Ausgabe 
3.8.1926
 
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Aber da lief das Mädchen schon davon, rufend und singend: Der Schubert hat neue Walzer, und heute wird getanzt!"

Es gab Geschrei und Gelächter, und dann verloren sich die Stimmen im Schloß, und Schubert stand allein zwischen den Rosen­stämmchen, einsam und ein wenig enttäuscht.

Er griff sich an die Brusttasche, in der er die neuen Walzer trug, die besten, die er niedergeschrieben hatte. Sie gehörten der kleinen Karoline, und es waren viele Dinge darin, von denen er selbst nichts wußte: die Anmut der kleinen Komtesse, ihr Uebermut und ihre großen Kinderaugen; der Duft von Linden und hohen sum­menden Wiesen, Geraschel seidener Reifröcke, Neckerei und süße Traurigkeit. Und die Sehnsucht dieser warmen Abende, in denen er ganz einsam war, ein wenig verliebt und soweit fort von Wien ...

Neben dem großen Herd flackerte in einem kleineren ein offenes Feuer, über dem der Spieß sich drehte. Julcsa, die Magd, stand dorten mit langen, schwarzen Zöpfen und im kurzen, weiten Fal­tenrock über den der Schein des Feuers lustig tanzte; das breit­knochige, sentimentale Gesicht hielt sie im Nacken zurückgebeugt, die Augen geschlossen, und sang. Schubert, der an der Küche vorbei zu feinem Zimmer wollte, blieb an der Tür stehen und horchte. Sonder­bar waren diese ungarischen Lieder sonderbar und traurig wie die Ebene und wieder aufflackernd wie das Herdfeuer, an dem .Julcsa den Spieß drehte.

toing noch einmal!" bat er; dann, als er sich die Melodie ge­merkt hatte, ging er nickend und mit einem vergnügten Lächeln, indes er seine Brille putzte, die im Küchendunst trüb geworden war. Hinter ihm her kam durch den dunklen Gang das Getrappel von Stöckelschuhen, und Liesel, das Stubenmädchen, rief:Schnell, schnell, die Herrschaften gehen schon in den Salon!"

Schubert fing die Zierliche, Schlanke ein, und gab ihr einen Kuß auf jede Wange und einen Nasenstüber auf die kleine Nase; dann ließ er sie laufen und eilte selbst in einem sachten und be­haglichen Tempo^davon.

Im blauen Salon wurden eben die Kerzen angesteckt, am Kla­vier lagen die Noten hergerichtet, und Baron schönstem lehnte dort und blätterte in Manuskripten. Er hatte ein ganz junges Ge­sicht und ein liebes Lächeln, mit dem er «-chubert beide Hände ent­gegenstreckte.

Komtesse Marie sagte, daß wir neue Walzer von Ihnen be­kommen; wir alle freuen uns so sehr!" sagte er mit seiner ange­nehmen, herzlichen Stimme. Bon der Terrasse herein kam Reden und Gelächter, indes mehr^nnd mehr Kerzen aufflammten und immer helleres Licht ergossen; Schönstein trat zur Terrasse, die in bläu­licher Dunkelheit lag, als Komtesse Karoline hereinkam.

Herr Musikmeister," sagte sie mit einem liefen Knix,darf Ihre ergebene Schülerin Sie zu einem vierhändigen Klaviervortrag nuf- fordcrn?"

Sie parodierte einen Kratzfuß und bot Schubert den Arm, um ihn zum Klavier zu führen. Aber er lief ihr mit geröteten Wangen voraus.

Gelt, die Mozartsonaten spielen wir!" rief er erfreut, klappte Pult und Deckel auf und trug einen Polster herbei.Weil das Kom- tesserl noch so klein ist!" sagte er, und Karoline schaute zuerst ihn empört an und dann, mit einem schiefen Blick in den Spiegel, aus die erwachsene Frisur, die gar so schön war . . .

