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Absturz ein
artige, wilde Gebirgswelt umfängt Felsabstürzen eingeschlossenen Wck
Deraniwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck der Brühl'schsn Llniversitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
alten Mauern und Forts, zu Häupten eine Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, zwei durch Erdbeben fast zerstörte Forts zwischen den jetzigen Häusern, präsentiert sich malerisch in südlich-üppiger Vegetation das alte bosnische Städtchen Castelnuovo. Im nächsten Ort in prächtigem Lorbeerhain ein altes, guterhaltenes Kloster, Sommerresidenz des serbisch-orthodoxen Bischofs; später die Endstation der dalmatinischen Eisenbahn (Zelenika). Kleine Inselchen spiegeln sich in der blauen Flut, und Wasserflugzeuge, von jugoslawischem Militär gelenkt, schwimmen auf dem Wasser ober suchen in der Luft mit unferm Auto einen Wettslug zu machen. Unsere Augen aber laufen dem Auto voran, denn nun treten die Ufer zusammen zu einem schmalen Kanal, „le Catene“, die Ketten, genannt, weil in früherer Zeit dieser Eingang zur inneren Bocche mit Ketten gesperrt wurde; und jetzt — ein einzigartiges Seebild liegt vor unfern Äugen — drei Landzungen treten hart zueinander und bilden zwei Wasiertore, die in drei ganz verschieden geartete Becken führen. In der Mitte zwei Inselchen, deren eines eine vielbesuchte Wallfahrtskirche, die andere ein berühmtes Benediktinerkloster trägt.
Unsere Straße windet sich um die Landzunge links. Eine großartige, wilde Gebirgswelt umfängt uns. Hier in diesem, von weißen Felsabstürzen eingeschlostenen Wasserwinkel haben im Krieg die österreichische und Teile der deutschen Unterfeebootflotte gelegen, sicher vor plötzlichen Ueberrafchungen durch die Feinde. Hier liegen die ältesten bekannten Ansiedlungen Dalmatiens, hier findet man noch Reste aus römischer Zeit, hier waren die Hauptschlupfwinkel illyrischer Piraten, hier führt die Zickzackstraße über uns in die Wildnisse der Knvosie, deren unbotmäßige Bewohner den Oesterreichern so viel zu schaffen machten. Unter steilen, zerrissenen Felshängen liegt jetzt an unserem Weg eine verfallene, nur spärlich bewohnte alte Venezianerstadt, Perasto. Prächtige, jetzt verwahrloste Paläste, überall in Stein gehauen den geflügelten Markuslöwen zeigend, alte Byzantinische Kapitelle, die, cmsgehöhltz schwatzenden Frauen als Waschtrog dienen, vor einem altrömischen Tempel, der zur christlichen Kirche mngewan- delt wurde, eine italienische Renaissancefasfade mit Glockenturm, alte Säulenhallen von Myrthen und Lorbeer umwuchert, von spielenden Kindern belebt, eine alte Befestigung darüber am Felsen hängend und darunter wir — Fremde —, weder der serbisch-kroatischen Sprache noch der dortigen merkwürdigen Kyrillischen Schrift kundig, im modernen Fortbewegungsmitte!, staunend, ein Märchen aus alten
packt und rückwärts ein Stück dem Abgrund zu rollen muß, aber das volle Bewußtsein schweift mit tausend Augen über Klippen und Inseln und das weite Meer hinaus zur fernen süditalienischen Küste. Alles früher Gesehene schwindet vor der Größe dieses Anblicks.
Zeiten erlebend.
Nun sind mir im zweiten Seebecken. Rach vielen Windungen der schroffe Felsen und durch graue Olivenhaine liegt im
stand, daß die Fahrt dorthin iiicht ungefährlich sei, daß erst kürzlich ein Arzt in einem mit fünf Personen besetzten Auto von Banditen ermordet worden sei, daß die Straße auf den Lovzen etwa 30 Haarnadelkurven habe, die nur geübteste Fahrer richtig nehmen könnten usw. Uns störte das weiter nicht, und im Laufe des Tages erfuhren auch diese Aengstlichen, daß der Ermordete ein einheimischer Montenegriner war, der der Blutrache zum Opfer fiel, und fanden einen Chauffeur, der in dieser Woche schon dreimal die Fahrt auf den Lovzen gemacht hatte, so daß sie sich ihm wohl an» vertrauen konnten.
