Ausgabe 
4.5.1926
 
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Gietzener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzmer Anzeiger

Jahrgang 1926 Dienstag. Sen 4. Mai Rümmer 56

Wegweiser.

Don Hans Franck.

Wie Diele haben wohl vor dir gestanden nnd glaubten ein Wohin? und ein Woher? ein Da! und Dort!, ein Kreuzundquer, und sahen nicht: daß alle Wege landen im ewig Einigen, von dessen Dranden aus jedem Ziel nicht mehr uns wiederhallt als aus der Muschel, die das Meerlied lgllt, und das mit keinem Suchen je wir sanden Und dennoch: nicht ein Wahn der Dielen Glaub«! So wie der ganze Weinstock in der Traubs sein Grünen, Blühen, seines Lebens Saft, fein Weinen, seine Träume, seine Kraft ist imDaheim!" die ganze Erde. Gnad uns Gott und weise du uns unfern Psad.

Kommt, laßt uns unfern Kindern leben!"

Friedrich Fröbel zum Gedächtnis.

Don Dr. W a l b r a ch.

In den Kindern liegt die Zukunft, in den Kindern spätres Heil: Was wir hoffen und erstreben, ihnen wirü's vielleicht zuteil. Kinder find die Diamanten in dem Schah der Gegenwart, Kinder sind die jungen Sonnen, deren Licht man froh erharrt. Besser, besser wird's ja kommen, solcher Hoffnung darf man traun; Was wir wünschen, was wir wollen, besser wird's die Nachwelt schaun!

Laßt den Schatz uns liebend pflegen, und dann gilt der Diamant, And es leuchten dann die Sonnen, von der Zukunft anerkannt, Wenn die Großen alle schlafen, werden groß die Kleinen sein, Eine fromme freie Nachwelt ist «inst unser Leichenstem.

And die Nachwelt find die Kinder, Kinder unser Heiligtum. Kinder: Diamant und Sonne, Kinder: Leichenstein und Ruhm.

Am 21. April 1782 wurde Friedrich Fröbel, als Sohn eines Pfarrers, im Thüringer Wald geboren. Seine ersten Lebens­und Knabenjahre liehen ihn mehr Wolken als Sonne an seinem Himmel schauen. Noch nicht ein Jahr alt verlor er seine Mutter, und die Stiefmutter, die er im 4. Jahr bekam, zeigte wenig müt­terliches Gefühl für ihn. Den ersten Unterricht genoß er 6et seinem viel beschäftigten Dater, der den geistigen Fähigkeiten des Sohnes wenig zutraute. Er besuchte dann die Mädchen­schule des Dorfes, weil es dort sauberer und ordentlicher zuging, und hat sich noch in späten Jahren gern dieser Zeit erinnert. Aber die schlechten Beziehungen zur Stiefmutter, die den Dater zu beeinflussen wußte, dauerten fort, bis eines Tages fern Onkel der Superintendent Hoffmann, der Bruder seiner Mutter ihn zu sich nach Stadtilm nahm.Es kam Gleichgewicht in mein Leben", schreibt er später über die Jahre, wo er die Stadtschule besuchte. Seine liebsten Fächer waren Neligivn und Aechnen, für das er offenbar eine besondere Begabung hatte. Das frische Ungebundene Leben bei dem Onkel ging mit der Konfirmation zu Ende. Da die Stiefmutter ihn für zu unbegabt hielt, auch neue unvermeidliche Entbehrungen nicht auf sich nehmen wv-cke, muhte ein praktischer Beruf für Friedrich gefunden weroen. So kam er zu einem Förster am Rennstieg auf dm: Hohe des Thür. Waldes in die Lehre. Friedrich gab sich redlich Muhe und eignete sich ein schönes Wissen in Mathematik an; aber fleißige Beobachtung der Natur lieh diese ins Zentrum seiner Wunsche rücken. Dabei erkannte er, daß die Selbstkenntnis M seiner inneren Vollkommenheit näher bringen werde:ich beooach.ete mich so viel ich konnte". And allmählich erfüllte ihn immer mehr der Gedanke, eine Universität zu besuchen, um dort zu finden.

was ihm fehlte. , . , , .

Inzwischen war die Lehrzeit vorüber, und er kehrte frohen Mutes nach Hause zurück. Aber der Förster, etn gewissenloser Mensch, spielte ihm einen schlechten Streich, indem er dem Dater einen taugen Klagebrief schrieb, weil er hofite, auf diese Weise Friedrich zur weiteren entschädigungslvsen Ausbildung zu ge­kommen. Dementsprechend war der Empfang kalt, und nie Euern versuchten gar nicht, dem Sohne näher zu kommen.

Einer der Brüder studierte in Jena Medizin. Da 'hm eine eilige Geldsendung zugehen sollte, wurde Friedrich mit dem Aeber- bringen beauftragt. Er atmete in der freien Luft der Ämversltat auf und erwirkte vom Dater die Erlaubnis, bis zum Seme^im: fchluh in Jena bleiben zu dürfen, wo er Unterricht im Zehnen nahm. Mit Beginn des nächsten Semesters kehrte er nun als

Student nach Jena zurück. Das geringe von der Mutter ererbte Vermögen sollte ihm das Studium der Eameralia ermöglichen.

