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.Wir werden («s war gegen Mittag) durch eine ksichtge- drängle Menschenmenge, zum größten Teile russischer Pilger, in die Grabcskirche, zu dem den Franziskanern gehörenden Teile geführt. Eine hochgelegene Loge auf einer der Emporen ist für uns frei gehalten worden. Gerade unter uns, an dein Gitter vor dem Heiligen Grade steht Kopf an Kopf eng aneinander« gedrängt, eine Schar von Kopten, nordafrikanischen Christen mit dunkelfarbigen, hageren Gesichtern und grellbunten Gewändern. Ein« Mutter ist darunter, die schützend um zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, ihre Hände hält. Aber das lebens« gefährliche Drängen der immer dichter werdenden Menge läßt sich nicht adwehren. lieber die Köpfe hinweg, von einer Hand zur anderen, werden die Kinder schließlich zu dein einzigen Ein« gang der großen Rotunde hinausgereicht. Ein kleiner Junge in gelbem Hemd klettert an dein Gitter, das den Grabbau umgibt, an das ihn die Menge preßt, in die Höhe. Türkische Soldaten mit Gewehr, Offiziere mit Pelzmützen darunter, halten Schulter an Sch ulter mit dem Rücken zum Grabe stehend einen schmalen Rund­gang rings um das Grab frei. Auch die Emporen sind zum Erdrückens voll. In einer Loge uns gegenüber, aber ein Stockwerk tiefer, sitzt eine Frau, zwei etwa zweijährige, in grelles Rot gekleidete Zwll- lingskinber auf dem Schoße. Der Platz, auf dem sie sitzt, ist. nach vorn völlig frei ohne ein schützendes Geländer. Der eine auf ihrem Schoße schlafende Junge hängt mit dem Kopfe und dem ausge­streckten Arme förmlich über dem Abgrund. Sie stillt gleich­mütig die beiden Kinder, eines nach dem anderen.

Jetzt drängt eine Schar arabischer Bauern, jeder ein Bündel Kerzen in der Hand, mit rhythmischem Gesang durch die Menge herein, schiebt sich vor gegen das Grab und sprengt gerade an der Stelle, wo in der Marmorwand des Grabbaues ein rundes Fenster 5um Herausreichen desHeiligen Feuers" ist, die Kette der Soldaten. Run sind die Bauern am Gitter. Sie binden sich zum Teil mit Stricken daran fest und klammern sich an die Um» fassrmg des Grabes. Unaufhörlich erschallt ihr Ge­sang, begleitet vom Stampfen der Füße und Klatschen der Hände. Racheinander heben sie einzelne Männer auf die Schultern, die dann den, Gesang Vorsingen und das Händeklatschen leiten. Ein« breitbrüstige Gestalt mit zerrissenem weißen Turban fällt mir besonders auf. Und ein junger, fabelhaft gewandter Mensch, der, aufrecht auf der Schulter zweier Männer stehend, zum Takt seiner ineinanberschlagenben Hände in den Knien wippt.

Die Soldaten schließen sich« in türkischer Ruhe und musterhafter Ordnung hinter der sie durchbrechenden Schar wieder. Eine neue Dorfschaft dringt herein. Der arabische Gesang schwirrt brausend durch die Luft. Aus den Logen der obersten Empore blicken aus schwarzen Kappenhauben die bleichen ekstatischen Gesichter russi­scher Rönnen. Die groß« Rotunde hat oben über der Grabes- käpelle eine breite, kreisrunde Oeffnung, durch die man den Himmel sieht. Da fällt strahlendes Sonnenlicht herein. Aber unten im Kirchenraum, wo an diesem Morgen alle Lampen gelöscht sind, ist gedämpfte Dämmerung. Gegen 1 Uhr kommt die große Prozession der Griechen. Boran, von Arabern getragen, bunt« Fahnen und Schilber mit Bildern der Passion. Dahinter Mönche. Für sich allein ein in ein siefgrünes Gewand gekleideter barhäuptiger russischer Geistlicher, ein Hüne von Gestalt mit langem dunklen Bart und wallendem Haar. Endlich, umgeben von Priestern und Diakonen, in weißen Mänteln, der Patriarch mit strahlender Mitra auf dem Haupt, in goldgesticktem Ornat. ®er arabische Klatschgesang der Dauern wird abgelöst durch die Litaneien der Mönche. Dreimal zieht die Prozession auf dem von den Soldaten freigehaltenen Wege um das Grab herum.Deine Auferstehung, Christus, du Heiland, preisen die Engel im Himmel; würdige auch uns, die wir nur auf Erden sind, mit reinem Herzen dich zu verherrlichen!" Das ist die Strophe, mit der die Prozcssioit aus der sog. Schönen Tür hervorkommend, die Rotunde betritt.