Ain nächsten Morgen früh uin fünf Uhr lief unser Auto schon hoch über der Küste die prachtvolle Straße entlang, die in den südlichsten Zipfel von Dalmarien führt. Die weißen Küstenstädtchen schliefen noch in ihren Meeeresbuchten unter Palmen und Pinien, die blaue Adria reckte sich lautlos zu fernen Felfeninfeln und träumte
Straße um schroffe Festen und durch graue Olivenhaine liegt im tiefsten Innern der Bocche Cattaro mit feiner belebten Riva, von alten Stadtmauern eingefaßt. Wir fahren durch das Seetor ein und machen etwas Rast. Zum Glück versteht jeder Deutsch, haben ja die Männer früher alle in der österreichischen Armee gedient, und die Akademiker auf deutschen und österreichischen Hochschulen studiert. Äuf dem von buntesten Trachten wimmelnden Markt werden Melonen, Feigen und Trauben eingekauft, mit Kaffee der Lebensmut angefeuert, denn ängstlich schweift das Auge hinauf, wo an senkrechter Felswand sich ein helles Band hin und her zur schroffen Höhe zieht, die Straße nach dem Lovzenpaß. Unvergeßlich für immer ist diese Fahrt. Wir steigen und steigen, bei jeder Biegung weitet sich der Blick. Zuerst sind noch die engen Gäßchen von Cattaro zwischen grünem Weingelände deutlich zu erkennen. Daun sind wir hoch über den einzelnen Landzungen und Inseln. Zerrissene Felsen stürzen jäh ins Meer. Ein grüner Saum umzieht die blauen Buchten. Zwar im Unterbewußtsein greift jedesmal bei den spitzen Haarnadelkurven eine Angst ans Herz, "wenn das lange Auto die knappe Wendung nicht
Und immer weiter geht es bergan. Vorbei an finsteren Höhlen; die unergründlich in die Tiefen der Berge führen, vorbei an veo fallenen Steinhütten, vorbei an Fleckchen guter Erde, eingefaßt mit alten Stacheldrahtverhauen. Hier haben ja die Oeslerreicher — untei sich das Meer, über sich die Prallwände des kahlen Lovzen — um Montenegro im Weltkriege gekämpft und es bezwungen. Nun herrscht der König der Serben, dessen Volk einst die furchtbare Fackel oes Weltkrieges entzündete, über dieses schöne Land weit und breit, über Bosnien, die Herzegowina, Dalmatien, Montenegro und den Südwesten von Oesterreich bis zu den Karawanken. Das ist die Ge rechtigkeit der Weltgeschichte!
Wir stehen auf dem Lovzenpaß — von der Tiefe des Meeresspiegels 1300 Meter gestiegen — und blicken schaudernd umher; Steinmassen, die sich zum Himmel türmen, Steinmassen, die die Erde bedecken, eine Steinwüste, soweit das Auge reicht — herzbeklemmende Gebe. Alles Pflanzen- und Tierleben scheint hier erloschen, nur der augenlose Grottenolm wohnt im Dunkel der zerrissenen Felsen. Stumm gleiten wir durch bas Steinmeer bie Straße hinab. Ein dürf- tiges Hochtal tut sich auf, am anderen Ende, wo die Felsrnassen wieder ansteigen, eine Ortschaft mit niedrigen Steinhäusern. „Soll das Laufenest dahinten Cetinje fein," sagt der Berliner hinter mir; „ich hätte mir die Heimat der „Lustigen Witwe" und ihres noch lebenslustigeren Partners anders vorgeftellt." Ich auch — und dabei scheint dies die einzige Straße weit und breit zu sein, die zur Hauptstadt des früheren Königreichs Montenegro führt. Keine Eisenbahn, kein Wasser, nur Stein-' — pardon — einige Kartoffel- und Matsfelder, aiich einige verdorrte Gärten breiten sich längs der Straße aus. Wir landen an einem Schutthaufen — das Theater, in der Größe höchstens für ein Kino geeignet, wird hier neu hergerichtet.
Die Sonne glüht wahnsinnig, man empfindet nur noch Hitze und Stein, selbst das Huhn, das zum Mittagessen serviert wird, ist mehr Stein als Huhn. Wir folgen dem uns feit Ankunft des Autos belagernden Führer, der Deutsch — aber wie — spricht und einige nötige Schlüssel hat, um bie Sehenswürdigkeiten der stolzen Kapitale in Augenschein zu nehmen. Am Hauptplatz das neue Königspalais, eine Schöpsung des Königs Nikolaus, eines der wenigen mehrstöckigen Häuser. Nikita der Letzte weilt ja leider nicht mehr hier; er wäre jedenfalls die größte Sehenswürdigkeit gewesen; ein der Heiligen Mutter Gottes geweihtes Kloster mit schönen Bildern und altem Goldschatz, dahinter zwei Türme, aus deren kleinerem in früheren Zeiten die Köpfe der im Kampf erschlagenen Feinde aufgesteckt wurden, die Gesandtschaftshäuser, bie jetzt zu Banken ober Basaren umgeroanbelt sind, eine Bretterbube, deren Fußboden eine Reliefkarte der Umgebung zeigt, ein Denkmal des Königs Peter — das alles wurde mit einem Stolz »orgeführt, der im umgekehrten Verhältnis zu unserem Interesse dafür stand.
