kaum hatte der Osten sich gerötet, da geschah das ersehnte Wunder. Der geschmähte und gekreuzigt« Gott war auferstanden! Auf« erstanden war der Gott, zu dem von Anbeginn die betrübten und gequälten Herzen schreien: „Komm, o Herr!"
Auferstandeu war der Herr und erfüllte die Welt. Die weite Steppe erhob sich, ihn zu grüßen, mit all ihrem Schnee und ihren Stürmen. Der Steppe folgte der mächtige Wald; auch er fühlte bas Nahen des Auferstandenen. Di« uralten Tannen streckten Ihr« zottigen Anne zum Himmel empor; die hundertjährigen Kiefern knarrten mit ihren Wipfeln; Schluchten und Flüsse drohn- len; aus Höhlen und Erdlöchern kamen die Tiere geschlichen, die Vögel flogen aus ihren Nestern. Alle fühlten, daß aus der Liefe ein Helles, Starkes, Licht und Wärme Spendendes emporstieg, u.ti> alle schrien: „Herr! Bist du es?"
Der Herr segnete die Erde und das Wasser, die Tiere und Vögel und sprach zu ihnen:
„Friede sei mit euch! Ich habe euch den Frühling, Wärm« und Ächt gebracht! Ich will die Flüsse von den Eisfesseln befreien, ich will die Steppe in «in grünes Gewand hüllen, will den Wald mit Gesang und süßen Düften erfüllen. Vögel und Tiere will ich speisen und tränken und die ganze Natur soll von Jauchzen erfüllt sein. Ihre Gesetze sollen euch leicht sein; jedem Hälmchen, Ci kaum sichtbaren Insekt soll sie den Lebenslreis zeichnen,
halb dessen ein jedes seine Bestimmung erfüllen soll. Ihr unterliegt dem Gerichte nicht, Benn ihr erfüllt nur, was euch« von Anbeginn bestimmt war. Der Mensch führt einen ewigen Kampf mit der Natur, er dringt in ihre Geheimnisse ein und findet kein Ende der Arbeit. Er bedarf dieser Geheimnisse, denn sie bilden die notwendige Grundlage seines Wohlseins und feiner Entwicklung. Die Natur aber ist sich selbst genug und das ist ihr Vorzug. Es tut nichts, daß der Mensch nach und nach in ihre Tiefe dringt; er unterwirft sich nur die Atome, die Natur selbst jedoch steht vor ihm in ihrer ursprünglichen .Unfaßbarkeit Und überwältigt ihn durch ihre Allmacht und Größe! Friede sei mit euch, Steppen und Wälder, Tiere und Vögel! Die Strahlen meiner Auferstehung mögen euch Wärme und Leben spenden!"
Nachdem er die Natur gesegnet hatte, wandte der Auferstandene sich zu den Menschen. Zuerst nahten sich ihm die Leidtragenden, unter das Joch der Arbeit Gebeugten, von der Not Geplagten. Und als er zu ihnen sprach: „Friede sei mit euch!", da erfüllten sie die Luft mit Schluchzen und fielen nieder und ihr Schweigen schien um Erlösung zu flehen.
Und das Herz des Auferstandenen ward nochmals erfüllt von jenem, großen, tödlichen Leid, von dem es in jener Nacht zu Gethsemane durchdrungen war in Erwartung des Kelches, der ihm bereitet war. Dieses Heer der Leidenden, das ihm zu Füßen lag, trug die Last des Lebens in feinem Namen. Sie waren die ersten gewesen, die auf sein Wort gehört und es für immer ihren Herzen eingeprägt hatten. Sie alle hatte er von der Höhe Golgathas gesehen, als sie weit draußen in den Banden der Knechtschaft schmachteten, und sie alle hatte er gesegnet, als er den Marterweg ging, ihnen allen hatte er Erlösung verheißen. Und sie alle lechzten auch heute noch nach ihm und suchten ihn. Sie alle streckten in hingebendem Glauben die Arme nach ihm aus: „Herr! Bist du es?"
