Ausgabe 
4.5.1926
 
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bezeichnendsten Erscheinungen des hohen Mittelalters, wie der Minnesang sie darstellt, schlecht bestellt auch um unser Wissen vom mittelalterlichen Literaturbetrieb in Deutschland, von Dichter- Persönlichkeiten, ihrem äußeren und inneren Leben, besähen wir die Handschrift nicht. Fast anderthalb hundert Sänger rücken auf mit kleineren oder größeren Sammlungen ihrer Lieder. Gut inittel- alterlich erscheinen sie nach dem Stande geordnet: Kaiser Heinrich voran'und drei Könige, dann die Herzöge und Fürsten, die Grafe», daun die Freiherren, darauf der niedere Adel und zum Schlüsse die misera plebs der Bürgerlichen und Fahrenden. Keiner von den großen Namen fehlt da, vom Kürenberger her über Heinrich von Veldecke und die großen Epiker Hartmann von Aue, Wolfram von Esch!enbach, Gottfried von Straßburg zu Walter von der Dogelweide und Neidhard von Neuental, Ulrich von Lichten- stetn und dem Tannhäuser durchs ganze 13. Jahrhundert hindurch bis auf Konrad von Würzburg herab, bis zu Frauenlob und Regenbogen;die hie gesungen haut, nu ze male sink ir C vnd XXXIIII" heißt es am Schlüsse des alten Inhaltsverzeichnisses. Und welch ein Inhalt! In tausend Strophen ein Gehalt tausend- jach variiert,denn meine Saiten tönen nur Liebe im Erklingen". Frauenaugen .dürften huldvoll auf diese Blätter sehen: kein rauschenderes Frauenlob ward je so hundertstimmig erhoben.

Wer aber auch nicht in die Worte sich vertiefen möchte, die hier in der schönsten gotischen Buchschrift, mit prächtigen rot und blauen Zierbuchstaben durchsetzt, uns entgegenschaut, sieht sich von der unerhörten Bilderpracht der Handschrift gefesselt. Dor jedem der vielen Dichter steht über die ganze Seite hin ein farbenbuntes Gemälde. Es ist als Bildnis des Dichters gemeint, aber freilich nicht in unserem Sinne. Mittelalterliches Porträt ist beinahe ein Widerspruch in sich: diese Bilder sind vor der Ent­deckung des Individuums gemalt. Gesichtslinie, Haar, Bart und Gesamterscheinung zielen in den seltensten Fällen -auf die Dar­stellung einer glaubhaft besonderen Persönlichkeit. Manch einer tritt gar mit geschlossenem Bister vor uns hin: Individualisie­rung genug, wenn der Name, wenn Helmzier und Schild neben der Figur stehen! Nur da und dort zeigt sich einer allein ruhig sitzend wie auf einer photographischen Aufnahme unserer Zeit, oder auch zu Pferde dahinsprengend wie auf einem Siegelbild. Ueberwiegend aber schaut man bewegte Auftritte mit zwei und mehr Figuren und voll epischen Gehalts. Sichtlich gilt es da und dort einen geschichtlichen Vorgang aus dem Leben des Dichters darzustellen oder einen Auftritt, der in feinen Liedern geschildert wird. Häufiger aber irgend einen Vorgang, dessen Beziehung zu dem jeweiligen Dichter keineswegs ersichtlich wird. Der Maler scheint öfter willkürlich eine 3l[uftration aus einem Roman, ein Kalenderbild u. ä. aufgegriffen zu haben. Da rollt denn das ganze höfische Leben der Zeit vor unseren Blicken ab. Wir sehen den König auf dem Thron, den Ritter zu Pferd, sehen wilden Streit in Schlacht, Zweikampf und Turnier, Falkenbeize und Pürschjagd mit Hunden, das Gefellschaftsleben in ruhiger Unterhaltung, in Reigen und Tanz und Spielen; da sitzt der Dichter sinnend unter dem Dlütenbaum und lauscht den Vöglein ihre süßen Töne ab, oder er diktiert dem Schreiber; der Bote , bringt einer schönen Dame willkommene Botschaft, der Liebhaber steigt auf der Leiter zur Geliebten empor oder läßt am Seile sich, aufwinden, der Kaufmann stellt feine Waren aus, der Schulmeister lehrt und züchtigt seine Buben, der alte Herr von Warte sitzt vergnügt in rosenbestreuter Wanne und läßt sich von zarten Jungfräulein bedienen Im Glanze bunter Farben und funkelnden Goldes zieht so luftig eingerahmt, Bild auf Bild mittelalterlichen Lebens in feierlicher Pracht, in lächelnder Anmut an uns vorüber.

