Gießener Zainilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, den 2. gebruar Nummer 10
Erlebnis.
Von Hugo »o«i Ho fmannsthal.
Mit silbetgrauem Dusts toar das Tal der Dämmerung «füllt, toie toemt der Mond durch Wolken sickert. Doch es war nicht Macht. Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales verschwommen meine dämmernden Gedanken, und still versank ich in dem webenden durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Vlumsn waren da, mit Kelchen, dunkelglühend! Pflanzen dickicht, durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen irr warmen Strömen drang und glonmr. Das Ganz« toat angefüllt mit einem tiefen Schwellen schwermütiger Musik. Änd dieses wußt' ich, obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber seltsam!
Ein Namenloses Heimweh weinte lautlos in meiner Seele -nach dein Leben, weinte wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff mit gelben Riefensegeln gegen Wend auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, der Vaterstadt voriiberfährt. Da sieht er die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht den Dust der Fliederbüsche, sieht sich selber ' ein Kind am Äser stehn, mit Kindesaugen, dis ängstlich sind und weinen wollen, sieht durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer — Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend mit gelben, fremdMfvrmten Riesensegeln.
Merrfchheit und Jugend.
Bon Friedrich Freksa.
Jung sein ist eine Gabe der Natur, jung bleiben eine Gabe der Vernunft gegen sich selbst. Wenn also gefragt wird: .Wird die Menschheit jünger?" so lautet die Frage: „Hat sich die Der- rnrnft der Menschen gegen sich selbst in der Lebensführung gesteigert? Haben sie die Mittel gewonnen, die Jugendkräfte zu erhalten und zu vermehren? Denn ein jeder Einzelne, der geboren wird, besitzt mit ein Maß seiner Kraft. Allerdings ist eS nicht ein Maß von einer Million Krafteinheiten, die Punkt um Punkt ausgegeben und verschwendet werden können. Der Mensch ähnelt darin etwa einer Akkumulatorenbatterie, die zwar sich erschöpfen kann, aber auch die Möglichkeit besitzt, wieder geladen zu werden. Wir sind nie dieselben. Es ist wohl gesagt worden, daß nach sieben Jahren unser Körper auch die kleinste Zelle ausgetauscht habe, aber rein biologisch stimmt auch das nicht. Wir besitzen nämlich die biologischen ewigen Zellen, die etwa von den Lenden hinauf bis ins Hirn reichen und im Laufe der Jahre auf ein Drittel zusamm enschmelze n, die der Mensch in seiner Jugend mitgebracht hat. Diese eigentlichen Gnergiespender werden verbraucht, und sinkt ihre Zahl unter eine bestimmte, zum Leben notwendige Ziffer herunter, ist der Mensch ausgelebt. Alle anderen Zellen des Körpers erneuern sich, nur diese sogenannten „einigen" begleiten uns von der Geburt zum Tode.
Diese „ ewigen" Zellen können vernichtet werden durch Selbstvergiftung des Körpers. Solche werden herbeigeführt durch ileber- anstrsngungen jeder Art.
Es ist mit Recht behauptet worden, daß die ganz großen Arbeiter im Grunde ihres Daseins Faulpelze seien. Das klingt absurd, aber bedeutet biologisch: Willen zur Lebenserhaltung. Darwin, der ein gewaltiges Lebenswerk hinterlasien hat, und trotz seines mächtigen Körpers sehr starken Krankßeitszufällen ausgesetzt war, behauptete von sich, er hätte an jedem Tag nur zwei Stunden geschafft. Cs ist bei Künstlern bekannt, daß sie monatelang faulenzen, um dann in eine Periode der Arbeitswut hineinzugeraten. Ein Arbeitsriefe unserer Zest, Ford, ist nach eigenem Geständnis ein Mann gewesen, der die väterliche Farmarbeit gehaßt hat, und heute mit nachträglicher Befriedigung des gerecht
fertigten Faulpelzes feststellt, daß die ganze Farmaröeit mit seinen Maschinen in sechsundzwanzig Tagen zu leisten seil
Hier Haben wir bereits ein Gesetz für die schön« Fähigkeit, jung zu bleiben, es lautet: „Rasten, ruhen, faulenzen zur rechten Zeit!" #
Wenn wir nun die Geschichte der Menschheit, von der wir mit Sicherheit nur karge fünf Jahrtausende überblicken können, betrachten, so sehen wir dasselbe Bild immer und in allen Zeiten. Die Fronenden, die Handarbeiter, die übermäßig gebärenden Frauen altern schnell. Der Mensch, der mit seinem Geist und feinem Willen die Arbeit anderes lenkt, hat die Möglichkeit zur Aast, zur Pflege und bleibt länger jung. Es sei denn, daß er den Fchler begeht, sich zu überessen, älebermäßige Nahrungszufuhr belastet den Leib ebenso sehr wie übertrieben starke Schwerarbeit.
