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scheu Sägern einzutreten. „Es war mir gar nicht zu denken rnög- lich, wie ein junger Mann Erzieher von Kindern werden könne, deren Vaterland er nicht mit seinem Blut und Leden verteidigt habe." Der Militärdienst machte ihm, wie er selber schreibt, Freude. Sri der anerkannten Notwendigkeit sah er Freiheit, und der Mensch wurde ihm zu einem besonderen Gegenstand des Nachdenkens. Er lernte das Wechselverhältnis zwischen Geist und Körper kennen, das ihm zeigte, „wie der einzelne Mensch int Kriege sich wenig gehört, sondern nur dem Ganzen, und wie er daher auch vom Ganzen wieder getragen werden müsse". Sm Verlauf des Feldzugs ergriff ihn eine Begeisterung für das deutsche Land und Volk: „mein Streven bekam eine Richtung auf das Nationale". Änd noch etwas von großer Bedeutung für sein späteres Leben gewährte ihm das Kriegsleben: er gewann zwei Freunde. Middendorf und Langethal. Am Wend, da die Nachricht von Körners Tod kam, saßen die drei Kameraden zu- sammen. taufdhten ihre Gedanken aus, und schlossen einen Bund fürs Leben, ihr Dasein dem Gedanken zu weihen, „den Menschen harmonisch aus sich selbst herauszubilden", und „die schaffende Kraft in ihm zu erwecken".
Nach dem Friedensschluß kehrten die Freunde nach Berlin zurück, wo Fröbel am mineralogischen Museum arbeitete. Aber unablässig wirkten die Gedanken der naturgemäßen Erziehung, vor allem der Kinder bis zum sechsten Sahre, in ihm, bis ein äußeres Ereignis seinem Leben die endgültige Richtung gab. Sein Bruder Christoph war unter Hinterlassung von vier Kindern verstorben: als die Witwe Fröbel um Hilfe anging, übernahm er die Erziehung ihrer Kinder und zweier Söhne seines Bruders Christian. Sn Keilhau begründete er 1817 wohl mit Unterstützung Middendorfs und Langethals seine Erziehungsanstalt, deren leitender Grundsatz es war, die Schüler zur Selbsttätigkeit zu erwecken.
Sm nächsten Sahre verheiratete Fröbel sich mit der Tochter des Kriegsrats Hoffmeister in Berlin, die ihm mit liebevolle/m Verständnis beistand. Die Demagogenriechrrei in der Reaktionszeit richtete sich auch gegen Keilhau, weil die Knaben — lange Haare trugen. Aber solche und finanzielle Schwierigkeiten konnten die Keil- hauer Sdealisten nicht entmutigen. 1826 schrieb Fröbel sein großes Werk über Menschenerziehung, mit dem er glaubte, dem ganzen deutschen Grzlehungswesen eine neue Richtung geben zu können, eine Hoffnung, der die Verwirklichung wegen wesentlicher Mängel seines Systems versagt blieb.
Sein Versuch, ein Erziehungsheim fürs Volk zu gründen, mißlang. Da ermöglichte ihm ein günstiges Geschick, in der Schweiz eine Anstalt nach seinen Grundsätzen zu errichten. Dann übernahm er die Leitung des staatlichen Waisenhauses itt Burgdorf. wo früher Pestalozzi gewirkt hatte, unb begann dort vier- bis sechsjährige Kinder aufzunehmen. So kam er allmählich auf den Gedanken des Kindergartens. 1836 fiedelte er nach Berlin über. Die Sdee der Kleinkinderschulen hatte sich Ober- l i n manchen Kopf beschäftigt, aber Fröbel blieb es Vorbehalten, sie in vernünftiger Weise zu entwickeln. Sn Blankenburg i. Thür,, wo heute sein Denkmal steht, gründete er 1837 eine „Anstalt zur Pflege des Deschäftigungstriebes der Kindheit und Sagend", die sich des Interesses verschiedener Fürstlichkeite'. vieler Pädagogen und Laien erfreute.
