Ausgabe 
3.8.1926
 
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ganz und gar den Gefamteiudruck eines Kunstwerkes aus dein Auge. Verwandtes ist au? Schritt und Tritt bei den deiitschesten der deutschen Maler zu finden, etwa bei Moritz i> Schwind. Ro­mantische Dichter, wie Brentano oder auch Dieck, ja schon Klop- stock, Äean Paul, liefen dieses Derweilen bei der Episode. Sogar Goethe tut Gleiches, int Faust". Die klassische Walpurgisnachit ist ein einzelner, übermäßig entwickelter Schoß der Dichtung, unsäglich reich an Kunst, aber ein schweres Hindernis für die einheitliche Erfassung des ganzenFaust'.

Wie die Menschen zur Kunst Kamen.

* Von Walther A ppelt.

Die Kunst ist eines von den Gebieten, die sich der Mensch er- smliesten mußte, ohne daß ihm von seinen direkten Vorfahren der Schlüssel dazu vererbt worden wäre. Wohl sehen wir schon im Tier­reich hier und da ausgesprochenen Schmucktrieb, ebenso z. B. beim Nestbau vieler Vögel Tendenzen, die über das Rcin-Prak- tische, über das Nur-Zweckdienliche hinausgehen. Aber gerade bei den Tierarten, die wir diehöheren" nennen, und die uns am nächsten stehen, ist davon nicht allzuviel wahrzunehmen. Dennoch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Kunst des Men­schen letzten Endes von gewissen, z. T. animalischen Bindungen seiner frühen Daseinsumstände ausgeht, lind vollends selbstverständ­lich ift,, daß der Mensch zur eigentlichen Kunst nicht anders als auf dem Wege über die sog.angewandte" gelangen konnte, auf dem Wege also über das Ornament. Zu diesem aber hatten ihn mehrere, nebeneinander herlaufende Wege geführt.

Im frühestem Stadium dürften Bestreichungen des menschlichen Körpers eine wichtige Rolle gespielt haben, die aber einzig um praktischer Vorteile willen vorgenommen wurden. Man hatte wohl erkannt, daß diese und jene organischen oder mine­ralischen Substanzen vor Insektenstichen schützen, Blutungen stillen konnten und dergleichen mehr. Natürlich veränderten diese Schutz­mittel das Aussehen derjenigen, die sic anwandten. Und ein sehr wesentlicher Schritt auf unserem Wege geschah, als diese Verände­rungen erstmalig um ihrer selbst willen vorgenommen wurden. An­laß dazu wird der Wunsch gewesen sein, anders auszusehen als ein- zcille oder alle Stnmmesgenosscn aus der Erfahrung heraus, dann vom andern Geschlecht bevorzugt zu werden. So ist die ur­sprüngliche Bestreichung zur Bemalung geworden. Beinahe zwangsläufig vollzogen sich dann die weiteren Steigerungen der aufgewendeten Mittel: Gebrauch verschiedenartiger Erden, schließlich Gliederung des Auftrages in Flächen und Linien. (Die Tätowierung ist weiter nichts als ein Dauerhastmachen der Bemalung.) Wir können in dieser, wie in mancher anderen Hinsicht, aus den Sitten der heutigen Naturvölker auf die unserer ältesten Vorfahren schließen.

So sehr die Bemalung im Schmückend-Ornamentalen bleibt und bleiben muß, so wichtig ist doch für die Entwicklung zur Kunst die Tatsache, daß sie überall bald Formen und Formenverbindungen entstehen läßt, die in ihrem Bereich mehr oder weniger wiederkehren. Gewiß mag es sich dabei anfangs nur um Zusammengehörigkeits­zeichen, Erkenntnis- ober Rangmerkmale gehandelt haben. Aber sie sind doch die ersten in bewußter Absicht und nach bestimmten Regeln entstandenenZeichnungen".

