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!langes befreit, so gab er auch di« erwähnte lyrisch-epische Grund- timmung auf und formte ein Drama von rauschendem Pathos. Der Engel als Verkörperung des göttlichen Machtspruchs. Maria ringend mit dem furchtbaren Gebot, das an sie herantritt.
Ist die Verkündigung dem mystisch empfindenden Germanen eine religiöse Offenbarung, ein integrierender Bestandteil der Erlösungsgeschichte, so bedeutet sie dem Italiener eine reizvolle und wunderbare Episode des Marienlebens, wie überhaupt der Gekreuzigte und die Madonna geradezu für nordische und italische Kunst symbolisch sind.
Die Legende von der Christrose.
Von Selma Lagerlö .
(Schlich.)
Welle um Welle kam, und jetzt war die Luft so von Licht durchtränkt, daß sie glltzerte. And alle Luft und aller Glanz und alles Glück des Sommers lächelte rings um Abt Johannes. Es war ihm, als könnte die Erde keine größere Freude bringen als die, die ihn über den plötzlichen Anbruch der schönen Jahreszeit erfüllte, und er sagte zu sich selbst: „Jetzt weiß ich nicht, was die nächste Welle, die kommt, noch an Herrlichkeit bringen kann."
Aber das Licht strömte noch immer zu, und jetzt deuchte es Abt Johannes, daß es etwas aus einer unendlichen Ferne bringe. Er fühlte, wie überirdische Luft ihn umwehte, und er begann zitternd zu erwarten, es würde nun, nachdem die Freude der Erde gekommen war, des Lümmels Lerrlichkeit mrbrechen.
Abt Johannes merkte, wie alles still wurde: die Vögel ver- stmnmten, die jungen Füchslein spielten nicht mehr, und die Blumen ließen ab, zu wachsen. Die Seligkeit, die nahte, war von der Art, daß einein das Lerz stillstehen wollte; das Auge weinte, ohne, daß es darunr ivußte, die Seele sehnte sich, in die Ewigkeit hinüberzufliegen. Aus weiter, weiter Ferne hörte rnan leise Larsentöne und überirdischen Gesang. Abt Johaimes faltete die Lände und sank in die Knie. Seiir Gesicht strahlte von Seligkeit. Nie hatte er envartet, daß es ihm beschiede» sein würde, schon in diesem Leben des Limmels Wonne zu kosten inid die Eitgel Weihnachtslieder singen zu hören.
Aber neben Abt Johannes stand der Gärtnergehilfe, der ihn begleitet hatte. Er sah den Räuberwald voll Grün und Blmnen und er wurde zornig in seinem Lerzen, weil er sah, daß er einen solchen Lustgarten nie und nimmer schaffen könnte, wie er sich auch mit Lacke und Spaten mühte. And er verinochte nicht zu begreifen, warum Gott solche Lerrlichkeit an das Räubergeflndel verschwende, das seine Gebote mißachtete.
Gar dunkle Gedanken zogen durch seinen Kopf. „Das kann kein rechtes Wunder sein," dachte er, „das sich bösen Missetätern zeigt. Das kann nicht von Gott stammen, das ist aus Zauberei entsprungen. Es ist von des Teufels arger List hierher gesandt. Es ist die Macht des bösen Feindes, die uns verhext und uns zwingt, das zu sehen, was nicht ist."
In der Ferire hörte inan Engelsharfe» klingen, und Eiigelgesang ertönte, aber der Laienbruder glaubte, daß es die böse Macht der Anholde sei, die nahe. ),Sie tvollen uns locken und verführen," seufzte er, „nie kommen wir mit heiler Laut davon, wir werden betört und dem Abgrund verkauft."
Jetzt waren die Engelscharen so nahe, daß Abt Johannes ihre Lichtgestalten zwischen den (Stämmen des Waldes schimmern sah. And der Laienbruder sah dasselbe wie er, aber er dachte nur, welche Arglist darin läge, daß die bösen Geister ihre Künste gerade in der Nacht betrieben, in der der Leiland geboren war. Dies geschah ja nur, um die Christen umso sicherer ins Verderben zu stürzen.
Die ganze Zeit über hatten die Vögel Abt Johannes Laupt umschwärmt, und er hatte sie zwischen seine Lände nehmen können. Aber vor dem Laienbruder hatten sich die Tiere gefürchtet: kein Vogel hatte sich auf seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu fehlen Füßen. Nun war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, daß die Engel nahe ivaren, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die Schulter und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, daß der Zauber ihm nun völlig auf den Leib rücke, ihn in Versuchung zu führen und zu verderben. Er schlug mit der Land nach der Waldtaube und rief mit lauter Stimme, so daß es durch den Wald hallte:
„Zeuch du zur Lölle, von wannen du kommen bist!"
Gerade da waren die Engel so nahe, daß 916t Johannes den Lauch ihrer mächtigen Fittiche fühlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu grüßen. Aber als die Worte des Laienbruders ertönten, da verstummte urplötzlich ihr Gesang, und die heiligen Gäste wendeten sich zur Flucht. And ebenso floh das Licht und die milde Wärme in unsäglichem Schreck vor der Kälte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank auf die Erde hinab wie eine Decke, die Kälte kam, die Pflanzen auf dem Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der Wasserfälle verstummte, das Laub fiel von den Baumen, prasselnd wie Regen.
