— 175 —
Vollzählig waren die Großkampflinienschiffe. Eine Lücke Wiese« die älteren Linienschiffe auf, wo die „Pommern" fehlte. Die Schlachtkreuzer hatten in „Lützow" einen Kampfgenossen verloren. Von den Kleinen Kreuzern kehrten ihrer vier nicht mehr guräd: „Elbing", „Frauenlob", „Wiesbaden" und „Rostock". Ebenso hatten die tapferen Torpedobootsflottillen Verluste zu beklagen.
Manches Schiff zeigte schwere Schrammen am stählerenen Leibe. Unser „Kurfürst" hatte ganz erhebliche Schlagseite. Lunderte von Tonnen Seewasser waren ihm durch die Löcher der englischen Geschosse in den Bauch gelaufen, aber er hielt aus.
Ruhiger Ernst lagerte über der Besatzung, die natürliche Folge der großen körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Tage und der durchkämpften Nacht. Auf vielen Schiffen war es eine heilige Stille, die Trauer um gefallene Kameraden, deren aller- letzte Fahrt zur Ruhestätte im Leimatssttande führte.
Die Kaimauern des Lafens boten bet unserer Einfahrt ein ergreifendes Bild. Eine tausendköpfige Menschenmenge. Schwarzgekleidet die Meisten. Männer, Frauen, Kinder, Bräute schauten mit sehnenden Kerzen nach den heimkehrenden Schiffen. And manches richtete wieder und wieder den Blick hinaus auf die Jade... Sein Schiff kehrte immer noch nicht heim.--
Anvergeßlich wird mir stets die Stunde bleiben, in welcher ich nach der Schlacht den Kommandanten zur Lagerstätte der Verwundeten führte. Mann an Mann waren sie noch vor dem Laupt- gefechtsverbandplah am Boden gelagert. Kaum blieb so viel Raum, daß Krankenträger sich zwischen ihnen hindurchwinden konnten und die Leizer, die hier ihre Spinde hatten. Anter der Panzerdecke war da in der Mitte des Schiffes eine drückend heiße Luft. Nur spärlich drang das Tageslicht bis zum Antlitz der schwer getroffenen M 'inner. Kapitän Goette sprach zu ihnen Worte des Trostes und der Anerkennung. Jeder Verwundete sollte in erster Linie das Eiserne Kreuz erhalten. Trotz Schmerz und Not blitzte in manchen Mannes mattem Auge ein Strahl stolzer Freude. Aber da lag auch einer unter ihnen, dem selbst ein Wort des Lobes nicht mehr zum Bewußtsein kam. Fieberschauer umfingen seine matte Seele. Dennocb... nebörte davi in dieser feierlichen Stunde. — — —
Eine Schlacht bleibt immer eine harte urooe uer Manneszucht. Sie wurde von unserer Besatzung glänzend bestanden. Keinen Mißton vernahm ich in dieser Linstcht, kein Wort der Klage noch eine Aeußerung des Schmerzes. Mit Stolz werde ich stets jenes Leldentums unserer Verwundeten und Sterbenden gedenken!
Am Sonntag nach der Schlacht, am 4. Juni, wurden die Gefallenen der gesamten Flotte auf dem neuen Garnisonsfriedhofe in Wilhelmshaven bestattet. Bei dieser Feier durste der Schiffsarzt S. M. S. „Großer Kurfürst" den toten Kameraden einen letzten Gruß in das bergende Grab hinabsenden. Die Stätte da draupen, jenseits der äußersten Vorstadthäuser, inmitten fruchtbarer Felder und Wiesen, kannte ich wohl. Nun waren aus großen Blumenbeeten der Maienblüte Gräber für die einzelnen Schiffe geworden. Grab an Grab starrte uns entgegen.
Massengräber!... Mir bis zu dieser Stunde ein schreckliches Wort. Wohl war ich oft vom Sonderburger Lasen nach der Löhe hinausgewandert und hatte an jenen Massengräbern der Düppler Schanzen Aufschriften gelesen wie „Lier ruhen 20 tapfere Preußen", dicht daneben „Lier ruhen 100 tapfere Dänen". Die schlichten Worte waren so packend, daß man sie nicht los wurde. Aber wie fern lag einem doch auch stets der Gedanke, jemals in ein offenes Massengrab hineinschauen zu müssen. And doch, hier in der ernsten Wirklichkeit erschien mir solch ein Grab nicht mehr abschreckend. Denn unsere wackeren Mattosen schliefen da unten im dunklen Schrein beisammen, wie sie im Dienste zusammengestanden hatten. Auf ihren Schiffen wehte über ihnen die deutsche Kriegsflagge, und auch hier deckte sie sanft die gleiche Flagge vom Skagerrak, die Flagge schwarz- weiß-rot!-- _
Die illustrierte Welt brachte damals ein kleines Bild von der Bestattung: Auf flaggengeschmückter Kanzel der Pfarrer, mit Kränzen ist das Gräberfeld bedeckt, ringsum Tausende von Angehörigen, Offiziere, Mattosen, Abordnungen der einzelnen Schiffe. Eine schmerzdurchwehte, weihevolle Stimmung der Feier durchdrang jeden Einzelnen... Ehrensalven rollten über Ostfrieslands Fluren hinaus zum grauen Meere... Die Mattosenkapelle ließ den Choral des Soldaten über die offenen Gräber erklingen: „Ich hatt' einen Kameraden."
