Gießener jamUenblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, -en 5|. Oktober Nummer 87

Herbstabend.

Von Anton Schnack.

Abendlicher Lauch aus Keinen, schiefen Schlöte» Ruht gekräuselt Wer First und Dach, Ferne Flatterwölkchen fangen an mit Liebreiz zu erröten. Langsam segeln sie der müden Sonne nach.

Falter tasten leis« an die blauen Scheiben, Wo der Wind die dunklen Blätter regt, Roch erklingt das abendliche Treiben, Dis der Dämm'rung Rauch sich in die Gassen legt

Tiefer dunkelt schon das Mau der Ferne,

Kinderlieber klingen seltsam aus, And die ersten schmalen Silbersterne Steigen in die Rächt mit leichtem Glanz hinaus...

Das Gespräch in Laleh.

Von Hugo von Hofmannsthal.

Aus einer Schilderung seinerReise im nördlichen Afrika" veröffentlicht Hofmannsthal in dem soeben erscheinendenInsel-Almanach auf daS Jahr 1926" einen Abschnitt, der in einem fremden und eigentüm­lichen Rahmen tiefe Erkenntnisse über deutsche Wesen enthält. Wir- geben dies Gespräch mit einigen Kür­zungen wieder.,

Der Anfang war schwierig, sagte der Hauptmann de B. Ich war mit fünfundzwanzig eingeborenen Reitern ganz allein dgxt unten im Atlas: das Gebiet, das ichin Ruhe zu halten" hatte, umfaßte zehn Tagereisen mit einer Bevölkerung von vielleicht zweimalhunderttausend Berbern, nomadische und nie­mals zur Ruhe und zur Anterwürfigkeit geneigte Stämme; man war zu Anfang des großem Krieges und unsere Situation hier im ganzen höchlich auf der Schneide des Messers. Aber «s war dies der große Moment des Marschalls Lyautey einer der großen Momente seines Soldatenlebens Sie haben davon gehört, und wir sind imstande gewesen, unsere Auf- gabei« zu lösen, sowohl im großen ganzen als im einzelnen. Ich die meinige aber nur durch die Hilfe eines Deutschen.

Ich sah ihn an.

Dieser Deutsche befand sich nicht bei mir: ich habe ihn nie gesehen. Aber als ich mich auf meinen Posten begab, wußte ich daß ich nichts ausrichten würde, wenn ich zu urtümlichen und kriegerischen Menschen brach den Mund eines Dolmetschers spräche in einer Lage, in der alles auf die persönliche Gel­tung ankam. Es handelte sich um die Sprache, welche dies« Stämme dort im Süden und auch weiter südlich des großen Atlas sprechen, um dasSchlö", eine Sprache, deren Kenner in Europa damals Wohl an den Fingern einer Hand hergezählt werden konnten. Aber ich hatte in der Tasche eine vollständige Grammatik der Schlö-Sprache, keine fünf Jahre alt, das Werk eines Deutschen.

Einer unserer fleißigen Reisenden, der vor «eurer Ankunft daS Atlasgebiet durchstreifte, und diese philologischen Kennt­nisse gesammelt hatte, sagte ich

Keines Reisenden. Dieser Herr hat sein Leipzig nicht ver­lassen and seinem Fuß nicht auf die afrikanische Erde gesetzt. Aber der Zufall hat einmal fünf Schlö-Tänzer nach Leipzig verschlagen: sie sind, scheint es, dort im einem Zirkus aufgetreten.

And mein Deutscher? Das heißt, Ihr Deutscher?

Hat sich über sie hergemacht und sie nicht verlassen, bis er diesen Menschen im Gott weiß wcrS für Gesprächen, mit Gott weiß welchem Aufwand an Ausdauer, Geschicklichkeit und philo­logischem Genie die Elemente ihrer Sprache herausgelockt und diese in ein grammatisches System gebracht hatte, das ich heute, wo das Schlö mir in zehnjähriger Aebung geläufig ge­worden ist, nur noch mehr bewundere. Wenn Sie jemals nach Leipzig kommen und Herrn Stumme begegnen

So werde ich diesem deutschen Gelehrten sagen, daß er einem französischen Offizier einen s<Hr praktischen Gefallen erwiesea Hat. Sic vos non vobis.

Das zarte, aber sehr feste Gesicht des Hauptmanns de B. faßte sich aus der Gelöstheit des leichten Gespräches zu einem Ausdruck zusammen, der sehr militärisch war. So mußte dieser Mensch aussehen, wenn sich ihm Schwierigkeiten entgegenstellten. Aber die Schwierigkeit dieses Augenblicks war ganz innerlicher Art: dies verriet sich augenblicklich in einem leichten Erzittern

Augensterne. Er war in der sympathischen Art verleg«» geworden, in der sich bei männlichen und entschlossenen Men­schen die jähe Verlegenheit ausspricht: er sah in diesem Augen­blick um 20 Jahre jünger aus, als er war. Der Gedanke hatte ihn gestreift, mich oder uns, nämlich mich und den abwesenden Anbekannten zusammen, möglicherweise verletzt zu haben. Mein Zitat aus Vergil war für fein sehr empfindsames Zartgefühl schon zu scharf gewesen.

