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Mr wenden und zischen:Verräter, sei verflucht! Mehr noch: zeitweilig wird das Schicksal sich deiner erbarmen, du öxrft einen Freund finden, aber du wirst ihn verraten, und aus der Tiefe des Kerkers wird dieser Freund zu dir schreien:Verräter, sei verflucht!" Du wirst die Fähigkeit erhalten, Gutes zu tun, aber deine guten Taten werden dir die Herzen der Menschen nicht gewinnen Sie werden sich von dir abwenden und rufensSei verflucht, Verräter! Lind verflucht seien alle deine Werke! Lind so wirst du jahraus jahrein wandern mit der ine gestillten Quai im Herzen, mit zerrissener Seele. Lebe, Verräter, und sei künftigen Geschlechtern ein Zeugnis der nie endenden Marter, die bem Verräter zuteil wird. Steh auf, nimm als Wanderstab den Ast, an dem du den Tod zu finden hofftest und geh!"

Lind kaum war das Wort des Auferstandenen in der Lust verhallt, da erhob sich der Verräter vom Boden, nahm seinen Siab und bald verklangen seine Schritte in der unendlichen, rätselhaften Ferne, wo seiner ein Leben ohne 2tiM ohne Ende harrte. Lind so zieht er noch heute durch die Welt und sat überall Verwirrung. Verrat und Zwietracht.

Das deutsche Bildnis des Heilands.

Don Johannes Heinrich Draach.

Matthias Grünewald schrie auf, schleuderte dem Farben- reiber Pinsel und Palette ins Gesicht und stürzte aus der Kirche. Fromme Gestalten, die er malte, waren zu fletschenden Mäulern, drohenden Leibern und gierig gespreizten Krallen geworden, Engel und Seraphine hatten sich in gespenstige Kreaturen, und die Dämonen Höll.scher Scheußlichkeit aus dein Antoniusflugel in noch verzerrtere Grimassen verwandelt. Eine Horde geifernder Fratzen' wütete hinter ihm her. Ausgerissene Lider, stoßender Anqstatem, bebende Lippen und zuckende Bewegungen der Arme _ der Körper des Fliehenden wand sich unter grauenvollen Vorstellungen des Verfolgungswahnes

Der närrische Maler hat einen tollen Lag , höhnten die Burschen und pfiffen auf den Fingern, damit er zusammen­schrecke und noch eintgeisterter vorwärts springe. Verbarg er sich in dunklen Ecken, in Kellereingängen, in Scheunen und Schuppen, gröhlten sie solange, bis er aus dem Versteck hetzte ivre ein Kanin, bein das Frettchen in den CÖciu geraten ift. *

Als der Anfall vorüber und das Bewußtsein zur Wirklich­keit zurückgekehrt war, fand sich Grinewald im Buchengeholz vor Jsenheirn. Vollmond schien mit gelbem Licht durch schwellende Wipfel, irgendwo brach Hochwild durchs Gebüsch, ein Kauz quakte und ängstete kleine Vögel auf. Die Lust schwängerte m süßen Düften. Maiglöckchen und Ginsterbüsche muhten in der Nahe stehem . it beruhigte das Hämmern der Schläfen, das Zerren in den Händen hörte auf. die Sinne dehnten sich aus Schmerzen in wehmütige Bitterkeit und in Schlafbegehren. Aach achtundvierzigstündiger Arbeitszeit war das Angluck gekommen und hatte ihn auf die Straße gejagt Wer weiß, welcher La<^ lichkeit er sich preisgab und zu welchem Spielball des Spottes m ^Seit^ Jahren schuf er an Altarbildern, die bis auf die Dar­stellung des leidenden Heilands vollendet waren. Snnenteile, Schmalflüqsl und Predella zeigten in unnachahmlicher Phantasien- schöpfung Sinfonien göttlicher Offenbarung. Auch imKreuzigungs- gemälde standen schon Maria, Johannes der Evangelist uich Johannes der Täufer in Form und Farbe, allem bei der Gestalt des Erlösers wollte es nicht gelingen, das Werk so zu fassen, daß es als Gleichnis des seelischen Vorsatzes angesehen werden konnte. Grünewald entwarf, zeichnete, malte, kratzte ab, malte wieder und kratzte von neuem ab. Tief im Innern dämmerte und quälte ein anderes, streng bewußtes und doch bestimmtes Ahnen. Es wob über der Absicht, in dem Gemälde neben der sunde­sühnenden Opferpein und der überirdischen Verklärung des Er­lösers einen Hauch unseres Wesens als ein Gebet um Gnade leben zu lassen. , c.

