." 8 ?

Warum nimmst du 's nicht mit?

,__Meinst d' vielleicht, ich lauf mit meinen Schlittschuhen auf

Der Straße umeinander, wenn es gar kein Eis gibt?"

Die Kameraden lachten. Der Stadelmann war ausgestochen. Für den Augenblick wenigstens.

Mm, ich hab's euch ja nur zeigen wollen", lenkte er ein, »sind die deinigen auch Hallfax?"

Letzt war ich schon im Lügen. Halifax oder andere Faxen letzt war's gleich

Rein", sagte ich ehern,ich habe Diwifax-Schlittschuhe be- tommen. N

Biwifax? Was foll'n denn das für welche fein?"

Was, du kennst nicht mal die Diwifax-Schlittschuhe? Gelt, Gruber, du kennst sie aber?"

Der Gruber schrieb von mir immer alle Rechenaufgaben ab. Also kannte er die Diwifax-Schlittschuhe.

.Natürlich", sagte er geschwollen,natürlich ke-n' ich die Biwifax. Aber selten sind sie. Sn einem jeden Laden hängen's nicht, mein Lieber."

Ich sah den Gruber zweifelnd an. Hatte er die Schemen- Safttgkeit meiner Biwifax-Schlittschuhe durchschaut? Nein, nein, ich sah es ihm ja an: er glaubte daran. Nur, daß er mich ein wenig unterstützen wollte.

Nun glauben auch die anderen daran. Sogar der Stadel­mann. Änd, wenn ich mich recht erinnere, auch für mich be­kamen sie jetzt Leben, meine Diwifax.

Aber deine Diwifax haben doch keinen Hohlschliff wie die meinigen," wagte der Stadelmann noch einzuwerfen.

Was? Meine Diwifax hätten keinen Hohlschliff? Zweimal so lang wie bei dir ist der Hohlschliff bei meinen Biwifax, mein Lieber."

Aber dann kann man sie doch nicht mit einer Schraube, auf einmal anschrauben wie meine Halifax."

Was? Meine Diwifax brauchen überhaupt keine Schrauben.

Die halten ganz von selber."

Das war sogar dem Gruber ein wenig zu viel. Wenigstens sagte er:

So? Von selber? Aber es kann schon sein. Anghabt hab' ich sie noch nicht."

Aber die meinigen sind in einer Fabrik gemacht, hat mein Dater g'sagt, wo fünftausend Arbeiter beschäftigt sind, sind es ist in England, hat mein Vater g'sagt."

So? sind meine Diwifax sind aus einer Fabrck mit zehn­tausend Arbeitern, und die liegt in Amerika."

sind das hat ihm sein Vater nicht erst z'fag'n brauchen", stand mir der Gruber bei,das weiß er das wissen wir selber, mein Lieber!"

Der Stadelmann wußte nichts mehr zu erwidern. Er lieh die Schlittschuhe imd die Ohren hängen. Die Sach« war erledigt. Mein« Diwifax hatten glänzend gesiegt über die Halifax. Der Stadelmami kehrte um. Auf einmal fiel ihm noch etwas ein:

Du, ich möchte deine Biwifax einmal anfchau'n?" Ich fühlte, das war die Nagelprobe meiner Lügnerei. Allen meinen Mut nahm ich zusammen und sagt«:Wenn's Eis gibt, siehst du ?' I« sowieso."

sind dann gingen wir auseinander.

Ich war den ganzen Tag nicht fröhlich. Die Lügen-Ditvifax lagen schwer auf meiner Seele. Wie hatte ich mich auch nur so in die Lügerei hiireinreiteil Wunen? Aber da war nur der Stadel- mann schuld mit seiner Hallfax-P rotzerei, so dachte ich und ver­suchte mich, so gut es ging, zu absolvieren. AVer auf einmal durchfuhr es mich wieder siedeheiß: sind wenn es nun morgen frieren würde?

Aber es fror nicht am nächsten Tag. Auch nicht am über­nächsten Tag. Die ganzen Weihnachtsferien fror es nicht.

Warum fror es nicht? Vielleicht deshalb, weil da ein Bub war, ein lügnerischer Bub, der jeden Ferienabend, ehe er ins Bett ging, ein stummes, inbrünstiges Gebet zum Himmel schickte: Lieber Gott, bitte, bitte, laß es doch nicht frieren.

Aber wenn schon Gebete erhört wurden, wie kam es bann, daß das Gebet eines lügnerischen Buben erhört wurde, während der liebe Sott an den ebenso inbrünstigen Gebeten all der Tausende von braven Jungen achtlos vorübersah, die genau das Gegenteil erflehten: Lieber Gott, bitte, bitte, laß es morgen frieren.

So habe ich damals gedacht, älnd deshalb war es damals auch, daß mein Glaube in eine sittliche Weltordnung den ersten Stoß zu erhalten drohte. Das war ausgangs der Ferien. Aber als die Schule wieder anfing, und das Thermometer scharf auf Aull herunterzielte, wurde mein Glaube in eine sittliche Welt-