Ausgabe 
1.6.1926
 
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sich ix»m aber wieder. Wir hatten schon gehofft, daß wir gerettet würden. Jetzt trat wieder eine kleine Feuerpause ein. Diese benutzten wir, da alle unsere. Geschütze zerstört waren, um schnell die an Deck befindlichen Granaten rmd Kartuschen über Bord zu werfen und einige. Kameraden aus dem Master zu retten. Unsere Schiffe der König-, Ostfriesland- und Naffauklüffe kamen nochmals näher, schwenkten dann aber wieder ab. Ein Torpedoboot morste uns an, toir konnten aber keine Antwort geben. Der Feind schien im Lcllb- kreis um uns herum, zog dann in der Richtung unserer Schiffe ab. Genau gesehen habe ich nur 2 englische Schiffe mit je 4 Schorn­steinen, aber viele Rauchfahnen. Mittlerweile war es dämmerig geworden. Wir Unverwundeten (etwa 30 Mann) verbanden nun unsere Verwundetes,, darunter den am Kopf schwer verwundeten Ersten.Offizier- Kapitärlleutnant.Wälter Berger (der Kommandant, Kapitän zur See Fritz Reist, alle übrigen Offiziere und Ingenieure waren gefallen), und legten sie an Steuerbordseite auf Längematten. Dann holten wir trockene Sachen und etwas zu essen und zwei Flaschen Wein für die Verwrmdeten. Um Mitternacht bin ich herwitgegangen, um nachzusehen, wie es. aussah *).. In den vorderen Abteilungen XIV und XV waren die- Bdrdwände durchlöchert, .Spinde und Sachen zerfetzt. Das Schott nach Abteilung XVI war durchschlagen und Wasser bereits an Deck. Das Panzerluk zu den Münitionskammern war geschlossen. In Abteilung XIII zwei Löcher in der Bordwand. Nach Abteilung XII konnte ich nur mit Mühe hinkormnen. Die Bordwand war von Deck bis oben durchlöchert. Däs Wasser schlug durch mehrere Löcher durch das Panzerdeck nach dem Verwalter­hellegatt, der Deckel zur Torpedoübernahme war weg. Im Tor- pedoraum war Wasser, die Torpedos konnte ich aber noch erkennen. Der Weg nach Abteilung XI war durch Trümmer versperrt. Das unterste Loch.im Leizerbad habe ich.mit einigen Sachen zugestopft und ein Brett davorgeklermnt. Dann ging, ich an Oberdeck. und in den Windschacht in Abteilung X hinunter. Abteilung X. schien nicht beschädigt, im Leizraum stand'das Wässer bis zur Türhöhe. Ich versuchte die Feuerlöschzüge der Kessel zu schließen, es gelang mir aber nicht. Beinr Asifmachen der Vorreiber an Schott 62 kam Wasser von Abteilung XI. Darauf habe ich'das Schott dicht ge­lassen. In Abteilung IX war. em-Treffer, durch den Bunker ge­gangen, hatte den Windschacht durchschlagen und alles, zerrissen, ein zweiter Treffer durch den Schornsteinhals. Auch die Trocken­kammer war bis zur Türhöhe voll Wasser. Schott 46 war verbogen. In Abteilung VII und VIII mehrere Treffer, verschiedene Löcher in der Bordwand, im Bunker und. Windschacht, der völlig zer­stört war. Auch in diesem Leizraum stand das Wasser etwas über Türhöhe. Die Bunkexdeckel zu den Schütten waren geschlossen, Kohlen lagen aber bis ins Zwischendeck. In Abteilung VI war Feuer, da konnte ich nur hineinsehen. Die. Kleiderspinde lagen durch­einander und brannten. Die Wand, zum Kohlenbunker an Steuer­bord war aufgerissen, dortibraMlte.es ebenfalls.. Durch den Wind­schacht in Abteilung X ging ich.Meder an Oberdeck und. nach Abtei­lung V hinunter, dort lag alles durcheinander, auch mehrere tote Kameraden. Die, Türen zu den Maschinen waren offen, ich konnte aber nicht vorbei, da das Wasser zu hoch stand. Dagegen gelang es mir, durch Schotte 23 durchzukommen. Das Panzerluck zur Mu­nitionskammer war offen, über dem Plattformdeck stand wenig Wasser. Jusainmen mit noch einem - Mann, den ich mir holte, habe ich das Pänzerluk. dicht gemacht und abgesteift. Weiter nach hinten-war alles versperrt. Ich habe bann dem Ersten Offizier Meldung.gemacht. Er gab mir den Befehl- wenn das. Schiff nicht sncken- sollte, die. Geheimsachen über Bord zu werfen.

