Gießener Milienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, den 30. Juni Nummer 52
Der Abend.
Von Georg He hm.
Versunken ist der Lag in Purpurrot, der Strom schwimmt Weitz in ungeheurer (Stätte. Ein Segel kommt. Es hebt sich aus dem Boot am Steuer groß Des Schiffers SÄHouette.
Auf allen Inseln steigt des Herbstes Wald mit roten Häuptern in den Raum, den klaren, und aus der Schluchten dunkler Liefe hallt der Waldung Ton, wie Rauschen der Kttharen.
Das Dunkel ist im Osten ausgegossen, wie blauer Wein kommt aus gestürzter Arne. And ferne steht, vom Mantel schwarz umflossen, die hohe Macht auf schattigem Kothurne.
Mater dolorosa.
Ein alter Stoff in «euer Kunst.
Von W Appell.
So unermeßlich reich die Fülle bildnerischen Gestaltens ist, läßt sie sich doch auf ganz wenige Grundthemen zurückführen. Die entsprechen, was auch gar nicht verwunderlich sein kann, den hauptsächlichsten Lriebkräften unseres Seins und Vergehens. »Mutterschaft", „Kampf", „Tod" sind wohl die wesentlichsten Davon. Natürlich läßt sich das eine kaum je streng gegen baß andere abgrenzen. Ein Stoffgebiet aber gibt es, das die drei Gruppen zu einer einzigen zusammenfaht, sie in wuchtig-elemen- tarer Steigerung zu einem organischen Ganzen eint. GS ist die künstlerische Darstellung der „Mater dolorosa": das furchtbare Ende mütterlichen Sorgens und Opferns, die unerhörte Tragik Der „Pieta", der Mutter, die ihrem Kinde die gebrochenen Augen zudrücken muß, statt einst von ihm diesen letzten Liebesdienst erhoffen zu dürfen. Der Mutter, die ihr Kind zur letzten Ruhe betten muh, statt weiter liebend es auf dem Wege betreuen zu dürfen, der fortsetzen sollte, was sie begann...
Ein Querschnitt durch die — graphische — Kunst unserer Zett ergibt, daß dieser Stoff weniger gestaltet wurde als etwa die Ehristgeburt. Es lohnt aber doch einmal einiges des Vorhandenen zu betrachten, zumal wenn wir den Kreis etwas weiter ziehen, als er durch den ursprünglich rein religiös«« Begriff der „Schmerzensmutter" umschrieben wird.
Das ganz aus Mütterlichkeit und zwar — nut wenigen Ausnahmen — auf die Leiden des Mutterseins eingestellte Werk der Käthe Kollwitz ist, weil aus dem Erleben unserer Jahrzehnte geboren, natürlich reich an Beiträgen der Art, die wir heute bettachten wollen. Blätter wie „ Frau mit totem Kind", „Mutter an der Wiege ihres toten Kindes", „Mütter", „Die Eltern", „Das Dangen", „Die Aeberlebenden" seien nur genannt. Am erschütterndsten aber kommt das, wovon wir reden, im letzten Blatt des „Dauernkrieg"-Zhklus zum Ausdruck: nachts nach der mörderischen Schlacht sucht die alte Mutter Schritt sür Schritt die Reihen der Toten ab, um — mit zitternden Fingern über die von Laternenlicht gespenstisch erleuchteten, kalten Wangen tastend — den Ihren zu finden. Die starke Wirkung dieser „Mater dolorosa" ist vielleicht gerade dem Eigen Verzicht aus Symbolik zu danken.
Anter den Künstlerinnen, die mehr im Schatten der — gewiß überragenden — Käthe Kollwitz stehen, als sie es verdienen, nimmt Martha Schräg die erste Stelle ein. Zu mrserm Thema hat sie — neben anderem — ein „Sterben" geschaffen (in ihrem Rachkriegs-Zhklus „Stürme"). Schwerlich ist die Tragik des gemeinsamen Sterbens von Mutter und Kind — was nicht immer eine Milderung bedeutet — tiefer auszusHSpfen als es hier — knapp in den Mitteln — geschieht. Auch die dumpf resignierende Gepeitschtheit der Gestalten in dem Blatt „Das Joch" (ebendaher) fei erwähnt. Ihr Sinn ist: „Dennoch!" — Dahinter bleiben Toni Halbauer und erst recht manche anders zurück. Die früh verstorbene Paula Modersohn war auf einem Wege, der wohl Werke wie die angeführten hätte reifen lassen. Wie sie, starb auch Maria Ahden bei der Geburt ihres KindeS. — Dora Brandenburgs „Frauenopfer" — ob Mutter oder Weib, macht für die künstlerische Formung oft keinen Anterschted — bleibt mäßiges Theater.