„Ja, ich bin es", sprach er zu ihnen, „ich habe, die Bande des Todes gesprengt, um zu euch zu kommen, ihr meine getreuen Knechte, ihr meine teuren LeidensgenofsenI Aeberall und immer bin ich bei euch, und wo euer Blut verogsfen wird, da fließt mein Blut mit dem euren. Ihr habt reinen Herzens rückhaltlos an mich geglaubt, nur well meine Lehre eine Wahrheit enthielt, ohne die eure Welt eine Stätte des Grauens und der Vernichtung, schlimmer als die Hölle wäre. Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst — so lautet diese Wahrheit, schlicht und klar, und am leichtesten erfaßt wird sie nicht von den Weisen und den Schriftgelehrten, sondern von euch, den schlichten, gequälten Herzen. Ihr glaubt an diese Wahrheit und hofft auf ihren Sieg. Im Sommer, in der glühenden Sonnenhitze, hinter dem Pfluge, dient ihr dieser Wahrheit; im Winter, an den langen Abenden. beim Schein des qualmenden Kienspans, bei eurem kümmerlichen Mahl, lehrt ihr eure Kinder diese Wahrheit. So kurz sie auch ist, für euch umfaßt sie den ganzen Sinn des Lebens und ist ein nie versiegender Quell immer neuer. Gespräche und Betrachtungen. Mit dieser Wahrheit steht ihr morgens auf, mit ihr geht ihr zu Bett und sie legt ihr auf meinen Altar in Gestalt von Tränen und Seufzern, die meinem Herzen süßer sind als Weihrauchdüfte. So wißt denn: Wenn auch niemand sagen kann, wann eure Stunde schlagen wird, so ist sie doch schon nahe. Sie wird einst schlagen, die ersehnte Stunde, und das Licht wird aufgehen, dessen die Finsternis nie Herr werden kann. And ihr werdet abwerfen das Joch des Leids, der Sehnsucht und der Not, das euch drückt. Ich verkündige euch das, und wie ich einst von der Höhe Golgathas euch segnete, eure Seelen zu stärken, so segne ich euch jetzt für das neue. Leben im Reiche des Lichtes, des Guten und der Wahrheit. Mögen eure Herzen nie den Worten der Versuchung folgen, mögen sie rein und schlicht bleiben wie bisher, dann wird mein Wort sich erfüllen! Friede sei mit euch!"
Der Auferstandene ging weiter und traf auf seinem Wege ander« Leute. Hier waren Reiche und Wucherer und grausame Herrscher, Seeleninörder und Heuchler, Betrüger und ungerechte Richter. Ihre Herzen waren auf irdischen Tand gerichtet und sie redeten fröhlich untereinander, denn sie dachten nicht an die Auf-
erstehnng des Herrn, sondern cm den Lärm und di« Lust der bevorstehenBen Festtage. Aber auch sie blieben in Verwirrung stehen, als sie di« Nähe des Auferstcmdenen spürten.
Auch vor ihnen blieb er stehen und sprach:
„Ihr seid Menschen dieser Zeit und laßt euch lenken vom Geist« dieser Zeit. Erwerb und Gewinn bestimmen all euer Tun. Don Bösem ist euer ganzes Leben erfüllt, aber ihr tragt di« . Last des Dösen so leicht, daß auch nicht das leiseste Zittern euer 1 Gewissen ergreift angesichts der Zukunft, die euch bevorsteht. Alles, was euch umgibt, scheint nur da zu sein, um euch zu dienen. Aber nicht durch eigene Kraft seid ihr Herren der Welt geworden, sondern weil ihr diese Kraft von euren Ahnen geerbt habt. Seitdem seid ihr von allen Seiten geschützt und di« Großen dieser Welt halten euch für ihresgleichen. Seitdem drängt ihr mit Feuer und Schwert vorwärts; ihr stehlt und mordet, ungestraft schändet ihr die göttlichen und menschlichen Gesetz« und rühmt euch, daß dieses euer altverbrieftes Recht wäre. Aber ich sage euch: Es kommt die Zeit, und sie ist nicht mehr fern, da eure Träume in Staub zerfallen. Auch die Schwachen werden sich ihrer Kraft bewußt werden, ihr aber werdet eure Machtlosigkeit gegenüber dieser neuen Kraft erkennen. Habt ihr je an diese furchtbare Stunde gedacht? Hat jemals eine Ahnung euch mit Sorge um euch und eure Kinder erfüllt?"