Rach Beendigung des Umganges gehen alle Geistlichen durch die Pforte, aus der sie gekommen, zurück. Der Patriarch erscheint aufs neue, aber nun ohne Ornat, in einem einfachen Weißen! Mantel Die vorher versiegelte Pforte des Grabbaues wird ihm geöffnet. In der Hand ein paar silberne Leuchter, begleitet von einem armenischen Bischof, verschwindet er in dem Raum und die Tür der Kapelle schließt sich hinter ihm. Niemand weiß, was eigentlich in der Kapelle geschieht, nachdem der Patriarch vor dem Stein, auf dem Christi Leichnam gelegen, kniend gebetet hat. Das Volk meint, daß ein Engel vom Himmel komme, der einen Feuerbrand in die Kapelle trage. Nach älterer Anschauung bricht aus dem Grabe selbst dasHeilige Licht" hervor. Jedenfalls wird es von dem Patriarchen nicht auf gewöhnlich« Weise entzündet, sondern es ist irgendein sorgsam gehütetes Geheimnis bei seiner Entstehung.

Plötzlich kommt verdoppelte Bewegung in den Araberhaufen am Gitter der Grabeskapelle. Sie schlagen sich und stoßen sich und drängen von allen Seiten zu dem runden Fenster in der Marmorwand und suchen zugleich einen Weg zum Ausgang frei­zuhalten, um so schnell wie mögliche dasHeilige Licht" heraus- zutragen. Ein Soldat stolpert im wogenden Gedränge und der Tarbusch wird ihm äbgestoßen. Der russische Priester im grünen Gewände bricht sich Dahn und steht nun dicht vor dem Feuerloch. Plötzlich Schellenklingen, brausendes, ohrenbetäubendes Jubel- geschrei! Und der Russe, zwei dicke Bündel brennender Kerzen mit beiden Händen hoch über dem Kopf haltend, läuft durch die Menge zum Ausgang. Fünf oder sechs stehen sofort an seiner

Stelle mit ihren Kerzenbündeln, alle suchen zugleich an das Wunderfeuer, das der Patriarch aus dem Innern der Kapelle reicht, heranzukommen. Unaufhörliches Läuten, Schreien, Rufen. Ein Schleier von dem Rauch der vielen brennen» den Kerzen legt sich über das bunte Bild. Die Tausende von Lichter strahlen auf aus tiefem braunem Schatten; ein echter Rembrandt.

Alle suchen ihre Kerzen zu entzünden. Auch die Mutter mit den Zwillingen hebt an den roten Kinderkleidern vorbei einen ihr von unten zugereichten Feuerbrand empor. Unten bei den Kopten brennt ein Kleid und wird ausgeschlagen. Gin Ar­menier, ein Grieche und ein Franziskaner, ein dicker brauner Mönch, stürmen mit Leitern auf das Dach der Grabeskapelle. Jeder will seine Lampen zuerst dort oben in Brand setzend An einem Seil schwebt ein Feue "brand in die obersten Logen. In einer schwelt und qualmt es. Auch auf der Grabeskapelle gerät Holzwerk in Brand und wird gelöscht. Der Jubel der Menge ist unbeschreiblich Man sieht Pilger, die sich, das brennende Kerzen- bünöel in der Hand, umarmen und küssen. Allmählich lichtet sich unten die Wenge. Eine Prozession der Kopten, Armenier itn& syrischer Monophhsiten schreitet wie ein Bild aus einem uralten Gemälde um die Kapelle. Purpurrote Priestermützen, vor dem obersten Geistlichen der Kopten gehen Weihrauchträger, sich immer nach einigen Schritten wendend und dem Priester di« Rauchwollen zuschwingend. Die barhäuptigen Monophtzsiten und der greife Patriarch der Armenier prägen sich dem Ge­dächtnis ein.