Aber, sagt« ich schnell, um dies wieder gutzumachen. Sie haben beide wunderbar kollaboriert, und es liegt darin, wie der Deutsche auS einem fast Richts von Gegebenheit ein System von Erkenntnissen Hervorspinat und wie Sie sich wieder dieses Resultats in der entgegengesetzten Sphäre, in der des praktischen Lebens, bedienen es liegt viel von dem Wesen beider Mlttonen darin ausgedrückt. Aber, sagen Sie mir dies, wenn rch Ihnen eine direkte Frage stellen darf: Sie haben diese fünf Jahre bei dem Kaid eines berberischen Stammes zugebracht als sein Hausgenosse. Es war ein Wann um weniges älter als Sie, dieser junge Fürst, ein Soldat wie Sie. Er war Ihr Verbün­deter und Gastfreund. Sind Sie Freunde geworden, Freunde durch &te Sympathie des Gespräches und durch di« Sympathie des SHwngens, in einer ähnlichen Weise, wie es mit einem Euro- bäer tast unvermeidlich gewesen wäre?

> In einer besseren Weise, als mit sehr vielen Europäern antwortete er; und was er sagte, um diese Antwort zu be- gründen. war mir schön und merkwürdig, aber ich zeichne es hier nicht auf. Wir saßen, als wir dies sprachen, auf dem flachen Dach der Medersa von Saleh, der alten kleinen Stadt der atlantischen Küste, deren Einwohner alleAndalusier" find einst Vertriebene aus den maurischen Königreichen in Spa- men und daher von einem besonderen Stolz, einer besonderen Wohlerzogenheit, einer besonders hohen Bildung. (In den Jahr­hunderten aber, die dann folgten, liefen von hier aus die qe- fürchteten maurischen Piratenschiffe, vor bereit die Küste von Cadir bis Genua oder Livorno zitterte.) Zu unseren Füßen lagen die engen Straßen der Stadt, draußen das Meer, ein­wärts das Land; rechter Hand der starke Fluß, der.sich hier rns Meer ergießt, und überm Fluß die größere Stadt Rabat, werß und von einer hohen, gelbbraunen Mauer umgeben. Ich s<ch <mfs Meer hinunter, auf Rabat hinüber. Störche flogen überall. Die Farben in dieser Stunde vor dem Sonnenunter­gang waren von einer unglaublichen Kraft: das Meer von der reinsten Bläue, di« Häuser der Stadt überm Fluß von leuch­endem Weitz. Heber dem Meer hatte sich aus dem goldenen« Dunst des Abends eine einzige schmale Wolke gebildet. Sie glich einem Fisch aus einer durchscheinenden Koralle geschnitten, an seinem Kopf ging das Korallenfarbene in ein durchscheinend glühendes Gold über.

Der Hauptmann hatte sich in meinem Rücken zu den vier oder fünf anderen jungen Herren gesetzt, die uns begleitet hatten. Sie saßen auf einem schmalen Mauerrand, hoch über der alten Piratenstadt, die immer mehr inS vornächtliche Dunkel versank, und sprachen miteinander. Indem ich meinen Gedanken nach- ging, schlug eS an mein Ohr, daß jetzt eine besonders junge Stimme lebhaft sprach und daß das Thema der Anter Haltung gewechselt Hatte. Ich sah hin. Dieser junge Herr trug Zivil. Gr mochte zum Zivilkabinett deS Marschalls gehören oder zu dem kleinen Stab junger Historiker imb Orientalisten, welche ich beim Tee in der neubegründeten Bibliothek in Rabat kennen gelernt hatte. Gr sprach von Deutschland, von der Schönheit einer Stadt, einer Gegend, dem Zauber eines kleinen Fried­hofs: von dem Friedhof in Bonn, wo Schumann begraben liegt.

Sie lieben Schumann? fragte ich

Ich weiß, sagte er, man sagt in Deutschland, es ist nicht möglich Schumann zu lieben, feit Wagner existiert hat, oder eS ist nicht dsickbar, daß man Schumann liebe, da es doch Dach gebe aber ich weih nicht...

Gr wurde verlegen, da er sich vor dem Fremden zu tief in -das weglose Dickicht der deutschen Komplikation verstrickt fühlte. And da Verlegenheit immer verjüngt, so wurde er vollends zu dem hübschen Knaben, der er vor zehn Jahren gewesen war. Gr sprang schnell ab und sagte: ES war eine Christ­nacht, in einem der Kriegsjahre, ich glaube 1917. Ich war damals ganz jung. Ich war im Graben irgendwo: der deutsche Grab«, war sehr nahe. Gegen Mitternacht hörte auf beiden Seiten daS Schießen auf, und es wurde ganz ruhig. Die Sterne standen groß und still über den beiden Völkern. Aus der Ferne, dort, wo unsere Sittie umbog, hörte man die Marseillaise spielen, ganz leise und geisterhaft. Dann fing im deutschen Graben eine