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Palms hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund und Gnadenreich wurde immer gesprächiger und zutulicher.
.Mir haben uns eine. Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. .Ich verlieh Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt I Welche Bekanntschaften habe ich gemacht I Ich ging dein Büchlein im Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf! Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alle- drinnesteckt! Kaum ein Viertelst ündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise und wer tritt ein? — ich bitte dich, Wulftin! — der Kaiser. Ich verging vor Ghv- furcht. Er aber war gnädig und ergötzte sich denke dir? an deiner Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen lieh" —
Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie gerieten zwischen die Herd«! und das grüne Pratum wurde voller Geblöke und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde beschnoberte d«r Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und mit Der» lvunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmvrt war leutselig und ftug alle nach ihren Murren und Herden.
.Ich bin gewiß kein Plauderer", sagt« Graciosus, nachdem er Raum geschaffen hatte, »aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt — haarklein muhte ich berichten von Horn und Decher, zumal die erstaunliche Frau Stemma gab dem hohen Herrn zu schaffen."
Der Höfling blickte verdrieHlich.
„Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. »Der Inhalt und die Höhe des Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? .Und doch, aber doch — Wulfrin, ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte, etwas vernommen, bas mich tief betrübt, etwas von einer gewissen Regine... weißt du es?"
»Das ist seine Kebfin", fuhr Wulfrin Ehrlich heraus.
„Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes Beispiel! Und die Karlstöchter?"
„Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, »wer hat mich zum Hüter der Karlstöchter bestellt?"
„Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der Entfernung die schallende Rede Wulftii^ verstanden hatte. »Sie heißen: Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Abaltrud und Himiltrud. Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen wiederholten die ihnen fremdklingenden Dam«! und zogen unter jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort.
Gnadenreich verlangsamte den Schritl. Traulich suchte er die Hand des Höflings. »Die Ehe ist heilig", sagte er, »und bas sollte der Kaiser nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster trott Tugend zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du keimst meine Reigung, an der ich fcähalte, wenn mir auch Palma zuweilen Sorge macht. Icyr sind wir allein — sie scheint heute tedfam — das Exrrtie die Stunde sein — weim es dän Wille wäre" —
„Sri nur getrost. Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, „die Sache ist abgemacht."
Hätte einer der Gewalttätigen, die auf den rätischen Felssr nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins Angesicht getrotzt und das Schwert auS der Scheide gerissen haben, aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können. Lind er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken getrieben, die Schwester zu vermählen.
.Abgemacht?" fragte Graciosus, »du willst sagen: zwischen dir und der Richterin? Doch wie meinst du — ist Palma nicht am Ende zu wild und groß für mich?"
»Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?"
Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickt«! jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie fcatte sich von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschnei» den. Reben ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herd» verloren hatte, und am llferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen von ihrem wunden Fuße mck> wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem mitleidig«, Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete mit ihm durch die Strömung und lieh eS feiner Herde nachlaufen.
Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. »Ich wage es! Ich nehme fiel" rief er aus. »Die ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"
»So gehe voraus und richte das Drautmohll Ich werd» für dich werben. Das ist doch beüt Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem Bezirke von Hürde« und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emfwrtrieb. Gnadenreich bog fett» tvärtS die Drücke suchend, während der Höfling den reißenben Bach in einem Satze übersprang.
Hchriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der
Wulfrin erreichte die Schwester. »Du läufst barfuß, Bräut» chen?" ,
»Ich bin kein Bväutchen, und was nützen mir die Schuhe, wenn ich nicht mit dir durch die Welt laufen darf?"
»Du bist nicht die Törin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf Pratum darf nicht unbeschuht gehen."
»Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geöffnet."
»Er wirbt durch den meinigen. Aimm ihn, rat' ich "dir, wenn du keinen andern siebst."
Sie schüttelte den Kopf. »Rur dich, Wulfrin."
»Das zählt nicht."
Sie heb die klaren Augen zu ihm auf. »Geschieht dir damit ein so großer Gefallen?"
Er nickte.
