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deck bedeutend angenehmer erschien, als eingepfercht zu sein in Kajüten, tote sie dieser Dampfer aufwies. Zumal bei der Hitze.

Nun lagen wir schon zwei Tage im Hafen und warteten auf di« neuen Reisegefährten. Wo sie untergebracht werden fottteft, war uns schleierhaft. Bun erfuhren tote, daß hierzu der einzig verfügbar« Platz am Achterdeck verwendet werden sollte. Wir sollten auf der Kommandobrücke verstaut werden. Das lehnten wir jedoch von vorneherein ab. Wir quartierten uns nun zweiter Kajüte ein. Gegen Abend des zweiten Tages wurden die Hammeln aufs Schiff getrieben. Es gab Bilder, die nicht mehr zum Beschreiben sind. Bis die ganze Herde aufs Achterdeck gezerrt war, war die Dunkelheit hereingeörvchru.

Wieder folgte eine Nacht, die uns unvergeßlich bleiben wird. Am Morgen lag ich auf Tauen am Vorderdeck und sah die Sonne blutrot emporsteigen. Wir waren am Eingang des Bosporus. Bei Anadole Kawak kam «in türkisches Motorboot auf uns zu. Die Pässe wurden kontrolliert. Wir näherten uns Remele Hissar mit dem Schloß Mehemek IL, die schmalst« Stelle des Bosporus. Hier kam «inst Darius herüber. Vach kurzer Zeit warfen tote im Goldenen Horn Anker. Konstaickirropel war erreicht.

Konstantinopel.

tieberwältigeud ist der Anblick bei der Einfahrt ins Goldene Horn. Aber es hieße Stroh dreschen, in dieser Richtung irgend­welche Schilderungen zu bringen. Die finden sich in Dutzenden von Büchern

Wenn jemand in einem Lurusdampser nach Konstantinopel fahrt, sich in einem erstklassigen europäischen Hotel in Pera einquartiert, und dann einen Führer nimmt, dann lernt er auch die Stadt kennen. Auf seine Weise.

Wir aber wollten tiefer sehen. Ans interessierte das Schick­sal der vielen jungen Deutschen, die hier in letzter Zeit einge­wandert waren. Zuviel hatten wir in den verschiedensten Zei­tungen von. günstigen Gntwicklungsmoglichkeiten, zuviel glänzen- dem Dorwärtskommen gelesen, um nicht den Wunsch zu hegen, in dieser Beziehung einmal Umschau zu halten.

Schon in Barna wurden tote anders belehrt. Noch einmal in Bourgas am Schwarzen Meer. Selten haben tote von einer Stadt gehört, die derart viele gescheiterte Existenzen in sich birgt. Es ist der Treffpunkt aller Gauner der Welt, das Sammelbecken lichtscheuen Gesindels, der Schlupfwinkel internationaler Hoch­stapler, das Ziel vieler Abenteurer, der Ausgangspunkt neuer Betrügereien.

Ängelvckt von denWundern des Orients", durch phantasti­sche Schilderungen, günstig gefärbte Berichte kommen ständig junge Leute hier an. Hauptsächlich Deutsche. Oft mit vvllbe- packten Koffern. Mit noch größeren Kisten voller Hoffnungen. Aach kurzer Zeit laufen sie bettelarm herum. Sind herunter­gekommen, hungern und verelenden. Auf der Straße können sie umkommen. Aiemand schert sich darum. Auch nicht die dortige deutsche Gesandtschaft. Jawohl, auch diese nicht! Zugegeben, daß ein gewisses Mißtrauen der Behörde jedem um Hilfe bittenden am Platze ist. Es dürfte aber nicht Vorkommen, daß Deutsche unter der Brücke von Stambul «lend verhundern, daß Fremdenlegionären, die über Syrien kommen, zerlumpt und zerfetzt und ausgehungert, die Türe gewiesen wird. Es dürfte nicht Vorkommen, daß Deutsche gegenüber dem Gesandtschasts- gebäude im Friedhof übernachten müssen, weil sich ihrer niemand erbarmt. 3m Friedhof! Angesichts der Gesandtschaft! Aoch vor einigen Monaten vor unserer Ankunft sollen Dutzende von Deutsche in der Rue de Venedig gelegen fein. Halbtot vor Hunger, vor Erschöpfung. Türkischen Lüstlingen sind viele zum Opfer gefallen. ®ie gaben doch Geld. Gaben zu essen.