Wie schon erwähnt, gelangte der Mensch noch auf andere Weise zum Ornament, aus dem sich dann erst diefreie" Zeichnuno (Kunst rein als Selbstzweck) entwickeln konnte: Mit am ersten Anfang aller Kulturen steht die Herstellung irdener Gefäße. Dabei mag es sich bald als erwünscht gezeigt haben, deutlich den Eigentümer der meist oder immer zugleich der Hersteller war zu vermerken. Das Nächstliegende und auch zuerst angewandte Mittel war, mit der formenden Hand Eindrücke in das noch weiche Material zu machen. Das mußte wiederum zum Ornament führen, indem der Mensch die verzierende Wirkung erkannte, die eine irgendwie regel­mäßige Anordnung seiner Fingereindrücke hatte. Und nicht fern lag der Gedanke, diese Verzierungen statt mit der Hand mit einem Stäbchen oder anderen Instrument in den Ton zu graben. Praktisch war damit aber wiederum der Weg betreten, der im weiteren Ver­lauf der Zeichnung (und noch weiter zur Schrift) führen konnte und mußte. Denn es ist im Prinzip doch kein Unterschied, ob ich mit einem Stäbchen in feuchtem Ton, mit Feuerstein in Knochen ritze ober ob ich mit einem Farbstoff (bie Natur liefert Graphit, Rötel ii. a.) an Höhlenwänbe zeichne. (Dennoch hat sich biefc Stufen­folge in Wirklichkeit natürlich nicht entfernt so rafch vollzogen, wie es nach bieser gebrängten Uebersicht erscheinen könnte.)

Nun bleibt aber immer noch bie große Frage: Wie ist der Mensch vom Ornament zur gegenständlichen, roiebergebenben Zeichnung ge­kommen? Wie ist er, mit anbern Worten, aus einem Kunstgewerbler ein Kii n stl e r geworden?

Wir können eine noch so große Abneigung dagegen haben, dem Zufall wichtige Funktionen in der kulturellen Entwicklung zu- zufchreiben, bei der Beantwortung dieser Frage werden wir ohne ihn nicht auskommen. Cs gibt auch Fundftücke aus den für unsere Betrachtung in Frage kommenden urzeitlichen Perioden, die das gleiche sagen. Wir kennen Zeichnungen (Einritzungen) auf Knochen, bie offensichtlich burch gerabezu herausfordernbe Formenspiele an­geregt worden sind. Natürliche Rillen, Vertiefungen und Er­höhungen, Riffe oder sonstige Gebrauchsspuren ergaben fast ohne Zutun das Bild eines Hafen ober anberen Tieres, und nur wenige ..Striche" waren notwendig, es zu vervollständigen. Und es leuchtet wohl ohne weiteres ein, daß von solchenZeichnungen" ein direkter Weg zur selbständig angelegten und ausgeführten wies.

In gleichem, wenn nicht in noch höherem Grade hinnehmbar ist diese Erklärung der Uranfänge für das Gebiet der Plastik, die übrigens bald verhältnismäßig vorherrschend den Menschen bildet. Auch ba sind die erstenWerke" sicher burch geringfügiges, mehr spielerisches Rachhelfen aus einem Materialstück entstauben, beffen Form zufällig dem ober jenem Objekt ähnelte.

Viele an sich wichtige Fragen mußten hier unerörtert bleiben, so 3- .33- die Rolle, bie bei all bem Besprochenen ber Zusammenhang mit Kulturgebrüuchen, Dämonen- ober Talismanzauber spielt. Un= bebingt zu unserem Thema gehört bas indessen wohl nicht. Gesagt aber muß noch werden, daß die ältesten uns erhaltenen Kunstwerke eine Auffassung und Betonung des .für die Menschen ihrer Ent- stehungszeit Wesentlichen erkennen taffen, die uns ehrliche Be­wunderung abnötigt.

Abend in Zelesz.

Von Vicki Baum.

Die alten Akazien schütteten die leichten gefieberten Schatten ihrer Blätter über ben Weg, und schwere Wolken von Lindenduft sanken auf die hohen Wiesen; schon kam die Dämmerung über den Park mit verschlafenen Vogelstimmen und ziehenden Nebeln weiter draußen beim Fluß und mit dem roten Aufleuchten eines Fensters im Schloß.

Schubert griff mit beiden Armen in die blütenbeladenen Lin­denzweige über seinem Kopf und zog einen Ast zu sich herab; ber brad)te_ben Duft von Honig und sommerlicher Stille; eine ganze kleine Seligkeit war es . . .

Den Weg herauf tarn Gekicher und Gstuschel, und die kleinen Komtessen bogen um den Jasminstrauch, der weiter unten stand; fie gingen mit spitzbübischen und scheinheiligen Gesichtern und mußten lachen und lachen.

