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spärlichen HebcrreRe arrs der ehemaligen Herrschaft des Mondes über den Kalender zu beseitigen. Daß die oft erörterte Frage der Festlegung des Osterfestes zum Kamps zwischen Doane und Mond gehört, ist ohne weiteres verständlich. Aber auch die jetzige ungleiche Länge der Monate und insbesondere die Kürze des Februar, der im alten römischen Kalender der letzte war und sich infolgedessen mit dem schäbigen Rest des Jahres begnügen mußte, sind lieberrefte der verflossenen Mondherrlichkeit. Die Woche hingegen ist ein Zeitinah, das nur aus den Tag begründet ist und also auf die Sonne zurückgeht. Man hat den Vorschlag gemacht, alle Monate einheitlich zu vier Wochen, also 28 Tagen zu rechnen, so daß auf das Jahr 13 Monate entfielen und der große Vorteil herausspränge, daß für die gleiche Tageszahl immer der gleiche Wochentag herauskäme. Es könnte dann bei­spielsweise jahraus, jahrein der 1 8., 15. und 22. jedes Monats ein Sonntag, der 2., 9., 16., 23. ein Montag sein usw. Der 365. Tag des Jahres würde alsReujahrstag" aus der Wochen- tagsbezeichnung herausfallen, ebenso wie der alle vier Lahre notwendige Schalttag. Sie würden beide ein für alle Mal wie Sonntage gefeiert. Wenn man bedenkt, daß z. D. bet der Gehalts- Berechnung das Nebeneinander von Wochen- und Monatsge­hältern Schwierigkeiten und unnütze Arbeit macht, und ferner wie viele Verabredungen zweideutig werden auch wenn es sich nicht um zweideutige Zwecke handelt, weil zerstreuterweiss Mittwoch, der 6. angegeben ist. und man sich nun vergeblich den Kops zerbrechen muh, ob Mittwoch der 7. oder Dienstag der 6. gemeint war, dann wird man solche Anregungen als recht vernünftig bezrichtren müssen. Wie verlautet, soll sich sogar schon der Völkerbund damit beschäftigt haben. Allerdings würde uns ein Jahr zu 13 Monaten für die erste Zeit etwas merkwürdig vorkommen: .toerm aber im neuen Lahr zu 13 Monaten die alten Monatsgehälter ruhig weitergezahlt wiirdqH, so würden sich die Mehrzahl der Menschen ganz sicher gern an die Neuerung ge­wöhnen.

Sonntag nach Neujahr bei Detlev von Liliencron.

Von Heinrich Spiero.

Die letzten acht Lahre seines Lebens, seit der frühesten Leutnantszeit die ersten von verhältnismäßiger Sorgenfreiheit, verbrachte Detlev von Liliencron in dem Hamburger Vorort Alt-Rahlstedt. Das Dorf mit der schlichten alten Kirche und der allmählich angewachsene bescheidene Villenort waren mit den Vorortzügen der Lübecker Vahn von Hamburg aus in acht­zehn Minuteit zu erreichen und lagen trotz solcher Nähe schon in völliger ländlicher Ruhe. Wirklich nur wieein dunkel-fahl­gelber Kreisausschnitt" tauchte am westlichen Horizont der Licht­schein der Millionenstadt empor und nur

Ganz, ganz leise tönt es her!

Das gleichmäßige Zerstampftwerden der Menschheit, Das Gemurmel der Welt.

Zweimal hat Liliencron in Alt-Rahlstedt die Wohnung gewechselt, bis er schließlich in dem immer noch bescheidenen, aber behaglichen Hause landete, dessen Oberrätime noch heute unangerührt wie am 22. Lull 1909 Werk und Wohnstatt seiner Vcheidejahre bergen.

