Ausgabe 
5.1.1926
 
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Eichener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, den s. Januar Nummer 2

Auerbach.

Don Max von Sehdel.

Es steht ein Schloß im Odenwald, dem ist ein Zauber eigen.

Steigst du hinauf mit der rechten Maid, dann mutz sie sich dir neigen.

.Und küssest du sie auf den roten Münd und auf die roten Wangen, dann ist sie dein auf immerdar, Waldvöglein ist gefangen.

Doch Eines mutzt du merken dabei, soll dir der Zauber gelingen:

Die Liebe müssen im Herzen die Zwei selbst mit zum Schlosse bringen.

Die heiligen drei Könige.

Novelle von Clara Prietz.

Kriegsweihnacht in den Vogesen! Weitz heben sich die hohen Berge um das Dorf, das sich am vereisten Bach talaufwärts zieht. Im Pfarrhaus ist des Hauptmanns Quartier. Seit Kriegsaus­bruch liegt sein Regiment hier im Tal und hat harte Not, die Franzosen vom Grenzeinbruch abzuhalten. Dabei ist er selbst Hart geworden, wenigstens schaut er so aus, wie er jetzt im frühen Dämmern vor der Tür des Pfarrhauses mit seinem Feld­webel redet.Also das Licht hat sich gestern abend Mieder oben im Forsthaus gezeigt? Scheinen doch Signale zu sein, alles Spionenpack hier rundum. Haben Sie sich nach den Leuten er­kundigt?"3u Beseh!, Herr Hauptmann. Sie gelten als ordent­lich. Der Förster ist damals gleich von den Franzosen mitge­nommen worden. Es ist nur die junge Frau dort oben. Und die Witwe Brisson hier aus dem Dorf Mvhnt schon feit ein paar Wochen bei ihr. Es heißt, daß die junge Frau bald ihre Hilfe brauche."

Die Brisson? Solche Weiber sind die schlimmsten. Also heute abend noch Patrouille schicken und das ganze Nest ausheben und was gefunden wird, hier herunterbringen. Suchen Sie zuverlässige Leute zwischen den unfern aus. Zur Kompagniebescherung um acht Uhr werden sie zurück sein können."

Der Hauptmann trat ins Haus. Der Feldwebel brummte vor sich hin:Auch eine Manier, die Leuts so am Heiligabend in die Kälte hinauszujagen." Dann tat er einen kräftigen Fluch und seine Pflicht.

Die Patrouille war rasch zusammengestellt. Der Unteroffi­zier Melchior war brauchbar, und in seiner Stube wohnten auch die beiden andern, der stattliche Mecklenburger Landwehrmann Matthiessen und der kleine rheinische Kriegsfreiwillige Schmidt mit den dunklen Augen und kurzen Kraushaaren, der sich durch- aus das eiserne Kreuz verdienen wollte.

Die drei ungleichen Menschen hielten gute Kameradschaft, hausten immer zusammen, und hatten schon manches miteinander erlebt und ausgefochten. Jetzt gingen sie im Abenddämmer den Dorfweg hinan und bogen gleich hinter den letzten Häusern links in den Fußpfad ein, der, im Schnee schmal und unregel- mätzig ausgetreten, durch den Wald bergauf führte. Darüber kam die Nacht und ein Schneetreiben setzte ein, das alles dunkel und unwegsam machte, so, daß die drei ihre Not beim Steigen Hakten. ,

Nach einer Stunde traten sie aus dein Bergwald heraus. Ein eisiger Wind kam ihnen entgegen und trieb ihnen den Schnee ins Gesicht. Immerhin lieh sich erkennen, datz der Weg hiertalab führte und jenfeits steil in die Höhe stieg, einer dunkeln Wald- zu.

Das Licht, ich seh' das Licht", rief der kleine Kriegsfrei­willige, dessen Augen am flinksten waren. Er wieS aus einen hell« Schein, der auf halber Höhe vor ihnen ausleuchtete.

Denn man zu, Kinder", sagte der Mecklenburger,datz totr nachher zur rechten Zeit zur Kompagniebescherung wieder her­unter finö. Es gibt Grog und Berliner Pfannkuchen."

Nimm dir nichts vor, dann schlagt dir nichts fehl," meinte der .Unteroffizier.Wenn's so weiter weht und schneit, kaun's ein netter Schneesturm werden im& unS den Rückweg sau« machen." ,

Sie stiegen eilig talab und suchten dann wieder ihren Weg bergan. Darüber war schon so viel Schnee gefallen, datz kein Pfad mehr zu finden war. Auch das Licht war von hi« aus

nicht mehr zu sehen, so hietz es auf gut Glück durch denWint«- wald bergan klettern. Es war harte Arbeit, die unsere drei schweigsam machte. Nur d« Landsturmmann leistete sich zu­weilen einen derben, Mecklenburg« Fluch D« Kriegsfreiwillige stieg flink voran. Die Lust am Abenteuer lag ihm im Blut. D« Unt«ofsizi« machte seinen Weg stetig und bedächtig und hatte seine Gedanken dabei. Er war Schullehrer in einem Thüringer Dorf gewesen und wutzte eine, die heute abend an ihn dachte.

