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nachdem das voranfahrende Kreuzergeschwader die Befestigungs- Werke und militärisch wichtigen Anlagen von Great Tarnwut und Lowestoft beschossen hatte.
Außerdem war nach der Meldung des Admiralstabs eine Gruppe feindlicher kleiner Kreuzer und Torpedobootszerstörer unter Feuer genommen worden. „Auf einem Kreuzer wurde ein schwerer Brand beobachtet, ein Torpedobootszerstörer und zwei feindliche Vorposten- schiffe wurden versenkt. Eins der letzteren war der englische Fischdampfer „King Stephen", der sich seinerzeit weigerte, die Besatzung des in Seenot befindlichen deutschen Luftschiffes „L 19" zu retten. Die Besatzung des Fischdainpsers wurde gefangen genommen."
Der „Große Kurfürst" hatte in der Reihe der Großkampflinienschiffe seinen Platz unmittelbar hinter dem Spitzenschiff „König". Von hier ließen sich die Linienschiff-Geschwader, die von den ftint dahinjagenden, schwarzen Torpedobooten flankiert waren, leicht überschauen, sobald die Fahrtrichtung eine leichte Biegung nahm. Wohl 23 Linienschiffe fuhren im Abstande von ungefähr % Kilometer in Kiellinie daher. Bei der klaren Sicht erschien das ganze Gebilde als ein Helles, weithin leuchtendes Band.
Unser starkes Vaterland hatte eine mächtige Hochseeflotte!
Seit Admiral Scheer das Kommando übernahm, reihte sich Vorstoß an Vorstoß. Einmal mußte sich doch der Engländer zum Kampfe stellen. Kehrten die Schiffe zum Kohlen in den Lasen zurück, dann war man froh, seine Glieder durch einen Marsch an Land erquicken zu können. So kam ich gelegentlich in den schönsten Maientagen mit einem Kameraden nach dem Dorfe Neuenend. Neben der alten Kirche lagen die Gräber wie im Dornröschenschlaf, in Sonnenschein und Spinngeweben. Originelle Grüften und Grabsteine mit Jahrhunderte alten Inschriften fesselten uns lange. Dann wanderten wir durch blühende Wiesen zurück nach dein neuen Gar- nisonfriedhofe, den fürsorgender Rat zu Beginn des Krieges geschaffen hatte. Friedlich schliefen hier schon Gefallene verschiedener Schiffe nebeneinander. In meinem Tagebuch schrieb ich damals nieder: Die Einteilung ist für mehr oder weniger große Massengräber gedacht.
30. Mai 1916. Seit vorgestern liegen die vier großen Brüder *) im Innenhafen am Kai. Leute plötzlich zur Abfahrt klar. — Westwind. Regen. Die Wasser der Jade sind schmutzig gelb. — Abends vor Anker auf Schillig Reede. Angeblich geht die Fahrt morgen nach der Küste Norwegens, um dort den englischen Landeisverkehr zu stören. — Um 10% sind auch die Gefechtsverbandplähe vollständig hergerichtet.
Gestern ging der jüngste Assistenzarzt auf Urlaub, und heute mußte der Ober-Sanitätsmaat wegen Blinddarmentzündung an das Lazarett-Schiff „Sierra Ventana" ausgeschifft werden.
So fuhr ich denn mit einem Oberassistenzarzt allein hinaus. — Der Schiffsarzt hatte im Kampfe seinen Gefechtsposten auf dem Lauptgefechtsverbandplaye, der Zentrale für alle schweren Verletzungen; hier fehlte nun der Lilfsarzt. Der Oberassistenzarzt dagegen war auf dem Lilfsgefechtsverbandplatz für alle leichteren Verwundungen stationiert. Ihm sollte der Ober-Sanitätsmaat eine rechte Land fein.
31. Mai. Seit 5 Uhr früh in Fahrt. Ein stolzer Anblick von der Schanze. Das dritte Geschwader fährt wieder an der Spitze, der „Große Kurfürst" an zweiter Stelle. Vor uns am Lorizont die Kreuzer. Linter uns die Linienschiffe, Schiff an Schiff, 22 an der Zahl. Leute kein Luftschiff zu sehen. Sonst kreuzte bei den Unternehmungen der Flotte immer einmal ein aufklärender Zeppelin unsere Geschwader.
Gegen 11 Uhr vormittags befinden wir uns schon in dänischen Gewässern.