Rün sah ich mich nm Oberdeck um. Von den Schornsteinen war der erste durchlöchert, der zweite und dritte gänzlich abgeschossen. Di« Masten ftanbeir noch, die Flagge wehte. Am Steuerbord zweiten Geschütz war das'Rohr an der Mündung aufgespalten, das Backbord zweite stand schräg, da das Deck aufgerissen ivar. In. der Küche alles zertrümmert/ ebenso der Windschächt nach dem 4. Kesselraum, auch der'nach der» 1. und 2. und der Maschine, während derWind­schacht vom 3. Kesselraum nur leichte Beschädigungen hatte. Das Motorboot brannte. Beide Kutter waren durchlöchert. Die Länge- mattkasten an Steuerbord waren alle zerrissen, davor lagen mehrere tote-.Kameraden. Das Steuerbord dritte Geschütz stand noch gerade, es war-geladen, aber der Verschluß ging nicht mehr. Das Back- bord dritte Geschütz drohte umzufallen, da das ganze Deck aufgerissen war. Der Kommandantsalon war in zwei -Teile gerissen, ebenso die- jH-mmern vom Navigationsoffizier und vom Ersten Offizier. Das achtere Geschütz ging nicht mehr zu drehen. Das Leck war völlig aufgeristen. Mittlerweile hatte die Schiffsschreibstube von Abtei­lung VI aus Feuer gefangen. Ein Matrose und ich fanden zwei heile Pützen, und es gelang uns, das Feuer ziemlich zu löschen. Ländruder und Kompaß, alles, was am achtern Mast stand, war unversehrt. Der Obermatrose Schuster war bis zuletzt im achteren Krähennest geblieben.

Soweit ich mich noch entsinnen kann, waren folgende Offiziere und Mannschaften noch am Leben:

Erster Offizier: Kapitänleutnant Berger (am Kopf verwundet), Maschinisten Lenkhett (im Rücken verwundet) und Schlosser, Ober- nmschinistenmaate Nm, Fischer, Lemke, Wirts (verwundet), Maschi- nifienmaate Königs Rohte, Spitzner, Loh, Froitzheim, Bruhns (verbrüht). Oberheizer Lindemann.

Obermatrose Schuster, Adam, und zwei mir unbekannte Ma­trosen, Leizer Schulze, Lolland, Sticht, Lagedorn, Ruppach, Uhlmann, Krupiki und zwei Leizer vom Informationskommando, Namen kannte ich nicht, sämtliche waren verwundet; Anwärter Keunicke und Kleemann, auch beide verwundet.

Gegen 3 Uhr morgens legte sich S.M.S.Wiesbaden" etwas mehr nach Steuerbord über. Schwimmflöße waren bereits achtern Heruntergelaffen. Es war schon ziemlich hell. Ein Kreuzer und ein Zerstörer mit je 4 Schornsteinen kamen in Sicht, nahmen aber keine Notiz von uns. Das Schiff legte sich immer mehr über. Während wir alle achtern herunter auf Flöße gingen, war ganz ruhig plötzlich Wiesbaden" mit wehender Flagge verschwunden.