Dies herrliche deutsche Kulturdenkmal hatte ein deutsches Schicksal Seit dem 16. Jahrhundert war die Handschrift im Besitze der Pfalzgrafen in Heidelberg, wir wissen nicht sicher woher. Vielleicht war sie ein Stück jener kostbaren Sammlung von gegen tausend Handschriften, die Ulrich Fugger dem Kurfürsten schenkte. Im 17. Jahrhundert taucht sie plötzlich im Besitze der königlichen Bibliothek in Paris auf, aus dem Nachlasse eines Kaufmanns er­worben. Sicher hat die Katastrophe, die Heidelberg und seine berühmte Bibliothek nach der Schlacht am Weißen Berge betraf, auch diese Handschrift der Heimat entfremdet; leicht mag die Witwe des Winterkönigs sie nach Frankreich, verkauft haben da sie im Haag in solcher Bedrängnis lebte, daß sie selbst toreit Trauring versetzen mußte. Die Tatkraft und Umsicht des Buch­händlers Trübner hat sie 1838 nach Deutschland zurückgebracht im Austausch gegen altfranzösische Handschriften; das Reich gab me Mittel, und Kaiser Friedrich überwies sie wieder nach Heidel­berg, wo sie als kostbares Kleinod sorgsam gehütet wird. Rur der Bevorzugte konnte mehr an der Pracht des .Urbilds sich laben, da die Handschrift seit den bösen Kriegsjahren aus den Schaukästen der Bibliothek entfernt ist.

Mit um so größerer Freude darf man begrüßen, daß der Insel-Verlag es gewagt hat, in dieser wirtschaftlich so schwierigen Zeit eine farbige Nachbildung der Handschrift herzustellen. Die erste Liderung davon ist erschienen; sie übertrifft alle Erwar­tungen, die man einem derartigen .Unternehmen gegenüber hegen dürfte. Was vorliegt, ist die vollendetste Nachbildung einer Hand­schrift, die man sich denken kann. Tertfeiten wie Bckder sind gleich wundervoll wiedergegeben; man muh diese Nachbildung mit einer der früheren farbigen Wiedergaben einzelner Bilder der Hand­schrift vergleichen, um Ihre unendliche äleberlegenheit zu er­kennen. Die farbige Pracht der .Urschrift wiederholt sich aufs

genaueste, jedes Fältchen und Fleckchen des Pergainentes kehrt wieder; wer je mit alten Handschriften Umgang gehabt hat, wundert sich beim Wenden der Seiten schier, nicht auch den Griff des Pergamentes zu fiihlen. Hätte die Urschrift in den Bildern nicht den unnachahmbaren Glanz des aufgelegten Goldes voraus, sie wäre rein überflüssig gemacht durch diese Nachbildung.

Für bemittelte Dücherliebhaber kann es keinen würdigeren Gegenstand des Erwerbs geben als diese Veröffentlichung. Möchte dem Verlage eine zahlreiche Schar von Abnehmern fein schönes und mutiges Unternehmen lohnen, das immer einen der höchsten Ruhmestitel seiner auch sonst so erfolgreichen Wirksamkeit bilden wird; es würde damit zugleich die Kenntnis eines der prächtigsten Kulturdenkmäler deutscher Vergangenheit in weiteren Kreisen sich ausbreiten. Möchten auch die Regierungen Mittel bereit stellen, daß der Jugend unserer höheren Schulen dies unvergleichliche Anschauungsmittel deutschen Lebens im Mittelaller zugänglich werde.

Der ©liidtsfon.

Von Luise Glaß.

(Fvrtseyung.i

Frische Tapeten und frischen Anstrich, ein Kanapee mit Taschen, wie der Herr Rendant, und einen geschweiften Tisch mit goldenen Deinen dazu, wie Passementier Bririus (das waren Dierlings vornehmste Kunden), einen bunten Landesherrn an die Wand und ein rotfamtenes Gesangbuch,.

