Ausgabe 
2.1.1926
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, öen 2. Januar Nummer \

gum neuen Jahr.

Von Johann Wolfgang von Goethe.

Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen Hier uns zu freuen. Schenkt uns das Glück, Und das Vergangne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück.

Stunden der Plage, Leider, sie scheiden Treue von Leiden, Liebe von Lust; Bessere Tage Sammlen uns wieder. Heitere Lieder Stärken die Brust.

Leiden und Freuden, Jener verschwundnen, Sind die Derbundnen Fröhlich gedenk. O des Geschickes Seltsamer Windung! Alte Verbindung, Neues Geschenk!

Dankt es dem regen, Wogenden Glücke, Dankt dem Geschicke Männiglich Gut, Freut euch des Wechsels Heiterer Triebe, Offener Liebe, Heimlicher Glut!

Andere schauen Deckende Falten Aeber dem Alten Traurig und scheu; Aber uns leuchtet Freundliche Treue; wehet, das Neue Findet uns neu.

So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar;

So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Ans in das Jahr.

Der Kampf zwis en Sonne und Blond.

Eine Neujahrsplauderei über den Kalender - von Professor Dr. Paul Kirchberger.

(Nachdruck verboten!)

Otto Sommerstorff bemerkt einmal in einem launigen Dialektgedicht, daß der Herrgott nach 6cm anstrengenden Schöp­fungswerk schon3 müad" gewesen sei, als er die Dankbarkeit in die Keele des Menschen pflanzte, so daß diese ein recht ver­krüppeltes Gewächs geworden fei. Wäre der Mensch von Natur nicht so undankbar, so würde er sich wohl öfter der großen Gaben erinnern, die er von vergangenen Geschlechtern einfach überneh­men kann, ohne daß er selbst die Hand darum zu rühren oder einen Gedanken zu fassen braucht. Nicht die geringste dieser uns von unfern Vorfahren überlieferten Gaben ist die Sicherheit, mit der wir uns in beliebig großen Zeiträumen zurechtfinden können, mit andern Worten: der Kalender.

Alle Völker stimmen darin überein, die sich regelmäßig wie­derholenden Vorgänge am Himmel als maßgebend für die Zeit­rechnung anzufehen. Aber schon erhebt sich eine große Schwierig­keit. Wir haben zwei auffallende Himmelsrichter, die Sonne und den Mond, und der Kampf darum, welches von ihnen für die Zeiteinteilung des Menschen das entscheidende Wort zu sprechen habe, hat mehr Gedankenarbeit gekostet, als wohl mancher ver­

muten mag, und ist, wie wir sehen werden, auch heute noch nicht bis sozusagen auf den letzten Jpunkt entschieden.

Daß der durch den Auf- und Antergang der Sonne verur­sachte Tag als wichtigstes Zeitmaß anzusehen ist, darüber find sich alle Völker einig. Aber schon über die ihm unmittelbar über­geordnete Zeiteinheit ist ein viele Jahrhunderte währender Kampf entbrannt. Ans ist freilich das Jahr als Zeitmaß in Fleisch und Blut übergangen. Der Wechsel der Jahreszeiten, die ungleiche Dauer der Tageshelligküt und die verschiedene Stärke der Er­wärmung greifen selbst in das Leben von der Natur nicht unmittelbar abhängigen Großstädters so entschieden ein, daß es uns etwas befremdlich vorkommt, wenn sich einfachere und dem­nach von der Natur stärker abhängige Kulturen des Mondwechsels als Zeitmaß bedienen konnten. Der Grund hierfür ist der. daß der Wechsel der Lichtgestalten des stNondes, zumal bei dem meist klaren Himmel südlicher Länder, eine jedermann erkennbare Zeitmarke bietet. Der Mond ist sozusagen der allen Blicken aus­geschlagene Kalender am Himmelszelt. Der Wechsel der Jahres­zeiten hingegen, so wichtig er ist, bietet keine so scharfen und unzweifelhaften Einschnitte. Wie wir alle wissen, ist es in einem Jahrlänger Wintev" und vielleichtspäter Som'ner" als in einem andern. Wir haben ja unfern gedruckte:! Kalender, an dem wir eine ungewöhnliche Verschiebung der Jahreszeiten ge­genüber dem gewöhnlichen Verlauf messen können. Fehlt dieser Maßstab, so sind die Jahreszeit n sozusagen einem Maßstab aus Gummi vergleichbar, der gegri über dem festen Maß des Mond­wechsels einen schweren Stand hat.