Ich hing an dem einen Schwimmfloß mit etwa zehn Mann. Mir wurde übel, so daß ich mich übergeben nmßte, dann war ich wieder ganz klar. Allmählich ließen die Kräfte nach, einer nach dem andern ließ los. Schließlich waren wir noch drei Mann. Darm setzten wir uns auf das Floß. Plötzlich kippte es um, einer kam dabei nicht wieder hoch. Im Laufe des Tages kippte das Floß rnindestens noch 20= bis 30 mal um; ein anderes Floß, mit drei Mann darauf, haben rvir. noch lange gesehen. Gegen Abend war ein Dampfer in weiter Ferne in Sicht. In der nun folgenden Nächt setzte Sturm und Regen ein. Unser Floß kippte wieder mehrere Male um. Bei Morgengrauen sahen wir einen Kreuzer und mehrere Torpedoboote, zwischen 9 und 10 Uhr vormittags drei Dampfer in weiter Ferne. Mittags kam die Sonne durch. Gegen Abend kam ein Dainpfer etwas näher, beim Winken kenterte das Floß. Der Leizer, der noch mit mir auf dem Floß war, konnte nicht mehr hochkommen. Ich griff- nach- ihm, bekam aber nur seine Mütze, in derMärtin" stand. Ich konnte ihm nicht mehr helfen. Als ich allein war, wurde es noch schlimmer, weil das Flost immerfort kenterte. Schließlich legte ich mich lang, darauf-hin. Abends spät- als ich so in dumpfem Linbrüten gelegen hatte, kam ein Dämpfer ganz nahe heran. Ich winkte, er sah mich und versuchte mich zu retten. Beim dritten Versuch gelang es mir, durch ein zugeworfenes Tau an Börd zu koinmen.

Es war der norwegische DampferWilly" aus Drammen. Man gab mir neues Zeug und Wishky und legte mich in warme Decken auf das Sofa in der Kapitänskajüte. Ich schlief dann fest.

Mit. S: M.' S.Wiesbaden" ist ein Mann geblieben, der bi® Seele des Seemannes und die Lerrlichkeit der See und der . Seefahrt erkannt und erfaßt hat ein echter Deutscher und ein begnadeter Mensch-- Gorch Fock. Er schreibt:Was ich da oben im Krähennest gesehen habe, ist ganz gewaltig! Diese-Bilder haben sich mir unverwischbar eingeprägt. Ich lebe wirklich an Bord auf! Unser zorniger Kreuzer in der Nacht auf See, jagend durch das silber­schäumende Wasser: etwas ganz Riesenhaftes und Arweltliches- mitWiesbaden" werde ich verwachsen, wie nur je mit einem Schiff. Ich fühle es, daß es zu meinem Leben gehört.Die größte Freude hat mir die Besatzung unseres Kreuzers während des Seegefechtes gemacht: diese Kampflust vom Kommandanten- bis zum letzten Matrosen war erhebend und mitreißend, war echtester deutscher Flottengeist.- Jetzt stehe ich auf den Planken der Wirk­lichkeit und habe ein Leben, wie ich es mir immer gewünscht habe."...

Als Gorch Fock von der Armee auf seinen Wunsch zur Marine versetzt wurde, sang er begeistert:

Mien Seel sett Seils as de Potosi son gode dreeunfoftig Stück;

dat mokt: se - hett, ehrn i Willen kregen und kümmt sik vor as Laus. im. Glück! dat mokt: ik bün Mariner worden, un.goh all morgen freut) an Börd.

Gorch Fock will op sien Nordfee swalken un will , mol op John BUll. mit dol.

An Land kunn em de Dod nich griepen, vielleicht kriegt he op See em mol..."

Und einen Monat vor seinem Leldentode an Bord S. M. S. Wiesbaden" dichtete er :

Sterb' ich, auf der feiten See, Gönnt Gorch Fock ein Seemannsgrab. Bringt mich nicht zum Kirchhof hin, senkt mich tief ins-, Meer hinab. Segelmacher, näh. mich ein! Steuermann, ein Bibelwort!

Junge, nimm dien Mütz mol af. And dann , sinnig öber. Bord..."

Im Skagerrak, wo auch fein Großvater und Onkel geblieben sind, ist-er den Seemanns-, Soldaten- und Leldentod gestorben, im Kampf gegen England, für fein heißgeliebtes Vaterland. -

Die See hat Gorch Fock nicht behalten. Im August 1916 gab sie ihn der Erde wieder. Auf der kleinen schwedischen Insel Stans- Holmen, unweit von Göteborg, hat er ein schlichtes, stilles Grab gefunden, fern der Leimat, aber umspült von Wind und Wogen seines nimmer ruhenden Meeres, das ihm den ewigen Grabgesang fingt:

*) S. M. S.Wiesbaden" hatte 16 Abteilmrgen. Diese zählten von-hinten nach vorn im Schiff.

6cbti,tleitung: Dr. IriebD Wich. Lange. Druck und Aermg der Brühl'schen Univ.-Bvch- und Steindruckerei. X-ßana®. Oiefcen.