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Der Alte blieb schweratmend stehen und wischte sich erst die Stirn.
„Noch nicht recht März, aber ein Lag wie im Sommer! .Und zwei Briefe, ia, und einer vom Herrn Bruder, wie geraten, akkurat wie geraten."
, Er tauchte die zittrigen, mageren Finger langsam in die Posttasche und sifchte die beiden Briefe heraus.
Annelies war wieder ganz ruhig. Seit sie wußte, daß Hans geschrieben hatte, war sie sich ihrer Ausgabe und Verantwortung wieder bewußt geworden.
Nasch trat sie noch einen Schritt näher und stellte sich so, daß ihre schlanke Gestalt den Ausblick vom Fenster des Vaters auf den Postboten unmöglich machte.
„Da sind auch noch ein paar Holzversteigerungszettel fi'ir den Herrn Forstmeister, und so lebt wohl."
Langsam stapfte der Alte über den Weichen Wiesenpfad zur Landstraße zurück. Aus den Tannen rief eine Amsel.
Anneliese stand noch lange und starrte in den verlöschenden Abendglanz.
Es war plötzlich kühl und feucht, violette Schatten sanken von den Bergen, das große Sägewerk im Talgrund war verstummt. Sn lilafarbigen Spiralen stieg der Aauch aus den Schornsteinen des Städtchens.
„Annelies!" klang eine befehlende Stimme vom Hause.
„3a, Vater!"
Mit einem raschen Griff stieß sie den Brief des Bruders in den enganschließenden Aermek, daß er ganz darin verschwand, und wandte sich um und ging ins Haus.
Aber drei Schritte vor der Tür blieb sie stehen und starrte auf den zweiten Brief, den sie so lange unbeachtet zwischen den Amtspapieren getragen hatte.
Sie erblaßte bis in die Lippen, ein trotziger Zug spannte ihren Mund, und unwillkürlich machte sie eine Bewegung, als wollte sie den Brief zerreißen, der ihr mit bekannter Handschrift in die Augen brannte.
„Annelies!" rief der Vater noch einmal. Der Jähzorn zitterte in seiner Stimme und — Angst. Sie hörte es deutlich heraus, auch Angst vor dem, was der Postbote gebracht haben konnte, vielleicht gebracht hatte.
Mit letzter Kraft zwang Annelies ihre Verwirrung, hob den Kopf und nickte dem Vater, der schon unter die Haustür getreten war, lächelnd zu.
„Was ist das für ein Bries?! Empfängst du Briese von ihm? Gegen meinen Willen! Bin ich deiner nicht mehr sicher? Dann geh, geh nur auch, ich halte keins! Ich finde den Weg auch allein auf den Gottesacker! Geh! J3el) zu ihm! Er ist mir feil. Der Meltzer hat schon lang' keinen Sohn mehr!"
Die hohe Gestalt vornübergeneigt, einen gelben Widerschein im rauhbärtigen, hageren Gesicht, stand Matthias Meltzer auf dem ausgetretenen Türstein und schrie seinen Schmerz und seinen Zorn mit einer tonlosen, rauhen Stimme in den klaren Abend.
„Verfluch' dich nicht, Vater! Es geht keiner von dir. Auch der Hans ist nicht von dir gegangen; er ist dumm und taub in die Welt, aber von dir ist er nicht gegangen!"
„Also hast du doch einen Brief von ihm? Und nicht von mir weg ist er, der Hans?! Wenn einer fein Leben wie das Lieh auf den Markt treibt und verhandelt, dann geht er von feinem Vater weiter weg als der Teufel vom Herrgott! Gib den Brief! Die Rosin' hat Feuer im Herd."
Hart trat er auf sie zu. Einen Augenblick war's wie ein Ringen.
„Vater, ich bitt' dich!"
Ruhig und mitleidig sprach sie zu ihm und suchte seine Hände abzuwehren.
