Gietzener Zamilienbiätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, den 2. März Nummer (8
Stille! Stille!
Don Friedrich Hebbel.
Freu« dich! doch jauchze nicht!
Ist der finstre Geist bezwungen? Wh, er ist nur eingesungen!
Tiefste Stille sei dir Pflicht.
Deinen Seufzern hört er zu, Deinen halb' erstickten Klagen, Sich, da nickt er mit Behagen Endlich ein und lieh dir Ruh.
■ilnb dein guter Genius Zstückt nun schnell auf jede Blüte, Die im Knospenschotz erglühte, Weckend den Grlösungskuß.
Schau nun, wie das Leben quillt, Wie zu Luft und Sonne drängend, 'Jede, ihre Hülle sprengend, In die Frucht hinüberschwillt.
Doch umtanze nicht den Baum, Daß der Dämon nicht, erwachend, All das junge Leben lachend Knickt: er tut es schon im Traum!
Der Höllenzwang.
Von Will Scheller.
Das hohe spitzbogige Fenster ficht aus wie die Qeffnung eines weihglühenden Ofens. Dämlich der Mond ist, obgleich von innen nicht sichtbar, so nahe und die 2uft draußen so dünn, daß das Licht des toten Gestirns die ganze Landschaft in einen kränklichen Schimmer aufgelöst und nichts übrig gelassen hat als einen unendlichen Pfuhl sanft wogender, halb verwester Helligkeiten, worin Gebilde von fragwürdiger Realität ein lautloses, halbschlaf- ähnliches Getriebe vollführen.
Der Prälat Johann Sebastian Ovne tritt aus der Dämmerung des turmartig hoch und gotisch gewölbten Zimmers zum Fenster hin. Er spreizt di« Arme hoch über den Schultern, daß die Soutane raschelnd nach den Seiten sich bauscht, und ergreift mit den langen schmalen Händen die dunkeln Holzflügel der Schalter. Wie er da steht, tief schwarz, gegen das geisterhafte Leuchten des Fensters gepreßt, die magere Gestalt gereckt, die Arme im Düster der Holzflügel verschwimmend, gleicht er einer mystischen Hieroglyphe, deren Darstellung zum Fluch eures Erdenlebens beschworen ist.
Aber Johann Sebastian Orne will nur das Fenster schließen. Langsam, während die Angeln seufzen, wird es schmaler, es verengt sich der Lichtstreif und ist nur noch ein Spalt. Dann verschwindet auch der, und die Figur erlischt. Einen Augenblick lang braut völliges Dunkel im Zimmer. Dann klirrt es, Funken sprühen, «ine Flamme leckt gierig über ein hageres Antlitz und über alle Grenzen des Raumes und ein inenschlicher Schatten legt sich spinnenhaft und dürr vom Erdboden über die mit Büchergestellen umkleidete Wand bis zum Mittelpunkt des Kewölbes.
Der Schatten fängt an sich zu bewegen, wahrend er zuckend hin und her schaukelt. Johann Sebastian Orne schreitet zu dem in der OKitte des Zimmers befindlichen Tisch, der aus dunkelm, rötlich poliertem Holz gefertigt als ein Halbkreis dienstbar auf drei Deinen steht. Die Oellanrpe wird an einem Kettchen getragen und auf ein kleines Drahtgestell niedergesetzt, das auf dem sonst ganz leeren Tisch ihrer wartet. Run ist der Raum gleichmäßig erhellt — ungefähr bis zur Mitte seiner Höhe, darüber herrscht Zwielicht, die Bücher, welche auch oberhalb dieser Grenze nahezu bis zur Decke fast alle Wandflächsn verdecken, sind dort nicht mehr zu unterscheiden, und auch in den unteren Ecken spreitet sich Dämmerung und verhüllt die Füße des zur Tür Schlüpfen- den. Er drückt behutsam auf die Klinke,' sie ist geölt, damit sie schweigsam arbeitet, aber sie öffnet sich nicht. Er hat also nicht vergessen, den Schlüssel herumzudrehen. Es ist gut so. Di« Klinke federt langsam wieder nach oben. Run ist ein verhaltenes Aufatmen gestattet.
Die Figur das Prälaten erscheint im Licht der Lampe, das öen Hintergrund nicht erreicht und in seiner Berworvenheit läßt, jünglinghaft aufgeschossen, dünne älntevarme kommen mit langen Händen blaß aus dem Haltenwurf des schwarzseidenen Ordens- kleides, und die Finger krampfen sich mit übernatürlicher Ge
lenkigkeit umeinander. Aber das Antlitz ist wie aus einer Gruft gerissen, eingesunken, zerklüftet und von einem bleiernen Grau überzogen. Auf den Wangen und in den Schläfen lagern Finstev- nisse, die Augen sind in die Höhlen zurückgewichen und phosphoreszieren, als ob sie nicht zu einem menschlichen Wesen gehörten.
