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Füßchen angewachsen üxtren. Es schien ein fabelhaftes Sier, eine Art märchenhaftes Känguruh über den Markt zu Hüpfen.

Ich, Sieh, sieh, Detter! dort an der Kirche entsteht Lärm, Zwei Gemüseweiber sind wahrscheinlich über das leidige Meum oder Tuum in heftigen Streit geraten und scheinen, die Fäuste tn die Seiten gestemmt, sich mit feinen Redensarten zu bedienen. Das Volk läuft zusammen ein dichter Kreis umschließt die Zankenden immer stärker imö gellender erheben sich die Stim­men immer heftiger fechten sie mit den Händen durch die Lüfte immer näher rücken sie sich auf den Leib gleich wird es zum Faustkampf kommen die Polizei macht sich Platz wie? Plötzlich erblicke ich eine Menge Glanzhüte zwischen den Zornigen im Augenblick gelingt es den Gevatterinnen, die erhitzten Ge­müter zu besänftigen aus ist der Streit ohne Hilfe dev Polizei ruhig kehren die Weiber zu ihren Gemüsekörbew zurück das Volk, das nur einigemal, wahrscheinlich bei be­sonders drastischen Momenten des Streits, durch lautes Auf­jauchzen seinen Beifall zu erkennen gab, läuft auseinander.

Der Vetter, Du bemerkst, lieber Vetter, daß dieses während der ganzen langen Zeit, die wir hier am Fenster zu­gebracht, der einzige Zank war, der sich auf dem Marit entspann und der lediglich durch das Volk selbst beschwichtigt wurde. Selbst ein ernsterer, bedrohlicherer Zank wird gemeinhin von dem Volke selbst auf diese Weise gedämpft, daß sich alles zwischen die Streitenden drängt und sie auseinanderbringt. Am vorigen Markttage stand zwischen den Fleisch- und Obstbuden ein großer abgelumpter Kerl, von frechem, wildem Ansehen, der mit dem vorübergehenden Fleischerknecht plötzlich in Streit geriet; er führte ohne weiteres mit dem furchtbaren Knüttel, den er wie ein Gewehr über die Schulter gelehnt trug, einen Schlag gegen den Knecht, der diesen unfehlbar zu Boden gestreckt haben würde, wäre er nicht geschickt ausgewichen und in seine Bude gesprungen. Hier bewaffnete er sich aber mit einer gewaltigen Fleischera^t nud wollte Sein Kerl zu Leibe. Alle Aspekten waren dazu da, daß das Ding sich mit Mord und Totschlag endigen und das Kriminalgericht in Tätigkeit gesetzt werden würde. Die Obstfrauen, lauter kräftige und wohlgenährte Gestalten, fanden sich aber verpflichtet, den Fleischerkitecht so liebreich und fest zu umarmen, daß er sich nicht aus der Stelle zu rühren vermochte; er stand da mit hoch empvrgeschwungener Waffe, wie es in jener pathetischen Red: vom rauhen Pyrrhus heißt:Wie ein gemalter Wütrich und wie parteilos zwischen Kraft und Willen, tat er nichts." älnter- dessen hatten andere Weiber, Bürstenbinder, Stiefelknechtver­käufer usw den Kerl umringend, der Polizei Zeit gegönnt, heranzukommen und sich seiner, der mir ein freigelassener Sträf­ling schien, zu bemächtigen.

3 ch. Also herrscht in der Tat im Volk ein Sinn für die zu erhaltende Ordnung, der nicht anders als für alle sehr er­sprießlich wirken kann.