Kalter Westwind. Kein Sonnenstrahl. Wasser-Temperatur 10°. Dunkelgrün wogt die Nordsee. Kein Land ist am Lorizonte zu sehen, kein Leuchtturm, kein Schiff außer unserer Flotte. Diesmal sind die zweiten Schornsteine aller Schiffe rot gestrichen, wie die Linienschiffe und die seitlich deckenden Torpedoboote deutlich erkennen lassen. Linker uns „Markgraf" wie zum Greifen nahe; und doch 500 Meter entfernt. An seinem stolzen Buge gehen die trotzigen Wogen hoch.
Auf der Schanze wurde ab und zu ein kleiner Kriegsrat gehalten. Wer gerade von Offizieren, Ingenieuren, Aerzten oder Zahlmeistem auf seinem Posten abgelöst war, ging dorthin zur Erholung und zum Gedankenaustausch. Sie standen in einer Seeschlacht alle in gleicher Gefahr. Nirgends vermochte die Panzerplatte den englischen 38-Zentimeter-Granaten gegenüber zu schützen.
Gegen 6 Uhr nachmittags ertönte „klar Schiff"... Gleichzeitig kam die Mitteilung, daß in kurzer Zeit das Gefecht mit feindlichen Stteitkräften beginnen würde. Man staunte. Also hatte doch einmal einet der vielen Vorstöße den Erfolg, die Engländer gefunden zu haben.
Jeder eilt nach seinem Gefechtsposten.
Um 6 Uhr 45 wurde der erste Schuß an Bord gelöst. Der Lauptgefechtsverbandplatz lag am achteren Turm. Lier ging eine derartige Erschüttemng durch unseren kleinen, niedrigen Raum, daß man die Luft wie in Wellen dahinzittern fah.
Schon nach einer guten halben Stunde wurde ein Schwerverletzter gebracht, ein Obermatrose. Er wat im Vormars getroffen worden.
*) Schiffe der Königklage: König, Großer Kurfürst, Markgraf, Kronprinz, Stapellauf 1913—14. Tonnengehalt 25800, Länge 175 Meter, Geschwindigkeit etwa 23 Seemeilen. — Armierung: 30,5 Zentimeter (10), 15 Zentimeter (14), 8,8 Zentimeter (10); Maschinengewehre 2, Torpedorohre 5. Besatzung: 1130 Mann (nach Dr. S. T. Mittler).
Eine tiefe Fletschwunde blutete am rechten Oberschenkel, sein rechte» Landrücken war zerfetzt.
Sobald eine beruhigende Einspritzung bei ihm zu wirken begann, erzählte er während der Wundbehandlung, daß Kapitän-Leutnant v. L. ebendort schwer verwundet liege. Er habe ihm aufgetragen, zunächst für sich selbst zu sorgen und dann Lilse zu schicken. Doch war dem Armen nicht mehr zu Helsen. Feindliche Granatsplitter hattm ihm den Leidentod verliehen. Mit diesem liebenswürdigen Kameraden hatte ich noch eine Stunde vor der Schlacht gesprochen. Sonst stets heiter, trug fein Wesen da einen feierlichen Emst zur Schau. Ob ihn ein Ahnen des nahen Todes befreite?
Noch hatte das erste Opfer den Operationstifch nicht verlassen, als bald nacheinander weitere Verwundete herbeigettagen wurden. Sie waren noch schwerer getroffen... Zwei machten infolge des großen Blutverlustes bereits den Eindruck von Sterbenden. Ein Mann hatte Brüche verschiedener Rippen und der Wirbelsäule... Einem anderen war die rechte Beckenschausel herausgerissen... Doch genug. Manche waren bereits benommen, anderen hals ich, soweit es in meinen Kräftm stand, daß sie ihre Schmerzen nicht fühlten.
Die Lüftung unseres Raumes war abgestellt, Ventilatoren genügten nicht. Wegen der schwülen, dumpfen Atmosphäre mußte ich im Verlaufe von Stunden ein Kleidungsstück nach dem andem ablegen, um selbst nur meiner Ausgabe gerecht werden zu können. Die Beleuchtung hatte bald aufgehört zu funktionieren, bei Kerzenlicht mußte operiert werden. Auf das Toben des Gefechtes achtete ich längst nicht mehr, selbst die Erschüttemng durch sckwerste Granaten, welche unsere Panzerung durchschlugen, kamen mir nicht zum Bewußtsein.