Eignete sich das Haus auch nicht zu großer Geselligkeit, so lag seinem Mieter auch nichts ferner als diese. Nur in ge­messenen Abständen kehrten auch nahe und nächste Freunde darin ein und durften wohl nach der Bewirtung und gelegentlich vor einer Vorlesung neuer Poggfredherrlichkeiten an einem Spazier­gang durch die tausend Einsamkeiten zwischen Roggenfeld und Hecken teilnehmen. Dabei offenbarte sich in hundert kleinen Zügen die reizende Art Liliencrons, mit alt und jung jedes Gewerbes zu verkehren, und seine außerordentliche Volkstüm­lichkeit unter dem Landvolk der Gegend. Alljährlich einmal aber, am ersten Sonntag nach Neujahr gab Detlev von Liliencron ein Diner". Monate hindurch freute er sich auf diesen Tag. Er schrieb etwa schon am 11. Luni mitten zwischen anderen Nach­richten und Anfragen:Der 13. Januar bleibt! Ich habe eine blödsinnige Freude darauf". Und die Mahnung wurde von Monat zu Monat dringender:Denkst Du daran, mein tapferer Lagienka, nämlich an den 6. Januar 1906!!! Lch habe schon 31,04 Mk. gespart zu den Sterlets." Diese 31,04 Mk. waren frei­lich ein echt Liliencronscher Schnörkel. In Wahrheit brachte er am Sonntag nach dem Schlemmertag hundert Mark auf die Spar­kasse und erhob sie erst nach Weihnachten samt den Zinsen zum Zwecke des nächsten Festessens. So konnte er dann mit der letzten Postkarte des Lahres nicht nur die Einladung aufs Eindringlichste wiederholen, sondern auch gleich die Speisenfolge mitteilen, wie ettoa am 30. Dezember 1907:

Sonntag: Diner ä quatre, 6 Ähr.

Menu: 1. Haifischflossensuppe,

2. Artischocken und Braunschweiger Stangenspargel, 3. Dracino aus dem Adriattschsn Meer (LAdriatique), 4. Waldschnepfen,

5. Lyoneser Dirnen so groß wie diese Karte,

6. Eis,

7. Der Hundertmarkschein hat dann glatt ein Lahr gelegen und bringt 3 bis 3,60 Zinsen: er wird diesen Sonntag eingelöst. Einmal im Lahr muhhhhhh man doch lustig fein. 1

Die Speisefolge war nicht, wie so oft im Poggsred, nur ein Erzeugnis der Phantasie. Es gab wirklich jedesmal die er­lesensten Dinge und besonders solche, die Liliencron schon durch ihren Namen anregten. Einmal z. B. indianische Feuersuppe. Ungenau war aber der AusdruckDiner ä quatre, denn wir waren immer zu sechs: mit dem Dichter und der Baronin, der Erzähler dieser Erinnerung mit seiner Frau und ein drittes Ehepaar. In den ersten Lahren kam der Liliencron lange be­freundete Vortragsmeister Adolph Tormin mit feiner Gattin aus Wandsbeck herüber; nachdem et als Dramaturg nach Wies­baden gegangen war, traten Gustav und Annie Falcke an die leer gewordene Stelle.

Das Haus strahlte int Lichterglanz und Liliencron wanderte vom Morgen an zwischen seinem Arbeitszimmer und der Küche hin und her: dem für den Tag angenommenen Koch (et redete ihn Herr Küchenchef oder Herr chef de cuisine an) seine Wei­sungen zu erteilen. Waren wir barm, die Herren im Frack, ein- getroffen, fo führte er die beiden geladenen Damen zu Tisch, setzte sich an den Kopf der Tafel und machte in feiner unnach­ahmlichen,_ anmutigen Art den Wirt. Der Rotwein ward aus wunderschönen alten geschliffenen Gläsern getarnten, die noch aus dem väterlichen Hausrat gerettet waren, und Liliencron schenkte sie selbst voll, legte wohl auch den Damen den Spargel selber vor und wat entzückt und gästefroh, als ob er uns in Wirklichkeit im Schloß und nicht in dem bescheidenen Alt-Rahl- stedter Harts bewirtet hätte. Den Schluß des Essens bildete unausweichlich eine Schlags ah nentorte, die Liliencron leiden­schaftlich gern; er bat, wenn sie angeboten wurde, seine Nach­barinnen fortzusehen, damit sie die Größe seiner Portion nicht abmäßen.

