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schließt sich zeitlich wieder unmittelbar an die ersten geräuschvollen Siege der französischen Romantik an. Es war kein Zufall, sondern innere Verwandtschaft, die einen Baudelaire, Flauberts Zeit- und Leidensgenossen, zum ersten begeisterten Wagnerianer in Frankreich machte.

Betrachtet man derart die großen europäischen Geistesbewegungen nicht nach der literaturgeschichtlichen Schablone bestimmterSchulen" so ergibt sich ein großes einheitliches Fluten über alle Etiketten und Landesgrenzen hinaus, genau wie zur Zeit des Rittertums ruid der Gothik oder des Rokoko, nur daß in unserem Falle Deutsch­land nicht der Empfangende, sondern der Gebende war. Gewiß war cs Rousseau, der zuerst mit der Kultur und dem Rationalis­mus des Rokoko furchtbar abrechnete, und der Schallboden von Paris, die damalige unbestrittene Suprematie Frankreichs in Sprache und Sitten sicherte ihm einen europäiscben Erfolg, der sich' am deutlichsten in GoethesWerther" zeigte. Aber für Rousseau war dieRatur , die er derKultur" entgegensetzte, weniger ein Cr- lebms als ein« Negation derKultur", an der er litt und die ihn anekelte. In Deutschland dagegen wurde dieNatur" ein Ur- erlebnis, em neues Weltgefühl, bei Klopftock noch verschwommen, aber bei Hamann und dann bei Herder, der Hamanns dunkle Mystik in begreifbare Formeln brachte, zum Mittelpunkt einer völligen Umwälzung und Neuorientierung des Geistes, die sich dann ele­mentar inSturm und Drang" in Kunst umsetzte und alle Lebens- gebiete durchdrang. Bon hier cais wurde auch die Anknüpfung an Shakespeare gewonnen, der für Goethe wie für die deutsche Ro- mantik und später für Flaubert nicht blaß zu einem literarischen Abgott, sondern zum Lebensprinzip, zur überpersönlichen Macht wurde. Diese Geistesflut, an deren Quelle Hamann und Herder standen, hat ein Jahrhundert hindurch immer neue Wogen nuf- schlagen lassen, von Goethe und der Romantik bis zu Wagner und Niizschs. Von ihr ist auch Flaubert emporgetragen morden. Seine individuelle Erscheinung, die besonders Varietät seiner Kunst wird dadurch nicht verkleinert, sondern nur näher bestimmt. Sie ist, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, die eines religiösen Men- sche>; ohne Religion. Unb hierin liegt zugleich Flauberts Tragödie. Das neue Weltgefühl, das die Menschen seit Rousseau und Klop- stock ergriffen hatte, war wie jedes Urerlebnis religiöser Art, mußte es auch bei Flaubert sein. Aber zugleich hatte seinerelioionslose Erziehung" seinen Geist frühzeitig mit einem Skeptizismus erfüllt, der durch seine Hinwendung zur Geschichte und Naturwissenschaft zur Verzweiflung des Nichtwissenkönnens, zum Zweifel an allen menschlichen Glaubens- und Lehrmeinungen wurde. Gemüt und Kopf gingen bei ihm also entgegengesetzte Wege, tmb aus diesem ewigen qualvollen Widerstreit zwischen Herz und Denken ist der ganze Inhalt seiner Kunst und die klassische Schönheit ihrer Form ge­boren. Die Ueberwelt, die er im Glauben nicht finden konnte, fand er in seinemästhetischen Mystizismus", in einem Reiche der Schönheit und Vollendung, das in seinen Werken in die Wirklich- fcit zu ziehen das zähe, inbrünstige und heroische Streben seines Lebens gewesen ist. DieserHeilige der Kunst" hat sein Lebens- glück der künstlerischen Offenbarung des Schönen geopfert.

Die Sage von Zankt Iulianus dem Gastfreien.

Bon G u st a v e F l a u b e r t*).

Julians Eltern bewohnten inmitten von Wäldern, auf dem Ab­hange eines Hügels, ein Schloß.

Die vier Türme an den Ecken hatten spitze, mit Bleischindeln ge­deckte Dächer, und die Mauern standen auf Felsrändern, welche schroff bis auf den Grund der Wassergräben abfielen.

