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ösfentlichung seines letzten Hauser-Buches ein Mordüberfall verübt, der nie aufgeklärt lverven konnte. Datz der geniale Anselm Feuerbach schon bei Lebzeiten Hausers durch Gift beiseite geschafft worden ist, im Augenblick, da er für Hauser wirken wollte, war seines Sohnes Ludwig, des Philosophen, feste Aeber- zeugung. Henriette Feuerbach soll ein Dokument darüber besessen haben, das ihr von der Grobherzogin Luise von Baden unter bindenden Versprechen abgenommen worden ist. Es handelte sich damals um ein Eintreten der fürstlichen Frau für den lange verkannten großen Maler Anselm Feuerbach dem Henriette, die 2. Frau seines Vaters, mehr als die Liebe einer Mutter weihte. „An jedem Blatt der Geschichte Kaspar Hausers klebt Blut", so hat Jakob Wassermann, der Verfasser des schönsten Hauser- Buches, einmal gesagt.
Jetzt eben sind wir, wie es scheint, in eine neue Phase des Kaspar-Hauser-Kampfes eingetreten. Klara Hofer hat im Schlosse Pilsach in der Oberpfalz das mutmaßliche Gefängnis Kaspar Hausers entdeckt und die Ergebnisse ihrer Nachforschungen in einem vielleicht allzusehr gefühlsbetonten, aber vieles Neue bringenden Buche „Kaspar Hauser, das Schicksal einer Seele" zusammengefatzt. Sophie Höch st etter folgte ihren Spuren in ihrem bei I. L. Schräg, Nürnberg, erschienenen Roman „Das Kind von Europa". Von der anderen Seite aber treten nun Hwei grimmige Gegner Kaspar Hausers auf den Plan: Rudolf S t r a tz mit seinem bei August Scherl in Berlin erschienenen „Kaspa^r Hauser. Werernicht war — werer vielleicht war (873), und Hans Sittenberger mit seinem vom Verlag für Kulturpolitik in Berlin herausgegebenen „Kaspar Hauser, der Findling von Rürnberg" (609). Rudolf Stratz sammelt alle alten Anklagen gegen Hauser und läßt dem Leser schließlich nur die Wahl, ob er es mit einem. Schwachsmnrgeni oder Betrüger zu tun gehabt haben will. Freilich ist er selbst offenherzig genug, zuzugeben, „es kann so gewesen fein; es mutz durchaus nicht so gewesen sein, es kann auch ganz anders gewesen sein —“ schließt also mit dem alten Fragezeichm. Sittenbergers ausführliches Buch tut ungefähr das Gleiche. Aber er bringt etwas Reues: Dokumente aus dem Wiener Staatsarchiv, di« freilich nicht geeignet find, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen, aber die doch die prinzlichr Herkunft Hausers eher zu bestättgen scheinen und einen bestimmten Verdacht in bezug auf seinen Mörder bekräftigen.
So steht die Frage heute: dunkel wie am ersten Tag. And ! dennoch wird sie nicht so bald zur Ruhe kommen. Es scheint, um noch einmal Wassermann zu zitteren, — als habe die gemordete Seele im Grabe keine Ruhe und der Schatten Kcppar Hausers müsse wandeln, bis der Gerechtigkeit Genüge geworden ist...
Wie Christen eine Frau gewinnt.
Von Jeremias Gotthelf).
Vor einem großen Hause saß auf der Dank gegen die Straße eine stattliche Frau und rüstete Bohnen; der Ochse über ihr auf verwettertem Brett zeigte an, daß hier ein Wirtshaus sei und sie wahrscheinlich die Wirttn darin. Das Haus lag hoch, vor ihm in freundlichem Boden ein klein Kirchleim ein heimelig Pfarrhaus in üppigen Bäumen. Darüber weg sah man schone Alpen, und hinter ihnen erhoben die Schneeberge ihre königlichen Häupter; in den königlichen Purpurmantel, den alle Albend neu die Sonne um sie wirft, waren sie gehüllt. Es war em schönes Luegen übers liebliche Land hinweg ins hchre Gebirge. Aber die Wirttn sah es nicht; sie war fleißig hinter ihren Dohnen, sonderte sie gut' di« zarten von den harten, die kleinen von den großen; sie mutzte das im Griff haben, beim es waren dtmkle Wolken auf ihreni Gesichte, schwere Gedanken mußten dahlnter sein, oft seufzte sie tief auf.