Liber mit einem peinigenden, lautlosen Lachen ergriff er ihr Handgelenk und hielt es fest. Seine Faust schloß sich über dem Aermel, unter dem der Brief des verlorenen Sohnes verborgen lag.
Die Finger Annelies' umklammerten den zweiten Brief, denn nach diesem, der ihm weist in die Augen stach, langte der Vater mit der freien Hand.
„Die Rosin' hat Feuer im Herd!" wiederholte er mit harter Entschlossenheit.
„Ja, Vater, aber es ist der Mutter ihr Herd!" antwortete die Tochter.
Da verlor der Griff der Faust seine Kraft, und Annelies konnte sich des letzten Angriffs auf den Brief in ihrer Hand leicht erwehren.
Und sanft, wie eine Pflegerin zu einem Kranken spricht, fügte sie hinzu:
„Der Brief ist ja nicht von Hans. Berthold Nokk hat mir geschrieben."
Sie zeigte ihm die Aufschrift, und er sah, daß es nicht die Schrift seines Sohnes war.
„Berthold Nokk?" wiederholte er mechanisch und strich sich über die feuchte Stirn und die schmerzenden Augen. Es klang, als lohne sich die Frage nicht, und plötzlich vom Zorn, der ihn gerade gestreckt hatte, in eine dumpfe Gleichgültigkeit zurückfinkend, wandte er Annelies den Rücken und ging ins Haus.
Einen Augenblick übermannte sie ein grenzenloser eifersüchtiger Schmerz, zog ihr die Brust zusammen, als müßte sie ihm nach- schr^wn: tio denk' doch auch an mich! Es ist ein Brief von ihm, du weißt doch, daß er mich liebt, daß er mich wieder fragt, ob ich seine
pran werden will. Sa zeige mir doch auch ein bißchen Teilnahme, ein klein wenig nur, ich weiß ja ohnedies nicht aus und ein.
Da sah sie ihn am Schwellenbord fehltreten und sich mühsam vor einem Fall bewahren, und sie vergaß ihren eigenen Kamps und ging langsam um das Haus herum, unter die vorgebaute Laube, wo das Scheitholz schön aufgeschichtet im Regen schütz an der Luft trocknete. Sie setzte sich auf den alten Eichenklotz, der von vielen taujenb Beilhieben eingekerbt war. An dem hatte Hans als wilder Bub schon seine Kraft erprobt beim Scheiterspalten, und der Berthold Nokk hatte von diesem Knorren behauptet, er sei ihm lieber als alle glatten Stämme in der Säge seines Vaters.
Leise strich Annelies über die zerhackte Fläche. Oft hatten sie eng aneinandergedrückt hier gesessen, wenn die Väter drinnen rechneten und sich gegenseitig den Vorteil abzugewinnen trachteten, bis der Schritt der Mutter vor der Laube klang und sie, bedeutsam hustend, den Aufbruch des Sägemeisters verkündete.
Nun hockte sie allein, und die gezähnte Stahlscheibe in der Sägerei Nokk hatte schon längst vier Bretter und zwei Brettlein für ihre Mutter und einen größeren Totenbaum für den Vater des Berthold aus dem gelben Tannenholz geschnitten.
In das klare Gesicht des Mädchens war eine große Ruhe gekommen. Im letzten Zwielicht, das, milchfarben über dem braunroten, leeren Buchenwald stand, öffnete sie den Brief des Geliebten und sparte den des Bruders auf die Nacht.
Als sie wieder aufblickte, waren die Farben erloschen. Erkältende Feuchte stieg aus den Wiesengründen.
Mit dem Brief in der Hand ging Annelies Meltzer zu ihrem Vater. Er saß vor feinem Arbeitstisch; die Hornbrille gab ihm etwas Greisenhaftes und Schreckhaftes. Die adergeschwellte, hagere Faust lag wie 3um Schlag bereit aus der Tischplatte.