Es ist richtig, daß der größere Prozentsatz aller um Hilfe bittenden Gauner sind, arbeitscheuendes Gesindel. Aber deswegen dürften die anständigen Elemente darunter nicht leiden. Irgend­welche Abhilfe müßte geschaffen werden können,

Konstantinopel ist das Ende vieler mit großem Tamtam in Szene gesetztenWeltexpeditionen". Die oft erwähnte Expedition Öm Faltboot um die Welt" ist hier kläglich gescheitert. Der Unternehmer sitzt nun als Kino-Operateur in Angora. Seine Genossen hatten schon früher abgebaut. Deikweife bereits in Wien. Nahezu jede Wyche kommen derartigeExpeditionen" Hier an.Zu Fuß durch Europa",tim die Welt ohne Geld" ufto. Sie alle gehen zur Gesandtschaft. Es kommen viele mit der Frage, ob die Postanweisung von daheim noch nicht da fei, ob bet Wert­brief immer noch nicht eingelaufen sei. Die Sendungen tonimen nie. 3eder erwartet Geld von irgendwoher, von den Eltern, vom Onkel, von der Tante. Die Behörde kennt sich aus. Das ist die Einleitung zum Pump.

Das Leben ist teuer. Teurer als in Deutschland. Me Gin- kommensverhältnisse schlecht. Ich lernte Bankbeamte kennen, die in Deutschland gutbezahlte Stellungen innehatten. Heute arbeiten sie unten mit Gehältern von 40 bis 50 türkischen Pfunden. Aber 10 und 12 Stunden täglich! Ich sprach kaufmännische Angestellte, Leute, die vier bis fitnf Fremdsprachen beherrschten. Sie ar­beiten um einen Hundelohn. Wer in türkischen Häusern arbeitet, läuft das Risiko, am Ende des Monats um seinen sauer ver­dienten Gehalt zu kommen. Verträge solle« in bettt seltensten

Fällen gemacht werden Bon der Gesandtschaft ist in dieser Richtung keine Hilfe zu erwarten. Die mischt sich Hier nicht ein.

Wir schöpften unsere Kenntnis der Berhältnisse nicht nut aus eigener Anschauung. Wir sprachen mit Leuten (auch vom dortigen deutschen KlubTeutonia"), die sich jahrelang da unten aufhalten. Viele, die meisten, sehnen sich wieder zurück nach geordneten Verhältnissen, nach deutschen Verhältnissen. Die sind, trotz allen Schimpfens, immer noch besser.

Wir sitzen beim Griechen Marko in der Aue de Venedig, eine Seitenstraße der Grande Rue de Pera. Er und seine Frau sprechen Deutsch.

Bei mir gibt es keine Wanzen!", meinte sie.Bei mir nicht. Sonst überall, auch in den besten Hotels?"

Glänzende Aussichten! Ein wanzenfreies Bett, ein ungestörter Schlaf. Wir klettern vier oder fünf Treppen Hoch. As, soweit kommen die Mecher doch nicht herauf! Es ist schon 10 tiht abends. Auf der Straße unten noch ein Höllenspektakel Die Fenster sind offen. Die Hitze untertags war zu groß. Obwohl wir Ende September haben, tind gegenüber steht eine Art Hotel. Alle Fenster sind erleuchtet. Man sieht keine Vorhänge. Die Häuser­fronten sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Ich sehe bärtige Männer in den Zimmern auf und abgeben. Ehemalig» russische Offiziere der früheren Armee hörte äh später- Einige liegen bereits im Bett. Eingewickelt in lÄnentüchern. Das Licht brennt. Die Wanzen wogen. Dort steht einer auf und schüttM das Hemd aus. Ein anderer bestreut feine Marterkiste mit irgend­welchem Insektenpulver- Sv war's die ganze Rächt. Ich sehe um 12 tihr hinüber, tim 2 tihr. Immer das gleiche Bild. Erst gegen Morgen scheint Ruhe einzutreten. Roch nicht auf der Straße. Einige Häuser weiter unten ist ein Safe- Dort hämmert ein Klavierspieler. Onestep, Twvstep, Shimmy. Ein deutscher Adeliger» wie ich tagsdarauf erfuhr, tim zirka zwei türkische Pfund die Rächt hindurch. Auch er war hier gestrandet.