»So tue ich es dir zuliebe."
»Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die .Wange. »Ich werde euch schützen, daß euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem ersten Buben Gevatter stehen."
Sie errötete nicht, sondern die Augen füllten sich mit Tränen. „Run denn," sagte sie, »aber wir wollen langsam gehen, daß es eine Stunde dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem Höfling aber wurde es offenbar, jetzt, da er die Schwester weggab, daß sie ihm das Liebste auf der Erde sei.
„Hier thronen wir wie die Engel," sagte Graciosus, nach- dem er seine Gäste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf die Zinne geführt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug neben den Broten eine Schüssel Milch mit dem geschnitzten Lössel und einen Krug voll schwarz- dunkeln Weines, ein bischöfliches Geschirr, denn er war mit der Mitra und den zwei Krummstäben bezeichnet. Die dreie saßen auf einer Bank, das Mädchen in der Mitte. Die ringsum laufende Brüstung reichte so hoch daß sich kaum darüber weg» knicken ließ. Rur der Himmel war sichtbar, und an diesem häuften sich unheimliche schwefelgelbe Wollen.
„Die Mllch für mich für dich der Wein, Wulftin," sagte Graciosus. „Der verreiste noch glücklich aus dem bischöflich«! Keller, ehe ihn die Lombarden leerten. Aber mit wem hält e$ Palma?" „Mit dir," meinte der Höfling.
Graciosus sprach das Tischgebet. „Run gleich auch den andern Spruch frisch heraus. Gnadenreich!" ermunterte Wulftin.
Da geschah es, daß der Dischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf nichts besinnen konnte von alle dem Zärtlichen und Verständigen, was er sich für diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen hatte. Rollos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte er des Lämmchens und der bloß«, Süße und kam in eine fromme Stimmung. »Palma novella," bekannte er, »ich siebe dich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gsnüte."
Das war hübsch Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand. Auch Wulftin mißfiel diele Werbung nicht. »Dun aber aroHm wir ein bißchen lustig kein!" rief er auS .Das bringe ich euch!" Er hob den Krug und tranü Graciosus schöpfte ein® Löffel Mllch und bot ihn dem Munde feiner "Braut, »s war nicht der einzige auf Pratum, aber Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
Sie öffnete schon die roten Lipp«!, da sagte sie: »Heute widersteht mir die Mllch Gib du mir zu trinken, Wulftin." Er reichte ihr den Krug und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die Mhnluft wurde zum Er» sticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten ebenfalls und dieser hass sich indem er feine Mllch auslöffelte und nach land- sicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den Mund hob- Wulftin betrachtete den jungen Racken. Gr enthielt sich nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
»Aber nur sitzen auf dem Turm wie die drei Beryruberten," falte Re. »Geh, Gnadenreich hole unS das Buch wo der Bruder äbgebildet ist, daS aus dem Stifte — weißt du — welches du bei deinem letzten Besuche der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast." Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtsich ungerne.
Palma suchte und fanb daS Blatt. Lieber dem lateinische« Texte war mit sauber« Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Dehrimter den Arm abwehrend gegen ein Mädchen aus» A«ckt. daS ihn $u verfolgen schien. Mit dem Krieger deuchte er lN 'stchtsAmem V als den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr begann es mit feinen! braunen 2£ugen unb goldenen Haaren Palma zu gleichen, llm die Figur aber stand geschrieben: »Dhblls."
^d k^ute, Gnadenreich," bat Palma. Graciosus bH^ fturnm. „Dun, so will ich erklären. Das hier ist der Drüber Malrnmtt, wie «r anfangs war und mich weg stößt."
_ , nichts für dich Palma!" wehrte Graciosus ängst»
vch, „laßss und er entzog baS Buch ihren Händen.
»Ihr seid beide langweilig l° schmollte sie. „Ich gehe lieber. ®rßben am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büsche« fteijen Ich wtll mir einen Kranz winden, und sie entsprang.
_________________ l Fortsetzung folgt.)
Brühl'schen Univ.-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