„Vater, ich will dir jetzt sagen, wie es steht."
„Das ist eine Ehre für den alten Mann!" versetzte er mit zornigem Spott.
„Tu dir nicht selber tuel), Vater. Du weißt, daß ich dir die Liebe nicht schuldig geblieben bin."
„Auch das Vertrauen nicht, Annelies?"
toie preßte die Lippen zusammen. Im matten Schein des verhüllten elektrischen Lichtes war ihr Gesicht von der Glätte und Farbe des Elfenbeins und neigte sich wie schuldbewußt unter dem schweren, schwarzen Haar. Doch dann stieg eine rote Welle in ihre Wangen, und sie hob mit harten: Ruck den Kopf und entgegnete:
„Solang' du es gut ausgenommen und begehrt hast, hab' ich dir all und jedes anaerlraut. Es ist nicht meine Schuld, daß es anders geworden ist."
„A Iso mein e?"
„Ja, deine Schuld, oder besser, dein Wille, Vater. Aber ich hab's dir nie nachgetragen und verstehe dich ja so gut."
Ihre Stimme hatte den kräftigen Klang verloren und war warm und leise geworden.
Die Faust auf der Tischplatte löste sich langsam, und die Finger begannen einen kleinen Wirbel zu schlagen, den Aoanciermarsch des Türken-Louis, den die badischen Regimenter seit den Kriegstaten des Markgrafen Ludwig in Hungaria wirbelten, wenn sie die Kolben rechts nahmen.
Annelies kannte das Signal, mit den: der Vater den Bahndannn von Nuits gestürmt hatte am 18. Dezember 1870, als die Mutter noch drunten in Rottach die Zopfbänder schwenkte und nichts wußte von dem Forstgehilfen Matthias Meltzer.
Doch plötzlich verstummte das Knöchelspiel, und ihr aufschreckender Blick sah, daß die gekrümmten-Finger krampfhaft ins Leere zuckten.
„Was klopft der alte Narr für einen Tanz! Der Bub hat ihm ja die Reputation gestohlen und pfeift den Marsch der Legion!"
Das lautlose, verzweifelte Lachen, das Annelies so fürchtete, schüttelte feine Schultern und zerriß sein Gesicht zu einer schmerzstarrenden Maske. Seine Gedanken waren wieder zu dem Sohn zurückgekehrt, und alles andere war uergeffett.
Diesmal aber ließ sich Annelies nicht abschrecken.
Sie legte den Bries Bertholds vor ihn hin und bückte sich, umfaßte seine Schulter und lehnte ihre Wange an seine graue, eingesunkene Schläfe.
„Vater, du machst alles schlimmer, als es ist. Der Hans hat gar nicht daran gedacht, daß er dir etwas antut, als er in Karlsruhe auf der Technischen Hochschule ins Bummeln gekommen ist und Schulden gemacht hat. Alles andere ist nur hinterhergekommen. Und ihm selbst geht's doch am schlimmsten. Nun wissen wir doch wenigstens, wo er ist und —"
„Wo er ist — ja, das wissen wir! Richt an mich gedacht! Das ist's ja gerad', was ich ihm nicht vergessen kann, daß er nicht an den alten Mann gedacht hat, der ihn: ins Leben geholfen hat, und dem er das Kreuz im Rücken gebrochen hat! Bummeln! Schulden! Karres- fieren! So hat's angefangen, dann die Schlägerei mit dem Einjährigen, und auf einmal das Hinausstromen, wie ein Vagant ins Weite fahren, daß er einem auf dem Schub heimgebracht wird! Wenn ich einen Hund hab', der das Strolchen nicht läßt und ein falsches Luder ist, das die Rasse schändet, so geb’ ich ihm die Kugel, van meinem eigenen Fleisch aber mutz ich's leiden!"
(Fortsetzung folgt.)
Hchriftieitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Tlniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


