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der Sache auf den Grund zu kommen, vernimmt man von oben die Geräusche Schnorzes, der, den Mund voll Salzwasser und gurgelnd, die Treppe herabsteigt, so eilig hat er es, in den Keller zu gelangen. Da ist er schon. Da steht er schon an seiner Kiste und wirft einen noch sorglosen Mick hinein. Er will soeben das Wasser ausspucken, da aber ersaht das Staunen ihn, er verschluckt sich und erleidet einen gewaltigen Hustenanfall, wobei er in unablässiger, mahloser Verwuirderung den Mick nicht von dem leeren Grund seiner Kiste wenden kann.
Das mag nett werden! Wer nein, nichts geschieht. Eisiges Schweigen breitet sich aus, auch« der Husten Schnorzes hört auf. Dann stillt unter emsigem Gescharr und Geschabe ein jeder der drei Freunde mit vergrämter Entschlossenheit das Nestchen Mist in seinen Eimer, das noch von den Vorräten geblieben ist, viel schwarzer Staub steigt auf, und man verläßt in gemessener Ruhe und Würde hintereinander den Keller.
Keine Gespräche mehr! Nur noch Schweigen lastet. Ironische Miene begegnet sarkastischem Lächeln, schneidens Höflichkeit betont den gewaltigen Mstand. Einige Tage friert man a([gemein. Es ist bitterkalt und zum Verzweifeln Päbel verbringt sein Dasein frostzitternd im Bett, Zimb wandert stundenlang im Warenhaus in der Nähe der Heizung, und Schnorzes sitzt den ganzen Tag im Cafe und verbraucht Ansummen. Mer es kann so nicht weitergehen, man sieht es ein und wird langsam mürbe.
Anmerkliche Annäherung ftndet statt: „Pardon, haben Sie meinen großen Löffel nicht gesehen?"
„Ich glaube; jawohl, hier liegt er."
„Besten Dank!"
And eines Morgens hat man sich geeinigt. Der Kohlenmann erscheint und fährt für jeden einen neuen Borrat an. Aber umfassende Vorkehrungen sind getroffen; denn Diebe müssen im Hause sein! Ein neues Schloh prangt an der Kellertüre, die Kisten sind mit Deckeln versehen und ebenfalls verschließbar. So kann es nicht mehr fehlen. So hat jeder das seine und Irrtümer sind ausgeschlossen. Langsam kommt alles ins gute, alte Geleise.
In aller Frühe eilt Päbel, der sich die Sache wieder eingestellt hat, mit feinem Schlüsselbund in den Keller, probiert die Schlüsselchen, findet die passenden und holt sich aus Zimbs oder Schnorzes Kiste einen Eimer voll. Nicht lange und es kommt Zimb, der einen raffinierten Aniversalschlüssel sein eigen nennt, und schließlich erscheint auch Schnorzes, der Siebenschläfer, dem in seinem Iunggesellendasein soviele Schlüssel zugewachsen sind, daß er gar niemals in Verlegenheit kommen kann.
Jegliches Mißtrauen ist verschwunden, Heiterkeit ist geblieben: „Morgen, Morgen!"
„Verteufelt kaltes Wetter, was?"
„Na, aber tüchtig eingeheizt!"
Haha!"
And die Gerechtigkeit, die ja göttlichen Ursprungs bleibt, nimmt im Keller, ganz wie früher, rüstig ihren Fortgang.
2000 km im Faltboot.
Tagebuch-Skizzen von Fritz V o e l k e l - München.
(Fortsetzung.)