I Kg kam langsam, mit krummem Rucken, am langen wtad-e ein altes, Keines Weib; auf dem Rücken hatte es eine: Hütte | (Tragkorb), zu oberst am Stabe baumelt« ein großer Bündel I Schwamm; der Wirtin zu lenkte es seine kurzen Deine. „Guten I Abend geb dir Gott, Annil" sprach die Klein« zur Wirtin, die hoch auffuhr bei dem Gruße, denn Bohnen und Gedanken hatten
I lhre Sinne gefangen gehalten. „Was erschreckst du mich so, Grit? Aber sei doch Gottwillchen! Kommst vom Himmel oben aben, daß ich dich nicht gemerft, bis du auf mir oben warst? „Den | Weg komme ich, wo andere Wale, antwortete die Kleine, mein wenn ich einmal oben wäre, ich käme nicht wiel^r hin-
I unter' Aber so reiche Weiber haben oft gar tiefe Gedanken und I müssen sich fast zu Tode sinnen, wo sie mit dem Gelds hinwvllM, I wohin mit Garn und Flachs. Kisten und Kasten !md voll,, und I in den Sphcher mag auch nichts mehr. Doch was ich habe sagen wollen- manglest etwas, Anni? Schwamm oder Seife oder I Schmöckwasser?" „Muß luege, Grit, ^sagw die Wirtin, „wird I aber nicht so pressieren; komm, sitz ab, wirst doch wgllen hiev über Rächt bleiben?" „Gern," sagte Grit, .aber bei Amri. nicht bei der Wirtin; einen Batzen Schlafgeld vermag ich nicht.^ | »Hnb dir auch noch nie einen gefordert, oder? „Rein, nein, | «Hir entnehmen dies« Novelle der monumentalen neuen I Gesamtausgabe, die der Verlag Eugen 2lentsch m München I in sorgfältiger, würdiger Ausstattung und kritischer Sichtu^ | des Te-ies von dem Werk des Schweizer Dichters veranstaltet.
Hauser tobt heute der Streit, erbittert wie nur je zuvor. Ja: I gerade heute scheint eine neue Phase dieses Kampfes ange- I brochen zu sein.
Wer war der geheimnisvolle Fremdling, dessen unbekannte | Herkunft, kurzes Leben und dunkles Sterben so vieler Menschen I Gemüter in Aufruhr brachte? Gin Sohn aus prinzlichem Hause, | um sein rechtmäßig Erbe betrogen, — so sagen die einen; ein I Schwachsinniger oder ein Betrüger — so sagen die andern. And. I wenn man den Berichten Glauben schenkt, so war es bis vor ! ganz kurzer Zeit durchaus nicht ungefährlich, für den Findling I einzutreten: plötzlicher Tod ereilte mehr als einmal unbequem« ! Zeugen... Hier soll zunächst, ohne Partei zu ergreifen, der ! Versuch gemacht werden, die kurzen Tatsachen des Lebens von I Kaspar Hauser reden zu lassen.
Am Pfingstmontag 1828 tauchte in Nürnberg ein Bursche von I 16 bis 18 Jahren auf, der kaum sprechen konnte, dessen Fußsohlen I weich wie Handflächen waren, der nichts als Wasser und Brot I genießen mochte. Er brachte einen höchst merkwürdigen Geleitbrief an „den H. Rittmeister der 4. Eskadron" mit, worin der 1 ungenannte Schreiber gemütvoller Weise empfahl, den Knaben. | wenn man ihn nicht behalten wollte, „abzuschlagen oder im I Rauchfang aufzuhängen". Allmählich brachte man aus dem I Knaben heraus, daß er sein ganzes bisheriges Leben in einem i lichtlosen Gefängnis verbracht habe. Ein unbekannter — den I „Du" nannte er ihn später — habe ihn gespeist und gereinigt I und ihm in den letzten Wochen ein wenig Lesen und Schreiben | beigebracht. . I
Der unbekannte Findling ward zunächst in Nürnberg bei i dem Dichter und Forscher Daumer, später in.Ansbach beim | Lehrer Meyer in Pflege getan und mit den Anfangsgründen I des Schulwissens bekannt gemacht. And es ergab sich dabei die I jedem Kinderkenner vertraute Wahrnehmung, daß di« anfangs | überraschende geistige Entwicklung des fern von aller Kultur I ausgewachsenen Knaben allmählich an Originalität und Reiz I verlor, ja durch den Anterricht fast zum Stillstand kam. Ebenso ! bildeten sich seine durch di« Einsamkeit über menschliches Maß ! geschärften Sinne allmählich zum Durchschnitt zurück. Die Am- i wett bestaunte ihn erst als Waldmenschen, als ein „närrisches i Diibla", wie die Nürnberger ihn nannten. Dann aber beginnt j der Bürgermeister Binder und der geniale Jurist Anselm Feuer- j buch sich seines Schicksals anzunehmen. Ein Ausruf wird erlasfen. I der die gesamte gebildete Welt zur Mithilfe gegen ein „Der- I brechen am Seelenleben" anruft.