Wo lag die Lösung, und wann wurde sie werden?

Aiedergeschmettert schritt der Meister ins freie Feld. Frisch besteckte Rübenflächen und schon in Halme gewachsene Weizen­äcker säumten &en Pfad. Rehe ästen im satten Klee. Am Himmel zog die M'lchstrahe eine schimmernde Bahn, die blinkende Wage, der Herkules und die sieben Sterne des Wagens funkelten in Maniontenem Glanz. Schönheit, Ruhe und Andacht weihten die Welt.

Ein Wanderer kam durch die Fluren. Sem Schritt schwebte im Daheingleiten, das wallende Gewand wuchs aus der Erde, Lichtschwaden umhüllten ihn mit goldenem Schein. Die junge Saat rauschte und wogte, als wollte sie grüßen und sich demütig beugen

In diesen unruhigen Zeiten bedeutete jede Aachtbegegnung Gefahr. So bog der Meister aus und gab reichlich Platz. Der andere verweilte und wartete auf ein Wort, aber der Menschen­scheue fand keine Silbe, eilte weiter und spähte vorsichtig am näch­sten Erlengebüsch zurück. Die Gestalt war verschwunden, der Anger teer, niemand weit und breit. Die Aatur träumte wie sonst.

Grünewald stürzte fort, bis ihn das Dorf und die Lehnshöfe, Me an der Klostermauer lagen, aufnahmen. In der Enggasfe, die dem Kirchentore zustrebte, trat ihm dieselbe Erscheinung entgegen. Der Herzschlag stockte vor Entsetzen und der Hals preßte sich vor Dangen zu. An ein Ausweichen war nicht zu denken und fliehe« --da stand der Fremde schon vor ihm.

Herr," stotterte der Maler,ich bin ein armer Mann und besitze nichts als meine Kunst". Aengstllch sah er auf und erkannte ein bleiches, leidenverhärmtes Gesicht.

Verzeiht," stolperte sein Wund weiter,ich wußte nicht wenn ihr der Hilfe bedürft und mitkommen wollt, mein Bett ist hart, aber es sei gerne gegönnt.

Der Blasse nickte, sie strebten der Kirche zu. Gespenstig öff­neten sich Me Türen, Orgel und Glocken begannen leise zu tönen, Me ewige Lampe strahlte wie eine Sonne auf und die Kerzen zün­deten sich zu silbernem Leuchten an.

Herr," keuchte Grünewald,seid ihr ein Hexenmeister, viel­leicht der Doktor Faust?"

Als nur ein mildes Lächeln antwortete, ermannte er sich, hob unter dem Malergerüst einen Fetzen Tuch in Me Höhe und sagte:

Hier ist mein Lager, ich muß bei meiner Arbeit ruhen wie der Dauernknecht bei seinen Pferden. Benutzt es statt meiner, wenn euch das Stroh genügt. Besseres habe ich nicht zu vergeben.

Der Gast legte sich nieder, Grünewald setzte sich vor das un­vollendete Bild. Die Müdigkeit war verronnen, er wollte schaffen, damit er die Sonderlichkeiten vergesse: Die klingende Orgel, die niemand spielte, Me Taghelle des Lichtes, das keine Hand ge­weckt hatte und das Seltsame des zweifelhaften ManneS.