Südlich von Cetinje zieht die Straße weiter nach dem Skutari- See, und auf der Paßhöhe oben genießt man einen herrlichen Blick auf dieses schöne belebende Element des ganzen Landes dort. Weit gen Süden schweift das Auge, nm am Ende des Sees Skutari, die größte Stadt des Freistaates Albanien, zu entdecken, aber nur die hohen, finsteren albanischen Berge ragen am Horizont dräuend gen Himmel.
Rückwärts windet sich unser 2luto wieder lange durch die Steinwüste bergan, fährt durch bie Hochebene von Njegus, wo in einer der Steinhütten König Nikolaus von Montenegro geboren ist. Bald tut sich wieder die Märchenpracht der Bocche auf; wieder drängt die Adria ihr unendliches Blau in die innersten Winkel der Berge, und das Auge genießt nach der Oede doppelt bie Herrlichkeit bes prangenden Küstenstrichs. Langsam senken wir uns in bebautes Land und fahren nun den kürzeren Weg auf der Landzunge, bie an bcr Westseite bie innere Bocche von ber äußeren trennt. Iohannisbrot- bäume hängen ihre langen braunen Schoten ins Auto, die weiße Myrte mit ihren vielen zarten Staubgefäßen, an einem Zweiglein Früchte, Blüten und Knospen tragend, nickt uns zu, der rote Granat apfet lacht aus dem Gebüsch, und den kleinen Bach säumt ber Oleander in buntester Farbenpracht.
In einem kleinen Städtchen hält das Auto, wir sind wieder an der Catene, ber engen Stelle, wo sich die drei Landzungen nah kommen, aber am jenseitigen Ufer, und müssen hier übersetzen. Ich frage erstaunt nach der Fähre, von ber ich nichts sehe, auch auf dem Hinweg nichts bemerkt habe. Man weist mir zwei Ruderboote, bie burch Bretterbohlen verbunden sind. Etwas bänglich gucke ich zu, wie das Auto auf die Bohle rollt, und in jedem ber zwei Kähne ein Mann bas Ruder ergreift, um uns hinüber zu bringen.
Nun noch eine Raft im schönen Castelnuovo; hinunter ins Meer, um bie blaue Flut etwas um die heißen Glieder spielen lassen; in ber Wirtschaft mit schöner Terrasse über dem Meer einen Maraschino, dalmatinisches Landesprodukt. mit Gründlichkeit genossen; einem bcr hier ansässigen, vor den Bolfchewiki geslüchteten Rusten der weißen Armee' ein handgeflochtenes Basttäschck)en abgetauft — dann lebe wohl, du wunderliebliche Bocche di Cattaro, die du uns heute deine ganze Schönheit erschlosten hast.
Im langen Bal di Canali überfiel uns plötzlich die Dunkelheit, und als wir auf die hohe Küstenstraße herauskamen, glitzerten schon die Sterne über uns. Die Inseln hoben sich schwarz aus dem Meer, ein Leuchtturm auf hohem Felseiland blitzte seine Lichtsianole in die Weile, seltsam standen bie langen Blütenstengel ber Agaven am nächtlichen Himmel, und bas weit ins Meer hinaus gebaute Ragnsa mit seinen vielen Lichtern schwamm wie eine funkelnde Krone aus dem dunkeln Wasser.
der Sonne entgegen.
Nach 14 Stunden verläßt bie Straße bas Meer und tritt in das lange Canalital ein, den bestbebauten und dichtbevölkertsten Landstrich Dalmatiens. Weingärten, Maisfelder, Olivenhaine dehnen sich an den Bergwänden hinauf. Die süßen Dalmatinertrauben, bie häufig längliche, bobnenähnliche Beeren tragen, werben schon von ben dalmatinischen Bauern in ihren malerischen Trachten in Bütten gelesen, und geduldige Maulesel mit je zwei Bütten, einer rechts und einer links, traben die Straße entlang zur Kelter. Auf ber Pah- höhe öffnet sich plötzlich wieder der Blick aufs Meer, auf bie lieblichen Ufer der äußeren Bocche (Bucht, Mündung) von Cattaro mit ihren vielen Buchten, Halbinseln und Inseln; im Hintergrund auf steilem ' Sperrfort, am Ausgang der Bocche ins offene Meer. Mit :rn und Forts, zu Häupten eine Zitadelle aus dem


