Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, den 4. September Nummer
Ern Schnitter ...
Von Ludwig F i n ck h
Ich weiß nicht, wie alles kam. Du warst so stolz und so voller Scham, Und ich war so versonnen.
Um Halme rauschte Sommerwind.
Nun wird es Herbst. Das Leben verrinnt Und ist so bald zerronnen.
Ein Schnitter seine Sense nahm Und dengelte und wischte den Rahm — Ich weiß nicht, wie alles so kann
Snuderland.
Von Hans Franck,
Als es der anhalt-zerbster Prinzessin Sophia Augusta gelungen war, sich zu Katharina II., der Kaiserin aller Reußen, emporzulieben, befiel auch sie sehr bald die Krankheit, an welcher nahezu alle gekrönten Häupter nicht nur ihres Zeitalters litten: die Schuldensucht. Wenn dieses Potentatenleiden seines chronischen Charakters wegen auch in den allermeisten Fällen sich als unheilbar erwies, so waren doch sehr wohl, bei ergiebiger Anwendung geeigneter Heilmittel, vorübergehend Besserungen zu erzielen. Da die indessen mehr oder minder schnell wieder hinzuschwinden pflegten, erwies sich die ständige Bereitschaft eines Finanzarztes in den allermeisten Fällen nm sehr vieles dringlicher denn die eines Leibarztes. Das traf in besonderem Maße auf Katharina H. zu. Während sie, ihres mächtigen Körpers wegen, die Doktoren der Medizin mitleidig belächelte, rief sie zur Linderung ihrer Herrscherkrankheit ununterbrochen fachkundige Helfer herbei. Jahre hindurch war der oberste Doktor unter ihnen der deutsche Bankier Sauderland. Lind dieser wußte nicht nur die schlimmsten Bedrückungen der Zarin immer aufs Reue für eine Weile durch sein Geschick zu beheben, sondern er verstand auch aus dem Grunde die geheimnisvolle Kunst der Größten seines Standes: durch. Geldfortgeben — statt wie es dem allgemeinen Ungeschick bestenfalls möglich ist, durch Geld- einnehrnen — reicher und reicher zu werden.
Da die kümmerliche Gestalt Sauderlands selbst dann noch dürr blieb, wenn er sich mit hochgezogenen Schultern aufplusterte und wie ein Kolkrabe krächzte, so wurde Katharina, die einen Leibes- umfang hatte, in dein drei nicht einmal beängstigend schmächtige Jungfrauen Platz gefunden hätten, und eine Stirn,ne, tief und durchdringend, daß sie einem Dragonerhauptmann nicht würde zur Änehre gereicht haben, in diesem Fall von der Liebe verschont. Doch erzeugte die Dankbarkeit im Lauf der Jahre eins Freundschaft, auf die — so seltsam sie sich oftmals von Seiten der Kaiserin äußerte — der Ausgezeichnete wiederholt, ohne zu murren, ausbleibende Zinsen abschrieb. Weil nun — wie der Volksmund sagt — Geschenke die Freundschaft erhalten, so hatte sich nach und nach zwischen den Befreundeten der Brauch herausgebildet, daß sie sich mit allerlei Gaben überraschten. Richt nur die Zarin den Bankier, sondern auch der Bankier die Zarin. Dabei ergab es sich ganz von selbst, daß Katharina als Geschenke die Richtigkeiten bevorzugte, die den Fürsten mit Titeln, Orden und andern Eitelkeitspflastern in unerschöpflicher Menge zur Verfügung stehen: während der damit Beglückte allerlei Kostbarkeiten in tiefster Ehrerbietung überbrachte, deren Wert dadurch nicht gemindert wurde, daß sie von säumigen Schuldnern ihm statt des mangelnden Geldes um ein Geringes ausgehändigt waren.
Eines Tages schenkte Sauderland Katharina einen Hund. Es war ein edles Siet, das er einem bankerotten baltischen Grafen abgenommen hatte: eine mächtige deutsche Dogge, die auf den Namen Dieter hörte. Die Kaiserin war von dem Geschenk auf das Tiefste beglückt. Um diesen. Glück sichtbaren oder vielmehr hörbaren Ausdruck zu geben, nannte sie die Dogge — an der ihr als einziges der Name mißfiel — Sauderland. Worüber hinwiederum als über eine unverdiente Kaiserliche Gnade, Sauderland — der Bankier, nicht der Hund! — so tief beglückt war, daß er der huldvollen Herrin noch, ein Paar gold- gewirkte byzantinische Strumpfbänder überreichte, die er für den nächsten Geschenktag hatte aufheben wollen.