Alle großen geistigen Arbeiter neigen erfahrungsgemäß zum vielen Essen. Es ist diese bekannt von Friedrich dem Großen, Napoleon, Goethe, Schopenhauer.
Allerdings haben diese großen Verbraucher Nahrungszufuhr nötig, weil sie viel Kräfte abgeb.en. Die Ernährung spielt also neben der Aast auch eine gewaltige Rolle. Sie ist dem Leben genau anzupassen, und alle jenen großen Bäder, in denen Dev- jüngungskuren vor sich gehen, wie zum Beispiel Marienbad, Karlsbad ufw. beruhen auf einem schlauen Fastsystem.
In der alten Zeit mußten viel mehr menschliche Kräfte auf die Handarbeit verwandt werden. Infolgedessen alterten große Massen des Dolles schn-ller als die bevorrechtigte obere Schicht. In allen Imperien von Aegypten, dem Zweistromland, über das mazedonische Weltreich bis zum Römischen hinüber, weiter in unsere Zeit, über die deutsche Kaiserherrlichkeit, die spanische Weltherrschaft bis zur englischen, finden wir immer wieder die höchstgdchteten Menschenezcemplare in den Ländern, die über die größten Massen herrschen, die Millionen ausbeuten.
Wenn heute der englische Menschenthpus noch immer ein vorbildlicher ist, so beruht bas auf der zweihundert Jahre langen Herrschaft der Engländer über Weltteile und über Millionen von Menschen, die ausgenutzt wurden. Dies schaffte dem Jnselvolke den Komfort, die Behaglichkeit, die Zeit zum Sport, zur Bewegung, das Ausspannen, die Aast und die angemessene Ernährung.
Der John Bull des „Punch", der aus den fünfziger, sechziger Jahren stammt, deckte sich mit der Vorstellung jenes breiten, behaglichen, englischen Lebeirstypus. So sahen die Engländer sich selbst. Würde man heute einen Vertreter dieser Rasse karikieren wollen, so würde ein ganz anderer Mensch herauskommen: Nicht der mit einem Bauche behaftete, stämmige Mann, der viel Aehnlichkeit mit unserem guten Onkel Bräsig hat, sondern ein sehniger, schlanker, fast hagerer Mensch voller Schwung und lebendiger Muskulatur.
DiAes Wunder der Massenverjüngung wurde hervorgebracht durch die Arrsnutzung der maschinellen Kräfte. Wenn wir heute berechnen, wie viele Menschenkräfte in einem Lande sind, und daneben die Zahl der Menschenkräfte setzen würden, so würden wir erstaunen, wie viel Pferdekräfte heute für den einzelnen Menschen arbeiten. And diese Maschinenkräfte bedeuten Entlastung, Versorgung, Komfort, eine Lebensmöglichkeit, die Gelegenheit gibt zur Rast und zur Freude.
Demi dieser feinste, seelische Moment darf nicht vergessen werden als eine Hauptguelle der Verjüngung. Nicht die Rast allein schafft neuen Lebensmut. Man muß sich Euphorien einver» leiben, Freudsnträger, um seelische Widerstandskräfte zu getont» neu. Es ist eine alte Erfahrung, daß nichts die geschäftliche Tüchtigkeit eines Mannes so sehr schwächt wie häuslicher Gram, während nichts so steigert, und über Lebensgefahr hinweghilft, wie häusliche Freude. Lllles andere wird für dieses stärkste Moment immer nur einen Ersatz bilden. So sind Kinder gebärende inti> liebende Völler stets jünger als solche, bei denen die Kinder als Last empfunden werden. Freilich müssen sich die Geburten im Verhältnis zur Ernährungssähigkeit bewegen. Immerhin, wenn die Mütter von körperlicher Arbeit frei bleiben können, werden sie durch Geburten eher verjüngt als gealtert. Erst die körperliche Arbeit der Mutter bringt sie um die Möglichkeit, nach der Geburt wieder aufzuleben.
Das Land, in deut die Jugend vielleicht die größte Dolle spielt, ist Amerika. Dort ist es dem gealtert aussehendsn Menschen fast unmöglich, eine Stellung zu erhalten, denn der Amerikaner bezahlt junge, lebendige Kraft. Wer im Lebenskampf steht, muß Stärke und Jugend verkörpern. Daher konnnt es, daß die Männer