Nun wurde es still auf der Terrasse, noch klang ein Lachen auf und verstummte; einige drückten sich rasch ins Zimmer, und die So­nate begann. Schubert machte hinter seinen Brillengläsern ganz kleine, vergnügte Augen, indes die Kleine achtsam und zierlich im Takt mit dem Kopf nickte; ihre kleinen runden Kinderhände liefen über die Taften wie spielende weiße Kätzchen, und Schuberts breite Finger hielten im Bah drunten stramme Zucht und gaben der So­nate ein leichtes Wiegen, ein fröhliches Befchwingtsein und dann wieder ein süßes Dehnen, ein Zögern, wie eine selige Erwartung. Die Töne sangen, sangen schwamm nicht ein blumenbekränzter Kahn zwischen' sonnigen Ufern hin?

Das Klavier stand nahe dem Fenster, und manchmal bauschte die Abendluft die Borhänge und strich kühl über Hände und Gesicht. Das Zimmer hatte sich während des Spiels mit Menschen gefüllt, und nun, da die Sonate zu Ende war, gab es Applaus genug für Karoline; die schaute fragend dem Lehrer ins Gesicht, und als er zufrieden nickte, sprang sie lustig davon. Schubert, dessen Augen hinter den Brillengläsern ganz dunkel geworden waren, während er musizierte, drückte sich in die Fensternische, froh, daß er nicht be­achtet wurde. Draußen strebten Stämme und grünes Astwerk empor, und alte Bäume warfen ihre Wipfel west Über das Dach des niederen Schlosses; der Brunnen neben der Terrasse fang ein ver­schlafenes Lied in die Stille. Schubert trat hinaus und horchte; da war wieder jene Melodie, die er heute nm Herdfeiier gehört hatte, sonderbar, traurig und wild . . .

Drinnen rief man nach ihm; Baron Schönftein wollte fingen. Er lehnte schon am Klavier, empfing Schubert, der ungeschickt auf ihn zufteuerte, mit einem Blick, der voll herzlicher Freundschaft war, und sagte halblaut:Die Gesänge des Harfners!"

Schubert, der sich in Gesellschaft nur sicher und wohl fühlte, wenn er beim Klavier verankert war, hörte beglückt, wie die wun­dervolle Stimme Karl Schönsteins seine Lieder emporhob, sie durch­leuchtete mit einem leidenschaftlichen Gefühl, sie trug und hinaus- schwingen ließ, weit über den nächtlichen Park.

Aber nun war es genug, und die kleinen Gräfinnen und die jungen Leute mit den feinen Fräcken wollten tanzen, unbedingt tanzen; und schon hatte ein Diener Tische und Sessel an die Wände gerückt, und der blanke Fußboden glänzte wie eine Einladung. Gräfin Csterbo.ro blieb einen Augenblick bei Schubert stehen.

Schade, daß es schon vorbei ist. ich hätte noch lange zu­hören mögen" sagte sic mit einem ungewissen, verhaltenen Klang in der Stimme; Schubert drehte sich rasch herum und spähte in ihre Augen; die aber tagen kühl und stolz unter den empor­gehobenen Brauen; und das Lächeln, das einen Augenblick wie durch Tränen geschimmert hatte, war wieder zur Maske gräflicher Herablassung geworden.

Als er seine neuenDeutschen" aus der Tasche holte, sah er sich verstohlen nach Karoline um, die ungeduldig herumtrippelte und keine Augen hatte für den kleinen Musikmeister mit den weiten faltigen Hosen, und keine Ohren für das, was er musizierte. Trotz­dem lachte er, als er nun anfing zu spielen. Sein Herz hielt die kleine Gefräst ganz fest umschlungen, drehte und wiegte sich im Takte, überschüttete sie mit Melodien wie mit Blumen; es klagte und zürnte ein bißchen nun ging der Walzer unvermittelt und überraschend in Moll und schon war alles wieder gut und ver­gessen in einem seligen Einklang. Oh, wie seine runden kurzen Hände übet die Tasten liefen und lustig waren und sich freuten, wie sie eilten, wenn die kleine Karoline vorbeiwirbelte, wie sie dem Klavier schmeichelten, und wie sie noch immer spielten, als schon die Tänzer ermüdet waren und aufhörten zu tanzen und begannen, Gute Nacht" zu wünschen. Die erwachsenen Frisuren der kleinen Kom­tessen waren locker geworden, und wirre Ringel hingen um die kleinen Köpfchen.