Abt Johannes fühlte, tote fein Lerz, das eben vor Seligkeit gezittert hatte, sich jetzt in unsäglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann ich das überleben, dachte er, daß die Engel des Limmels mir so nahe waren und vertrieben wurden, daß sie mir Weihnachtslieder singen wollten und in die Flucht gejagt wurden.
In demselben 91ugenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde nieder und tastete unter dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick
MontenegrosechrL 1926.
Von * * *
Wir saßen im Palmengarten des Hotel Imperial in Ragusa beim Morgenkaffee und besprachen die morgige Fahrt über den -.ovzen nach Cetinje, der Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Montenegro. Da zog einer der Herren ein Zeitungsblatt heraus, in dem
etwas zu'finden. Aber er fühlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weiße Schnee über den Boden geglitten kam.
Da ward sein Lerzeleid noch größer. Er konnte sich nicht erheben, sondern mußte auf dem Boden liegen bleiben.
Aber als die Räubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen Dunkelheit zur Räuberhöhle zurückgetappt hatten, da vermißten sie Abt Johannes. Sie nahmen glühende Scheite aus dem Feuer und zogen ans, ihn zu suchen, und sie sanden ihn tot auf der Schneedecke liegen.
And der Laienbruder Hub an zu meinen und zu klagen, denn er erkannte, daß er es war, der Abt Johannes getötet hatte, weil er ihm den Freudenbecher enttissen, nach dem er gelechzt hatte,
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Aber als Abt Johannes nach Oeved hinuntergebracht worden toar, sahen die, die sich des Toten annahmen, daß er seine rechte Land hart um etwas geschloffen hielt, was er in seiner Todesstund e umklammert haben mußte. And als sie die Land endlich öffnen konnten, fanden sie, daß, was er mit solcher Stärke festhielt, ein paar weiße Wurzelknollen waren, die er ans Moos und Laub hervorgerissen hatte. And als der Laienbruder, der Abt Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie in des Abtes Garten in die Erde.
Erpslegte sie und wartete das ganze Jahr, daß eine Blume daraus erblühe, doch er mattete vergebens den ganzen Frühling und Sommer und Äerbst. Als endlich der Winter anbrach, und alle Blätter und Blumen tot waren, hörte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da überkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mächtig, daß er in den Lustgarten hinausging, feiner zu gedenken. And siehe, wie er nun an der Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknvllen eingepflanzt hatte, da sah er, daß üppige grüne Stengel daraus emporgesproßt waren, die schöne Blumen mit silberweißen Blättern trugen.
Da rief er alle Mönche von Oeved zusammen; und als sie sahen, daß die Pflanze am Weihnachtsabend blühte, wo alle andern Blumen tot waren, da erkannten sie, daß sie wirklich vonBbt Johannes aus dem Weihnachtsluftgarten im Göinger Wald gepflückt war.
Aber der Laienbruder sagte den Mönchen, nun ein so großes Wunder geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon schicken. ,.
Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hiutrat, reichte er ihm die Blumen und sagte: „Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blmnen, die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Walde zu pflücken versprochen hat." __
And als Bischof Absalon die Blmnensah, die mdunkler Winter- nacht der Erde entsprossen waren, und als er die Worte horte, wurde er so bleich, als wäre er einem Toten begegnet. Eine Weue saß er schweigend da, dann sagte er: „Abt Johannes Hal sein Wort gut gehalten; so will ich auch das meine halten." And er ließ einen ,yrev brief für den wilden Räuber ansfiellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte. . .,
Er übergab dem Laienbruder den Bries, und bte,er zog Damit von bannen, hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Räuberhöhle. Als er am Weihnachtstage dort eintrat, da eilte chm der Räuber mit erhobener Axt entgegen. — „Ich will euch Mönche Niederschlagen, so viele euer auch sind!" rief er. „Sicherlich hat sich um euretwillen der Göinger Wald in diefer Nacht nicht m fern Weihnachtskleid gehüllt." u n .
„Es ist einzig und allein meine Schuld,", sagte ber Catetibruber, „und ich will gern dafür sterben. Aber zuerst muß ich dir eine Botschaft von Abt Johannes bringen." And er zog den Brief oes Bischofs heraus und verkündete ihm, daß er nicht mehr vogelfrei fei, und zeigte ihm das Siegel Absalons, das an dem tyvcQtimmte hing. — „Fortab sollst du mit deinen Kindern tm Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest unter den Menschen retern, wie es der Wunsch des 91btes Johannes war," sagte er..
Da blieb der Räubervater stumm und bleich stehen, aber die Räubermutter sagte in seinem Namen: „Abt Johannes yat lern Wort getreulich gehalten, fo wird auch der Räubervater das lerne ^Doch als der Räubervater und die Räubermutter ans der Räuber- höhle fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort E.sam im Walde unter unablässigem Gebet, daß sein hartes Lerz ihm verziehen werde.
And niemand darf ein strenges Wort über einen fas®1', bereut und der sich bekehrt hat, wohl aber kann matt wünschen, daß seine bösen Worte ungesagt geblieben wären, denn me meyr ya der Göinger Wald die Geburtsstunde des Leilands gefeiert, und von feiner ganzen Lerrlichkeit lebt nur noch die Pflanze, i11 Johannes dereinst gepflückt hat. Man bat sie Christrose genannt, und jedes Jahr läßt sie ihre weißen Blüten und ihre grünen St'mgel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als turnte ,ie nie und nimmer vergess en, daß sie einmal in dem großen We .1-ia luffgarten erwachsen ist.