Die Dogge wurde Katharinas unzertrennliche Begleiterin. Bei Tag, bei Nacht trennte sich die Kaiserin nicht von ihr. Sie folgte der Herrin bis zu den Stufen des Thrones. Sie lag bei
Prunkmählern zu ihren Füßen. Sie schlief mit ihr im selben Zimmer. Wenn dessen Tür von einer Hand geöffnet wurde, muhte die Zarin erst „Sauderland!" mahnen, ehe die Schwelle zum Ueberschreiten frei wurde. Da eines Abends ein auswärtiger Prinz, dessen Mut Gerüchte und Wein aufgestachelt hatten, die Tür zum Schlafgemach der Kaiserin öffnet, ohne im Besitz einer unmißdeutbaren Einladung zu sein, genügte ein „Sauderland!", schon fiel die Dogge den Zudringlichen mit ihren Zähnen an, daß ihm nichts übrig blieb, als wimmernd zu entweichen. Es kam denn auch den ganzen Tag in allen Tonarten der Liebe aus dem Munde der Kaiserin: „Sauderland— Sauderland — Sauderland —", Für die Fremden — von dem machtvollsten Minister bis zum letzten Lakaien — hieß die Dogge, auch als sie in den Besitz der Kaiserin übergegangen war, Dieter. Oeffentlich wenigstens. Heimlich belustigte es manchen, den Hund mit dem Namen des verhaßten Bankiers zu rufen. Doch mußte man dabei äußerst vorsichtig fein, denn als sich eines TageS ein Graf vermaß, die Dogge vor den Ohren der Kaiserin so zu nennen, gab Katharina diesen, in Gegenwart eines Dutzend hoher Würdenträger eine Ohrfeige, deren Gewicht einem Korporal zur Ehre gereicht hätte.
Wenige Wochen darauf war eines Morgens Sauderland tot. Die Dogge, nicht der Bankier! Sie hatte die Kaiserin durch kein Zeichen der Krankheit erschreckt, am Abend vorher, heißhungrig tote immer, gefressen und sich dann auf ihrem Lager neben dem Ofen ausgestreckt. Am Morgen aber tat sie keinen Schnaufer mehr. Katharina schrie auf. Ein Arzt wurde geholt. Der untersuchte und zuckte die Achseln. Katharina tobte. Ein anderer Arzt wurde beschafft. Der untersuchte und zuckte die Achseln. Katharina fluchte. Ein dritter Arzt kam, untersuchte, zuckte die Achseln. Katharina wies ihm die Tür. verbot bei Todesstrafe, daß jemand das Zimmer beträte, warf sich über die Dogge und weinte: „Sauderland!"
Erst als die Mittagsstunde vorüber war, erhob sich die Kaiserin, ging zur Tür und riß an dem Klingelzug, daß dessen eine Hälfte in ihrer Hand verblieb.
Ein Kammerherr, Graf Gawrila Iwanowitsch Golowkin, stürzte herein. Da er an diesem Tag zum erftenmal Dienst tat, und seit dessen Beginn um die mittägliche Stunde sehnsüchtig auf den Augenblick wartete, wo die Kaiserin geruhte, ihm etwas zu befehlen, war er überglücklich, daß diese Sekunde der Gnade über Erwarten schnell kam.
.Sauderland ausstopfen!" schrie Katharina den Kammerherrn an. noch ehe er aus seiner untertänigsten Verbeugung Wieder hochgekommen war.
Gras Golowkin staiw starr wie eine Säule. .Sauderland ausstopfen!" stampfte Katharina auf. Gawrila Iwanowitsch Golowkin traute seinen Ohren »richt Denn wenn er auch von der Dogge Sauderland nichts wußte, den Bankier Sauderland kanirte er aus eigener Anschauung hinlänglich Des öfteren schon hatte er ihn mit jenem Anliegen aufsuchen müssen, das allein russische Grafen und Fürsten zu der Herablassung bewog, den deutschen Krösus mit ihrem Besuch zu beehren. «...
Sauderland ausstopfen!" schrie die Kaiserin Katharina zum drittenmal und fügte die Drohung hinzu: wenn es nicht bis zum Anbruch der Nacht geschehen sei, werde zur Strafe dein Kammer- Herrn das Ausgestvpftwerden widerfahren.
Da empfahl Graf Golowkin sich so schleunig, daß er die vorschriftsmäßige Abschieds Verbeugung vergaß.
Was ging — sagte er draußen zu sich selber — Anlaß. Grausamkeit und Absonderlichkeit des Befehls ihn an? 5>te Kaiserin von Rußland mochte befehlen, was sie wollte — gehorchen war das einige, das ihm oblag. Hatte übrigens Sauderland sein Lebtag anderes getan, als Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen? Geschah ihm recht, daß nun endlich er einmal litt, was er tausendfach anderen zugefügt. Und außerdem — endete die Ueberlegung des Kammerherrn — wurde er so auf die geschwindeste Weise vor der Welt seiner Schulden ledig.
Graf Gawrila Iwanowitsch Golowkin machte sich also auf und verhaftete den nichtsahnenden Bankier. Don einem baumstarken Gardisten ließ er Sauderland vor sich 6er durch die menschenbelebtesten Straßen Petersburgs führen. Erst hn Kerker eröffnete er ihm: Er werde auf Befehl der Kaiferin Katharii» unverzüglich ausgestopft und zur Warnung für solche Kavaliere, die infolge vorübergehender Verlegenheit sich mit seinesgleichen einlafsen wollten, in einem Palastzimmer als Vogelscheuche aufgestellt