Die großen Erwartungen, mit denen Fröbel die ersten Dor­lesungen besuchte, wurden insofern enttäuscht, als er erkennen muhte, daß der Kreis der Dinge, die er glaubte lernen zu sollen, zusehends weiter ward. Auch hier war es die Natur die ihn am meisten anzog. Scharm am Ende des 2. Semesters kam er durch feine Gutmütigkeit in schlimme Derlegenheit. Er half seinem Bruder aus Geldschwierigkeiten, muhte aber selber bald darauf Schulden machen, weil das Geld trotz aller Einschränkung nicht ausreichen wollte. Eine Klage beim akad. Senat hatte den Er­folg, dah Fröbel für 8 Wochen in den Karzer kam. Diese Zeit der Schuldhaft benutzte er zur Ergänzung seiner Latetnkenntnisse, für eine geometrische Probearbeit und das Studium von Winkel­manns Briefen über die Kunst. Allein der schriftliche Verzicht auf sein künftiges väterliches Erbteil endete im Frühjahr 1801 seine Haft. Es liest sich gar leicht über diese Karzerwochen hinweg, aber was fie für den feinfühlenden, gewissenhaften, seelen­reinen Studenten bedeuteten, vermögen wohl die wenigsten wirk­lich zu ermessen.

Trotz aller Enttäuschungen und vorübergehenden Nieder­geschlagenheit kormte ein solches äußeres Mißgeschick ihn nicht entmutigen. Er wußte, daß sein Wollen und Streben rein war. und dies Bewußtsein hielt ihn aufrecht, ließ ihn zu dem werden, was er für die Menschheit heute noch bedeutet. Sich selber zu erkennen und zu veredeln war sein Bestreben in allen Lebens­lagen, und das ist es wohl mehr als sein praktisches Wirken, was seinen Namen bis heute und noch für lange Zeit erhalten hat und wird.

Nach seiner traurigen Rückkehr von Jena lebte er kurze Zeit daheim; dann begannen seine Wanderjahre, in denen er neben seinem Beruf dauernd an seiner Weiterbildung arbeitete. Im Sommer 1803 ging er nach Frankfurt a. M., um Architekt zu werden. Auf der Reise dorthin besuchte er seinen Bruder Christoph und gelangte dann nach Eisenach. Als er von der Wartburg herunterschritt, tauchte wie eine Vision das eigentliche Ziel seines Lebens vor ihm auf.Rückblickend auf sie kam mir der Gedanke eines höheren, erziehenden Berufs und Wirkens, welcher Gedanke jedoch, als meinem äußern Leben so ganz fern­liegend, aufblitzend wieder verschwand." Aber so fern wie er gemeint hatte, war der Gedanke nicht. Kurz nach seiner Ankunft in Frankfurt führte ihn das stets liebevoll leitende Geschick wie er selber sagte mit dem Ober-Lehrer der Musterschule. Gruner, zusammen, und bald darauf wurde Fröbel Lehrer an dieser Anstalt. Gr wurde mit Pestalozzis Ideen bekannt und faßte die Hoffnung ebenso wie dieser Menschheitserzieherdurch eigene Kraft noch das Fehlende" in seiner Ausbildung nachzu­holen. Die Begegnung mit Gruner bedeutet die entscheidend« Wendung sn feinem Leben; jetzt sah er klar und unverrückbar sein Ziel vor Augen*): Im August 1805 besuchte er Pestalozzi in Pverdun für 14 Sage. In Frankfurt er war inzwischen angestellt worden verband er feine eigenen erzieherischen! Gedanken mit dem, was er aus der Schweiz mitgebracht hatte, und aenoß die Befriedigung, von den Amtsgenossen durchaus anerkannt zu werden. Trotzdem fühlte er seine Unvollkommenheit und Mängel. Nach zweijähriger Tätigkeit löste er sich von der Musterschule und übernahm die Erziehung der Söhne Holz­hausen, mit denen er 'für zwei Jahre zu Pestalozzi reifte. Er lernte viel in Bverdun, erkannte aber auch klar die Fehler, vor allem, daß Pestalozzis Schulpraxis mehr zur Vereinzelung als zur Einheit führte.

1810 kehrte er nach Frankfurt zurück. Am an seiner eigenen Ausbildung weiter arbeiten und so manchs Lücke in seinen Kennt­nissen ausfüllen zu können, löste er das Verhältnis zur Familie Holzhäusern und ging besonders zum Studium der Naturwissen­schaften nach Göttingen. Der Gedanke eines einheitlichen Gesetzes, das durch die ganze organische Welt hindurch geht, und das auch ldas Entwicklungsgesetz des Menschen ist, erfaßte ihn immer tiefer und führte ihn dahin, daß man dieses Gesetz auch auf die Erziehung anwenden müsse. Ein Jahr später siedelte er nach Berlin über, wo besonders Marheineke, Fichte, Schleiermacher u. a. ihn anzogen. Die Mittel zum Studium verdiente er durch Unter« richt in der Plamannschen Anstalt. Da überraschte ihn der Aus­bruch des Befreiungskrieges. Seine Heimat rief ihn nicht, aber das Gefühl, ein Deutscher zu sein, bestimmte ihn, bei den Lutzow-

*) Er wollte Menschen bilden, die mit den Füßen auf der Erde stehen, deren Haupt an den Himmel ragt und deren Herz Erde und Himmel eint.