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Da blieb die Königin zum ersten Male die Antwort schuldig und wurde ganz still, und beide gingen, ohne weiter ein Wort zu wechseln, auseinander, jedes in seine Stube. Hier setzte sich die Königin in die Sofaecks und weinte und dachte:Was du doch für eine törichte Frau bist! Wo hast du nur deinen Verstand gehabt? Dummer hättest du es gor nicht ansangen können!"

Der König aber ging in seinem Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände und jagte:Es ist doch ein wahres Glück, daß meine Frau keine Pfeffernüsse backen kann! Was hätte ich ihr sonst erwidern sollen, als sie mir vorwarf, daß ich das Brummeisen nicht zb spielen »erstünde!"

Nachdem er dies wenigstens drei- oder viermal wiederholt hatte, wurde er immer vergnügter. Er sing an, seine Lieulingsmslodie zu pfeifen, besah sich dann das große Bild der Königin, welches in feinem Zimmer hing, stieg auf einen Stuhl, um mit dem Taschentuch einen Spinnenfaden abzuwifchcii, der der Königin gerade über die Nase herabhing, und sagte endlich:

Sie hat sich gewiß recht geärgert, die gute, kleine Frau! Ich werde einmal sehen, was sie macht!"

Damit ging er zur Tur hinaus auf den langen Gang, auf welchen alle Zimmer mündeten. Weil aber an diesem Tage alles verkehrt ging, so hatte der Kammerdiener vergessen, die Lampen anzuzünden. obgleich es schon acht Uhr abends und stockdunkel war.

Daher streckte der König die Hände vor sich, um sich nicht zu stoßen, und tappte vorsichtig an der Wand hin. Plötzlich fühlte er etwas Weiches.Wer ist da?" fragte er.

Ich bin es", antwortete die Königin.

Was fuchst du, mein Schatz?"

Ich wollte dich um Verzeihung bitten," erwiderte die Königin, weil ich dich so gekränkt habe."

Das brauchst du gar nicht!" sagte der König und siel ihr um den Hals. , Ich habe mehr Schuld als du und längst alles vergessen. Aber weißt du, zwei Worte wollen wir in unserem Königreiche bei Todes­strafe verbieten lasfen, Brummeisen und"

Und Pfefferüsse", fiel die Königin lachend ein, indem sie sich heimlich nach ein paar Tränen aus den Augen wischte und damit hat die Geschichte ein Ende.

VerkünLlgungsLaesteklungen in der mMelrMsrUchen Kunst.

Bon Wilhelm B o e ck.

Ein Stoff, der in den Werken des Spätmittelalters immer wieder­kehrt und wohl bei keinem bedeutenden Künstler fehlt, ist die Ver­kündigung Christi. Woher stammt diese Vorliebe für ein Thema, das uns heute in den christlichen Bilderzyklen eine untergeordnete, neben­sächliche Rolle zu spielen scheint? Für Len mittelalterlichen Menschen bedeutet es einen der wichtigsten Punkte im Programm der göttlichen Heiislehre. Gott tut den ersten Schritt zur Erlösung der sündigen Menschheit. Der Engel verkündet der Jungfrau die Geburt eines Sohnes durch die Kraft des heiligen Geistes. Ein übernatürlicher Vor­gang, ein mystisches Wunder allerersten Ranges!