Draußen wurden schon die Pferde für die fortreitenden Gäste vorgeführt, als die kleine Karoline den Musikmeister aus seinem Spiel aufftörte, um artigGute Nacht" zu sagen.

Und lustig und schön war's heute abend!" fügte sie dazu. Dann kam der Diener und verlöschte langsam die Kerzen, indes Schubert eine Blume vom Boden aufhob und nachdenklich mit der linken Hand ein Thema anschlug: das traurige Lied, das Julcsa am Herd gesungen hatte . . .

Nun, Schubert?" fragte Schönftein halblaut von der Tür her, wollen Sie heute nicht schlafen gehen? Können Sie nicht genug kriegen?"

Genug? Nein", Jagte Schubert aus vollem Herzen. Und schon begannen feine Finger eine Beethovensche Sonate.

Du lieber, närrischer Musikant" dachte Schönstein; und laut sagte er:Gute Nacht".

Aber Schubert Hörle ihn nicht; nun waren nur die beiden Kerzen nm Klavier noch mach und zuckten hin und her in dem Lufthauch, der vorn Fenster kam; zögernd entschlief das Adagio. In die Stille rannten viele verworrene Stimmen; Pferdegetrappel verlor sich hügelabwärts, der Brunnen fang, die Stimmen der kleinen Gräfinnen flatterten irgendwo aus einem Fenster; nun rauschten die Bäume auf und der Wind brachte von weit, weit den verlorenen Klang einer Geige. Da war die Melodie wieder, die traurige, die wilde . . .

In der Türe stand das Stubenmädchen Liefet mit einer Kerze in der Hand.

Da fitzt er noch immer beim Klavier, der Narr," sagte sie, schnell, auf Ihr Zimmer! Die gräflichen Gnaden geruhen Ruhe befohlen zu haben und wünschen keine Musik mehr im Hause."

Auf den Zehen schlich sich Schubert durch den Gang; Liefet ging mit hocherhobener Kerze voraus, den Finger an die Lippen gepreßt, ihr feiner, zierlicher Schatten lief an der Mauer mit und wiederholte die behutsame Gebärde. In Schuberts Zimmer stellte sie die Kerze auf den Tisch und wartete.

Hat der Herr Schubert noch einen Wunsch?"

Wunsch?" sagte er;ach Golt einen Walzer hält' ich gern getanzt einen einzigen Walzer . . ."

So?" sagte Liesel und hob die kleine Nase empor;und sonst nichts? Da sind Sie ein glücklicher Mensch!"

Wie man's nimmt, Liefe! . . ."

Ms er allein war, lief er ein paarmal aufgeregt in dem kleinen Zimmer hin und her, und dann, zwischen Lachen und Weinen, be­gann er, über die Kerze gebückt, Noten niederzuschreiben, ein paar Takte nur: eine sonderbare, traurige, wilde Melodie

Die Heimkehr.

Don Hermann S t c g e m a n n.

Die Abendsonne schlug Feuer aus den Wolken. Rosenrot und bernsteingelb kamen sie über das Gebirge gezogen. Der Schwarzwald hauchte zarte Dünste aus und flotte feine sprossen­den Halden mit opalfarbenen Schleiern, aus denen das Rauschen der Waldbäche und das Pochen der Sägewerke geheimnisvoll hervorklang.

Als Anneliese Meltzer den Postboten kommen sah, sagte ihr eine Ahnung, die sie nie betrogen hatte, daß er ein Lebenszeichen von ihrem Bruder in der schwarzen Ledermappe trage. Sie sah ihn quer über die grüne, mit den ersten Himmelsschlüsseln gestickte Wiese kommen. Er hatte nur noch das Haus des Forstmeisters aufzusuchen. Das lag weit vorgeschoben vor dem in die Tal­sohle gebetteten Amtsstädtchen an einer übergrünten Halde und warf den goldenen Glanz der untergehenden Sonne aus blanken Scheiben zurück. Fünf Tannen standen in einer schwarzen Gruppe neben dem Haus. Sie waren beim Roden der Halden geschont worden.

Don drüben, Engler?"

Ihre Stimme zitterte -rotz aller Mühe, die sie sich gab, es zu Derbergen. .. s_. _ .