Und über die Tür einen guten Ders", fiel der Großvater ein.

Gott gebe allen, die »sich, kennen, Noch zehnmal mehr, als sie mir gönnen."

Dia lachten alle Dierlings herzhaft auf, denn sie meinten ganz genau zu wissen, daß auf die Art keiner in der Fleisch,er- gasse zu Gelde kommen würde. Gönnen: so was gab es ja gar nicht.

Nun ließ sich auch Lisbeth zmn erstenmal vernehmen.Und in den langen Seilershos eine schöne Laube, wenn wir da Dohnen ziehen, ist's ein Garten."

Der Garten fand Beifall: reiche Leute hatten Gärten. Als aber der kleine Ede, der in Anbettacht der gestrigen Feier blau gemacht hatte, Nachbar Peterlein zum Anfertigen der Laube vorschlug, stieß er auf hartnäckigen Widerstand.

Sogar Großvater sagte:Bist doch auch Zimmermann kannste nicht die Laube selber ausrichten?"

Der kleine Ede lachte.Können tu ich's schon, aber wir haben doch jetzt Geld, wir geben jetzt doch anderen zu verdienen.'

Man gab ihm zu, daß Reichtum verpflichte; aber außer Onkel Ede waren sie au chdarin einig, daß Peterlein die Laube

nicht aufrichten solle.

Ueberhaupt nich ins Haus soll er, sagte Frau Vierling. Seine Mutter ist die einzige in der ganzen Gasse, die mir vorhin nicht gratuliert hat."

Lisbeth war schnell mit der Entschuldigung bei der Hand: Muhme Peterlein ist doch auf Arbeit."

Auf Arbeit, nu ja, auf Arbeit. Wie das schon klingt. Es hat mich schon lange gestört, daß du immer bei einer hockst, die auf Arbeit geht jetzt sind wir nu aber dazu viel zu gut.

Na, na, sagte der Großvater. ..Arbeit schändet »ich."

Und Reichtum macht nicht glücklich", fiel der kleine Ede ein.Das sagt ja die Peterleins Muhme auch immer."

So, das sagt sie?" Großvater sand nun auch, daß Peter­leins kein Umgang für Lisbeth seien, und die Stiefmutter redete von der vornehmen Heirat, die das Mädchen machen müsse das sei man dem großen Los geradezu schuldig.

Lisbeth rannte in die Küche, um sich auszuweinen. Ach, warum mußte ihr Karl so recht haben mit seiner Vorsicht! Sollte sie mitten im Reichtum nach ihrem Karl verhungern? Und so was nannten die Leute einen Glücksfall!

Während Lisbeth draußen weinte, sagte drinnen der kleine Ede:Gesegnete Mahlzeit, ich, geh' auf den Bau. Aber gebt mir was Geld mit, wir habens ja."

Großvater kletterte vom Tritt, schloß den Tischkasten auf, gab dem Jungen ein großes Silberstück, schloß den Kasten wieder und kletterte wieder hinaus.

Als der kleine Ede fort war, meinte der Onkel, er wolle auch gehen, die Luft werde seinem Kater gut tun.Aber gib mir Geld, daß ich Hundehaare auflegen kann."

Großvater stieg wieder vom Tritt, schloß den Kasten auf, schloß den Kasten zu und kletterte wieder hinauf.

Pfeifend ging Onkel Ede ab.

Die Frau fand es unnötig, daß die beiden Edes Geld forifchleppten, wollte sich aber heute nicht ärgern. Also ging sie hinaus aber draußen störte sie das Heulen in der Küche; da nahm sie den Korb von der Wand, um einzuholen.

Sonst hatte sie sich, allzeit gut mit den Stiefkindern ver­tragen, aber feit das Geld im Hause rumorte, schien ihr bei­nahe, als könne siedie beiden Fremden" nicht mehr leiden. Mußte das denn in vier Teile gehen? Wo doch, zu Zeiten der ersten Frau nichts dagewesen war? In ihren Hausstand war das Glü ckgekommen, also mußten ihre Kinder die nächsten fein. Sie plante, wie man die Großen loswerden könne: Ede konnte