Ein schöner Tag folgte dqm andern. Obwohl wir schon mitten im September waren, war hier unten noch vollster Sommer. Wir lasen deutsche Zeitungen und fanden darin wehmütige Herbstbetrachtungen. Lasen von Buntent Laubwald, von Regen und trüber Witterung. And hier lachte noch die Sonne und brannte während der Mittagszeit derart, daß alles erschlaffte. Da war dann die Stadt leer, wie ausgestorben. Mer gegen Mend, als die Sonne im Meere versank, kam die halbe Stadt zum Abendkorso im Iardin de mer. Auf gepflegten Parkwegen promenierten hier eine elegante Menge. Militärmusik' klang aus dem Pavillon herüber und wir hörten deutsche Walzer, deutsche Lieder und Märsche. Man glaubte gaitz wo anders zu sein. Aber die Illusion wurde uns jäh wieder genommen. Mitten durch die eleganten Leute sprang ein Mutterschwein! mit sechs Jungen, überquerte den Weg und verschwand wieder im Gebüsch. Die Damen störte das nicht. Es war anscheinend ein gewohntes Bild für sie.
Aeber 25 000 Fremde waren noch vor kurzer Zeit hier, erzählt uns ein Bulgare, mit dem wir Bekanntschaft gemacht hatten. Hauptsächlich aus Sofia. Auch aus Konstantinopel sollen viele Familien gekommen sein. Der Meeresstrand ist einzig schön und wird fleißig von Badenden benützt. Damen und Herren aber getrennt! Nun ja, die Herren sind meisterns ohne Badehosen.
Ich frug unseren Begleiter nach den wirtschaftlichen Verhältnissen. „Schlecht, Miserabel!", meint er. Alles scheint auf Deutschland zu warten. „Sehen Sie, Ihr Land ist das große Rad, um das sich alles dreht. Wenn das stille steht, dann sind wir auch hier herunter zur Antätigkeit verdammt. Wir sind mehr auf Deutschland angewiesen, als Sie denken. Auf dem ganzen Balkan!" Seine Meinung wurde mir auch von Leuten der verschiedensten Kreise bestätigt. Wir hatten keine besseren Verhältnisse weder in Ungarn noch in Serbien gefunden und hörten nun hier wieder das gleiche. Die Lebensverhältnisse sind wohl in Bulgarien um ein dreifaches billiger als in Deutschland. Die Einkommensverhältnisse jedoch entsprechend geringer.
Varna ist international. Aus Türken, Armeniern, Griechen und Bulgaren setzt sich die Bevölkerung zusammen. Oft standen wir oben im Kasino. Anter uns lag das Meer, dunkelgrün. Die Brandung stark, der Wellengang hoch. Wären wir zwei Monate früher in Varna angekommen, so wäre eine Fahrt mit unseren Booten nach Konstantinopel längs der Küste eine Kleinigkeit gewesen. Aber schon waren die Stürme vorherrschend, obwohl noch Sommersonne über uns lachte. Unsere Boote waren unter Zollverschluß im Hafen.
Zusammen mit bulgarischen Marine-Offizieren, die sich lebhaft für den Faltbootsport interessierten, machten wir manche Fahrt im Hafen. Die erste Versuchsfahrt mit ihnen war ein Ereignis für ganz Varna. Die Zeitungen berichteten hierüber. Der ganze Hafen war damals zusammengeströmt, als wir unsere Boote ins Meer setzten. Mr die Leute war es etwas ganz neues, aus einem Rucksack und einer Stabtasche ein Boot erstehen zu sehen. Bald durchquerten wir mit den Offizieren den Hafen, die zuerst Bedenken hatten, die Fahrt in diesen scheinbar gebrechlichen Fahrzeugen zu wagen. Rasch hatten sie sich jedoch daran gewöhnt, und luden uns später für den folgenden Tag zu einer Segelpartie auf dem Schwarzen Meere ein.
Auf dem SchwarzenMeere.
Aus der Dunkelheit wuchs der Rumpf der „Dulgaria". An- bestimmte Lichter glitten über die Schiffstreppe. Wir waren im Hafen von Varna. Am 10 Ahr sollte die Abfahrt stattsinden.
Wir hatten noch reichlich Zeit. Es wurde iwch verladen. Dunkle Massen schoben sich über die Brücke. Vierbeinige Kolosse. Lautlos ließen sie sich auf das Zwischendeck treiben. Ochsen, Balkanochsen! Aus das Zwischendeck, unserem eigentlichen Aufenthaltsort während der Aeberfahrt. Immer mehr Tiere drängten herein.
