Eichener Familie Matter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, -en 5. April Nummer 21
Ostern.
Bon Emmy von BvmSdvrff-Leibing
Ertönet In gewaltigen Akkorden
Ihr Osterglocken, daß es weithin dringt, Daß ihr noch reicher als mit tausend Worten Don Ostergruß ins Herz der Menschheit singt.
Mit sanftem Kuh erweckte Mutter Sonne Aus Wintersnacht ihr liebstes Kind Aatur Lind streift mit ihrer Strahlen lichter Wonne Die weihe Decke von der Erdenflur
Da sucht sie ihre jüngsten Blütenkinder, Will auch die Menschheit wieder lachen sehn Entflieh der Sonne, kalter Sorgen-Winter, Tönt Osterglocken Frühlings-Auferstehn!
Ostern 1926.
Bon Alexander von Gleichen-Rußwurm.
Wenn der Winter abfällt und die Fenster sich im FEjahr öffnen zur großen Osterreinigung, zieht Hoffnung in die Herzen, mögen sie im Winter auch noch so verzagt gewesen sein. Ostern ist und bleibt ein Fest der Hoffnung — ein Symbol des Lenzes und der besseren Zeit. In diesem Sinne muh es gerade jetzt m einem wirtschaftlich so ungeheuer schwierigen Jahr gefmert werden. Wie dies zu geschehen hat, steht vorgezeichnet in Fichtes Reden an die deutsche Ration: Der Philosoph sagt: „Die Hoff- mmg einer besseren Zukunft allein ist das Element, in dem wir inoch. atmen können. Aber nur der Träumer kann diese Hoffnung auf etwas anderes gründen, denn auf ein solches, das er selbst für di« Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag." Rur auf der eigenen, von innen ausgehenden Kraft- ontfaltung, di« von den Leiden und Freuden der Außenwelt unabhängig vor sich geht, beruht solches Hoffen.
Ein Blick in die Zukunft ist trotz aller Voraussagen, Ahnungen und Berechnungen stets ein Blick ins Angewisse. Die einzige feste Stütze, die wir haben, ist das eigene Selbst. Da ist wohl die Frage am Platz, können wir uns darauf verlassen und such wir gerüstet für alles, was uns treffen mag? Die Antwort gibt di« richtige Einkehrstimmung der heiligen Woche... der Kar- fveitaqszauber im Parsival klingt aus in Hellen, erlosungsfrohen Akkorden. Die Osterbotschaft kündet Befreiung. Wer sie Mit Andacht, mit frommem Kinderglauben an die Heilkraft der Ratur vernimmt, sammelt Frühling im Herzen und starrt sich für den Lebenskampf, damit er ihn voll frischer Zuversicht aufnehm«, wenn auch vieles um ihn her noch unsicher ist und mit Einsturz droht. Die Erlösung beginnt mit dem Glauben, aber erlöst fern müssen und wollen wir alle, erlöst sein von den Zweifeln tn der eigenen Brust, von der Ansicherheit, die vom einzelnen ausgem und in der Masse mündet. Der Mensch, das Volk, die an sich selbst glauben, erlösen sich und Helsen zur Erlösung der anderen.
Diirch die Welt geht eine Sehnsucht, ein Verlangen nach ß'txiuvc, tote Ls bte Heitel! bLs Ä^atertelismuA i<in fiten.,
körperlich und seelisch wollen wir einen warmen Sonnenmautel um uns breiten, erlöst werden von der Kälte wachsenderHerzens- einsamkeit, wie sie den nur auf das Technische und Materielle eingestellt« Sinn Hervorrusen. Zieht in den Ostertagen der Lenz durchs Land, gewinnt diese Sehnsucht greifbare Gestalt imd ruckt in den Vordergrund unseres Gesichtsfeldes. Der Wunsch, alles abzuwerfen, was zu den Sorgen des Winters, der wirtschaftlichen und der politischen Entwicklung gehört, treibt die heutige Menschheit noch zwingender hinaus in Sonne und Aatur als den gelehrten Faust aus den Zweifeln und dem Staub des Studie^ zimmers. Echte Sehnsucht verliert sich aber nicht in Worten und Träumereien, sie wirkt anregend und produktiv.
Die Ostersehnfucht, die hinaus ins Freie treibt, ist em« Sehnsucht nach innerer und äußerer Erlösung, eine Hoffnung, mit dem fertig zu werden, was auf uns lastet. Wir suchen Sonne — symbolisch und in Wirklichkeit. Was den Feiertagen d,« rechte Stimmung gibt, muß stark genug werden, Leid und Furcht einzudämmen, aufzuräumen mit dem zeitlich Beklemmenden, das m Politik imd Geschäft, im einzelnen wie im öffentlichen Leven als dicht« winterliche Schneedecke noch das Wachstum zurückgehalten hat und alles niederdrückt, was frühlingssroh aufschießen mochte. Kraft gehört dazu, mit den Sorgen fertig zu werden, die ims beschweren. Aber fertig werden mit einer Sache heißt nicht, ft« verdrängen, denn verdrängte Dinge steigen immer wieder tot« Gespenster auf, während di« überwundenen, das sind wirklich
erledigte Schwierigkeiten, der Vergangenheit angehören, gleich jener Sündenlast, von der das Osterwunder die Menschheit erlöst hat.