Der Vetter, äleberhaupt, mein lieber Vetter, haben mich meine Beobachtungen des Marktes in der Meinung bestärkt, daß mit dem Berliner Volk, seit jener älnglücksperiode, als ein frecher, übermütiger Feind das Land überschwemmte und sich vergebens mühte, den Geist zu unterdrücken, der bald wie eine gewaltsam zusammengedrückte Spiralfeder mit erneuter Kraft empvrsprang, eine merkwürdige Veränderung vorgegangen ist. Mi: einem Wort: das Volk hat an äußerer Sittlichkeit gewonnen; und wenn du dich einmal an einem schönen Sommertage gleich nachmittags nach den Zelten bemühst und die Gesellschaften beobachtest, die sich nach Moabit einschiffen lassen, so wirst du selbst unter gemeinen Mägden und Tagelöhnern ein Streben nach einer gewissen Eourtoisie bemerken, das ganz ergötzlich ist. Es ist der Masse so gegangen, wie dem einzelnen, der viel Reues gesehen, viel äingewvhnliches erfahren, und der mit dem Nil admirari die Geschmeidigkeit der äußern Sitte gewonnen. Sonst war das Berliner Volk roh und brutal; man durfte z. D. als Fremder kaum nach einer Straße, oder nach einem Hause, oder sonst nach etwas fragen, ohne eine grobe, oder verhöhnende Ant­wort zu erhalten, oder durch falschen Bescheid gefoppt zu werden. Der Berliner Straßenjtmge, der den kleinsten Anlaß, einen etwas auffallenden Anzug, einen lächerlichen Anfall, der jemanden ge­schah, zu dem abscheulichsten Frevel benutzte, existierte nicht mehr. Denn jene Zigarrenjungen vor den Toren, dieden fidelen Ham­burger avec du feu ausbieten, diese Galgenstricke, welche ihr Leben in Spandau oder Straußberg, oder, wie noch kürzlich einer von ihrer Rasse, auf dem Schafott endigen, sind keineswegs das, was der eigentliche Berliner Straßenjunge war, der nicht Vaga­bund, sondern gewöhnlich Lehrbursche bei einem Meister, «S ist lächerlich zu sagen, bei aller Gottlosigkeit und Verderbnis, doch ein gewisses Point d'Homreur besaß, und dem es ent gor drolligem Mutterwitz nicht mangelte.

3 ch. O lieber Detter, laß mich dir in aller Geschwindigkeit sagen, wie neulich mich ein solcher fataler Volkswitz tief beschämt hat. 3ch gehe vors Brandenburger Tor und wurde von Char­lottenburger Fuhrleuten verfolgt, die mich zum Aufsitzen ein­laden; einer von ihnen, ein höchstens sechzehn-, siebzehnjähriger 3unge, trieb die älnverschämtheit so weit, daß er mich mit seiner schmutzigen Faust beim Arm packte.Will ®r mich wohl nicht

ansaffen!" fahre ich ihn zoritig an.Amr, Herr," erwiderte der 3unge ganz gelassen, indem er mich mit seinen stieren Augen! anglotzte,nun, Herr, warum soll ich Sie denn nicht anfassen; sind Sie vielleicht nicht ehrlich?"

Ger Vetter. Haha! dieser Witz ist wirklich einer, aber recht aus der stinkenden Grube der tiefsten Gepravation gestiegen. Die Witzwörter der Berliner Obstweiber u. a. waren sonst weltberühmt, und man tut ihnen sogar die Ehre an, sie shake- spearisch zu nennen, unerachtet bei näherer Beleuchtung ihre Ener­gie und Originalität nur vorzüglich in der schamlosen Frechheit bestand, womit sie den niederträchtigsten Schmutz als pikante Schüssel auftischten. Sonst war der Markt der Tummelplatz des Zanks, der Priigeleien, des Betrugs, des Diebstahls, und keine hoirette Frau durfte es wagen, ihren Einkauf selbst be­sorgen zu wollen, ohne sich der größten ilnbill auszusetzen. Denn! nicht allein, daß das Hökervolk gegen sich selbst mtb alle Welt 3U Felde zog, so gingen noch Menschen ausdrücklich darauf auS,