Der Blankenburger „Kindergarten" konnte sich nicht halten, aber Fröbel hatte die Freude, seine Gedanken an anderen Orten verwirklicht zu sehen. Die Gärten sollten nicht nur ein Sviel- und Lernplatz für die Kinder fein, sondern vor allem sollten Pflegerinnen und Erzieher dort eine praktische Äebungs- stätte finden. Fröbel reift ein diesen Sahren viel in Deutschland umher, teils um selber weiter zu lernen, teils um allenthalben für feine Kindergärten zu werben. 1843 erschienen seine „Mutter- und Koselieder". durch die die Mütter unterstützt werden sollten, ihre Kinder spielend zu beschäftigen und zu erziehen. Manchs darin ist leere Reimerei, anderes hingegen noch: heute wertvoll. 18"0 überließ der Herzog von Meiningen Fröbel sein Schlößchen Marienthal, um dort Pflegerinnen auszubilden. Gin Sahr später erehelichfe er sich noch einmal mit Luise Levin, einer früheren Schülerin, nachdem seine erste Gattin schon 1839 gestorben war; aber er sollte nur noch kurze Zeit das Familienleben genießen. Sm August 1851 traf ihn ein schwerer Schlag: der preußische Minister v. Raumer verbot die Kindergärten wegen ihrer anti- christlichen Tendenz! Man braucht sich, nur einen Satz aus Fröbels Schriften zu vergegenwärtigen: „Alle Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich auf Religion gründen", um zu erkennen, daß nur Nachlässigkeit oder Böswilligkeit der Grund dieser gröblichen Verkennung fein konnte. Fröbel wurde durch diesen Erlaß aufs tieffte getroffen. Wenn er auch auf der deutschen Lehrerversammlung 1852 in Gotha außerordentlich geehrt wurde, so verwand er doch diesen Rückschlag nicht mehr. Am 21. Suni hörte das warme, edele Herz auf zu schlagen. Er hat, wie so viele große Geister, sein ganzes Leben kämpfen und leiden müssen, aber unbeirrbar befolgte er sein Ziel. Der Argrund seiner nie versiegenden Kraft war die Liebe zur Wenschhett, zur Kindheit. „Diese Webe," schreibt ein Kenner Fröbels, „hat feine Wurzeln in einem positiven Idealismus, und dieser wird einst allein dem Materialismus, der Gott und Geist leugnet, mit Erfolg für Gewinnung einer edlen, schönen Menschheit entgegen treten können".
Daß seine hohen Bestrebungen so mißverstanden wurden, hat ihn selber gebrochen, aber seine Sache ist siegreich gewesen: überall
auf der Erde gibt es Kindergärten, und Tausende von jungem Mädchen finden in ihrem tßeruf als Erzieherinnen der kommen- ben Geschlechter, der Zukunft der Menschheit, ihre Befriedigung.
Fröbel hatte erkannt, daß gerade in den ersten Kinderjahren, toenn der Geist sich zu regen beginnt, der Mensch das Meiste und Wichtigste lernt Darum sah er es als seine Aufgabe an, die Kinder in dieser Zeit einer forgfätogen Pflege anzuve» trauen. Damit ist es nicht getan, daß man die Kleinen vormittags auf einen beaufsichtigten Spielplatz schickt — damit sie von Hause weg sind. Wenn alle Eltern sich bewußt wären, welch ungeheure Verantwortung sie tragen, so wäre viel gewonnen, ilnd wo die Zeit und das Geschick fehlt, sich selber mit den Kindern zu be- faffen, da will der Kindergarten helfend eingreifen. Viel zu wenig scheint man heute zu sehen, daß auch der Kindergarten ein Mittel zur Lösung der sozialen Frage werden kann, wenn er entsprechend gefördert wird. Etwas Neues kann die Erziehung nicht in den Menschen hineintragen, sie kann und soll nur vorhandene, aber noch schlummernde Anlagen hervorlocken und somtt den Menschen zur Selbsttättgkelt erwecken, wobei man sich der Worte Goethes in „Hermann und Dorothea" erinnert:
„Was in dem Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm. Denn wir können die Kinder nach unserem Sinn nicht formen; tote ein Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
Denn der eine hat die, der andere andere Gaben;
jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigne Weife gut und glücklich."
