Gesichtsmassage treiben, daß sie schon: im Aussehen nach Verjüngung strebwn Die Amerikanerin ist diesem männlichen Vorbilde gefolgt. Sie war die Erste, die sich die langen Haare abschnitt und so einen jüngeren Typus erzeugte. Der Krieg hat das De- dürfnis der Männer nach Jugend gesteigert. Das Zarte imb Verbrechliche wurde geschätzt im Gegensatz zu der Rauheit des Krieges. Lind so allmählich erstand der knabenhafte Weibtypus, der heute 'Wert und Geltung hat. Auf diesen Typus ziehen sich die Frauen zurück, selbst wenn sie fünfzig Jahre alt sind.
Im achtzehnten Jahrhundert suchten die vornehmen Frauen ihr Alter dadurch auszugleichen, daß sie sich gleichmässig mit der weihen Perücke bedeckten, unter der die Jugend doppelt frisch erscheint. Damals hatte der alte Kopf seinen 'Wert, denn der Geist stand hoch im Preise, und nur eine bestimmte Lebenserfahrung konnte den gesellschaftlichen Witz zeitigen, den dies Jahrhundert der klugen Köpfe verlangte. Heute ist die Jugendkraft an sich ein Mert geworden. Die rein mütterliche Frau, die noch ein Rubens verherrlichte, und die noch im Deutschland der nachsiebziger Jahre prangte (siehe das Germaniadenkmal auf dem Riederwald), dieser mütterliche Typus ist dem des Lebens- kameraden gewichen. Die Frau will als zarter Kämpfer neben dem Mann stehen.
Es ist sehr reizvoll, zu beobachten, wie die Mode in den letzten silnsz-g Jahren allmählich den älebergang vom mütterlichen Typus der Frau zu dem bubenhaften vollzogen hat. Sehen wir noch um siebzig die Krinoline, so weicht sie bald der neuen englischen Bekleidung von Bluse und Rock. Roch haben wir den langen Rock, aber der futzfreie des Wankerkostüms erscheint sehr bald. Sie Bluse zwingt noch einmal zur Ausschweifung der Keulenärmel, bald aber schwinden auch diese. Der Kimonoärmel kommt, der halbnackte Arm triumphiert und weicht im Gesellschaftskleid dem ganz nackten. Run hat sich die Frau im Typus so verändert, daß sie Rücken und Brust unbekümniert zeigt. Die Röcke werden kürzer, das schöne, pagenhafte Dein triumphiert, der Gegensatz zu den: anderen Frauentypus springt in die Augen.
Aber schauen wir in die Jahrhunderte zurück. Die vornehme Oberschicht hat schon des Oefteren dies Ideal begehrt. Wir finden es bei den edlen ägyptischen Mädchen, wir finden es in den! Funden auf Kreta, wir finden in der Frührenaissance von Florenz eine ähnliche Sehnsucht. Auch in den achtziger Jahren wird schon die Frau als Kameradin einmal vorweg genommen, in der Zeit, da eifrige Emanzipation den Tituskopf zeigte.
Aber das Gröhe unseres Zeitalters besteht darin, dah nicht die Oberschicht allein den jugendlichen Menschen möglichst lange zu bewahren trachtet. Gröhere Volksschichten vermögen es, weil die Lebensführung sorgloser geworden ist, da das Arbeiten nicht mehr Sklaven und Taglöhner schasst, wie zu jener Zeit, da Dickens sein London schilderte, da Marr aus Anschauung der englischen Kinderarbeit fein kommunistisches Manifest schrieb. Wir leben in einer Zeit, da eiserne Knechte für uns die härteste und schwierigste Arbeit tun, und selbst der Bauer heute Elektrizität und Maschinen hat. Die Landarbeit wird zur Industrie, die Landschaft verstädtert. Große Werte werden in Frage gestellt, aber die Menschheit wird jünger, rüstiger im Kopf und befähigt, längere Zeit zu leben.
Tobacco.
Rach den Zeugnissen des Elisabethanischen Dramas.
Von Wilhelm Holzhansen.