Soweit die flüchtigen Notizen Meines Tagebuches. Eine fett» same, unferm Empfinden für Gottesdienst und Andachtsstille fremd­artige Feier, aber doch eindrückliche in ihrer symbolischen Sprache. Es ist, als ob in der Menge der pHantaftischen Gewänder, in dem babylonischen Gewirr vieler Sprachen die Völler von aller Welt Enden, als ob ihrem Grabe entstiegene Geschlechter längst ver- gangener Jahrhunderte versammelt wären.

Und jedes Volk und jedes Geschlecht kommt zu der gleichen Stätte, zur Kirche derAnastasis", derAuferstehung Christi", um sich feinHeiliges Licht", seinHeiliges Feuer" zu holen. Mit den Kerzen, die am Osterfamstag am heiligen Grabe ent­zündet sind, wird das am Gründonnerstag gelöschte ewige Lämp­lein in den Dorfkirchen wieder in Brand gesetzt. Stücke der langen Lichter hebt man auf, um sie in seiner Sterbestunde und an seiner Bahre entzünden zu lassen. In den dunkelsten Stunden macht dieses Feuer die Häuser hell. Erst unter seinem Licht meint man die rechte Andacht zu finden.

Es ist auch in Jerusalem vieles anders geworden durch die Weltenwende, die wir jetzt erlebt haben. Vieles Alte ist ver­gangen. Aber daran hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern, daß wir das heilige Licht, daß wir das heilige Feuer, das allein unsere Herzen warm und unsere Häuser hell macht, nirgends anderswo finden, als bei dem, dessen Sieg Über Sünde und Tod wir am Osterfest feiern.

Die Osternacht.

Bon Michael Saltykow*).

Die Eben« liegt noch in Banden, aber durch das tiefe Schweigen der Nacht hört man unter der Schneedecke schon das Murmeln der erwachenden Bäche. In Schluchten und Hohlwegen steigert sich dieses Murmeln zu einem dumpfen Brausen und warnt den Wanderer, daß der Weg an diesen Stellen von Wafser- löchern durchwühlt ist. Aber der Wald schweigt noch, von: Reif niedergedrückt, wie ein Märchenheld von seiner Eisenkappe. Der dunkle Himmel ist ganz mit Sternen besät, die ihr kaltes, zittern­des Licht auf die Erde fallen lassen. In ihrem trügerischen Glanz tauchen die hinter Gchneebergen versunkenen Dörfer wie traurige Pünktchen auf. Verwaist, verlassen, verarmt wirkt die starre Ebene, die stumme Landstraße. Alles ist gefesselt, hilflos und ftmiun. wie unter dem Druck eines unsichtbaren, aber furchtbaren Jochs.

Da ertönte an einem Ende der weiten Flache das Dröhnen einer mitternächtlichen Glocke und von der entgegengesetzten Seite ward ihm Antwort. Eine dritte, eine vierte Glocke erklang; von dem finstern Hintergrund der Nacht hoben sich die leuchtenden," Spitzen der Kirchtürme ab und das ganze Land belebte sich. Die Straße entlang zogen Scharen andächtiger Dorfbewohner. An der Spitze schritten schlichte, elende Leute, zerquält vom Leben und von 6er Not, Menschen mit zerrissenen Herzen und gesentten Häuptern. Sie trugen ihre Demut und ihre Seufzer in die Kirche; das war alles, was sie dem auferstandenen Gott zu geben Der« mochten. In einiger Entfernung folgten ihnen in Festtagskleidern die reichen Dauern, die Dodeiiwucherer und sonstigen Gewalthaber des flachen Landes. Sie schwatzten lustig untereinander und trugen in die Kirche ihre Wünsche und Träume von den bevor­stehenden Festtagen. Bald aber verschwanden die Pilger in der Ferne; der letzte Glockenschlag verhallte und wieder herrschte überall feierliche Stille.

Auf ein tiefes Geheimnis schien dieses plötzliche Verstummen hinzuweisen; es war, als müsse sich ein Wunder ereignen; ein Wunder des Lebens und der Auferstehung. Und wirklich:

*) DenGeschichten und Märchen" des größten russischen Sattrikers ans der Zeit Turgenjews, Dostojewsiis und Tolstois entnommen. (In Meyers Klassiker-Ausgaben des Bibliographi­schen Jnssisitts in Leipzig, Übersetzt von Arthur Luther.)