Die Sünder schwiegen. Sie standen gesenkten Hauptes da und schienen noch Schlimmeres zu erwarten. Da fuhr der Auf- erstanBene fort:
„Aber durch meine Auferstehung eröffne ich auch euch einen Weg zum Heil. Dieser Weg ist das Gericht eures eigenen Gewissens. Es wird euch eure ganze Vergangenheit enthüllen, es wird die Geister der von euch zugrunde Gerichteten beschwören und sie an euren Betten Wache halten lassen. Zähneklappern wird euer Haus erfüllen, die Weiber werden ihre Männör nicht mehr erkennen, die Kinder ihre Eltern nicht. Wenn aber eure Herzen verschmachten in Schmerz und Weh, wenn euer Gewissen übervoll sein wird gleich einer Schale, die den bittern Trank nicht mehr fassen kann — dann werden die Geister der Vernichteten sich mit euch versöhnen und euch den Weg zum Heil weisen. And Bann wird es keine Diebe unB keine Mörder mehr geben, kein« ungerechten Richter, keine Heuchler und keine grausamen Herrscher, und alle werden mit gleicher Freude in meinem Reich an meinen Tisch treten. So gehet denn und wisset, daß mein Wort die Wahrheit ist!"
In diesem Augenblick rötet« sich der Osten, und wie der Wald deutlicher aus der Dämmerung hervortrat, da erkannte man an einem Efpenbaum einen gräßlich entstellten Menschenleib, der an einem Ast hing. Der Kops des Gehenkten, der sich schon fast vom Leib gelöst hatte, hing tief herab; die Raben hatten ihm di« Augen ausgehackt und die Wangen zerfetzt. Der Rumpf war an vielen Stellen von den Kleidern entblößt und zeigte eitrige Schwären; die Arme wurden vom Winde hin und her geschleudert. Eine Menge Raubvögel kreiste über dem Leichnam, und di« kühneren unter ihnen fuhren in ihrem Zerstörungswerk unbeirrt fort.
Es war der Leichnam des Verräters, der sich selbst das Arteil gesprochen und vollstreckt hatte.
Alle wandten sich mit Entsetzen und Ekel von dem gräßlichen Schauspiel ab; der Blick des Auferstandenen flammte zornig auf.
„Verräter!" sprach er, „du glaubtest, du hättest dich durch deinen freiwilligen Tod von der Last deiner Schandtat befreit; da hattest deine Schmach bald eingesehen und eiltest, deine Rechnung mit dem verhaßten Leben abzuschließen. Dein Verbrechen stand dir so klar vor Augen, daß du mit Entsetzen vor der allgemeinen Verachtung flohst und es vorzogst, dein« Seele zugrunde zu richten. „Ein kurzer Augenblick", dachtest du, „und meine Seele sinkt in die tiefe Finsternis und mein Herz ist von den Qualen des Gewissens befreit." Doch das soll nicht sein. Steig« herab vom Daum, Verräter, die ausgehackten Augen seien dir wieder- gegeben, die eitrigen Wunden sollen sich schließen und deine schmachbedeckte Gestalt erscheine wieder so wie an dem Tage, da du das Opfer deines Verrats küßtest... Lebe!"
And da er also gesprochen, stieg der Verräter vor aller Augen vom Baum« und fiel vor dem Auferstandenen nieder und flehte ihn an, er möge ihn dem Tode zurückgeben.
„Ich habe allen den Weg des Heils gezeigt", sprach der Aus- erstandene, „nur dir, Verräter, bleibt er verschlossen für ewig. Du bist verflucht von Gott und Menschen, verflucht in alle Ewigkeit! Du hast den Freund, der seine Seele vor dir auftat, nicht gemordet, sondern du überfielst ihn aus dem Hinterhalt und überantwortetest ihn der Schmach und den Henkersknechten! Dafür verurteile ich dich zum Leben. Du sollst ziehen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und nirgends ein Haus finden, das d,ch aufnimmt. Du wirst an den Türen klopfen und keiner wird Kr' mitten, du wirst um Brot bitten und man wird dir eiqen Stein geben; du wirst dürsten und man wird dir einen Kelch reichen mit dem Blut« dessen, den du verrietest. Du wirst meinen und deine Tränen werden zu Flammenströmen werden, sie toerBen dein« Wangen brennen und sie mit Schwären bedecken. Die Steine, über di« du schreiten wirst, werden dir zurufen: „Verräter! Sei verflucht!" Di« Menschen auf den Gassen werden vor dir zurückweichen und auf allen Gesichtern wirst du lesen: „Verräter, sei verflucht!" Du wirft den Tod suchen zu Wasser unb zu Land« und überall wird der Tod fein Antlitz von