Im Zeitalter Elisabeths beginnt zum ersten Male die Einfuhr und Verbreitung überseeischer Erzeugnisse in bedeutsamer Weise auf das Privatleben breiter Schichten des englischen Volkes einzuwitten. Keines aber jener Produkte hat damals eigenartiger und stärker die Sitte und das gesellige Leben des englischen Bürgers beeinflußt, als der Tabak; um keines ist ein leidenschaftlicherer Kampf der Meinungen entbrannt, als um dieses fremdländische Genußmittel, und seine englische Frühgeschichte ist um so beachtenswerter, als das Tabakrauchen zunächst in England heimisch wurde und sich von hier aus über Europa verbreitete.
In einer umfangreichen Literatur sittengeschichtlicher Schilderungen und Streitschriften wird vor und nach 1600 das Für und Wider des Tobakgenusses in England ausgefochten. Nirgends aber findet es drastischeren Ausdruck als in jener einzigartigen Fülle dramatischer Produktion, die man nach dem Namen der großen englischen Königin zu benennen und über ihren Tod hinaus bis zur Schließung der Londoner Bühnen 1642 zu rechnen pflegt.
Das Elisabethanische Drama ist der getreueste Sittenspiegel seiner Zeit. Es ist das Sprachrohr der öffentlichen Meinung, die es derb und ungeschminkt zu Wort kommen läßt, und nach seinen bisher kaum beachteten Zeugnissen seien hier die Ansichten verzeichnet, die sich um die Wende des 16. Jahrhunderts an Herkunft, Art und Wirkungen des „indischen Krautes" knüpften und von den Londoner Bühnen herab unter Tausende von Zuhörern verbreitet wurden.
Neber die Herkunft des Tabaks und des Tabakgenusses, über bie indianischen Lehrmeister und die Ausbreitung der Rauchsikte wurde der Elisabethanische Theaterbesucher bei der Aufführung von Komkins' „Lingua" gar anschaulich unterrichtet.
Hier tritt Tobacco in Begleitung seines Dolmetschers Ol° faclus als mächtig qualmender und sehr vornehmer Indianer- fürst auf. Er trägt einen Ämhang, Rindenschuhe, einen Kranz indischer Blätter um den Hals, auf dem Kopfe ein bemaltes Geflecht, das mit Pfeifen besetzt ist und mit Tabakblättern, die Federn gleichen. Arme und Hals sind braun und bloß, das drrnkke Antlitz ist mit blauen Streifen bemalt, und die Nase ist mit Schweinshauern geziert. Tobacco wird von zwei nackten Jn- dianerknaben geführt, die Kerzen, Tabakskästen und brennende Pfeifen tragen. Em starker Dust kündet von weitem feine Ankunft an.
Olfactus, der das westindische Kauderwelsch des fremden Gastes übersetzt, stellt ihn mit den Worten vor:
„Es ist der große und mächttge Gott des Tabaks."
Neber die Götterverwandtschaft des Gewaltigen weiß er auch zu berichten; er nennt ihn:
„Sohn des Gottes Vulkan und der Dellus, Blutsverwandten des Vaters aller Freude, genannt Bachus." Herrschaftssitz, Macht wnb Siegeslauf des großen Groberers kündet der lapidare Satz:
„Dies ist der mächtige Kaiser Tobacco, König von Trini- dado, das, indem es erobert wurde, Alleuropa eroberte und zwang, Tribut für feinen Rauch zu entrichten."
Aus einem anderen Stücke, aus Ben Jonsons prächtigem Lustspiele „Every Man in bis Humour“, erfahren wir, aus welchem Anlasse die ersten Amerikafahrer, die Seeleute und Siedler, sich an den Genuß des tnelbetounberten fremdländischen Krautes hielten, und arrs welchen Gründen sie es besonders schätzten. Notwendigkeiten, Hunger und Entbehrungen, trieben sie, das Genußmittel zu versuchen, und warben dem Tabak seine eifrigsten Mrsprecher. Eaptain Bobadill, eine der bestgezeichnetsten Figuren aus Jonsons Feder, ein großmäuliger Geselle, der stark übertreibt, dem man nicht alles glauben darf, und der hier sicher nur anderer Leute Geschichten und Erfahrungen erzählt, tritt in dem genannten Stücke in der Rolle eines jener weitgefahvenen, wackeren ersten Tabaksfreunde auf; einem dumm- biederen Bäuerlein wartet er mit den folgenden Erlebnissen und Lobpreisungen seines „Trinidado" auf:
„Herr, glaubt mir; denn, bei meinem Ansehen, was ich Euch erzähle, die ganze Welt soll's nicht widerlegen können! Ich bin in Indien gewesen, wo dieses Kraut wächst, wo weder ich noch ein Dutzend vornehmer Herren meiner Bildung dazu für den Zeitraum von einundzwanzig Wochen irgendein anderes Nahrungsmittel hier auf Erden zu schmecken bekamen als einzig nur den Rauch dieses Heilkrautes. Drum, es kann nicht anders sein, als dah es überaus göttlich ist."