Nach dem Kaffee ging es in fein Arbeitszimmer mit den hundert Bildern, dann ward geplaudert und vorgelesen, ein neuer Poggfredgesang oder eine neue Ballade. Fuhren dann die Gäste mit dem vorletzten Zuge heim, so war das letzte Wort unter der Tür die Mahnung an das nächste Lahr, und acht Tage später folgte schon die erste schriftliche Einladung. Als die zwette des Lahres 1909 eintraf, trug ihr Schreiber schon den Todes- teim in sich dies Festmahl hat nicht mehr stattgefunden.

Die sechzehn Lahre feit Liliencrons Heimgang sind an der Wirkung seines Werkes spurlos vorbeigezogsn; seinen Lebens­gefährten, wie er gern sagte, ist seine Gestalt seither nur ver­trauter. wärmer, immer innigerer Besitz ihres besten Daseins geworden. Und wenn um die Lahreswende der Schnee die Erde deckt, gehen die Gedanken der noch lebenden Teilnehmer jener Januarsonntage in das stille holsteinische Haus hinüber und suchen und finden dort den großen Dichter, den unvergeßbar gütigen Menschen von ganzem Matz in der Wiederkehr heiter gehobener, unbeschwerter Lebettsstunden. Sie hören ihn noch einmal sich selbst zitteren, wie ers mit diesen Versen gern tat:

Des Lebens Blume heitzt die Gegenwart.

Pflückst du sie nicht, hast du dich selbst genarrt.

In seinen Briefen aus den Beamtens ayrtt» aus Schulden­druck und immer erneuter Not leuchtet als ungesuchte Komödien­szene einDiner" im Wartesaal des Hamburger Dammtorbahn- hofs. Liliencron hat gerade einmal zwei Taler übrig, und nun läßt er sich ein Essen nach seines Herzens Gelüsten servieren. Dabei mutz man sich immer gegenwärtig halten, daß der rein sachliche Genuß nicht das Eigentliche war; vielmehr die Phan­tasie des Poggfreddichters sah mit am endlich einmal schön gedeckten Tisch und erhob den Bedrängten und Gehetzten schon durch das Behagen des Augenblicks und das Gefühl jenes Heber» flusses, den nach Conrad Ferdinand Meyers Wort gerade das Herz des Poeten braucht. Da tritt ein zweiter Herr in dm sonst leeren Raum und versteckt sich hinter einer großen Zeitung. Schließlich, da Liliencron gerade bei der echten Nachttschhavana angelangt ist. kann der andere das längst ausgelesene Blatt nicht mehr halten es ist ein anderer Dichter, Prinz Emil Schönaich-Carolath. Er hat Liliencron erst vor kurzem aus Not und Last geholfen und sich deshalb nicht sehen lassen wollen. Scheußliche Situation! Aber zwei Künstler kommen rasch dar­über hinweg, und eine Lagdeinladung Carolaths rückt alles ins Gleiche. Wie haben beide in späteren Erntejahren, in guten Stunden auf Haseldorf über die alte Geschichte gelacht! Und wel­cher Abstand des einerDiners" von den anderen! Letzt sah Detlev Liliencron als Hausherr und Gastgeber, die gütige, sorgende Hausfrau an der Seite, unter Freunden am eigenen Tisch, und die Stimmen geliebter Kinder klangen von nebenan herein. Und wieder war das Seelchen Phantasie dabei und aus Alt-Rahlstedt wurde das Schloß des Mäzens Stätte großer Kunst und eines gütigen, unerschöpflich spendenden Herzens.

Das Kind von Europa".

Von Dr. Bertha Badt-Straütz.

Zwei Gestalten sprangen in meinen Schultagen aus der pap lernen Langweiligkeit des Geschichtsbuches heraus und führten ein eigenes gespenstisches Leben in meinen Träumen: der Mann mit bet eisernen Maske, der geheimnisvolle Gefangene in der Bastille, und Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg, das Rüttel seines Zeitalters. Ilm den Mann mit der Eisenmaske ist es heute sttll geworden, feit Heinrichs Manns DramaMadame Legros" zuletzt seinen Schatten herausbeschwor. Aber um Kaspar