Allmählich löst er die Hände aus ihrer Verschlingung, und ohne den Blick an Gegenständliches zu heften, sondern mit Set Spannung wartenden Geistes ihn verschleiernd, rückt er den auf gekreuzten Beinen ruhenden Schemel aus abgenutzt blinkendem Holz dicht an den Tisch und schiebt den Armstuhl, dessen hohe Rückenlehne von einem Schiritzwerk aus sagenhaften Tiergestalten gebildet wird, daneben. Dann begibt er sich zum Büchergestell und räumt mit etlichen Griffen eine Reihe verschiedenartiger Bände fort und langt mit der Hand in die Tiefe des Gefachs. Dort sprint eine Tür auf, und dem .Unsichtbaren wird ei» großes, dunkel gebundenes Buch entnommen, das mtt silberne« Beschlägen geziert und verschlossen ist. Ein starkes Faszikel kunstlos zusammengehefteten Papiers folgt nebst TintenglaS und Schreibgerät. Das schwere Buch wird auf den Tisch vor öie Lampe gelegt, das Werkzeug dazu, während der Papierball«, auf dem Schemel seinen Platz findet.
Die Beschäftigung, welcher der geistliche Herr noch obliegt, nachdem die Brüder und die Menschen ringsum in Schloß und Hütte ihr Unsterbliches längst der seügsten Jungfrau empföhle» haben und von mehr oder minder traumlosem Schlaf schon umfangen sind, ist zweifellos nicht von der Art, wie sie in den Häusern des Herrn üblich zu fein pflegt. Warum hielte er fit sonst so geheim vor der .Umwelt und wozu benötigte er sonst jenes fragwürdigem Beiwerks, das die Lampe nur zitternd und vorüberhuschend beleuchtet —- jener fünf, wie es scheint, durch Linien verbundener Punkte oberhalb des Eingangs, itnb jenes dünnen Fadens, der auf dem Boden mit Hilfe von Sargnägeln! in weitem Kreis um den Tisch gespannt ist, und der kleinen Aäucherpfanmen, von denen nun ganz dünne, "süßlich hauchend« Schwaden aufsteigend und kräuselnd sich verslüchtigen? Oder was hat es mit jenen Zeichen auf sich, die innerhalb dieses Zirkels mit blauer Kreide ausgeschrieben sind? älnd was bedeutet's, daß nirgend in diesem hohen Raum das Gesicht eines Heiligen, ja nicht einmal das Bildnis der Gottesmutter mahnend und beruhigend auf das Treiben des menschlichen Wesens 'herabsieht?
Aber der Prälat hat noch nicht mit feiner Arbeit begonnen. Er sieht vor dem Tisch hoch aufgerichtet, das Antlitz emporgewandt, die Arme über der Brust verschränkt, unbeweglich wie ein Schnitzwerk von Holz. Das dauert mehrere Minuten hindurch während deren nur das leis« Singen der Lampe, dar Knistern der Pfannen, das Rieseln einer Sanduhr zu vernehmen ist. Dann kommt wieder Leben in den seltsamen Mann: er vollzieht, nach den vier Windrichtungen tief sich verneigend, zu wiederholten Malen das Kreuzeszeichen, und seine Lipen murmeln fremd klingende, drohend geformte Worte, die einander fiebrig verjagen, und nur zuweilen heben sich einzelne Sätze, heftiger gesprochen, auS dem dunkeln, eilig rauschenden Fluß hervor...
älnd hiermit beschwöre und tonjuriete ich euch all« bei dem Sitz des Adonah, durch Hagios, v Thavd, Jskhros, AthanatoS, Parakletu, Alpha und Omega und durch die drei heillgen geheimen Namen Agla, Om, Detvagrammaton, daß ihr sollet mein Begehren erfüllen ...
Lind während seine Haare sich sträubten, spricht er weiter und weiter, und sein Schatten bewegt sich zuckend an den Wänden, auf seiner Stirn erscheinen Perlen, und vor seinem Munde bilden sich Blasen weißlichen Schaumes. Ist dies eine neu« Weise des irdischen Geschöpfes, mit der höchsten Macht Zwiesprache zu halten? Eine andere Form nur des Gebets, eine stärkere Art der Lobpreisung, geübt zunächst in der Stille und geprüft in ekstatischer Einsamkeit?
Endlich scheinen die Vorbereitungen beendet zu sein. Tiefe» Atmen schließt die Anrufung, die Arme fallen von der Brust und hängen eine Weile an den Hüften herab, die Schultern sinken ein. Doch die Erschöpfung währt nicht lange. Johann Sebastian Orne rückt den Sessel an den Tisch und läßt sich nieder; und das silberne Schloß des Buches klirrt, der schwere Deckel schlägt auf und ein hagerer Finger weist Sie Stelle, wo die Augen weiterlesen sollen.
Di« pergamentenen Paginae des Buches sind nut Lettern verschiedener Schriften in schier unlöslicher Verschtingung beschrieben, Zeichen, die keinem Alphabet einer bekannten Sprache


