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„Und er hat auch ausgesehen wie ein kleiner Herzog," erwiderte die Kundin, „besonders im letzten Winter, wo er das rote Käppl« getragen hat und das Pelzmäntele —"
„Ein Geschenk von Madame Bernard", schaltete Nettele entschuldigend ein. .... „
„Ne vous defendez pas, il etait si soll, le petit Duc!
Leise strich ihm die Besud)erin mit ihren weihen, parfümierten Händen über das schlafheiße Gesicht.
„Legt ihm nur das Schönste an, 9a ce comprend, Nannette. Ihr habt ja nur den Buben!"
Madame Fleury setzte sich aufrecht, blickte einen Augenblick zerstreut vor sich hin und fuhr dann fort: „Justine, meine zweite Tochter, heiratet auf den Winter. Et son trousseau, vous savez . . .
Der Zweck des Besuches war erklärt, und als Güstele nach einer halben Stunde aufwachte, waren die Frauen noch in Berechnungen vertieft, und die Mutter hatte so eiferrote Backen, daß sie wie Feuer brannten. _ _ ,
„Monseigneur ist erwacht," unterbrach Frau Fleury die Erörterung über die Hemdeneinsätze.
„Sag' schön bon jour, Madame," mahnte Nettele, und der Kleine tat's.
„Bon jour, madame!“ sprach er laut.
Und dann durfte er wieder auf den Marktplatz hinunter.
„Wenn er nur nicht so hitzig wär'," gab die Mutter zu bedenken, als Madame Fleury ihm vor ihrem Aufbruch noch ein Lob spendete.
Und während die Kundin, zu der Nettele auf die Stör, das heißt zur Arbeit im Hause, gehen sollte, auf dem Flur noch bemerkte, die Näherin solle den Kleinen nur mitbringen, auf dem Fabrikhof, zwischen den Baumwollballen sei der schönste Spielplatz, schallte vom Markt der Lärm der Kinder herauf, die an dem neuen Reim ihr helles Vergnügen hatten.
„Le p’tit Duc, Galgenstrick!" klang's weithin, und unter dem Schwarm, der nach dem Takt im Gänsemarsch um den Laufbrunnen marschierte, stapfte der kleine Herzog selber einher, und seine Mutter hörte sein kräftiges Sümmchen aus allen heraus.
Im ersten Augenblick wollte sie ihn heraufrufen, dann aber ließ fie ihn gewähren. Er war vergnügt und arglos, sie wollte ihn nicht stören und begann die Berechnungen für die fremde Aussteuer zu ordnen.
Das Fenster war längst wieder geöffnet, die Sonne stahl sich zwischen den Giebeln hindurch in die Stube und schien der Näherin auf die Notizen. Still rückte sie in den Schatten und rechnete weiter.
„Le p’tit Duc, Galgenstrick!"
schallte der Kehrreim über den sonnigen Platz . . .
War der „Kleine Herzog" bis auf diesen Tag nur ein Beiname für seltene Gelegenheit gewesen, so wurde eer von da an volkstümlich. „Le p’tit Duc“ auf allen Gaffen!
Er schmeichelte der Nannette und gefiel dem Kleinen, der sich darob beachtet sah. Aber nach wie vor trug er seine Antwort herbei, wenn ihm von vorwitzigen Kindern und unverständigen Großen die Fragen nad) dem Vater vorgelegt wurden, mit denen ihn die Lehrtöchter zuerst aufgezogen hatten. Und das Nettele war den grausamen Spaß schon so gewöhnt, daß es kaum noch dagegen kämpfte. 2(m wenigsten auf der Stör, wenn sich die Kunden, die Epiciere oder die Sätfermeifterfrau oder die Witwe des Apothekers den Zeitvertreib gönnten und das Güstele, das die Mutter begleiten durfte, mit Eifer fragten: „Was ist dein Vater?" und „Wo ist dein Vater?"
„Ah, comme il est dröle, le p’tit!“ krähte die pharmacienne, und die Bäckermeisterin gackerte: „Nein, so ein gspafsiger Fink, das gibt einmal einen!"
Dann bückte fick) die Näherin tief über die Leinwand, und Scham, Schmerz, Mutterstolz und ein Gefühl unsäglicher Demütigung bedrängten sie zumal. Und ganz in der Tiefe ein bittersüßes Gefühl befriedigter Rache. Ein Lump war er, hatte ihr die Ohren und ihr ganzes Blut mit Liebkosungen vergiftet, am Sonntag ihr Portemonnaie regiert, das Aufgebot erlassen und war dann gegangen.
„Güstele, Güstele," riefen sie, „sag , wie du heißest!"
„August Herzog, le p’tit Duc," erwiderte er.
Da lachten die Frauen, daß ihnen die Augen überliefen.
Er war groß und stark. Wenn die Mutter ihn aus den Kleidern wachsen sah, schwoll ihr das Herz voll Stolz, und als er in seinem stillen, ingrimmigen Zorn das Lehrmädchen, das ihn geneckt hatte, hinterrücks über den Schemel herunterriß und ihr mit den winzigen Fäusten auf die flache Brust trommelte, daß es schrie wie überm Feuer, da saß sie eine Weile starr, unfähig einzugreifen. Das hatte er vom Baier. Der war auch ins Kraut geschossen und mit Jähzorn dreingefahren, ehe der Blitz im leern Stroh zündet.
„Jetzt geht's nimmer, jetzt gehst du in die Schul’, Güstele, du wüster Bub!" hatte sich das Nettele endlich ermannt. Doch als es das Wort wahr machte und mit ihm zu den Schwestern in die Häfelefchule zog, da kam sie der Gang gar hart an. Es wurde still daheim und auf der Stör.
Und dann kam der „Kleine Herzog" in die rechte Schule, zum Schulmeister. „Der wird dir den Meister zeigen," drohte ihm unbesonnen die Mutter in einer bösen Stunde, als er ihren Zorn herausgefordert hatte. Am Abend aber holte fie ihn in ihr Bett, und als er schlaftrunken fragte: „Sag’, warum weinst du, Mütterle?" da hatte sie das alte Weh geschüttelt, und sie schluchzte in die Kissen und das Kraushaar des Buben: „Oh, der Lump, der Lump!" ___
Am andern Morgen ging der Knabe zur Schule. Auf dem Marktplatz standen ein paar kleinere, und einer rief ihm nach: „He, Güstele, deine Mama' ruft dir!"
Aber Nettele hatte nicht gerufen, ihm nur nachgesehen, gefährlich weit über die Fensterbrüstung sich lehnend.
Und das Güstele, das zu ihr hinaufgeschaut hatte, stolperte und maß den Boden.
Herr Fleury, der eben über den Platz ging, hob ihn auf.
„Ah, du bift’s, mon p’tit Duc," sprach er laut und patschte dem Verdutzten die Kappe auf den Kopf. „Du gehst wohl auf allen vieren in die Schule?" .
Nettele vernahm jedes Wort. Und auf einmal war ihr, als fei es gestern gewesen, daß Madame Fleury bei ihr die Aussteuer für ihre Tochter bestellt habe, als fei feit damals, als das Güstele auf den „Kleinen Herzog" getauft worden war, kaum eine Nacht vergangen.
(Fortsetzung folgt.)
Volksbrauche an Allerheiligen und Allerseelen.
Von Hans G r ä f g e n.
Die Volksbräuche des Allerheiligen- und Allerseelentages lassen sich nicht scharf voneinander trennen; sie umkleiden oft beide Tage, oder es ist so, daß sie sich in der einen Gegend um den ersten, in anderen Teilen Deutschlands um den zweiten November fchlingen. Da um diese Zeit die Seelen der Verstorbenen Urlaub aus der Ewigkeit erhalten,, wie die, weit verbreitete Volksmeinung annimmt, so muh man alles für ihren würdigen Empfang vorbereiten. Die Bäuerin in Tirol verfertigt für die Gäste aus traumhaften Weiten leckere Schmalzkrapfen, die, in Gemeinschaft mit Milch, an einer sichtbaren Stelle des Hanfes auf- gestellt werden. Gekochte Bohnen gelten in anderen Gegenden als besonders beliebte Totenspeise, die auf die Gräber gesetzt und nach einer Weile an die Dorfarmen verteilt werden. Milch Und Semmel erfreuen sich in Böhmen am Allerseelentage besonderer Beliebtheit, während man in Island gebratene Schafsköpfe an Allerheiligen zu verzehren pflegt. „Hedwigfohlen" nennt man ein in Schlesien bekanntes Gebildbrot, das vor allem die Kinder von ihren Paten erhalten. In anderen Strichen Deutschlands werden die Knaben mit aus Weizenmehl hergestellten Hasen und Pferden, die Mädchen mit Hennen erfreut. Im übrigen pflegt man in diesen Tagen vor allem sich auf die Pflanzenkost zu beschränken und den Fleischgenutz zu verwerfen. Nicht unerwähnt bleibe endlich das vielerorts gebackene „Seelenbrot", durch dessen Genuß man, wie das Volk glaubt, eine Seele aus dem Fegefeuer zu erlösen vermag.
