— 211 —
sie ihre Reisen: Die Irrfahrten der Schisse auf dem schäumenden Meer, die Fußwandenmgen durch den glühenden Sand, die Wildheit der Heiden, die Höhlen Syriens, die Krippe und das Heilige Grab. Und schließlich trennten sie für den Junker Muscheln von ihren Mänteln.
Oft auch bewirtete der Burgherr seine alten Waffengefährten. Während sie tranken, gedachten sie ihrer Kriegszüge, der Burgerftür- mungen unter dem Gedröhn der Maschinen und der wunderbaren Verwundungen. Julian, der ihnen zuhörte, schrie auf dabei, und da zweifelte sein Vater nicht mehr, daß er einst ein Eroberer werden würde. Abends aber, nach Schluß des Angelus, wenn er an den sich verneigenden Armen vorbeischritt, griff er mit so großer Bescheidenheit und einer so edeln Miene in seine Geldtasche, daß seine Mutter ganz bestimmt darauf rechnete, ihn später als Bischof zu sehen.
Sein Platz in der Kapelle war zu Seiten seiner Eltern, und so lange das Amt auch dauerte, er blieb auf den Knien in feinem Betstuhl, das Barett auf der Erde und die Hände gefaltet.
Eines Tages, als er während der Messe von ungefähr den Kopf hob, bemerkte er eine kleine, weihe Maus, die aus einem Loch in der Mauer hervorkam. Sie kletterte auf die erste Stufe des Altars und flüchtete nach zwei oder drei Wendungen nach rechts und nach links in derselben Richtung zurück. Am nächsten Sonntag machte ihn der Gedanke, er könne sie Wiedersehen, unruhig. Sie kam, und an jedem Sonntag wartete er nun auf sie, fühlte sich endlich belästigt dadurch, faßte einen Haß gegen sie und beschloß, sich ihrer zu entledigen.
Nachdem er also die Tür gefchlossen und Kuchenkrümchen auf die Stufen gestreut halte, stellte er sich vor das Loch, einen Stecken in der Hand.
Rach sehr langer Zeit erschien ein rosiges Schnäuzchen, dann die ganze Maus. Er tat einen leichten Schlag und stand erstaunt vordem kleinen Körper, der sich nicht mehr regte. Ein Bluttropfen fleckte auf der Diele. Er wischte ihn schnell mit feinem Aermel ab, warf die Maus vor die Tür und sagte zu niemandem etwas.
Allerlei Vögelchen pickten im Garten die Körner auf. Er kam auf den Gedanken, Erbsen in ein hohles Schilfrohr zu stecken. Sobald er es in einem Äaume zwitschern hörte, näherte er sich behutsam, blies seine Backen auf, und die Tierchen regneten so reichlich auf feine Schultern herab, daß er, glücklich über seine Bosheit, sich des Lachens nicht erwehren konnte. Ms er eines Morgens von feiner Jagd über die Mauer zurückkam, sah er auf dem Rande des Walles eine große Taube, die sich in der Sonne blähte. Julian blieb stehen, um sie anzuschauen. Die Mauer hatte hier eins schadhafte Stelle, und so fanden sich losgebrachene Steine unter feiner Hand. Er drehte seinen Arm, und der Stein schlug auf den Vogel herab, der von seinem Block in den Graben fiel.
Er eilte in die Tiefe und durchspürte, sich am Buschwerk ritzend, den Graben flinker als ein junger Hund.
Die Taube zückte mit gebrochenen Flügeln in dem Geäst eines Ligusterstrauches.
Das Beharren ihres Lebens reizte das Kind auf. Es begann sie zu würgen, und die Zuckungen des Vogels machten fein Herz klopfen und erfüllten es mit einer wilden und tosenden Lust. Beim letzten Krampf fühlte es seine Sinne vergehen.
Abends während des Essens erklärte fein Vater, daß man in feinem Alter das Weidwerk erlernen müsse, und holte ein altes Schreibheft herbei, welches in Fragen und Antworten alle Freuden der Weidmannskunst enthielt. Ein Meister lehrte darin seinem Schüler die Kunst, Hunde zu zähmen und Falken nbzurichten, Fallen zu stellen, den Hirsch an seiner Losung, den Fuchs an feiner Spur und den Wolf an seinem Lager zu erkennen, das beste Mittel, ihre Fährten zu finden, auf welche Art man sie hetzt, wo sie gewöhnlich ihre Schlupfwinkel anlegen, welches die günstigsten Winde sind, die Zahl der Schreie und die Regeln des Jagdrechts.