Daraus ergibt sich: die Pflicht der Eltern und Erzieher, die im Kinde ruhenden Anlagen zur Entfaltung zu. bringen. Denn jeder Mensch, so verlangt Fröbel, soll schon als Kind als ein notwendiges wesentliches Glied &er Menschheit erkannt, anerkannt und gepflegt werden. Es ist nicht leicht, in unserer Zeit des krassen Materialismus Sdeale dieser Art zu verwirklichen, wie sie Fröbel vorschwebten, aber es ist doch vielleicht nicht wertlos, immer darauf hinzuweifen, daß der Mensch nicht nur da ist, um zu essen und zu trinken, sondern daß es höhere und wertvollere Dinge für ihn gibt, daß er eine hohe und heilige Pflicht hat gegenüber feinen Kindern und der Menschheit. „Erniedrigenid" — schreibt Fröbel in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" — „nur zu dulden, nicht zu verbreiten und fortzupflanzen, ist der Gedanke, der Wahn: als arbeite, wirke, schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, feine Hülle zu erhalten, sich: Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein! — Der Mensch schafft ursprüng- lich und eigentlich darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte, und er so sein eigenes, geistiges, göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch zukommende Brot, Haus, Kleider ist Aeberschuß, ist unbedeutende Zugabe."
Wohl mag Vieles von Fröbels Erziehungsshstem heute überwunden, vieles auch fehlerhaft gewesen sein, mag der begeisterte Sdealist dem Gefühl zu viel und dem Verstand zu wenig eingeräumt haben: seine Persönlichkeit als Ganzes mit dem ©inn für das Allgemeine und Sdeale, seiner Begeisterung für seine S&een. seiner Opfer bereits chaft und unendlichen Herzensgüte hat ihm ein bleibendes Denkmal in den Herzen der Nachlebenden errichtet.
Die Manessesche Liederhandschrift.
Bon Geheimrat Dr. Friedrich: Panzer, o. Professor an der Universität Heidelberg.
Manessesche Handschrift? Eine Erinnerung taucht auf an eine der lieblichsten Blüten tm Kranze der „Züricher Novelleri'. Sm Rahmen der zarten Lieb^geschichte des jungen Hadlaub erzählt Meister Keller von den Züricher Patriziern Rüden er Manesse und seinem Sohne, dem Küster Sohannes, die zu Anfang des 14. Sahrhunderts wrrch besagtes Singer- und Schreiberlein über ganz Deutschland hin aus Städten, Burgen und Klöstern Liederbücher einbringen ließen. Eine umfangreiche Pergament- Handschrift ward danach gefertigt, die, zierlich geschrieben und mit prachtvollen Bildern geziert, eine herrliche Sammlung deutschen Minnesangs darstellte.
Kellers Erzählung ruht auf geschichtlichem Grunde. Sie ist die anmutige Snfsenietung der Andeutungen eines späten Nachfahren höfischen Minnesangs, des Zürichers Sohannes Hadlaub. Wir haben von ihm eine Reihe von Liedern, die weit ab stehen von der zierlich feinen Form der alten Zeit, dafür aber mit einem ihr fremden Wirklich-keitssinne von den Wechselfällen einer schüchternen Liebe erzählen, die den Dichter von Kind auf an eine vornehme Dame band. Hier berichtet er auch von der Lieder- fammhmg, welche die beiden Manefsen in Zürich zusammen- getragen. Die Lieder Hadlaubs aber sind uns erhalten in der berühmten Minnesingerh andschrist der Heidelberger Bibliothek, die — daran kann im Ernste nicht gezweifelt werden — irgendwie mit der Sammlung der Manesse zusammenhängt. Denn sie gehört nach: der Auswahl der Dichter, die sie enthält, in die Gegend zwischen Zürich und dem Bodensee, und ihr Tept zeigt Züricher Kchreik-gewohnheiten. Anter den vielen Sängern aber, deren Bildnisse sie bringt, wird allein dem Sohannes Hadlaub ein Doppelbild gegönnt.
Die Handschrift ist von einzigartiger Bedeutung. Es Wäre schlecht bestellt um unsere Kenntnis einer der seltsamsten und