Die äußeren Umstände, wie sie die Legende übernommen hat, sind kurz folgende: Maria, schon in früher Kindheit unter die Tempeljung- frar.cn ausgenommen, wird durch himmlische Wahl dem betagten Joseph zum Gemahl bestimmt. Der Greis will sie einem seiner Söhne vermählen, fügt sich aber schließlich dem göttlichen Gebote. Er ver­spricht seiner Verlobten, ihr Gelübde ewiger Jungfräulichkeit stets zu achten. Während Joseph, der Zimmermann, berufen wird, ein bei Kapernaum gescheitertes Schiff auszubefsern, reift Maria mit fünf ihrer Tempelgespielinnen, die sie sich beim Bischof ausgebeten hat, nach Nazareth. Dort erscheint ihr, als sie am Brunnen Wasser schöpfen will, der Erzengel Gabriel zum erstenmal. Nach drei Tagen, da sie in ihrem Gemach mit Seidespinnen beschäftigt ist, erscheint er abermals und entledigt sich dieses Ma! seines Auftrages. Marias Verhältnis zu Joseph entspricht durchaus dem im Lukasevangelium angedeuteten. _ Es ist bezeichnend für das tiefe Empfinden des Mittelalters diesem Stoff gegenüber, daß es sich trotz der Vorliebe im allgemeinen für Verwertung legendarischer Züge, in der bildenden Kunst fast aus­nahmslos an die schlichte Fassung bei Lukas gehalten hat. Die deutsche Mystik, die gerade auf die Auffassung dieser Szene besonders be­fruchtend eingewirkt hat, erblickt in ihr die Offenbarung des Geheim­nisses von der Menschwerdmig des Heilandes und somit den Kristalli­sationspunkt der ganzen Heilsgeschichte. In diesem Sinne spricht auch die Gegenüberstellung von Verkündigung und Auferstehung an Mat­thias Grünewalds Jfenheimer Altar. Das will auch die Ver- heibung Adams und Evas ans dem Paradies, die häufig in Zusam­menhang mit der,Verkündigungsszene auftritt, besagen; Eva ist Ma­rias Antitypus. So ist es sehr sinnvoll, wenn die Verkündigung wie beim Genter Altar der Brüder van Eyck oder Stephan Lochners Kölner Domdild die Außenseiten der Altarflügel schmückt, dem ge­danklichen Inhalt des Schreines derart zugleich eine Uederschrift gibt und, solange er geschlossen bleibt, eine vollwertige Umschreibung.'

Der religiösen Wertschätzung des Vorgangs kam die Eignung für künstlerische Gestaltung entgegen. Was den bildenden Künstler zur Darstellung des Vorgangs herausforderte soweit man bei den engen Grenzen, die ihm der Auftraggeber zog, davon sprechen kann, war die jungfräuliche Gestalt der Maria, war die überirdische Er­scheinung des Himmelsboten und waren die zarten Fäden, die beide Gestalten in Mienenspiel und Geste, linearer und farbiger Kompo­sition zu einer Einheit verwoben Doch wie kommt es, daß durchweg dis lyrisch-epische Verschmelzung der Person vorherrscht? Warum 1

kein angstdurchbebtes Entsetzen der Maria beim Erscheinen Ga­briels? Auf diese Frage mag die Legende antworten, die berichtet, das die Jungsrau während ihres Aufenthaltes im Tempel täglich von Engeln besucht wurde und von ihnen Himmelsbrot empfing, während sie ihre irdische Nahrung den Armen schenkte. Solcher Besuch be­deutete also für sie nichts Ungewöhnliches. Das Wunderbare bestand nur in der Botschaft.

Wenn sich auch für die Ausführung der Szene natürlich kein Schema feststellen läßt, fo kann man bod) eine große Lime der bildinhaltlichen Anordnung erkennen. Zunächst mutz es ausfallen, daß bei der großen Mehrzahl aller Darstellungen Maria rechts, der Engel links Aufstellung findet. Erklären läßt sich das wohl nicht. Ader man mag annehmen, da auch der Fluchtpunkt der Architektur meist rechts liegt, daß ein natürlicher physiologischer Zwang im Innern des Künstlers ihn das Bild gerade in dieser Rechtsperspektive schauen läßt. Sollte hier ein noch viel seiner organisiertes Analogon zu dem überwiegenden Gebrauch unserer rechten Hand und der Rechtsschräge unserer Schriftzüge vorliegen?

Meist kniet Maria, mit dem Lesen heiliger Bücher beschäftigt, vor einem Lesepult. Ein engärmeliges, hochgegürtetes Gewand deutet die jugendlichen Formen ihres Körpers an. Um die Schultern ist lose ein weiter Rückenmantel gelegt. Sie trägt ihr langes Haar glatt gescheitelt. Der Engel hat bald mehr männliche oder weib­liche Züge und ist mit einem wallenden Schleppgewande mit tiefer (Sürtelung bekleidet. Sein schwerer Schultermantel wird 0011 einer reichen, oft riesigen Broschen zusammengehalten. Ein Stirnband mit Kleinod umspannt das lockige Haar. Seine mächtigen Flügel sind entfaltet, feine Gewandung flattert noch vom eiligen Flugs. Noch steht er nicht. Er berührt gerade den Boden, denn seine Knie sind noch beide gebogen. In dieser Haltung gibt er gleichzeitig Ehrfurcht zu erkennen.