Dc-r Herr Musikmeister soll uns anschauen!" verlangte die dunkelhaarige Marie und postierte sich in einer schmachtenden Pose an den Stamm der Linde;sind wir schön?"

Die kleine Sardine griff mit spitzen Fingern in die gebauschte Seide ihres Röckchens und machte einen tiefen Knix; die großen Augen hielt sie gesenkt; die Wimpern warfen feine, zitternde Schat­ten auf das unschuldige Gesicht . . .

Schon o ja", sagte Schubert überzeugt. Aber das genügte nicht.

Sehr schon?" fragten beide atemlos.

Sind die Komtesfen aber eitel!"

Schauen Sie uns einmal genau an: Sehen Sie nichts?"

Nein, er sah nichts, der ungeschickte Musikmeister, und die kleinen Komtessen mußten sie ihm erst ganz genau erklären, diese große und aufregende Sache: daß sic zum erstenmal erwachsen frisiert waren, mit Schlupfen und Kämmen, und mit großen gepufften Locken an ben Schläfen. Aber nachdem er cs erst begriffen hatte, fand er es sehr schon, und ganz anders als früher, und fo erwachsen, daß er sich kaum mehr getrauen würde, bei ber Klavierstunbe etwas auszusetzen. Marie lachte unb riß sich plötzlich los unb fegte ben Weg hinunter, wo eben ein blauer Frack burch bie Büsche schillerte; aber die kleine Sardine machte ein altkluges, damenhaftes Gesicht und ging langsam und manierlich hinterher;jetzt zeige ich mich dem Karl Schönstein", sagte sie erwartungsvoll.

Schubert sah der kleinen, zierlichen Gestalt nach, wie sie in der grünen Dämmerung des Weges verschwamm, unb bann mußte er lächeln unb seufzen zugleich. Er ging nach ber anberen Seite und über bie Wiesen, die hoch ftanben unb schon ein wenig feucht waren. Grillen schrillten ihr Lied, und das klang wie hundert eifrige kleine Sägen. An ber nichtigen Parkmauer ftanb er still unb sah bem Abend zu.

Der kam ganz sacht über die Wiesen unb bie grünen Felber bnher. von dem blauen Strich bes Walbes in ber Ferne unb von ben Wolken, die dort in vielen sonderbaren Farben entschliefen. Die Waag schimmerte bleigrau herauf, bie Straße ging zwischen Obst­bäumen burch das flache Land, unb ein Posthorn klang, leise erst, bann näher und immer näher, mit dem Rollen von Rädern und einem jäh aufspringenden Hundegebell; und bann mieber ferner, ferner, ferner . . . Der Abendwinb wellte über bie Wiesen, Efeu rankte bie Mauer empor und zitterte in der sanft bewegten Luft.

Schon war die Welt ...

Schubert wandte sich unb ging einem Lachen nach, das herbei- geftaitert kam; vor bem Schloß würbe im letzten Schein bes Tages mit Feberbällen gespielt. Die kleinen Gräfinnen flogen bahin unb dorthin, den farbigen Bällen nach, unb ein paar junge Leute waren ba, in Fräcken unb mit vielem feinen Leinengefältel an Brust und Manschetten. Graf Esterhazy, von einem Ritt durch die Felder heim- gekehrt, saß auf dem Pferd unb warf anfeuernbe Rufe zu den Spielenben. An einem Baumstamm gebrückt sah Schubert eine Weile zu, bis ber Baron Schönstein ihn entdeckte und einGuten Abend" durch die sinkende Dunkelheit schickte.Schubert, nach bem Souper soll gesungen werden!" rief die Gräfin von ber Terrasse her; aber bie kleine Komtesse Sardine huschte zu ihm hinüber und flüsterte:Wir wollen tanzen nachher, nicht wahr, ja? Sie haben mir neue Walzer versprochen. Sinb fiefertig? Ich freue mich so barauf!"

Sie freuen sich? Ist bas wahr, Komteß?"

Schubert nahm die kleine Kinderhanb, die sich ihm dringlich ent- gegenftreette.

Ja, die deutschen Tanze sind fertig, und Sie müssen mir sagen: Freuen Sie sich denn wirklich?"