Danrit haben wir schon eine der hauptsächlichsten Wirkungen keimen gelernt, die man schon früh dem Genüsse des Tabaks zuschreibt und über die schlichter und ohne Bobadills äleber- treibungen La-poope in Beaumont-FletcherS „The Honest Man’s Fortune“ berichtet, der drei Tage lang sich von Tabaksblättern „aüs (Mangel an anderen Lebensmitteln" nährt.
Aber über mannigfache weitere Wirkungen gibt das Elisabethanische Drama ausführliche Kunde. Die Tabaksfreunde mögen zunächst zu Wort kommen. Arsula aus Jonsons „Bartholomew Fair“, die zwar keine Dame ist, mag den Vortritt haben, Sie verkauft in ihrer Jahrmarktbude geröstete Spanferkel und weiß bei ihrem warmen Geschäft nebst ihrem Gläschen Bier die stimulierende Wirkung eines Pfeifchens Tabaks gar sehr zu schätzen. Einem Balladensänger, der seinen Beruf hauptsächlich als Helferdienst für die Taschendiebe betreibt, trinkt sie mit den Worten zu:
„Ich kann Leib und Seele höchstens nur hiermit — dein Wohl Nachtigall! — und einem Zug Dabaksaualm zusammenhalten.“
2n anderen Stücken wird mit gewichtigeren, oft recht gelehrten Ausdrücken auf die guten Wirkungen des Tabaks hingewiesen. Gr wird als Mittel gegen Rheumatismus und als Pur- gativ geschätzt. „Wie's das Rheuma niederzwingt“, und „es ist äußerst kräftig und — um einen Vergleich zu gebrauchen — geisterhaft; denn, wahrhaftig, es spukt an verschiedenen Plätzen," äußert sich ein Raucher nach einigen Zügen an der Pfeife in Beaumont-Fletchers „Scornful Lady".
Als „Austreiber von Katarrhen, Derbanner aller Schmerzen“ wird Tobacco von seinem Freunde Olfactus in „Lingua“ gerühmt. In einer langen Rede, die, wie einer der Zuhörer sagt, sich „leidlich gut im Munde eines Tabakhändlers gemacht hätte“, schildert Bobadill, den wir schon einmal zu Wort kommen ließen, die Vorzüge seines geliebten Krautes, das ein Gegengift ersten Ranges sei und unvergleichbar wider alle möglichen Leiden helfe: „es ist ein derartiges Gegenmittel, daß, wenn ihr auch die aller- tödlichste Giftpflanze ganz Italiens zu euch genommen hättet, es diese austreiben und euch reinigen würde, und zwar mit der gleichen Leichtigkeit, mit der ich spreche. Änd gegen die „Grüne Wunde“ sind euer Balsamskraut und eure Sankt Johns - Wurzel nichts als Trug und Plunder im Vergleich mit ihm. besonders aber dem Trinidado; Nicottana ist gleichfalls gut. Noch könnte ich aufzählen, was ich von seiner Wirksamkeit hinsichtlich der Austreibung von Rheumatismen, Wundslüssen, un- verdauten Stoffen, Verstopfungen und tausend anderer derartiger Leiden weiß; jedoch ich bin kein Quacksalber. Rur soviel, beim Herkules, sage ich: ich halte dafür und will es vor jedem Fürste.', in Europa versichern, daß es das allerherrlichste und kostbarste