Als Julian alle diese Dinge auswendig hersagen konnte, stellte fein Vater ihm eine Meute zusammen.
Man sah darin zunächst vierundzwanzig Berberwindhunde, schneller als Gazellen, aber Durchgänger, dann siebenzehn Paare bretonischer Hunde, auf rotem Grunde weih gesprenkelt, unerschütterlich in ihrer Zuverlässigkeit, stark in der Brust und große Beller. Für die Sauhatz und die gefährlichen Gänge waren vierzig wie Bären behaarte Pinscher da.'Feuersarbene Tatarenhunde, fast ebenso groß wie Esel, mit bereitem Rücken und geraden Läusen, waren bestimmt, die Auerochsen zu verfolgen. Das schwarze Fell der Wachtelhunde leuchtete wie Atlas, und" das Belfern der Talbots kam der Hasenhetzhunde gleich. In einem besonderen Hose knurrten, an ihren Ketten rüttelnd und die Augen rollend, acht alanische Doggen, furchtbare Tiere, welche den Reitern an den Leib springen und selbst vor Löwen keine Furcht haben.
Alle fraßen Weizenbrot, tranken aus Steintrögen und hatten klangvolle Rainen.
Die Falknerei übertraf vielleicht noch die Meute, der wackre Burgherr hatte sich vermöge seines Geldes kaukasische Sperber« Männchen, babylonische Würgefalken, deutsche Gerfalken und Wanderfalken verschafft, die auf KlipKen am Gestade kalter Meere in fernen Ländern gefangen worden waren. Sie hausten in einem strohbedeckten Schuppen und hatten, der Größe nach auf der Stange befestigt, ein Stück Rasen vor sich, worauf man sie von Zeit zu Zeit niedersetzte, um sie gelenkig zu erhalten.
Säcke, Schlingen, Wolsseisen und alle Arten von andern Fallen wurden verfertigt.
Oft führte man Vorstehhunde ins Feld, welche gar bald stan- oen. Dann gingen Jäger Schritt für Schritt vor und breiteten über 'hre regungslosen Körper behutsam ein mächtiges Netz. Ein Zuruf machte sie bellen, die Wachteln flogen auf, und die mit ihren Männern zusammen geladenen Damen der Umgegend, die Kinder und die Kammerfrauen, alle stürzten sich darüber und fingen sie leicht.
3u andern Malen ließ man, um die Hafen aufzujagen, Trommeln rühren; Füchse stürzten in Gruden, ober ein Eisen fing, sich lösend, einen Wolf am Lauf. Julian aber verachtete diese bequemen Kunstgriffe, er zog es vor, fern von aller Welt zu Pferde mit seinem Falken zu jagen, Es war fast immer ein großer, schneeweißer Wanderfalke aus Skythien. Seine Lederkappe überragte ein Federbusch, und goldene Schellen klirrten an seinen blauen Fängen, er faß fest auf dem Arm seines Herrn, während das Pferd gallo- pierte und dis Ebenen sich entrollten. Julian ließ ihn, den Wurfriemen lösend, plötzlich frei, das kühne Tier stieg wie ein Pfeil gerade in die Luft, und bald sah man zwei ungleiche Punkte kreisen, sich verbinden und in den Höhen des Himmels verschwinden. Julian beizte auf diese Art den Reiher, den Habicht, die Krähe und den Geier.
Er liebte, das Jagdhorn zu blasen, seinen Hunden zu folgen, welche auf den Hängen der Hügel entlang liefen, über die Bäche sprangen und wieder ins Gehölz hinauf hetzten, und wenn der Hirsch unter den Bißwunden zu ächzen anfing, erlegte er ihn gewandt und ergötzte sich dann an der Wut der Hunde, die ihn verschlangen, nachdem er ihn auf feiner dampfenden Haut zerlegt hatte.
An Nebeltagen zog er an einen Sumpf, um Gänse, Ottern und Enten zu ertauern.