. Trotzdem haben nicht alle Wittelmeervölker den Monat als Zeitmaß benutzt. Die alten Aegypter gaben dem Jahr den Vor­rang und begannen ein neues Jahr, wenn der Hauptstern des Großen Hundes,, der Sirius, in der Morgendämmerung sichtbar wurde, was für sie mit dem Beginn der jährlichen Nilüberschwem­mung mehr oder weniger genau zusammenfiel. Noch jetzt heißen die Tage, an denen dieser wichtige Stern am Morgenhimmel erscheint, dieHundstage". Die alten Griechen rechneten nach Monaten; aber da sich natürlich das Jahr wegen seiner Bedeu­tung für das ganze Leben des Menschen doch nicht ausschalten ließ, so entstand für sie die Frage eines Ausgleichs der beiden Hauptzeitmäße Monat und Jahr. Erschwert war er dadurch, daß das Jahr nicht zwölf, sondern etwa zwölfeindrittel Mondperioden lang ist. Der Athener Methan gab um etwa 400 ix Ehr. eine Negel an, nach der in bestimmtem Wechsel einige Jahre zu zwölf und einige zu dreizehn Monaten gerechnet werden sollten, was sich immer nach neunzehn Jahren wiederholte. Seine Negel gibt in der Tat die Länge des Jahres recht genau wieder und dient noch heute zur Bestimmung der Lage des Osterfestes. Hätten sich auch die Nömer an diese Negel gehalten, so hätte ihr Kalender nicht in solche Anordnung geraten könnn, wie es tatsächlich der Fall war. Es war im alten Rom bekanntlich keine Seltenheit, daß das Jahr um einen Monat länger gezählt wurde, wenn die gerade herrschende Partei etwas länger int Besitz ihrer Aemter bleiben wollte. Man muß sich solche Zustände vor Augen halten, wenn man die Bedeutung der auf Julius Cäsar zurückgehenden Kalenderreform verstehen will; sie war wirklich ein Sieg der Sonne über den Mond. Der. Monat als Zeitmaß wurde ver­lassen und das Jahr als einzige größere Zeiteinheit eingeführt. Seine Länge war zu SSä1/» Tag bestimmt, indem je drei Jahre zu 365 und das vierte zu 366 Tagen werden sollten. Vom Monat wurde wenig mehr als der Name beibehalten. Mehr als andert­halb Jahrtausende haben die Festsetzungen des nach Julius Cäsar genannten Julianischen Kalenders den Kulturbedürfnissen der abendländischen Menschheit vollauf genügt.

Der nächste große Fortschritt im Kalenderwesen betraf frei­lich nicht den Kampf zwischen Sonne und Mond, sondern vev- besferte nur das Verhältnis der beiden auf die Sonne zurück- gehenden Zeiteinheiten Jahr und Tag. Die Aufgabe, dieses Ver­hältnis in einer astronomisch genauen, andererseits leicht zu handhabenden und sich dem Zehnersystem unserer Zahlen an­schließenden Negel festzulegen, ist dem jetzt allgemein angenom­menen Gregorianischen Kalender in einer so restlos vollkommenen Weise gelungen, daß es für mich immer ein ungemein bezeich- nenbeS Kapitel aus der Geschichte der menschlichen Torheit be­deutet, wenn berichtet wird, daß sich einst eine vom Zaren ein­gesetzte russische astronomische Kommission im Schweiße ihres Angesichts obmühie, eine andere Lösung zu finden als die gregorianische, weil deren restlose Aebernahme der Würde der russischen Kirche widersprochen hätte. Eine bessere Negel als unsere jetzige Schaltregel zu finden, dürfte jedoch unmöglich sein.

Ms zur Zeit noch offene Kalenderfragen kann man wohl nur die Möglichkeit bezeichnen, die allerletzten, ohnehin schon

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