alnruhe zu erregen, und dabei int trüben zu fischen, wie z. D. b-aS auS allen Ecken und Enden der Welt zusammengeworbene Gesindes das damals in den Regimentern steckte. Sieh, lieber Detter, wie jetzt dagegen der Markt das anmutige Bild der Wohlbe- haglichkeit und des sittlichen Friedens darhietet. 3ch weiß, en­thusiastische Rigoristen, hhperpatriosische AÄetiker eifern grimmig gegen diesen vermehrten äußern Anstand des Volks, indem sie meinen, daß mit dieser Abgefchliffsnheit der Sitte auch das Volkstümliche abgeschliffen werde und verloren gehe. 3ch meines* teils bin der festen, innigsten äkeberzeugung, daß ein Volk, das sowohl den Einheimischen als den Frentden nicht mit Grobheit oder höhnischer Verachtung, sondern mit höflicher Sitte behandelt, dadurch unmöglich seinen Charakter einbüßen tatst. Mit einem fe&r auffälligen Beispiel, das die Wahrheit meiner Behauptung dartut, würde ich bei jenen Rigoristen gar übel wegkommen.

3ntmer mehr hatte sich das Gedränge vermindert; immer leerer und leerer war der Markt geworden. Die Gemüsever- käuferinnen packten ihre Körbe zum Teil auf herbeigelommene Wagen, zunt Teil schleppten sie sie selbst fort die Mehlwageit führen ab die Gärtnerinnen schafften den übriggebliebenetl Blumenvorrat auf großen Schiebkarren fort geschäftiger zeigte sich die Polizei, alles, und vorzüglich die Wagenreihe in ge­höriger Ordnung zu erhalten; diese Ordsrung toäre auch nicht gestört, wenn es nicht hin und wieder einem schis malischen Bauernjungen eingefallen wäre, quer über den Platz, seine eigene neue Behringsstraße zu entdecken, zu verfolgen,' und seinen kühnen Lauf mitten durch die Obstbuden, geradezu nach der Türe der deuffchen Kirche zu richtest. DaS gab denn viel Geschrei und viel Ungemach des zu genialen Wagenlenkers.Dieser Marit", sprach der Detter,ist auch jetzt ein treues Abbild des ewig wechselnden Lebens. Rege Tätigkeit, das Bedürfnis des Augen­blicks trieb die Mestschemnasse zusammen, in wenigen Augen­blicken ist alles bcrö&et, &ic Stimmen, die int wirren Getöse durch­einanderströmten, sind verklungen, und jede verlassene Stelle spricht das schauerlicheEs war!" nur zu lebhaft aus." ES schlug ein Ähr, der grämliche 3nvalide -trat ins Kabinett und meinte mit verzogenem Gesicht: der Herr möge doch nun endlich das Fenster verlassen und essen, da sonst die aufgetragenert Speisen wieder kalt würden.'Also hast &u doch Appetit, lieber Detter." fragte ich.O ja," erwiderte der Detter mit schmerz­lichem Lächeln.Du wirst es gleich sehen."

Der 3nvalide rollte ihn istS Zimmer. Die aufgetrageneilt Speisen bestanden in einem mäßigen mit Fleischbrühe gefüllten! Suppenteller, einem in Salz anfrechtgestellten weichgesottenen Ei und einer halben Mundfemmel.

Ein einziger Dissen mehr," sprach der Detter leise und weh­mütig, indem er meine Hand brückte,das kleinste Stückchen des verdaulichsten Fleisches verursacht mir die entsetzlichsten Schmerzen und raubt mir allen Lebensmut und das letzte Fünkchen voü guter Laune, das noch hin und wieder aufglimmen will."

3ch wieS nach dem am Bettschirm befestigten Blatt, indem ich mich dem Detter an die Brust warf «nd Hst heftig an mich drückte.

3a, Detter!" rief er mit einer Stimme, dis «tritt Innerstes durchdrang und es mit herzzerschneidender Wehmut erfüllte,ja, Detter: Et si male nunc, non olim sic erst!"

Armer Detter!

Der Abend.

Bon 3vseph Freiherrn v. Eich-ernd»rff.

Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen, Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen lrise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust.

bchriftleitung: Dr. Frieör. Wilh. Lauge. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.