Eichener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, -en H. Dezember Nummer 97
Furchtbar schlimm.
Von Richard Dehmel.
Vater, Vater, der Weihnachtsmann! Eben hat er ganz laut geblasen, Viel lauter als der Postwagenmann. Er ist gleich wieder weitergegangen Und hat zwei furchtbar lange Nasen, Die waren ganz mit Eis behangen. Und die eine war wie ein Schornstein, Die andre ganz klein wie'n Fliegenbein, Darauf ritten lauter, lauter Engelein. Die hielten eine großmächtige Leine, Und seine Stiefel waren wie deine. Und an der Leine, da ging ein Herr. Ja wirklich, Vater, wie'n alter Vär, Und die Engelein machten hottehott; Ich glaube, das war der liebe Gott.
Denn er brummte furchtbar mit dem Mund. Ganz furchtbar schlimm, ja wirklich; und — „Aber Delta, du schwindelst ja. Das sind ja wieder lauter Lügen!" Na, was schad't denn das, Papa?
Das macht mir doch so viel Vergnügen. „So? — Na, ja."
Von der Königin, die keine Pfeffernüsse dKüren, und dem König, der nicht das Brummeisen spielen konnte.
Von Richard Bolkmann-Leander.
Der König von Makronien, der sich schon seit einiger Zeit gerade in seinen besten Jahren befand, war eben aufgestanden und saß unangezogen auf dem Stuhl neben dem Bett. Vor ihm stand sein Hausminister und hielt ihm die Strümpfe hin, von denen der eine ein großes Loch an der Verse hatte. Aber obwohl er den Strumpf mit großer Sorgfalt so gedreht hatte, daß der König das Loch nicht merken sollte, uno obschon der König sonst mehr auf hübsche Stiefel als auf ganze Strümpfe zu achten pflegte, war das Loch dem königlichen Scharfblicke diesmal doch nicht entgangen. Entsetzt nahm er dem Minister den Strumpf aus der Hand, fuhr mit dem Zeigefinger durch das Loch, so daß er bis zum Knöchel herausguckte, und sagte dann seufzend: .
„Was hilft mir's, daß ich König bin, ivenn ich keine Königin habe! Was meinst du, wenn ich mir eine Frau nähme?"
„Majestät," antwortete der Minister, „das ist ein sublimer Gedanke, der gewiß auch mir ganz unteriänigst aufgestieaen wäre, rvenn ich nicht gefühlt hätte, daß ihn Ew. Majestät jedenfalls heute selbst noch zu äußern geruhen würden!"
„Schön!" erwiderte der König, „aber glaiibst du, daß ich so leicht eine Frau finden werde, die für mich paßt?"
„Pah!" sagte der Minister. „Zehn für eine!"
„Vergiß nicht, daß ich große Ansprüche mache. Wenn mir eine Prinzessin gefallen soll, muß sie klug und schön sein! Und dann ist noch ein Punkt, auf den ich ganz besonderes Gewicht lege: du weißt, wie gern ich Pfeffernüsse esse. In meinem ganzen Reiche ist kein einziger Mensch, der sie zu backen versteht, wenigstens richtig zu backem nicht zu hart und nicht zu weich, sondern gerade knusperig: sie muß durchaus Pfeffernüsse backen können!"
Als der Minister dies hörte, bekam er einen heftigen Schreck. Doch sammelte er sich rasch wieder und entgegnete: „Ein König wie Ew. Majestät werden ohne Zweifel auch eine Prinzessin finden, die Pfeffernüsse zu backen versteht."
„Nun, dann wollen wir uns zusammen umsehen!" versetzte der König; und noch an demselben Tage begann er in Begleitung des Ministers die Rundreise zu denjenigen seiner verschiedenen Nachbarn, von denen er wußte, daß sie Prinzessinnen zu vergeben hatten. Abe^ es fanden sich nur drei Prinzessinnen, die gleichzeitig so schon uiid klug waren, daß sie dem Könige gefielen, und von diesen konnte keine Pfeffernüsse backen.
„Pfeffernüsse kann ich freilich keine backen," sagte die erste Prinzessin, als der König sie danach fragte, „aber hübsche kleine Mandelkuchen. Bist du damit nicht zufrieden?" „Nein!" erwiderte der König, „es müssen partout Pfeffernüsse fein!"
Die zweite Prinzessin, als er die nämliche Frage an sie richtete, schnalzte mit der Zunge und sagte ärgerlich: „Laßt mich mit euren Albernheiten zufrieden! Prinzessinnen, welche Pfeffernüsse backen können, gibt es nicht."