Drei Knappen erwarteten ihn bei Tagesanbruch am Fuß der Treppe, und der alte Mönch mochte sich immer aus feiner Turmluke beugen und ihm Zeichen machen, um ihn zurückzurufen, Julian wandte sich nicht um. Er zog aus bei Sonnenglut, im Regen, im Sturme, trank das Wasser der Quellen aus feiner Hand, ah trabend wilde Aepsel, und wenn er müde war, ruhte er sich unter einer Eiche aus. In der Mitte der Nacht kehrte er dann schmutz- und blutbedeckt zurück, mit Dornen in den Haaren und den Geruch der wilden Tiere ausströmend. Er wurde wie sie. Wenn seine Mutter ihn küßte, litt er kalt ihre Umarmung und schien tiefen Singen nachzusinnen. ®r tötete Bären mit Messerstößen, Stiere mit dem Beil, Eber mit dem Spieß, und einmal sogar, als er nur noch einen Stock hatte, verteidigte er sich gegen Wölfe, die am Fuße eines Galgens Kadaver benagten.---
An einem Wintermorgen ritt er wohlgerüstet, eine Armbrust auf der Schulter, ein Bündel Pfeile am Sattelbogen, vor Tagesanbruch fort.
Unter den gleichmäßigen Tritten seines dänischen Hengstes, hinter dem zwei Dachshunde herliefen, dröhnte der Erdboden. Eistropfen hängten sich an feinen Mantel, und ein scharfer Wind blies. Eine Seite des Himmels erhellte sich, und in der Helligkeit der Dämmerung gewahrte er Kaninchen, welche am Rande ihres Baues um« herhüpften. Die beiden Dachshunde stürzten sich sogleich über sie und zerbrachen ihnen, ungestüm nach rechts und nach links beißend, das Rückgrat.
Bald kam er in einen Wald. Auf einem Ast schlief ein Auerhahn, starr vor Kälte, den Kopf unter dem Flügel. Julian schnitt ihm mit einem Säbelhieb beide Ständer ab und setzte, ohne ihn aufzuheben, seinen Weg fort.
Drei Stunden später befand er sich auf der Spitze eines so hohen Hügels, daß der Himmel fast schwarz erschien. Vor ihm senkte sich, über einen Absturz hängend, ein Fels gleich einer langen Mauer, und an der äußersten Spitze schauten zwei Wildböcke in die Tiefe hinab. Da er feine Pfeile nicht hatte (denn sein Pferd war zurückgeblieben), verfiel er auf den Gedanken, bis zu ihnen hinabzuklimmen: halb gelauert gelangte er endlich barfuß bis zu dem ersten der Böcke und bohrte ihm feinen Dolch zwischen die Rippen. Der zweite sprang, von Furcht gepackt, ins Leere. Julian schnellte vor, um ihn zu töten, und fiel, mit dem rechten Fuß ausgleitend, auf den toten Körper des ersten, das Gesicht über dem Abgrund, die Arme ausgebreitet.
In die Ebene zurückgeftiegen, folgte er Weiden, welche einen Fluß einfaßten. Niedrig fliegende Kraniche tarnen von Zeit zu Zeit dicht über feinem Kopf vorbei. Julian erschlug sie mit feiner Peitsche und verfehlte nicht einen.
Währenddessen hatte die lauere Luft den Reif geschmolzen, breite Nebel brauten, und die Sonne brach durch. Ganz in der Ferne gewahrte er das Aufleuchten eines gefrorenen Sees, der wie Blei aus- sah. In der Mitte des Sees war ein Sier, das Julian nicht kannte, em Biber mit schwarzer Schnauze. Trotz der Entfernung tötete ihn ein Pfeil, und cs verdroß Julian, daß er das Fell nicht mitnehmen konnte.
Darauf ritt er einen Weg zwischen großen Bäumen entlang, welche mit ihren Wipfeln eine Art Triumphbogen vor dem Eingang eines Waldes bildeten. Ein Rehbock sprang aus einem Busch, ein Damhirsch tauchte an einer Ecke auf, ein Dachs kam aus einem Loch hervor, ein Pfau entfaltete auf dem Rasen seinen Schweif — und nachdem er sie alle niedergemacht hatte, zeigten sich andere Rehe, andere Damhirsche, andere Dachse, andere Pfauen und Amseln, Häher, Iltisse, Füchse, Igel, Luchse, eine Unzahl von Tieren und bei jedem Schritt mehr. Sie kreisten um ihn, zitternd, mit einem Blick voller Sanftheit und Flehen. Aber Julian wurde nicht müde, abwechselnd seine Armbrust spannend, seinen Säbel ziehend, mit seinem Fänger stoßend, zu töten, und dachte an nichts und hatte an nichts
■