Große Heubündel türmten sich auf — Futter für unsere Reisegefährten. Am uns wurde es allmählich ungemütlich. Wir stiegen auf das Achterdeck. Eine abscheuliche Duftwelle schlug uns entgegen. Da stand Verschlag an Verschlag, lieber hundert Küsten. Hühner waren darin. In jedem über zwanzig. Insgesamt über zweitausend. Ein schmaler Streifen blieb noch übrig. Dort breiteten wir unsere Decken aus.
Nach einer Viertelstunde zogen wir wieder aus. Es war nicht zum Aushalten. Wir kletterten zum Bug vor. An den wedelnden Hinterteilen der Ochsen entlang. Vielleicht wars vorne besser. Vielleicht! Mehrere Hundert Hämmeln waren hier fest- gebunden. Der Geruch warf uns glatt um. Es war zum Derrückt- werden. Schließlich war man während der Reise allerhand gewöhnt worden. Mer diese Ausdünstungen vertrugen wir nicht. Also doch wieder zu den Hühnern zurück
Mittlerweile waren die Ladearbeiten beendet. Die Sirene heulte über das Schiss. Die Taue wurden hochgezogen. Wir glitten aus dem Hafen. Vor uns war schon ein italienischer Dampfer abgezogen. Er hatte es anscheinend eilig, aus dem Dunstkreis, der von unserem Kasten ausging, zu flüchten.
Die See war bewegt. Je weiter wir aufs offene Meer hinauskamen und die Küste verschwand, desto stärker schwankte das Schiff. Vergeblich suchte ich gegen gewisse Empfindungen an» zukämpsen. Es hals alles nichts. Ich mußte an die Reeling. Mein Freund lachte mich aus — dann beeilte er sich, es mir nachzumachen.
Während der Nacht setzte Sturm ein. Allmählich verstand ich, was es heißt, wenn von einem Rollen des Schisses gesprochen wird. Es war kein Schwanken mehr. Alles flog durcheinander. Die Ochsen stießen mit aller Wucht gegen die Reeling, an der sie festgebunden waren. Wurden wieder zurückgeworsen, nach links und rechts gerissen. Wir kletterten zu den Hämmeln vor. Das Schauspiel wollten wir beobachten. Wir flogen dabei mitten unter die Ochsen. Ein unbeschreibliches Bild. Die Böcke kugelten und purzelten übereinander. Ein zottiger' Wirbel von Hörnern und Beinen.
Nun sahen wir uns nach den anderen Passagieren um. Selbstverständlich fehlte die Übliche Zwischendcckssigur nicht: Die säugende Mutter. Oder vielmehr der Säugling an der Mutterbrust. And an welch schmutzigen Brust! Es wurde uns ganz übel. Einige Türken saßen auf irgendeiner Erhöhung. Mit unter- geschlagenen Beinen. Eingepolstert zwischen Kissen und Decken, drehten sie Zigaretten. Für sie war das alles anscheinend ein gewohntes Bild.
Gegen Morgen wurde die Böe allmählich wieder ruhiger. Wir hatten uns wieder zu den Hühnern zurückgezogen. Dort wars immer noch besser als bei den Hämmeln. Wir zogen die Decke über die Ohren. Waren: halb im Einschlummern. Ein Kickeriki von einigen Dutzend Gockeln riß uns wieder empor. Natürlich, die dursten doch nicht fehlen, bei einer derartigen Hühnerladung.
Wir waren herzliche froh, als gegen Morgen der Hasen von Dourgas in Sicht kam. Bald legten wir an.
Menn wir gewußt hättest, daß wir in Dourgas eine neue Hammelherde mitnehmen würden, hätten wir uns von vornherein eine Kajüte genommen. Wir hatten hauptsächlich deshalb Mstand genommen, weil uns der Aufenthalt auf freiem Der-