Am schlimmsten ging es aber dem König bei der dritten, obwohl ie die schönste und klügste war. Denn sie ließ ihn gar nicht bis zu einer Frage kommen, sondern ehe er sie noch hatte tun können, ragte sie selbst, ob er wohl auch das Brumrnsisen zu spielen verkünde? Und als er dies verneinte, gab sie ihm einen Korb und meinte, es tue ihr herzlich leid. Er gefalle ihr sonst ganz gut; aber sie höre das Brummeisen für ihr Leben gern und habe sich vorgenommen, keinen Mann zu nehmen, der es nicht spielen könne.
Da fuhr der König mit dem Minister wieder nach Haus, und als er aus dem Wagen stieg, sagte er recht niedergeschlagen: „Das wäre also nichts gewesen!
Aber ein König muß durchaus eine Königin haben, und nach längerer Zeit ließ er daher den Minister noch einmal, gu sich kommen und eröffnete ihm, er habe es aufgegeben., eine Frau zu finden, die Pfeffernüsse backen könne, und beschlossen, die Prinzessin zu heiraten, welche sie damals zuerst besucht hätten. „Es ist die, weiche die - kleinen Mandelkuchen zu backen versteht," fügte er hinzu. „Gehe hin und frage, ob sie meine Frau werden will.""
Am nächsten Tage kam der Minister zurück und erzählte, daß die Prinzessin nicht mehr zu haben sei. Sie hätte den König aus dem Lande, wo die Kapern wachsen, geheiratet.
„Nun, dann gehe zur zweiten Prinzessin!" Allein der Minister kam auch dieses Mal wieder unverrichteter Dinge zu Hause: Der alte König habe gesagt, er bebaure unendlich, aber seine Tochter sei leider gestorben, und so könne er sie ihm nicht geben.
Da besann sich der König lange; weil er aber durchaus eine Königin haben wollte, so befahl er dem Minister, er solle doch auch noch einmal zur dritten Prinzessin gehen, vielleicht habe sie sich inzwischen anders besonnen. Und der Minister muhte gehorchen, obgleich er sehr wenig Lust verspürte, und obschon ihm auch seine Frau sagte, daß es gewiß recht unnütz wäre. Der König aber wartete ängstlich auf feine Rückkunft. Denn er gedachte der Frage wegen des Brummeisens, und die Erinnerung daran war ihm ärgerlich.'
Die dritte Prinzessin empfing jedoch den Minister sehr freundlich und sagte zu ihm, Eigentlich hätte sie sich ganz bestimmt vor- genommen, nur einen Mann zu nehmen, der das Brummeisen zu spielen verstünde. Aber Träume seien Schäume und besoders Jugend- träume! Sie sähe ein, daß sich ihr Wunsch nicht erfüllen ließe, und da der König ihr sonst sehr gut gefalle, so wolle sie ihn schon zum Manne nehmen.
Da fuhr der Minister zurück, was die Pferde jagen wollten, und der König umarmte ihn und gab ihm den großen Schranzenorden mit Brettern, den Orden am Hals und die Bretter noch höher zu tragen. Bunte Fahnen wurden in der Stadt ausgehangen, Girlanden von einem Haus zum andern quer über die Straße gezogen und die Hochzeit so herrlich gefeiert, daß die Leute vierzehn Tage von weiter nichts sprachen.
Der König und die junge Königin aber lebten in Lust und Freude ein ganzes Jahr lang. Der König hatte die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen gänzlich vergessen.
Eines Tages jedoch stand der König früh mit dem falschen Beine zuerst aus dem Bette auf, und alles ging verkehrt. Es regnete den ganzen Tag; der Reichsapfel fiel hin, und das kleine Kreuz, was oben drauf ist, brach ab; bann kam der Hofmaler und brachte dis neue Karte vom Königreiche, unb als der König sie besah, war bas Land rot angestrichen statt blau, wie er befohlen; und endlich: die Königin hatte Kopfschmerzen.
Da geschah es, daß bas Ehepaar sich zum ersten Male zankte; warum," wußten sie am anbern Morgen selbst nicht mehr, ober wenn sie es wußten, wollten sie es wenigstens nicht sagen. Kurz, der König war brummig und die Königin schnippisch ub behielt stets das letzte Wort. Nachdem sie sich beide lange Zeit hin und her gestritten, zuckte die Königin endlich verächtlich mit den Achseln ub sagte:
„Ich dächte, du wärest nun endlich still und hörtest auf, alles zu tadeln, was dir vor die Augen kommt! Du selbst kannst ja nicht einmal das Brummeisen spielen."
Aber kaum war ihr dies noch entschlüpft, als der König ihr schon ins Wort fiel und giftig antwortete: „Unb du kannst nicht einmal Pieffernüffe backen!"


