Gietzener Zamilienblätter
Unterhaltungrbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, den 3. Juli Nummer 53
Abend auf der Terrasse von Saint Cloud.
Von Oskar L o e r k e.
Bang ift's, — als stände wer gebeugt auf unsere Erde;--
Verhüllt jein Leib von Städten, Strömen, Moor und Lehm, Sein Haupt von stürmeoollem Wolkendiadem, Und nur die Arme, wie mit brünstiger Gebärde Am Horizont entlang gebreitet, sieht man fahl
Durch goldnen Rauch. Und aus den Höhen in das Tal Geht feine Stimme. Um die Lippen spielt der Qualm! Der leuchtet feurig, bricht durch ihn des Riefen Psalm. Vor ängstend großer Liebe ruft er dies Auf eine Stadt:
Ma Soeur! — ma Soeur! — ma Socur!
Dort unten liegt, ein graues Steingetüm, Paris, In Dunst bis zu den Nebelburgen Sacre Coeur. Und jemand wartet, — atmet mit profundem Zuge.--
Da fliegt dicht neben mir ein Abendvogel aus, Deckt zu das Pantheon und unserer Dame Haus, Ob er gleich klein ist. Denn er wächst an seinem Fluge Und Wurfe aus des Westens in des Nordens Schein. Schon scheint er mehr als unter ihm die Stadt zu fein, Weil die geheimnisvolle'Brunst aus Wolkenqualm Sich an ihn drängt und jenes dunklen Riesen Psalm, Vor Liebe graunvoll, ihm nur jauchzt. Ich höre dies Wie inner» Sturm: 4:,’
Ma Soeur! — ma Soeur! — ma Soeur!
Jemand verwarf für einen Vogelflug Paris. Nacht schluckt den weißen Martexberg um Sacre Coeur.
Gustave Flaubert.
Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski.
Er war einer der entscheidenden Dichter des 19. Jahrhunderts, ein „guter Europäer" im Sinne Friedrich Nietzsches. Seine Wirkung ist ebenso langsam wie nachhaltig gewesen. In einer Zeit der Viel- und Breitschreiberei, wo selbst die Größten unter seinen Landsleuten, Balzac und Hugo, mit ganzen Schlachtreihen von Büchern anrückten, war Flauberts Lebenswerk nur ein kleiner Sturmtrupp von sechs Bändern, aber jedes von einer konzentrierten Kraft, die eine Lücke in eine ganze Schlachtfront riß, in die dann Scharen van Kämpfern einbrachen. Solch ein Buch war schon sein Erstling „Madame Bo- vary" (1856), worin er zum erstenmal mit Bewußtheit „der Kunst durch unerbittliche Methode die Präzision der Naturwissenschaften zu geben" suchte, das erste „klassische" Werk des konsequenten Naturalismus. Seine Schüler Maupassant, Zola, Daudet haben sich unter seine!» unmittelbaren Einfluß entwickelt, die Goncourts standen in seiner Sphäre, und schließlich ist Anatole France durch Flauberts kulturhistori che Romane und Novellen — „Salambo" (1862), „He- rodias" und „Sankt Julian" (beide 1877) — schließlich auch durch „Die Versuchung des Hl. Antonius" (1872) aufs tiefste befruchtet worden. Was uns heute aus Frances Werken an kulturhistorischen Raffinements und kulturhistorischer Ironie geläufig ist, das verständnislose Aufeinanderprallen und Nebeneinanderherlaufen verschiedener Kulturen imb Glaubensmeinungen, das alles findet sich zuerst in Flauberts Kunst. Aber auch über Frankreich hinaus ist sein Einfluß nachhaltig gewesen; sein langjähriger Freund Turgeniew hat bei ihm gelernt; „Herodias" ist zum Vorbild von Oskar Wildes Me.ster- drama „Salome" und somit von R. Strauß' Oper geworden, von Sudermanns „Johannes" ganz zu schweigen. Und ebenso haben Romane, wie Fontanes „Effi Briest" oder Th. Manns „Buddenbrocks die „Madame Booary" zur Voraussetzung. Man schreibt also ein Stück Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts, wenn man auf Flauberts Schaffen 'eingeht. Gewiß hängt auch dies Schaffen nicht in der Luft. Flaubert hatte Vorgänger in den Realisten Beyle-Stendhal und Balzac, und Paul Bourget, Tolstoi u. a. haben unmittelbar an den ersteren angeknüpft, während Stendhals Schüler Taine aus dessen Werken seine Milieutheorie abgeleitet hat, die zur programmatischen Grundlage naturalistischer Methode geworden ist. Gleichwohl ist der eigentliche Naturalismus erst durch Flauberts Kunst ,n Fluß gekommen, weil der Zeitgeist ihni ein inächtiger Trager wurde, well die neue Macht der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissensaiaft und der Geschichtsschreibung, sich auch das Gebiet der schonen Literatur unterwarf. , , .. . ...
Aber das ist nur die eine Wesenshälfte Flauberts; die andere ist die Romantik. Sein erst nach seinen! Tode veröffentlichtes Jugend- schaffen zeigt ihn noch ganz im Banne der Roinantik, und em roman
tisches Element ist ihm Zeitlebens geblieben, sowohl in der Psychologie seiner Figuren wie in der Schwärmerei für den Orient mit seiner Farbenpracht, seiner Wildheit und fremdartigen Schönheit. So haben Romantik und Naturalismus, diese beiden stärksten Strömungen des 19. Jahrhunderts, in ihm miteinander gerungen, sich gegenseitig durchdrungen und in seinem Werk eine eigenartige Synthese vollzogen. Seine Seele war gleichsam das Schlachtfeld, auf dem die großen geistigen Krisen durchgekämpft wurden, die Europa seit Voltaire und Rousseau erschüttert haben. Und erst dadurch ist er zu einer repräsentativen Erscheinung seines Zeitalters geworden, wie vor ihm Beyle-Stendhal, nach ihm Maurice Maeterlinck oder Gerhart Hauptmann.