Das Pflaster des Hofes war sauber wie die Fliesen in einer Kirche. Lange Traufen in Gestalt von Drachen mit nach unten ge­lehrtem Rachen spieen das Regenwasser nach der Zisterne, und auf den Fensterrändern blühte in jedem Stockwerk in einem bemalten Tontopf Königskraut oder Heliotrop.

Ein zweiter hölzerner Zaun umschloß zunächst einen Obstgarten, ferner ein großes Beet, in welchem Blumenreihen Namenszüge zeich­neten, dann, zur Erholung in frischer Luft, eine Laube mit^Bogen­gängen, und endlich ein Mailspiel, das zur Belustigung der Edel­knaben diente. Auf der andern Seite befanden sich die Ställe, der Hundezwinger, die Bäckerei, die Kelter und die Scheuern. Eine grüne Grasweide, welche ebenfalls, und zwar von einer starken Dornen­hecke eingezäunt war, erstreckte sich ringsherum.

Man lebte seit so langer Zeit im Frieden, daß das Fallgatter nicht mehr herunterging. Die Gräben waren voll Wasser, in den Aus­schnitten der Zinnen hatten Schwalben ihre Nester gebaut, und der Bogenschütze, der den ganzen Tag über auf dem Wall einherging, zog sich, sobald die Sonne zu stark glühte, in das Wachthäuschen zurück und schlief dort ein wie ein Mönch.

Im Innern erglänzten überall eiserne Beschläge, Teppiche schützten in den Gemächern vor der Kälte, und die Schränke strotzten von Linnen. In den Kellern waren die Weintonnen hoch gestapelt, und die Eichentruhen krachten unter der Last der Geldsäcke.

In dem Waffensaal sah man zwischen Fahnen und Hirschköpfen Waffen aller Zeiten und aller Völker, von den Schleudern der Anralekiter und den Wurfspießen der Garamanten bis zu den breiten Schwertern der Sarazenen und den Panzerhemden der Nor­mannen.

*) Dem Text liegt die Uebertragung Ernst Hardts «Insel-Bücherei, Leipzig) zugrunde.

Aus dem Hauptbratspieß in der Küche konnte man einen Ochsen raenöen, und die Kapelle war prächtig wie eines Königs Betzimmer. -m<7^I^5,"^E^"^".dtelle befand sich sogar eine auf römische Art emgericytete Badestube, aber der wackere Burgherr benutzte sie nicht da er das für einen Brauch der Götzendiener hielt.

, Stets in einen Fuchspelz gehüllt, ging er in seinem Hause um­her, sprach zwischen seinen Jnstleuten Recht und schlichtete die Fehden seiner Nachbarn. Zur Winterszeit schaute er in die fallenden Schnee­flocken, oder er ließ auch Geschichten vorlesen. Von den ersten schönen Tagen an ritt er auf seinem Maultiere die schmalen Pfade am Rande der grimenden Felder entlang und unterhielt sich mit den Bauern, denen er Ratschläge erteilte.

Nach vielen Abenteuern hatte er ein Fräulein hoher Abkunft zur Frau genommen. Sie war sehr blaß, sehr ernst und ein wenig stolz. Die Spitzen ihrer Haube streiften die Türbalken, und die Schleppe ihres Tuchkleides schleifte drei Schritte hinter ihr. Ihr Hauswesen war geregelt wie das Innere eines Klosters, jeden Morgen teilte sie unter ihren Mägden die Arbeit aus, überwachte das Zuckerwerk und die Salben und spann am Rocken oder stickte Altardecken. Kraft ihrer Gebete zu Gott bekam sie einen Sohn.

Da gab es große Lustbarkeiten und ein Mahl, welches drei Tage und vier Nächte bei Fackelschein und Harfenklang auf Laubgestreuen dauerte. Man dort die seltensten Gewürze zu Hühnern, welche so groß wie Hammel waren, zur Belustigung kroch ein Zwerg aus einer Pastete, und das Geschirr reichte zuletzt nicht mehr, denn die Menge wuchs beständig, man war gezwungen, aus den Hifthörnern und aus den Helmen zu trinken.

Die junge Wöchnerin wohnte diesen Festen nicht bei. Sie lag still in ihrem Bett. Eines Abends erwachte sie und gewahrte bei einem Strahl des Mondes, der durch das Fenster drang, etwas wie einen schwebenden Schatten. Es war ein Greis in einer Wollenkutte mit einem Rosenkranz an der Seite und einem Bettelsack auf der Schulter, dem ganzen Aussehen nach ein Einsiedler. Er näherte sich ihrem Lager und sagte, ohne die Lippen zu öffnen:

Freue dich, o Mutter, dein Sohn wird ein Heiliger werden!"