Mitunter ist er, der Page im himmlischen Hofstaat, auch prächtig aufgeputzt, wie beim sog. Meister von Hohenfurt, der der höfischen Sphäre Kaiser Karls IV. angehört. Dort nimmt Maria, eine lieb liche Königin mit Krone und Kopstuch, auf geschnitztem Thron unter Baldachin, die zierlich vorgetragene Botschaft huldvoll entgegen. Doch wurde dieser zeremoniöse Typus von dem vorher besprochenen all­mählich verdrängt.

Wie veranschaulicht nun der mittelalterliche Künstler in seinem Hang zur Belehrung die Botschaft selbst? Ein billiges Mittel sind die beliebten Spruchbänder, die sich in weicher 8-Kurve aus Gabriels Hand zur Jungfrau hinüberschmiegen oder in krausen Spiralen um das Zepter in der Hand des himmlischen Herolds winden. Auch Marias Antwort wird mitunter in solcher Weise sinnfällig gemacht. Den geschmackvolleren Weg dürste mit anderen Stephan Lochner ge­gangen fein; der Engel des Kölner Dombildes überreicht Maria eine Urkunde mit Siegel. Am ungetrübtesten ist der ästhetische Eindruck auf den Beschauer von heute, wenn auf solche Hilfe des Buchstabens ganz verzichtet ist und nur der verkündend erhobene Zeigefinger oder die Führung des Zepters, kurz das ganze Gebaren des Boten eine lebendige Sprache redet.

Eine fachliche Erläuterung des Wortlauts bedeutet dann schließlich das Vorhandensein des heiligen Geistes, der das Wunder wirken soll in Gestalt einer weißen Taube, die sich mit gespreizten Flügeln auf die Jungfrau herabsenkt oder aus dem geöffneten Himmel in der Richtung ihrer Stirne eine Betonung des Geistigen dieser Vcr mählung herabstöht. Spielt sich der Vorgang, wie das die deutsche Kunst bevorzugt, vor neutralem Goldgrund, also im grenzenlosen Raume, ab, so fehlt wohl nie in der linken oberen Ecke das Brust bild Gottvaters. In Norddeutschland liebt man es, die Dreifaltigkeit zu vervollständigen, indem man zwischen der Hand Gottvaters und der Taube das kleine nackte Jesuskindlein, das nun Mensch werden soll, einreiht. Ohne Flügel, in einer Art schwimmender Bewegung, schwebt es auf der Linie, die von des Vaters Hand zum Haupt der Maria führt. Im Sinne der Heilsvorstellung zeichnet der Hamburger Meister Bertram schon den Weg von Bethlehem nach Golgatha vor, wenn er dem Kinde ein kleines, schmuckloses Kreuz aufschultert.

Ein fast unumgängliches Requisit der Verkündigungsbilder ist die Lilie, das Sinnbild der Reinheit. Wenn sie der Engel nicht als Zepter trägt, so ist sie irgendwo in einer Vase aufgestellt ober in einen Topf gepflanzt.

Der Schauplatz ist, sofern es fidj nicht um einen neutralen Grund handelt, die Kammer der Maria, ein Jnnenraum mit einfach schönem gotischen Mobiliar. Außer dem Pult ist meist das Bett vorhanden, dessen Himmel bei geschickter Komposition zugleich einen Baldachin für Maria ab gibt. (Rogier van der Weyden.) Nicht allzu groß« Fenster erhellen dieses reizvolle Interieur. Ein Fensterflügel Ist gerne geöffnet und ruft bann mit vernehmbarer Stimme: Hier ist die Taube hereingekommen.

Eine sonderbare Bühne hat sich Matthias Grünewald geschaffen. Er unterstreicht die Heiligkeit des Vorgangs durch einen Ausblick in zwei spätgotische Kapellen. Bedeutungsvoll füllt er einen Zwickel mit der Prophetengestalt des Jesaja, des Künders der jungfräulichen Ge­burt des Heilskindes. Das Muster der Fliesen des Fußbodens zeigt ein vierblättriges Kleeblatt. Das dreiblättrige Kleeblatt ist ober ein Sinnbild der hl. Dreieinigkeit; vielleicht dürfen mir hier eine ver­steckte Anspielung auf die Vierfaltigkeit, wie Meister Bertram sie uns in ununterbrochener Kette (Gottvater, Sohn, Taube, Maria) gab, sehen. Grünewald neigt zweifellos zur Farbensymbolik. So könnten wir auch in der Röte der Fütterung von Marias Mantel einen Fingerzeig -auf Blut und Leiden des Heilandes erkennen. Hat der Meister sich in jeder Hinsicht von konventioneller Aussassung des Vor