Frauentränen rannen schon lange still dahin, Männerherzen trugen in stummem Schmerze den schweren Kummer. In diesem Augenblicke sprengte das wehe Leid mit Macht jede Fessel. Anter lautem Schluchzen rang es sich aus der Tiefe der deutschen Brust hervor. Lelle Perlen rollten nun auch ohne Lalt und ohne Scheu über des Seemanns bärtige, wettergebräunte Wange. Wie oft hatte man im Knabenalter dies Lied gesungen, ahnungslos in jugendlichem Frohsinne. Leute erst empfand die Seele des Einzelnen den tiefen Sinn: Treue — Pflichterfüllung — Opfermut — Abschied. —
„Bleib du im ew'gen Leben, mein guter Kamerad!"
Zehn bange Jahre sind über unser armes Vaterland dahinge- wngcn.--Der Leldenfriedhof zu Rüsttingen ist eine Wall-
ahrtsstätte des deutschen Volkes geworden. Er wird es bleiben, o lange es Deutsche gibt. Denn nie werden die Leiden vergessen, sie Blut und Leben im Kampfe gegen England opferten. Gegen unseren gefährlichsten Feind.
Wieder schmüctt sich im Lenze die Erde. Kühler Seewind umweht unser Antlitz. Schreiende Möven fliegen umher und grüßen uns. Alles wie einst.
Warum nur hat man den Druck auf der Brust beim Durchschreiten dieses Ehrenfeldes?! — Die vielen, vielen Kreuze über den hundert und aberhundert deuffchen Männern bereiten uns Angst. Denn sie fragen:
Seid Ihr einig geblieben — und treu?---
Meister Müller.
Von Gustav Schüler.
Skagerrakschlacht! Kreuzer „Seidlitz" brennt! Zur Pulverkammer fressen die Flammen!
„Fluten! Fluten!" —der Befehl durchs Telephon rennt. Zweitausend beten's zusammen!
Zum Hinteren Turm fliegt der Schreckensbefehl — Doch im Hinteren Turm sind nur Tote--
Immer näher indessen mit gierem Gefchwel Frißt die Löllenglut sich, die rote!
Zweitausend Mann! In den Lüsten schreit Der Mütter und Bräute Beten —
Zweitausend! Da kommt Meister Müllers Zeit! Er hat seinen Weg schon betreten.
Zum Leckventil! Die Platten glutrot! Loizpantinen kann's ja nicht schaden — Weiter vor! Weiter vor! Q grause Not; Das Veutilrad ist glührot ohn' Gnaden.
Die Speichen funkeln! Er packt's! Reißt's herum Mit furchtbar wütendem Biegen ...
Einmal! Zweimal! Sein Schrei bleibt stumm. Ob Fetzen von den Länden auch fliegen.
Dreimal! Viermal! Gott im Limmel, du!
Lerrgott! Im brausenden Bogen In die Pulverkammer, übers Pulver herzu Stürzen reitende Nordseewogen--
Wer deine verkohlten Lände wohl kennt, Lellandshände, die herrlich waren? — Wer wohl den Meister Müller nennt. Wie er in die Pantinen gefahren?
Die letzten Stunden des Kreuzers „Wiesbaden".
Von Oberheizer Lugo Senne. *)
Am 31. Mai 1916, nachmittags 4 Ahr, war ich auf Wache gezogen. Zwischen %5 und 5 Ahr war Alarm. Meine Station war im Zwischendeck. Zuerst kam das Signal: „Achtung, Feind an Steuerbord!" „Wiesbaden" fuhr mit „Elbing", „Pillau", „Frankfurt" zusammen als letztes Schiff in der vordersten Aufklärung. Zunächst waren nur unsere Panzertteuzer im Kampf. Ich sah „von der Tann", als sie aus der Linie bog und signalisierte. Dann kam plötzlich Befehl: „Gefecht an Backbord!" Es erfolgte gleich eine schwere Erschütterung im Schiff und Befehl: „Rauch und Gasgefahr im Mittelschiff Abteilung VI!" „Wiesbaden" hatte kurz vorher mit Schießen angefangen. Durch Postenkette kam nun der Befehl: „Beide Maschinen äußerste Kraft voraus!^ Lieraus war mir ersichtlich, daß die Telegraphen und sonstigen Signalmittel nach der Maschine bereits zerstört waren. Da keine Antwort zurückkam: „Backbordmaschine äußerste Kraft voraus! Dann wurde zurückgerufen: „Backbordmaschine gibt keine Antwort!" Jetzt: „Große Dampfgefahr, Kompaßtelephon wieder in Ordnung!" Der nächste schwere Treffer war in Abteilung IX auf Oberdeck. Die Granate schlug durch das Deck, aber nicht durch das Panzer- deck. Später folgten viele schwere Treffer, und achtern in Abteilung II anscheinend ein Torpedotreffer. Denn das ganze Schiff wurde er- schüttert und hochgehoben. Darauf erfolgte bald der Befehl; „Alle Mann aus dem Schiff." Ich lief nach oben durch Abteilung VI. Auf Oberdeck sah es wüst aus. Der Steuerbord-Längemattkasten war vollkommen durchschossen und die Längematten zerfetzt. Die Geschützmannschasten lagen tot an ihren Geschützen. Das Deck war aufgeriffen und durchlöchert. Es war scheinbar Feuerpause eingetreten, denn der Feind schoß nicht, die Ahr mag y27 gewesen sein. Ich holte mir eine Schwimmweste und lief nach dem achteren Geschütz. Nur die Steuerbordseite war passierbar. Jetzt schlug«; wieder Granaten schnell hintereinander ein. Wir wurden von auf- spritzendem Wasser naß, das so mit Gas gemischt war, daß wir ganz gelb wurden. Ansere Schiffe kamen etwas näher, entfernten
*) Wir entnehmen diesen Gedenkaufsatz mit Erlaubnis des Verlags I. F. Lehmann in München dem dort erschienenen prächtigen Werke „Aus See unbesiegt", herausgegeben von Admiral v. Mantey. Preis der beiden einzeln käuflichen Bände je M 5.—.


