von Shakespeare, tote Macbeth ober König Lear. Mer ein Frag- ment, ein Torso. Das Letzte und Größte sagt es nicht — die Wirkung an der monumentalen Stelle.
Man muh dem Direktor des Rijks-Museums in Arnster- dam Recht geben, wenn er, sehr tapfer, int Katalog sagt, es sei eine Schande für Holland, und eine Katastrophe für Europa, die Art, wie Amsterdam seinen größten Künstler behandelte, ihn, der in genau dem gleichen Jahr die »Staalmeesters" geschaffen und hier alle Bedingungen, die man an einen Auftrag knüpfen kann, mit meisterlicher Gelassenheit erfüllt hatte. Man kann «S auch nicht entschuldigen.
Gewiß, Rembrandt war ein schwieriger Mensch und nicht so handlich tote Barthel van der Helft und alle die andern, deren große Schützenstücke jetzt neben Rembrandts „Nachtwache" bei ihrer Neuaufstellung im großen Saal des Nijks-Museum aussehen tote Spielkarten. And vielleicht war Rembrandt in Geldfragen nicht sehr zuverlässig, wie die Geschichte seines Bankrotts beweisen mag; und in einer Kaufmanns stabt ist man sehr empfindlich in den Fragen, was geschäftlich fair und was unfair ist. Alles zugegeben. Aber Tizian war auch nicht bequem, um auf Venedig zurückzukommen, und Tizian hat bis in sein höchstes Alter gelogen und betrogen, auch den Staat hat er betrogen. Das alles, mit der Schwierigkeit und dem Geld, ist bedauerlich Mer es ist noch kein Grund, um Rembrandt das Amsterdamer Rathaus zu verschließen. Denn was die Herren da taten, war doch nichts Geringeres, als daß sie das Entstehen des malerischen Monumentalstils verhinderten.
Jener Fürst hätte ja das Bild nicht gleich zu sehen brauchen, sondern am Ende den leeren Fleck oder den Entwurf; und toemt Rembrandt tausend Gulden mehr bekommen hätte, als Jürgen OvenS, wäre es auch zu verschmerzen gewesen. Sie haben ihn eben nicht gewollt, ihre Nüchternheit und ihre Desser- wlsserei, Aesthetik unter Aufsicht der Behörde, die auch in Fragen der Kunst glaubt befehlen zu könneit — alles dies hat das Letzte und Allergrößte von Rembrandts Schaffen zum Scheitern gebracht. Amsterdam hat seine größten Künstler nicht gekannt und nicht geliebt.
Zauberfische.
Von Friedrich Schnack.
Unter Algen, grünen Wasserwogen Kommen unbekannte Fische hergezogen.
Aus des Schlafes Flut, dem Glanz der Perlenmächte Tauchen auf die blauen Zauberhechte, Heber die kristallnen Wiesen Ihre Schuppenleiber schießen.
In den Tiefen schallen
Wilde Quellen über Nachtkorallen.
Große Orgeln brausen in den Gründen, Wo die sieben Meere donnernd münden, And die alten Wale, traumverschlagetr, Brüten über Wasserfagen.
In dem schweren Wogenlichte Leuchten glasig starre Fischgesichte. Die Delphine jagen nach dem Mittagmeer. Auf des Südens blauer Barkarole Rauschen sie nach ferner Hafenmole Hinter Schiffen her.
Schläfrig schwebend Silberbarben blitzen Anter Blättern, wo die heißen Fliegen sitzen And die Schatten lodern breit.
Geisternd fahren stromgetrieben Quallen, die die langen Reisen Heben, Langsam in die Ewigkeit.
Die Richterin.
Von Eonrad Ferdinand Meher.
(Fortsetzung.)
Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber sich entwölkte. Seine verklarten Linien hoben sich auf dem lautern Himmel rein und zierlich doch ohne Schärfe, ato wollten sie ihn nicht ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und Lieblichkeit, als hätten ste sich gebildet, e$je die Schöpfung in Mann und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.
„Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, „aber nachts, wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der süße Schelm mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir daS Herz aus dem Setbe. Aber siehe!" wiederholte sie.
Eine Wolke schwebte über den weihen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich einander zu und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den Finger an den Mund. „Still", Msterte sie, „das sind Selige!" Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen Blicken belauschte
himmlische Freude löste sich auf und zerfloß. „Bleibet! oder gehet nur!“ rief Palma mit jubelnder Gebärde, „wir sind Selige wie ihr! Richt wahr .Bruder?" und sie blickte mit trunkenen Augen bis in den Grund der seinigen.
Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber. Palma umfing den Bruder in Liebe und Anschuld. Sie schmeichelte seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur mtd wurde eins mit dem Geben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...
Da rief eine kindliche Stimme: „Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in der Tiefe umarmen!“
Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und Afer mtd das Geschwisterpaar verdoppelte. „Wer sind die Zweie? rief er.
„Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern und Wulfrin erschrak, daß er die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt, sprang er empor und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu halten schien.
„Grüß' Gott! grüß' Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände entgegen. „Ich habe es dem Ohm feier-- sich geloben müssen“, erklärte er, „solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen des Distunts und die Kirche hält Frieden. Sei willkommett, Wulfrin. und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es auch, denn er glaubte die Arsache ihres Weges zu wissen, und da sie schwiegen, begann er ein großes Geplauder.
„Die haben dem guten Ohm böse mitgespielt“, erzählte er. „Wir sahen zu dreien in der Stube beim Nachttische, denn die Richterin war nach Cur gekommen» um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mutzte. Frau Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun, Über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montasuners, welche Bischof Felix gefirmelt hate" —
„Mit mir. Sie war fein Liebling“, rief Palma, die wieder dicht neben dem Höfling schritt.
„Still!“ sagte dieser ungebärdig und das Mädchen lief nach einer Blum e.
—„wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch das Durgfenster geworfen. Wenige Sage später schlug der Scharnser mitten im Stiftshofe dem Dergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel ein und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: „Das sind Wallungen und augenblickliche Verfinsterimgen der Vernunft, aber die Natur ist gut und wird durch die Gnade noch besser.“ Der Ohm ist ein bitzchen Pelagianer, hi, hi!" ... ,
„Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn fein Blick rief Palma, die ihm gleich roieber zusprang. „Ist das nicht eine Gattung griechischer Krieger?“
„Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma und der Ohm stritten über das Döse. Da sicht der Difchos, der kurzsichttg ist, auf Felicitas — diesen Namen hat er der nahen Höhe gegeben, wo ihm em Sommerhaus steht — eine Flamme. „Wir feiern den Abzug der Lombarden“, lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt in ihrer ruhigen Weise: „Ich meine, sie sind es selber", und richtig tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand.
Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ans Haus und rebet: „Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mit den Rock, nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!" Der Ohm erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im Halbdunkel sah. „Die Frau da", höhnt er, „hat einen Heiligenschein um das Haupt, her mit dem Stirnband!“ Da erhebt sich Frau Stemma und durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: „Unter- stehe dich!“ „Ja, so", sagt er, „die Richterin!" und biegt das Knie. Da der arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne Altardecke übergelegt — sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen — und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Cur euren solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg und der Stab in Trümmer flog. „Bischof, segne mich!' schrie der Lombarde. Ser Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. „Ziehe hin in Frieden, mein Sohn!“ sprach er und hob die Hände.
„Dich, Bischof", jauchzte der Lombarde, „hole der Teufel!" „And dich hole er gleichfalls!“ gab der Ohm zurück. Ich hätte eS eigentlich nicht erzählen sollen“, endete Gnadenreich halb reuig, „es hat den Ohm schrecklich erbost."