Der Wald schien endlos und undurchdringlich. Aber sie hatten die Richtung gehalten und standen so auf einmal auf halb« Höhe auf d« Lichtung vor dem gesuchten Hause.

Es war ein einfaches Giebelhäuschen, das da so recht ver­wunschen still in der Winterwaldeinsamkeit vor ihnen lag. Das Schneien hatte ein wenig nachgelassen so konnten sie das Haus «kennen und den Lichtschein, d« aus dem Giebelfenster in die Nacht hinausleuchtete. Da »«gaffen die drei alles andere und dachten nur noch an das Licht und ihren Auftrag und for» d«ten h«risch Einlatz an der kleinen Haustür, die gerade unter dem Giebelfenster lag. D« Wald hallte wider von ihren Rufen und den Kolbenschlägen. Ab« eS kam keine Antwort, und die Haustür hielt stand und sp«rte ihnen den Eintritt.

D« Kriegsfreiwillige schlich ums Haus und kam bald zurück: Das Nest ist le«. Die Hintertür steht offen und frische Fuß­spuren gehen in den Wald. Ab« da such' einer ein altes Weib in solcher Schneenacht!"

Die drei sanden ihren Weg ins Haus durch die offene Hinter­tür. Sie traten in einen dunklen Raum, der die Küche zu fein schien. Es war warm und heimelig hier, das Herdseu« gab einen Lichtschein unö d« Teekessel brodelte.

Der Unteroffizier schaltete seine elektrische Tischenlaterne ein und leuchtete die Winkel und Nebengelasse ab, es war nichts zu finden. So stieg « voran die Treppe hinauf in den Oberstock. Aus der offenen Tür der Giebelkammer kam ihm d« Lichtschein entgegen. Er tat ein paar laute, herrische Schritte hinein in das Zimmer, aber dann wich er zurück and lehnte draußen am Treppengeländer und wartete, bis die andern beiden kamen. Und auch die blieben stumm an der Schwelle stehen und wagten sich nicht weiter.

Drinnen auf dem Bette lag ein totes Weib. Rundum sah's wüst und traurig aus. Ab« die Tote war rein und sorglich gebettet, und auf dem jungen, stillen Gesicht lag ein groß« Frieden. Das Haar war der Toten in zwei dunklen Zöpfen über die Schultern gelegt, so kinderjung sah das schmale Gesicht dazwischen aus. Und doch war jene Majestät auf ihrer Stirn, die der Tod den Seinen gibt.

Die Mann« standen stumm in der Tür. Keiner wagte mjt einem Wort die Stille zu stören. Da kam ein schrill«, fremd« Ton aus der Totenkamm« zu ihnen und lieh sie zusammenfahren.

Der Mecklenburger, der Frau und Kinder daheim hatte, lehnte sein Gewehr an die Flurwand und ging ins Zimmer. Am Fußeirde des Bettes fand «, in eine dicke wollene Decke gewickelt, etwas Zappelndes, Lebendiges, Schreiendes. Er wies es den beiden andern:

Ein Neugeborenes, ein Junge!"

Die kamen näh« und sahen staunend des lebendige Kind und das tote Weib, und stand«, ehrfürchtig vor diesem Wund« von Tod und Gefreit.

Dann trug der Landwehrmann vorsichtig feinen Fund treppab und die Kameraden folgten ihm. Anten berieten sie miteinander, was zu tun sei, aber immer noch sprachen sie halblaut, um die Tote nicht zu stören.

An die Spionagegefchichte glaube ich nicht", sagte fret Mecklenburg«.Es ist wohl eine schwere Sache gewesen für die kleine Frau, und fie hafs nicht durchhalten können. And die Brisson ist in ihrer Not in den letzten Nächten mit dem Licht treppauf und treppab gegangen. Und als wir dann anklopften, hat fie die Courage v«loren und ist fortgelaufen."

Der Unteroffizier nickte.Wir wollen abwarten, ob fie nicht wiederckommt und sich um das Kind kümmert, was sollen wir sonst mit dem Wurm anfangen? _

Es friert", sagte d« kleine Kriegsfreiwillige .und faßte tue winzigen Händchen.Ich hab' einmal so eine kleine Schwester gehabt. Die kleinen Geschöpfe müssen ganz warm gehalten werden, ob sie hier keine Küh haben, daß wir ihm zu trinken gebe» können?"

Milch braucht es vor«st nicht", entschied der sachverständige Landwehrmann,alter einheizen mutzt du, Junge, wenn wir s am Leben «halten sollen.