Am Morgen halte ich meiner Wirtin das Leinentuch ent­gegen:Keine Wanzen, Frau Marko?!"Oh, nicht viele."Rur 97, tote Sie sich hier überzeugen können. Das Tuch war ge- fprengelt."

Die ganze Nacht über war ich wach gewesen. Mein Freund hatte ein besseres Bett erwischt. Ich blickte zum Fenster hin­unter auf die Straße. Der Lärm, dauerte weit über Mitternacht hinaus. An den Ecken standen Dirnen, Dirnen. Sie waren zäh, hingen sich ein wie die Kletten. Man mußte brutal fein. Viele Griechinnen. Auch Russinnen. Sogar aus der früheren Aristo­kratie. Die konnten nicht mehr in die Heimat zurück. Das Leben ist grausam.

Haus Rr. 29, einige Häuser vor unseremHotel", haust die Mutter Agathe. Unter diesem Namen ist sie in der ganzen Straße bekannt. Eine stille, weißhaarige Frau. Sie hat ein kleines Auskochgeschäft. Vor vielen, vielen Jahren hat sie das Schicksal nach hier verschlagen. Sie stammt aus dem badischen Schwarzwald. All die vielen jungen Landsleute, die zu ihr kommen, hat sie ins Herz geschlossen. Sie erzählt uns fürchterliche Dinge. Von Gescheiterten, Halbverhungerten. Sie hilft, wo sie kann. Aber es sind zuviele. In ein dickes Buch trägt sie all die­jenigen ein, die bei ihrauf Kredit" essen- Die wollen alle später" bezahlen. Wenn endlich da« Geld von daheim da ist. Sie kennt diese Ausreden. Wirkt aber trotzdem im Stillen. Ohne viel Aufhebens: Wir sehen bei ihr Leute aller möglichen Her­kunft. Auch aus besten Kreisen. Aus irgendwelchen Gründen waren sie hierher gekommen. Aus politischen, aus Abenteuerlust. Mn jeder hat seine Vergangenheit. Handwerker, die oft erst vor wenigen Wochen blühend und gesund hier angekomrnen, und angelockt durch fabelhaften Verdienst nach Angora gegangen waren. Nach Angora, wo fieberhafte Bautätigkeit herrschen sollte. Strotzend vor Gesundheit hatten sie zu arbeiten begonnen. Nun waren sie wieder zurückgekommen. Gebrochen und zerlumpt. Die Malaria hatte sie rasch gepackt. Der Lohn war für Behandlung verbraucht, tind dieses Schauspiel wiederholte sich jede Woche, jeden Tag. Jeder meinte, er würde es aushalten, ihn könne eS nicht treffen. Immer wieder neue Opfer. Einige wollen nach Persien gehen. Dori soll es besser sein. Hauptmann Schmude, der bekannte Siedlungsunternehmer, sei auch unten. Auch der Frem- denleMonär Kirsch. Tags darauf lese ich in einer Berliner Zei­tung vom Scheitern der Schmude-Expedttion.

Eines Abends gehen wir hinunter nach Galata. Zum soge­nannten Russen-Keller. Die Deutschen nennen ihn so. Der In­haber des Ausschanks war früher Besitzer eines großen vor­nehmen Restaurants irgendwo in Rußland. An der Wand hängt in großen Lettern die Speisekarte. Auch in Deutsch:Krautsuppe 10 Piaster, Suppe und Fleisch 10 Piaster, Braten 15 Piaster" usw. Das klingt sehr billig. Es find aber herzlich kleine Portionen. Hier treffen sich viele vertriebene Russen. Viele früheren Offi­ziere. Ein alter Herr mit weißem Bart neben uns. Noch vor wenigen Stunden habe ich ihn in einem Safe Blumen verkaufen sehen. Mn früherer General der ehemaligen kaiserlichen russisch«» Armee, ließ ich mir sagen

(Schluß folgt.)

Schriftleitung: vr. Friede. Wilh. Lange Druck und Verlag fr«* 'BritbCfcben tinio -Buck- und Steindrucke^ei, R. Lange. Meß««.