Sie wollte schreien, aber er erhob sich, auf dem Strahl des Mondes gleitend, sanft in die Luft und verschwand. Die Lieder des Gelages erschallen lauter. Sie glaubte die Stimmen der Engel zu vernehmen, und ihr Kopf sank auf das Kissen zurück, über welchem ein Märtyrerknochen in einem Karfunkelrahmen hing.

Am andern Morgen versicherten alle befragten Diener, daß sie keinen Einsiedler gesehen hätten. Traum oder Wirklichkeit, es mußte eine Himmelsbotschaft sein, aber sie trug Sorge, nichts davon zu verraten, aus Furcht, man könne sie der Hoffart zeihen.

Die Festgenossen brachen im Morgendämmer auf, und der Vater Julians befand sich vor dem Falltore, wohin er den letzten Gast geleitet hatte, als sich plötzlich ein Bettler vor ihm im Nebel auf­richtete. Es war ein Zigeuner mit geflochtenem Bart und Silber­spangen an beiden Armen und mit funkelnden Augen. Er stammelte mit begeistertem Ausdruck ohne Zusammenhang diese Worte:

O! o! Dein Sohn! . . . Viel Blut . . . Viel Ruhm! . . . immer glücklich! Die Familie eines Kaisers."

Mnd, indem er sich niederbückte, um sein Almosen aufzuheben, verlor er sich im Grase und verschwand.

Der wackere Burgherr sah nach rechts und nach links, rief soviel er konnte nichts. Der Wind pfiff, die Morgennebel verflogen.

Er schrieb dieses Gesicht der Müdigkeit seines Kopses zu, der zu wenig geschlafen hatte. Wenn ich davon spreche, wird man mich auslachen, sagte er sich. Nichtsdestoweniger blendete ihn der seinem Sohne bestimmte Glanz, trotzdem die Verheißung darüber nicht klar war und er sogar zweifelte, sie gehört zu haben.

Die Ehegatten verbargen einander ihr Geheimnis. Aber alle beide liebten dos Kind mit einer gleichen Liebe, und da sie es als von Gott bezeichnet achteten, hegten sie es mit unendlicher Sorgfalt. Sein Veilchen war mit feinstem Flaum gepolstert, eine Lampe in ©eftalt einer Taube brannte unaufhörlich darüber, drei Ammen wiegten cs, und wenn es solcherweise eng in seine Windeln gewickelt dalag, glich es mit seinem rosigen Gesichtchen, seinen blauen Augen, seinem Brokatmantel und seinem peribeladenen Häubchen einem kleinen Jesus. Die Zähne wuchsen ihm, ohne daß es ein einziges Mal meinte.

Als es sieben Jahre alt geworden war, lehrte es feine Mutter fingen. Um es mutig zu machen, setzte sein Vater es auf ein großes Pferd. Das Kind lächelte behaglich und säumte nicht, alles zu er­lernen, was die Streitrosse betraf.

Ein alter, sehr gelahrter Mönch lehrte es die Heilige Schrift, die Zählung der Araber, die lateinischen Lettern und die Verfertigung artiger Malereien auf Pergament. Hoch oben in einem Türmchen arbeiteten sie zusammen, abseits von allem Geräusch. Nach beendig­ter Stunde fliegen sie in den Garten hinab, und auf- und nieder- wandelnd studierten sie dort die Blumen.

Manchmal gewahrte man einen Zug von Saumtieren, welche von einem auf inorgenländische Art herausgeputzten Fußgänger geführt die Tiefe des Tales durchwanderten. Der Burgherr, der in ihm einen Kaufmann erkennen mochte, schickte einen seiner Knechte hin­unter. Der Fremde kehrte dann, Vertrauen fassend, auf seinem Wege um und zog, nachdem man ihn in das Wohnzimmer geführt hatte, aus feinen Kästen Samt- und Seidenstücke, Goldschmiedemoren, Spezereien und seltsame Dinge hervor, deren Verwendung unbe­kannt war, und schließlich ging der gute Mann mit einem großen Gewinst fort, ohne irgend Gewalt erlitten zu haben. Ein anderes Mal klopfte eine Pilgerschar ans Tor. Ihre durchnäßten Kleider dampften vor dem Herd, und als sie sich gestärkt hotten, schilderten