Roch deutllcher als im Schaffen der Frauen zeigt sich tn dem der Männer der Krieg als entfcheidender Anreger. Persönlichstes Erleben und Fühlen ließ Willi Geigers Mappe ,1914" entstehen: sie ist seinem gefallenen Bruder gewidmet. Wir finden
barm neben einigen Abwandlungen des gleichen Themas ein Blatt „Dolorosa", das in formal glücklicher und künstlerisch bedeutender Weise Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts mit überlieferter Auffassung (Wundmale, Schwerter in der Brust der Mutter) eint. Ernst Barlach, der aus der gleichen Zeit heraus manches Bedeutende schuf, bleibt mit einer Lithographie, die den gleichen Grundgedanken hat wie das Geigersche Werk, dahinter weit zurück. (WaS ebenso verwunderlich wie bedauerlich ist.)
Richt eine Einzige, sondern die Masse der leidenden Mütter beherrscht I. W. Schüleins farbiges Blatt „Die Mütter der Helden". In endlosem Zuge, beffen klammernde graue Schwere jede« Einzelwesen aufhebt, der sich schmerzvoll durch den wetten, leeren Raum furcht, nähern sich die Mütter den Toten. Einem davon, irgendeinem der nicht mehr Kemttlichen, will jede eine letzte Liebe erweisen, — wenn nicht in dem aberwitzigen Glauben, er fei der ihre, so doch in der zagen Hoffnung, daß irgendwer auch diesem erweise« möge, was sie dem Fremden tat. Ma? Slevogt, dessen KriegSblätter sich vielfach bis zu einer grandios« Wucht der Anklage steigern, erreicht in einer ganz ähnlichen Arbeit doch nicht den — an sich nicht überragenden — Schülein. Roch schwächer find verwandte Werke von Erich Erker, Adcüf Schinnerer, H. Radler usw.
Selbstverständlich könnten noch wett mehr Beispiele angezogen werden. Doch das, was dargelegt werden sollte, ist wohl schon durch die genannten deutlich geworden: daß unsere Künstler — tote sie es auch durch die auffallende Pflege des Madonnemnvtiv« beweisen — sich der Pflicht bewußt sind, den Müttern unserer Zeit, die unverschuldet Opfer, in ungeahntem Ausmaß bringen mußten, auf ihre Weise und mtt ihren Mitteln den Dank abzustatten.
Daß sie damit in unser aller Damen sprechen, versteht sich von selbst. Denn das ist doch eine der schönsten Aufgaben freß Künstlerberufes: Sprecher der Allgemeinheit zu sein, besonders da, wo bloße Worte nicht ausreichen würden, der Erhabenheit und Helligkeit des Gedankens geredet zu werden.
wohlauf in Rächt von reiselustige
Die gefährliche Reife.
Ein Reiseabenteuer.
Von Franz Hessel.
Liebe Tante ! Vor allem die Meldung, daß ich
wahr?"
Ich nickte bejahend. Ich hatte gar keine Lust zur Antev- Haltung, wollte lieber schlafen. Aber schon fuhr er fort: „Gin bißchen leichtsinnig finde ich es doch von Ihrer Frau Tante, Sie so allein in die Rächt hinauSfahren zu lassen. Heutzutage geschehen in Eisenbahnzügen die unheimlichsten Dinge."
®<b8 war kein angenehmer Gesprächsairfang, und in Bem grellen Oberlicht des CoupSS fich dieser pomadisierte, gewichst-, vielleicht gefärbte, alte, vielleicht abnehmbare semmelblonde Dollbart, der Dich so anheimette, schon gar nicht mehr vertraue»-, erweckend aus. Wie Emaille, wie Glas waren die glatten roftg« Dacken, Die bösen Seinen Augen. AnerbtttÜch fuhr er fort, Konversation zu Machen, und was für eine! DaS Reis« wäre durchaus eine gesährUche Angelegenheit, man wüßte jtte,_ w« einem gegenüber sähe. Man müßte jedenfalls immer Waff« bei stch
Revolver zur Hand, wenn SW fv alledl reifen ?*
.Ja", log ich benommen „ .
ISeh-n^e," zeigte er,,„ich trage W Wt Aber Wch«- lasche des Mantels, da kann ich durch das Tuch hindurch- schietzen."
Mir wurde heiß im Rücke«.
München eingetroffen bin. Aber das war eine böse Florenz nach Verona. Die Sorge um Deine ebenso . _ wie unerfahrene Richte war nicht unberechtigt, aber Deine Fürsorge war Liber verfehlt. Du hast mich gerade in das ver- dächtigste Coups des ganzen Zuges getan, das, in dem der einzelne Herr saß, der Dir so vertrauenerweckend vorkam
Gr war wirklich ein Deutscher u,nd hatte unser Gespräch an der Tür verstanden. Es freute ihn, daß sein Dort, dieser altertümlich fächerförmige Kaiser- Friedrich-Dart, Dich anheimette und an die zuverlässigen Männer Deiner Jugend erinnerte.
„Diese nackten Gesichter von heute," fing er an, als die letzt« DahnhofSllchter verschwanden, „haben etwaS zu schamlos Offenkundiges. Ein gut gehaltener Dort verhüllt und schützt. Ma» muß sich doch nicht gleich so deuttich zu erkennen geben. Richt