Doppelt nahe steht er uns Deutschen, dem Volke der Weltliteratur, sowohl durch seinen germanischen Muteinschlag wie durch seine aus deutschen Quellen geistreicher Romantik. Der Norinanne Flaubert mit seiner Wikingergestalt, seinen blonden Haaren und blauen Augen, seinem prächtigen Rassekopf, ist nicht nur von Rassefanatikern (O. Hauser) als Germane in Anspruch genommen worden, sondern er hat auch selbst als solcher empfunden. „Im Grunde bin ich Deutscher," sagt er einmal, „nur durch Geduld und Studium habe ich mich von den nordischen Knebeln befreit." Nicht bei ihm, sondern auch bei normännischen Dichtern verschiedenster Zeitalter — von Malherbe und Corneille bis zu Flauberts Schüler Maupassant und zu Henri de Regnier — wird man diese Familienähnlichkeit finden, eine nordische Härte und Herbigkeit, die sich die runde, lateinische Form erst mühsam bis zur Vollendung, aber nie bis zur seichten Eleganz erarbeitet. Auch der Sinn für das Unendliche, Uferlose, das Streben in die Ferne (Baudelaires goüt del’infini), die unstillbare Sehnsuchi, deren Größe Flaubert geradezu als Maßstab einer Seele erschien, ist zwar allen romantischen Naturen gemeinsam, aber nirgends stärker entwickelt als bei den meeranwohnenden, meerbefahrenden Germanen: Flaubert s Nachbaren, die Vlamsn De Coster, Rodenbach, Verhaeren und Maeterlinck mit ihrem mystischen Allgefühl geben ein beredtes Zeugnis dafür.
Es ist daher kein Wunder, daß die deutsche Romantik Flaubert mächtig anzog, daß selbst da, wo er sie nicht kannte, seine Geistesverwandtschaft mit ihr auch von der französischen Kritik betont worden ist. So findet z. B. Henri Grappin (Revue de Paris vom 15. 12. 1912) auffällige Uebereinstimmungen zwischen dem jungen Flaubert und Jean Pauls Ludwig Treck und der damaligen deutschen Mystik, die er gar nicht gelesen haben kann, weil sie in Frankreich nicht übersetzt 'war. Umgekehrt führte dieser äußere Umstand zu einer frühen und starken Bekanntschaft Flauberts mit E. Th. A. Hoffmann, der sich bekanntlich in Frankreich viel längerer Beliebtheit erfreut hat, als in seinem Vaterlands. Sein Vorbild tritt uns schon in zwei Erzählungen des 16jährigen Flaubert entgegen, in den „Memoires d’un fou" und in der Novelle „Bücherwahn", die bereits ein Stück von Flauberts eignem Leben vorweg nimmt, die schauerliche Einsamkeit des „literarischen Mönches" und seine ausschließliche Leidenschaft für Bücher. Daneben schlug ihn vor allem Goethe in Bann, dessen eine Wesensseite ja ganz der, Romantik gehört. Schon in seinem „Höllentraum" (1837) ist der Einfluß des „Faust" deutlich spürbar, ebenso später der des „Wilhelm Meister" in Flauberts Erziehungsroman „Die Schule der Empfindsamkeit". Aber es waren nicht nur einzelne Werke Goethes, es war seine ganze künstlerische Erscheinung, die Flaubert bestrickte. In seinem Nachlaß hat sich eine lange Jugenddichtung „An Goethe" gefunden, die Flauberts ganze Künstlermoral vorwegnimmt: Daß der echte Künstler zugunsten seiner Kunst auf das Lebensglllck verzichten müsse. Später, als Flaubert sich von der Romantik ab und der Wissenschaft zugewandt hatte, waren es zahlreiche gelehrte deutsche Werke, von Humboldt, Hegel und H. Ritter bis zu Strauß und Hackel, die er lobte und empfahl und aus denen er sich zahlreiche Auszüge machte. Aber noch als alter Mann (1870) vertiefte er sich m „Goethes Gespräche mit Eckermann".
Diese Abhängigkeit von deutschen Vorbildern erklärte sich freilich nicht nur aus Flauberts Rassenverwandtschaft, sondern auch aus rein zeitlichen Gelegenheiten, die Romantik war in Frankreich spat zum Siege gelangt, am spätestens in ganz Europa, zu einer Zeit, wo sie in Deutschland bereits abgeblüht war und das „Junge Deutschland" neue Wege einschlug. In den furchtbaren Erschütterungen und Revolutionen des Kaiserreichs war die französische Romantik über Ansätze nicht hinausgekommen, um sich erst in der schwunglosen Restaurationszeit und in der spießbürgerlichen Enge des Bürgerkönigstums voll zu entfalten. Die deutsche Romantik aber stand als etwas Fertiges da, und so war es natürlich, daß die sranzösische an sie anknüpfte und sich von ihr befruchten ließ. Nur in der Musik, die stets am spätesten kommt, erlebte die deutsche Romantik durch R. Wagner noch eine üppige Nachblute, und diese