Wie Parsival, wie Faust durch die Osterstimmung mit dem alten Menschen fertig werden, muß der Erdenbürger, der Gottsucher, der ritterliche Kämpfer fertig werden mit der Zeit, fertig werden mit der Weltgeschichte, die heute jeden einzelnen in die Maschen ihres Retzes verstrickt. Ein großes Wort und doch ein« selbstverständliche Forderung. Der Alltag hat noch immer die Ereignisse besiegt, die in den Händen der Führenden lagen und hineinreichten in jedes Haus, in jedes Leben — mit der Schwere, die das Wort „Schicksal" umfaßt. Der Alltag, der das Werden im Betrieb des Einzeldaseins wie der Allgemeinheit, des Hauses wie des Staates, des Geschäftes wie des Vergnügens ausmacht, hat noch immer triumphiert und wird auch wenn der jetzige Sturm über das Wirtschaftsleben hinweg gebraust ist, regelmäßige gesunde Entwicklung bringen. Dies kann ein jeder erleichtevn und herbeiführen helfen, wenn er sich in der Osterein kehr di« Frage vorlegt: „Was ist die Zukunft für dich?" und sie energisch mit dem Wort beantwortet: „Nichts als du selbst!"
Das war es, was sich Parsifal, was sich Faust sagten, denn toi« du den Ereignissen gegenüberstehst, so wirken sie auf dich besonders jetzt, obwohl es immer heißt, daß der Einzeln« in der Mass« verschwindet. Ostern ist das Fest des individuellen Menschen, dem nach innerer Einkehr die Beleuchtung zuteil wird. Den symbolischen Gedanken, den die christliche Heilslehre der Auferstehungsfeier gegeben hat, sollten wir inniger, als es zumeist gescheht, ins praktische Leben tragen und unser gesamtes Tun von Artigsten, Sorgen und Vorurteilen befreien, die mehr von den Rerven bedingt sind als vom Tatsächlichen an sich. Die Zeit steht unter dem Zeichen der Psychoanalyse. Wir erforschen all« Seelenzustände oder, moderner ausgedrückt, die Regungen des Anterbewußtseins mit liebevoller Sorgfalt, um aus diesem Studium des eigenen Selbst jenen Frieden zu gewinnen, den die österlich« Einkehr dem naiv Gläubigen gibt. Reue Wege für alte Beziehungen, neue Worte für ewige Sehnsucht. In diesem Sinne erweitert sich das Osterfest zu einer Frühlingsfeier aller suchenden und bedrängten Deelen, von dem mystischen Drang, der die Welt stärker denn je durchzieht, in die geheimen Regionen des An- bewußten gestellt.
Ostern bedeutet Verjüngung, frische Kraft, Erlösung und neues Leben. Im „bedeuten" aber liegt die Quelle des Daseins, und in dem Augenblick, in dem wir uns über die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses, einer Feier klar sind, dringen wir In ihr Wesen ein und verstehen sie. Gewinnen wir aus dem Osterfest die Erkenntnis, daß im Auferstehen des Erlösers nach der symbolischen Sprache des Glaubens «in Fest der großen ewigen Liebe begangen wird, die immer wieder erlöst und immer wieder ein Werden erzeugt, so trachten wir auch schon danach jener Liebe teilhaftig zu werden und sie auszustrahlen, das heißt, jenem Fichtewort entsprechend, das den Anfang der Betrachtung bildet, daß wir selbst diese Liebe ftihlen und anderen erweisen, wodurch wir di« Sehnsucht des Herzens in nützliches Wirken umgestalten. Aus der christlichen Feier in der Kirche und dem lachenden Lenz m der Landschaft gewinnen wir eine Heilsbotschaft für das Leben und ein« Frühlingsstimmung im Kreislauf der Arbeit, die Haß und Reid, die beiden sozialen Antugenden, auszuschalten vermögen. In der Ratur erlebt der moderne Mensch jene Erlösung. die an Parsivals Einkehr anschließt und im Wiedererwachen unserer Mutter Erde ein Sinnbild für das Wiedererwachen der frvstgebändigten seelischen Kraft«.
Das heilige Feuer.
Bon Prof. D. Hans Schmidt.
Ich blätterte in einem alten Tagebuch, das ich vor 15 Jahren Bei einem Studienaufenthalt in Jerusalem geschrieben hab«. Am Ostersamstag. am 27. April 1911, waren wir in der „Kirch« des HMigen Grabes". Das ist der Tag, an dem in diefer Kirche alljährlich das „Wunder des heiligen Feuers von einer vieltausendköpfigen Meng« erlebt wird. .
Wie lebendig steht alles wieder vor nur: di« getoaltige, auf sechzehn mächtigen Pfeilern ruhende, von Emiren in mehreren Stockwerken umzogenen Rotunde In ihrer Mitte Heilten byzantinischen Kirch« der Marmorbau der die Statt« des Heiligen Grabes umschließt. And nun will ich. « M ehtig« erklärende Bemerkungen unterbrechend, die Bleistiftnotizen meines Tagebuches sprechen lassen:


