Ausgabe 
2.11.1926
 
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Gießener jamilie »blätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, den 2. November Nummer 88

Allerseelen.

Von Marie M. Schenk.

lieber stillgewordne Wälder Schwebt des Nebels feuchter Schleier, Gleitet über Bach und Weiher, Deckt die müden Ackerfelder.

Wogt und wallt um Friedhofsmauern Und wie weiche Engelsflügel Schmiegt er sich an stille Hügel Und um alle, die da trauern.

Horch, da hebt mit leisem Singen Eine Glocke an zu klingenI Wie ein Echo mischt sich fein Eine zweite Stimme ein.

Eine dritte dumpf und bange Klagt mit wehmutsvollem Klange. Eilig hier gemessen dort . . . Glock' um Glocke nimmt das Wort.

Und nun einen ringsum alle Ähren Klang zu einem Schalle. Um die stillen Gräber schwebt Glockenläuten wie Gebet.

Stehst du an einem Grabe schmerzgebeugt: Ich weiß ein Wort, daß deine Klage schweigt. Das deines Schmerzes heiße Träne stillt Und sanft mit Frieden deine Seele füllt.

Das dich gefaßt läßt auf den Hügel seh'n, Vermagst des Wortes Sinn du recht versteh'n: Die aus der Welt heimwärts den Weg gefunden, Die haben alles Erdenleid verwunden!

(Beliebte, die ihr uns gestorben seid: Ein Tag im Jahre nur ist euch geweiht! Doch die in ihrem Herzen euch begraben. Die ihre Seele mit ins Grab euch gaben: Für sie ist bis zum letzten Herzensschlag Tagtäglich heiliger Allerseelentag!

Der kleine Herzog.

Von Hermann S t e g e m a n n.

Was ist dein Vater?"

Ein Lump!" antwortete ernsthaft und bestimmt der Kleine, und ein schallendes Gelächter der Buben, die einen Kreis um das Kerl­chen gebildet hatten, belohnte den Sprecher.

Und wo ist er?" fragte ein halbwüchsiges Mädchen und kicherte schon im voraus.

In Algier, dem Teufel zu!" erwiderte der Blondkopf und krauste die Stirn, als habe er jemand die Gebärde abgeguckt. Und wieder lachten sie und umdrängten ihn, um die oft gehörten Ant­worten, eine nach der andern, aus ihm hervorzulocken.

Da rief eine feine, dünne Stimme:Allons, Güstele, komm heim, es ist zu heiß in der Sonne auf dem Markt!"

Aber der Kleine blieb stchen, trotzig anzuschauen, als mühte er den andern unverwandt die Stirne bieten.

Güstele, deine Mama ruft!" mahnte eines der Kinder.

Er zögerte einen Augenblick, dann suchte er den Rückzug anzu­treten. Aber rückwärts gewendet und ohne die Schar aus den Augen zu lassen. Und als ein Knabe abermals begann:Was ist dein Barer?" da stieß er hastig hervor:Ein Lump, ein ein Dalden- strick!"

Diesmal schrien sie laut auf vor Vergnügen und wiederholten das von der ungelenkten Zunge des fünfjährigen Bübchens ver­stümmelte Wort in wildem Chor

Güstele!" rief dringender, ängstlich die Mutter vom Fenster herab.

Jetzt hatte er die Haustür erreicht, maß noch einmal die Frager und schoß dann eilfertig in das Dunkel des Flurs. Ein wilder Lärm gellte hinter ihm drein, und als einer Reim und Takt angab, sangen sie'im Wetteifer:

Le ptit Duc, Galgenstrick!"

Schrill klang es über den kleinen Marktplatz, schlug an den Häusern empor und verlor sich im goldflimmernden Sommerhimmel, der über dem Dächerhäuflein des Städtchens brannte.

(Ein bitteres Lächeln lag auf dem Antlitz der Mutter, zu der der Kehrreim in die Stube schallte.

Mach' das Fenster zu, Marie!" wandte sie sich an das Lehr- Mädchen, das über der Näherei nickte und nun hastig auffuhr.

Ein Gepolter auf der Treppe, die Tür flog auf, die Klinke tat einen harten Schlag wider die Wand, und wild, mit leuchtenden Augen rannte der Kleine in die Arme der Mutter. Die hatte kaum noch Zeit, die Nadel in die Höhe zu halten, da lag er auch schon quer auf ihrem Schoß, unbekümmert um die Näharbeit, und spru­delte:Bin ich auch ein Daldenstrick, Mütterle?"

Nein, nein, du nicht, ober ein Wildling; schau nur, wie du wieder schwitzest!" erwiderte sie und fuhr ihm durch die feuchten blonden Kraushaare.

Aber der Vater ist ein .Daldenstrick', hein, maman?" fragte er und sah sie mit ernsten Augen an.

Das Lehrmädchen kicherte und gackerte und stach blind ins Seinen.

Das sagt man nicht, Güstele, murmelte die Mutter verlegen, und ein peinvoller Zug erschien auf ihrem zarten, blassen Gesicht.

Aber du hast ja auch gesagt, der Vater ist ein Daldenstrick", beharrte der Kleine und blickte sie mit großen, unschuldigen Augen an.

Geh, hol' eine Flasche Wasser vom Brunnen", herrschte die Mutter das Mädchen an, das fast erstickte über feinem Lehrstück.

Und kaum hatte sie so viel Gewalt über sich, ihre Tränen zu bezwingen, bis sie mit dem Bübchen allein war.

Warum weinst du denn, Mütterle?" fragte der Blondkopf ver­wundert.

Da faßte sie ihn mit den rauhen, oerftichelten Händen, grub die Finger in fein Gelock und schluchzte:Voyons, Güstele, sag's nimmer; du bist jetzt ein großer Bub und darfst so was nimmer fegen."

Aber gesagt hast du's doch, und manchesmal und nachts am meisten", trotzte er, und sie fand keinen Zorn und keine Strenge, ihm nochmals das Kittelchen auszuklopfen, zog ihn auf die Knie, um­schlang ihn und barg die überströmenden Augen in seinem Haar.

O mon Dieu, ach du lieber Herrgott, quoll denn der alle Schmerz immer wieder in ihr auf! Freilich hatte sie jenen einen Lumpen gescholten und hunderttausendmal das Kind an sich gepreßt, wenn sie des Nachts die schwelende Lampe löschte und mit brennenden Augen ins Dunkel starrte, das plötzlich aus allen Winkeln kroch. Sechs Jahre schon sind unter Seufzen und Sorgen vergangen, seit er sie mit dem Brautkind und dem geteerten Sparhafen zurück- gelassen hat, um der Heirat und der Heimat aus dem Wege zu gehen. Sie faß über der Aussteuer, das Kind regte sich schon unter ihrem Herzen, da kamen sie ihr erzählen, der Jakob sei fort, nach Afrika, und komme nimmer heim. So saß sie noch heute, das Kind wuchs, wurde dem Vater ähnlich und ähnlicher, und wenn es den blonden Krauskopf in die Kissen wählte und sie die Kaffeekachel mit dem letzten Sou füllte, wenn der Kleine dann plärrte:Gibst mir auch Zückerle, Mütterle!", dann fuhr ihr der zornige Schmerz und das Weh wie ein Gallenstoß vom Herzen in den Mund, und sie flüsterte:Weißt du, was dein Vater ist? Ein Lump, ein elender Lump!"

Sie wimmerte leise und preßte den Buben fest an sich.

Nun saß sie da und war und blieb das Nettele Herzog, und Herzog hieß das Güstele. Der Meine Herzog, der so hübsch ange­zogen war, daß ihn Spott und Mitleid ,le petit Duc' genannt hatten.

Ein Rauschen auf der Treppe, seidene Kleider, die sich raschelnd rührten.

Une dame, va ten, Güstele!" sprach die Mutter hastig.

Doch als sie den Knaben aufrichten wollte, sank er zurück, und fein Näschen krauste sich unwillig. Er war eingeschlafen, und Nettele hatte ihre Not, die angesteckten Nadeln zu entfernen, die ihn be­drohten.

Ja, Madame, Mamsell Herzog ist daheim", klang die Stimme des Lehrmädchens auf dem Flur, und dann wurde die Tür geöffnet, und das Seidenkleid rauschte herein.

Beinahe trotzig war die Näherin sitzengeblieben, den schlummern­den Knaben im Schoß.

Excusez madame, aber er schläft so gut", sprach sie leise.

Ah, le petit ange, flüsterte Madame Fleury und neigte ihr Doppelkinn über das Kind.

Ein Lächeln erhellte und verjüngte Netteles Gesicht.

Das heißt: Le petit Duc, voila son nom, nest-ce-pas?" ver­besserte sich, schweratmend, die Dame und ließ sich auf dem winzigen Sofa nieder.

Das Städtte hat ihm den Namen gegeben", erwiderte die Näherin, dock) in (Erinnerung des grausamen Kinderreimes trat ihr bei der Antwort die Bitternis wieder auf die Lippen.