Von der anderen Seite scheinen geheimnisvolle Feinde sein j Leben zu bedrohen: Im Hause Daumers wird ein Mordanschlag I auf ihn verübt, dem er mit knapper Not entrinnt. Einem zweiten I Mordanschlag ist er im Dezember 1833 im Hofgarten zu Ansbach I zum Opfer gefallen. Dazwischen tritt eine dunkle Gestalt in I sein Leben als Gönner und bald verhätschelnder Pflegevater: ! Lord Stanhope, der heute von den einen für einen Spion, von I den andern für einen unbeschäftigten Müßiggänger gehalten I wird, dem der Jünglingsknabe, wie man ihn nannte, die Lange- I weil« seines Herzens vertreiben sollte. Er zuerst scheint Kaspar | von einer unbekannten fürstlichen Mutter und von seiner zukünftigen Größe erzählt zu haben. Denn dies ist das Merkwürdige: um den unbekannten Findling scharen sich sogleich die I seltsamsten Gerüchte. Alle Menschen, die ihn umgeben, wohl- j oder Übelwollende, liegen ständig auf der Lauer: Woher stammst du, Kaspar? Gib uns das Geheimnis preis, das du uns verbirgst. Erinnere dich... So ist es kein Wunder, wenn der Sinn des Arglosen allmählich von allen diesen Andeuttmgen und Hinweisen gänzlich gefangen genommen wird.
Am diese allgemeine Aufregung zu verstehen, diene eine j historische Erinnerung. Das in Baden regierende Fürstenhaus, die Zähringer, war im Anfang« des Jahrhunderts von einem im- teimlichen Geschick verfolgt worden. „Das Sterben der Zährrnger' atte im Zeitraum von 1831 bis 1818 all« männlichen Mitglieder der Familie, drei Erbprinzen, den Markgrafen Friedrich und den Grotzherzog Karl hinweggerafft. Zum Thron« gelangten die Aw kömmlinge aus der zweiten Ehe des Grotzherzogs Karl Friedrich . von Baden, die Kinder der Gräfin Hochberg. Diese Gräfin I Hochberg beschuldigt« das Gerücht, statt des Keinen Erbprinzen ein sterbendes Kind in die Wiege gefegt und jenen Pnnzen (eben Kaspar Hauser) ins Dunkel verbannt zu haben. Selbst ein Jurist toi« Feuerbach, wenn er sich auch nicht auf dies SHlotz- märchen einlätzt, wagt in feiner Kafpar-Hauser-Schrist anzudeuten, daß ein fürstliches Haus besonderes Interesse am Sein oder Nichtsein des ünbefannten habe.
Mit dem geheimnisvollen Tode des Nürnberger Findlings beginnt das Kaspar-Hauser-Problem erst ein eigentlich neues inti> gespenstiges Leben zu führen. König Ludwig von Bayern schreibt eine Belohnung von 10 000 Gufeen für die Ergreifung d«S Mörders aus. Amsonst. In deutscher, französischer, englischer und ungarischer Sprache erscheinen Bücher über Kaspar Hauser. And es ist, wie einer feiner neueren Betrachter gesagt hat, keine Literatur, sondern ein Schlachtfeld. Es beginnt ein wütender, jetzt bald hundertjähriger Kampf zweier Geisterheere in den Lüften Nach scheinbarer Ruhe hatte in den siebziger Jahren die Frankfurter Zeitung" für Kaspar Hauser einzutreten versucht. Sogleich setzt« eine geheime, bis auf den heutigen Sag noch wir- kungskräftige Gegenbewegung, aus unbekannten Quellen gefgetft ein. Auf den fast 80jährigen Daumer wurde 1878 vor der Ver-