Inzwischen war auch noch die Meldung durchgegangen, daß der Lilfsgefechtsverbandplatz infolge Treffers außer Funktion sei. Wie mir Oberassistenzarzt d. Res. Dr. K. glücklicherweise selbst berichten konnte, war schon bald eine Granate wenige Schritte neben ihm eingeschlagen.
Dieser Treffer im Vorschiff hätte verhängnisvoller werden können. Zu Beginn des Kampfes war das Sanitäts- und Krankenttäger- personal am Boden des Liifsgefechtsverbandplatzes gelagert. Ein Mattose, der sich bei den ersten Landgriffen am Geschütz eine Fingerverletzung zugezogen hatte, trat ein. Während nun Dr. K. die Wunde behandelte, gruppierten sich alle in diesem Raume befindlichen Leute als Zuschauer rings um Arzt und Verwundeten. Da schlug plötzlich eine schwere Granate durch Bordwand und Fußboden in den Bug hinein... gerade dort, wo noch Minuten vorher die Mannschaften hingelagert waren... So rettete diese Finger- quetschung durch Schicksals Fügung einer Anzahl Menschen das Leben. — Dr. K. mußte daraufhin mit seinen Leuten das schon erheblich beschädigte Vorderschiff verlassen und kam in meinen Operationsraum. Lier wurden nunmehr alle Verwundetm behandelt.
Mit einem Nervenschock war Dr. K. davongekommen. Aus unserem Spitzenschiffe „König" fiel der in gleicher Lage und an Perfelben Stelle befindliche Oberassistenzarzt d. Res. Dr. Sch. durch den ersten 38-Zentimeter-Granattreffer. Er war ein hoffnungsvoller Sonnenmensch.
Nachdem die Verwundeten versorgt und untergebracht waren und das Donnern der Geschütze entgültig nachgelassen hatte, mußten unsere gefallenen Kameraden von den Krankenträgern zufammen- gelegt werden. Der vorgesehene Lagerungsraum für die Toten, das Lazarett, im Schiffsbug gelegen, war infolge der Verwüstungen nicht mehr zugängig. In einer Backbord vorderen Kasematte, die wegen Zerstörung des Geschützes für ein ferneres Gefecht nicht mehr in Betracht kam, waren fchon während der Schlacht gefallene Leute gesammelt worden. Lier wurden nun auch die im Lazarett Verstorbenen niedergelegt.
tim Mitternacht kam ich erst zur Besichtigung dieses Raumes. Der Eindmck von den in aller Last und Eile des Gefechtes zu- fammengetragenen Leichen war geradezu erschüttemd...
Es ist mir, als höre ich noch den Einen am frühen Morgen die Worte fprechen: „Morgen ist Lirnrnelfahrt, vielleicht werden wir auch in den Simmel fahren."... War es Uebermut oder lästemderLeichtsinn? Oder schien es nur so? Lier lag das junge Blut, kalt und bleich, auf feinem Gefechtsposten, neben feinem Geschütz. Ein Granatsplitter hatte ihm den Rücken in ganzer Länge ausgeriffen... Er tat seine Pflicht bis zum letzten Atemzuge!--
Posten wurden hier als Totenwache aufgestellt. Ehrenwachen für die gefallenen deutschen Brüder am toten Geschütz. Mochten sie ruhig unter der Waffe schlafen, wo sie in treuer Pflichterfüllung ihr junges Leben dahingaben. — Die heimliche Melodie der düsteren Meereswogen war ihr Totengefang... Kühl strich der Seewind fanft über die blutig gebrochenen Glieder...
Die größte Seeschlacht der Geschichte war vorüber. Vor Pem Skagerrak hatten sich Deutschlands und Englands Flotte in heißem Kampfe gemessen. Die Briten verließen trotz ihrer fleberlegent)6“ an Zahl, Schnelligkeit und schwerem Geschütz die Stätte des Kampfs» ohne Sorge um die Rettung ihrer Schiffbrüchigen. Deutsche Torpedoboote und Kleine Kreuzer bargen zwischen Jütlands und Norwegens Küste 177 mit dem Tode ringende Engländer.
Admiral Scheer führte die tapfere deutsche Flotte am Tage der Lirnrnelfahrt nach dem heimatlichen Lasen. In eherner Ruhe durchschnitten unsere Prachtschiffe die dunklen Fluten. Warum nur erinnerte ihr Aussehen an die alten, aus der Schlacht heimkehrenden Wickingersahrzeuge?