Wangen und Stirne trugen die blaubletche, gelbliche Farbe der Toten, die in fürchterlichem Sterben schieden. Der Schläfer drehte sich auf den Rücken, die Arme breiteten sich aus und die Deine strekien sich. Der Kopf sank auf Me Seite zwischen Me Schultern, und der Mund brach auf, als wiche mit zitterndem Stöhnen der letzte Atem aus ihm.Er ruht, als hinge er am Kreuz," erschauerte Grünewald und erkannte grausend, daß sich eine Dornenkrone um des Fremden Haupt flocht. Das Gewand wurde durchsichtiger als Glas und verriet einen über und über durch Wunden entstellten Körper.

Wahn, Wahn wimmerte der Meister und bedeckte bald die Augen bald die Ohren mit Händen. Aber der Zauber schien durch Knochen und Fleisch und das Schlagen der Glocken uno das Schwellen der hundertzüngigen Pfeifen wich nicht.

Da griff er verzweifelt zu feinen Pinseln. Aur noch Meses Werk vollenden, nur noch Mese höchste Ausgabe des Lebens zum Ziele führen.

And da er zu malen begann, hob sich das Bild des Schlafen­den in Me Leinwand und die Zeichen der tausend Marter traten noch deutlicher hervor.

Grünewald fuhr zusammen, tastete nach einem Halt und brach in die Knie. Schweiß perlte aus allen Poren, Me Lunge röchelte und der Qetb zitterte wie ein Rohr im frostigen Wind.

Habe nur Mut, mich anzuschauen," tröstete eine milde Stimme. Du trugst mich in dir, willst du jetzt, da ich vor dir stehe, klein­mütig verzagen?"

Der Meister bäumte sich auf. Sollte er nicht mehr zum Arbeiten kommen? Spielten schon Phantasien einen solchen Tanz mit ihm? In Raserei begehrte er hinüber und ballte die Fäuste zum Zertrümmern empor.

Ein Wink des Rätselvollen da verharrte er wie ange­wurzelt, Versöhnung träufelte in die heiße Brust und Befreiung von sorgendem Zorne durchströmte ihn wie Rausch Die Augen stierten in Verzückung und erfaßten, daß Ahnen Llmwell wurde, und daß das Llnbewußte sich in Geschautem verkünde.

Das war sein Heiland.

Noch drückte der Schmerzkranz das bleiche Haupt, noch gerann unzähliger Wunden Blut, noch hafteten in starr gewordenen! Muskeln Dornen und Stacheln geschwungener Geißelruten. Der Ausdruck eines einzigen unbarmherzigen Leidens einer Un­versöhnlichkeit, hätte nicht über dem Gekreuzigten Me Glorie einer Krönung, wie sie irMsch nicht möglich ist, gestrahlt: Voll­endung und Erlösung in ewiger Liebe.

Das war sein Heiland.

Künstlerttmi begeisterte auf; gläubiger als Säer, die übet Schollen schreiten und Korner streuen, ging er ans Werk. Und die Kerzen spendeten eine Fülle von Glut und die Orgel jubelte Gesänge und Hymnen.

Drei Tage lang verwehrte Grünewald den Mönchen des Klosters das Betreten der Kirche. Als am vierten Sage auf drängendes Klopfen keine Antwort kam, brachen sie die Riegel auf und stürzten zum Altäre. Vor dem fertigen Bild lag der ohnmächtige Meister, dem sie zunächst nicht zu helfen vermochten. Me Kreuzigungsszene erschütterte sie so, daß eine geraume Weile verging, ehe sie wagten, näher zu treten.

Grünewald krankte durch Wollen in Fiebertraumen und gen ah nur langsam. Er wollte es nicht fassen, daß er das Gottes- hcms zweinndsiebzig Stunden zugeschlossen hielt und ohne Speise und Trank gearbeitet hatte. Er wähnte die Tat in einer Nacht vollbracht. Auf Fragen nach dem Dorbilde des Gekreuzigten antwortete er nicht.

vchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Druck uaö Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».