Nicht nur in der Herstellung gewisser Speisen zeigt sich der Glaube an die vorübergehende Rückkehr der Entschlafenen. Auch im übrigen muß man an Allerseelen auf die Seelen der Verstorbenen Rücksicht nehmen. Drischt man an diesen Tagen, so lassen die zurück- gekehrten Seelen, wie der lettische Volksglaube lehrt, die neue Saat nicht zum Keimen kommen. Da auch viele böse Geister an den beiden Tagen die Lüfte erfüllen und besonders zur Nachtzeit Schaden stiften können, foll man vor Einbruch der Dunkelheit seine Behausung aufsuchen, die im übrigen durch peinliche Sauberkeit zum Empfang der unsichtbaren Gäste vorbereitet fein muß. In Tirol kennt man bas „Schidungs- oder Seelsnausläuten", das die Ankunft der Geister aus dem Jenseits ankündigen soll und um Mitternacht eine Stunde lang erschallt; am nächsten Vormittage werden zum Zeichen der Rückkehr der Seelen in die Ewigkeit die Glocken abermals geläutet Jeder mutz den Dorfbewohnern, die die Glocken geläutet haben, dann ein Gefchenk geben. m
Sehr wichtig ist die Witterung am Allerseelentage für die Vorausbestimmung des Wetters im nahenden Winter. Datz der Tag auch als Lohntag für Feldarbeiter und Hirten gilt, bleibe nicht unerwähnt. Die Liebenden pflegen die Nacht zwischen Allerheiligen und Allerfeelen als besonders günstig für allerlei Orakel und zauberische Bräuche anzusehen.
Die schönste und verbreitetste Sitte am 1. und 2. November ist bas Schmücken der Ruhestätte der Entschlafenen. Etwas feltfam berührt uns die in südlichen Ländern anzutreffende Gepflogenheit, seinen Besuch auf dem Friedhof dadurch allgemein kenntlich zu machen, daß man seinen Namen auf die Marmorplatte der Gräber, die Familienangehörige bergen, schreibt oder gar seine Besuchskarte an dem Grabhügel befestigt. Befonders schon war dagegen die früher in Irland gebräuchliche Sitte, eine von den jungen Mädchen verfertigte Blumenkrone durch die Jünglinge des Dorfes in feierlichem Zuge auf den Friedhof tragen zu lassen; auf die Aepfel, die die Krone schmückten, hatte man dabei ein besonders aufmerksames Auge: Fiel einer vor dem Friedhofstore zur Erde, so sah man dies als glückverheißendes Zeichen an, wogegen das Hinabfallen auf dem Gottesacker selbst als unheilkündend betrachtet wurde. Die leider auch in katholischen Gegenden immer mehr in Vergessenheit geratende Sitte, am Allerseelentage die Gräber mit Kerzen zu bestecken, die am Abend angezündet werden, soll wieder mchr gepflegt werden. Wer an einem nebelveichängten Allerseelenabend einmal einen von Tausenden von Lichtern überfunkelten Friedhof gefehen hat, der wird diesen traumhaften Anblick nie mehr vergessen und gern wünschen, daß diese Gepflogenheit, die selbst nüchterne Menschen einen Augenblick die Schauer des Ewigen fühlen läßt, wieder zum Mittelpunkt der Allerseelenbräuche werde. In manchen Gegenden pflegt man die Kerzen, um sie besser vor dem Winde zu schützen, in ausgehöhlte 1 Rüben oder auch in bunte Laternen zu stellen. In die Rüben werden


