Ausgabe 
30.5.1925
 
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sie schon nach Mittag an, ihr Kleid in Streifen zu zerreißen, obwohl sie vielmals lächelte und ihre Hände erschrocken imhen lieh: sie wußte so genau, daß es nichts nützen kannte, daß es nicht reichen würde zu einem Strick bis da hinab, und wenn es reichen würde, daß sie den Mut nicht hätte, daran hu^slv» zugleiten, daß sie es leichter fände, hier außen in die Lnefe abzuspringen in den sicheren Tod.

Doch sprang sie nicht, nur die Gedanken jagten die Mög- lichkeiten der Rettung ab. Ob ihr Verstand sie alle weh­mütig oder zornig verwerfen muhte, je unabwendbarer ihr Schicksal wurde, inmitten einer herrlichen Landschaft, ote ste mit Schwärmerei zu sehen gekommen war, grausam zu sterben in dem schwarzen Loch, das wie ihr offenes Grab auf fte wartete: um so sicherer wuchs auch der Kern von Hoffnung in ihr, dah es nicht möglich war, so hinzusterben, daß ste aus eine Art, mrd wenn es schliehlich ein Wunder wäre, doch noch gerettet würde.

And nur der Tag um sie ging seinen Gang, er half ihr nicht, wenn keine Menschen halfen; er lieh die Sonne steigen, dah die Schatten der Zinnen kürzer wurden, und steh ste langsam wieder wachsen, er lieh die letzten Rebel vergehen in seiner klaren Luft und nahm sich ein paar Stunden dazu, die Farben seiner Teppiche rundum zu übermalen, bis nach den Ewigkeiten von Tausenden Sekunden die Dämmerung ihm Meltau in die Gluten mischte. Er lieh die Menschenglocken unter sich nach seinen Zeiten zum Mittag und zur Vesper läuten und dre Rauchsäulen in seine dünne Luft wie Pfropfenzieher steigen: er lieh die Lichter glimmen, erst spitz und blaß, dann stärker, bis sie der Dunkelheit gewachsen waren, er ließ die Sing­vögel in den Büschen schweigen und die Eulen ums Gemäuer huschen, lieh in den Feldern die Kaninchen schreien und Lärm und Lichter langsam verschwinden in der. tiefen Rächt; er ließ die Sterne steigen in ihren: Rätsellicht, bis endlich sich der Mond in fürchterlicher Gröhe vom schwarzen Waldrand löste. Er lieh das fremde Fräulein, das lüstern auf Menschenabenteuer in sein Bereich gekommen war und längst in tödlichem Schrecken hingekauert die Sinne vor seiner Furchtbarkeit verschlossen hatte, gütig in einen tiefen Schlaf hinsinken, darin der Traum die Aengste mit Hoffnungsbildern mischte und ihr die erste Lehre des Todes gab, dah nur in seiner Menschlichkeit beschlossen der Mensch das Wesen der Ratur erträgt, und daß es jedem Lesser zu sterben sei, der sich nicht in den Schutz der Seele vor ihr abschliehen kann.

Ein Kerzenlicht trug Sorge, daß in der gleichen Rächt zu Koblenz ein altes Menschenkind die Augen nicht zu schließen brauchte. Es war die Tante von dem Fräulein, die es zum Mittagstisch aus Stolzensels zurückerwartet hatte und nun durch einen ängstlichen Rachmittag zum Abend in wilde Sorge ge­fallen war; ein welkes Weibchen, das nur im Fahrstuhl auf die Strahe konnte und das im Schrecken hilflos dalag. Es wechselte die Kerzen aus bis in den Morgen und fieberte, so ost ein später Wagen seiner Hoffnung kläglich die Flügel hob. 2hm war Las Fräulein auf der Reise in Hut gegeben, und was mit seinen Augen an den Wänden der kleinen Gasthof­kammer verzweifelt hinauflief, um immer wieder kraftlos ab­zufallen, war der Gedanke: ivas kann ein Mensch dem andern sein, der seine Hand loslieh und aus dem Kreis von seinen Augen ging? Da schwemmt ihn längst das kalte Rheinwafser fort, das unten an der Schiffbrücke rauscht, indessen die Gedanken warten, daß er zur Tür eintritt. Gin Mensch, der von uns geht, ist auch gestorben und fängt für uns ein neues Stück Leben an, wenn er uns wiederkommt; und nur, weil das so oft gewesen ist, sind wir kaltblütig genug, auf ihn zu warten.

Roch hatte sie den Eltern nichts berichtet, die drunten in Westfalen sorglos schliefen; bevor sie in der Frühe ein Tele­gramm wach rief, ihr Kind zu suchen. Als sie dann kamen mit dem Mittagszug, verstört und hoffend mit den suchenden Augen, da war die Rachricht mit dem Draht zwar ausgelaufen nach allen Seiten, dah bei Kapellen ein fremdes Fräulein verschwunden war; doch von Kapellen über den Stolzenfels bergwärts zum Kühkopf hin und stundenlang zur Mosel, da laufen die Wege kreuz und quer in Wäldern, durch feuchte Schluchten und an sonnigen Hängen: auf jedem kann ein Menschenfuh den Weg zum Rhein hinuntersinden, wenn er heim will zu anderen Menschen, doch jeder ist mit Büschen. Farnkräutern, Hecken ein Versteck, das abzusuchen ein Dutzend Augen viel zu wenig ist. So ging ein Lag der Sorge suchend hin, die in drei alten Herzen unerträglich drängte, und sich rundum in Mitleid und Reugier bis zu Spähen verlor. Denn weil das Fräulein von manchen gesehen worden war mit feinem grünen Schleier, wie eS den Schwarm der Schwärmenden durch fein besonderes Bild vermehrte: so glaubte keiner an ein Anglück, bevor er nicht den Kreis der Liebesabenteuer spöttisch abgemessen hatte. Ein junges Pferd und ein schönes Kind gehen eher durch, bevor sie fallen: rasch gab es Stammtischbrüder, die Len Galan dazu mit eigenen Äugen gesehen haben wollten.

Weil auch der Schiffer ermittelt wurde, der sie nach Ober­lahnstein gefahren hatte, wo die Dampfboote halten, und weil

dem gleich das fremde Fräulein verdächtig gewesen war, k--m es, daß mancher ihr Gefängnis, den Turm von Lahneck, vor Augen hatte, der sich die zügellose Freiheit der Romantik mit allen Folgen des Geschicks für ein so junges Fräulein ausmalte, und nur den einen Blick nicht tat, der ihr das Leben aus den Schrecknissen des Durstes und des Fiebers leichthin gerettet hätte.

And auch die Eltern, betrogen und enttäuscht vom ersten Schrecken weil sie nicht glauben wollten, daß ihnen ein plumpes Anglück ihr Kinö genommen hatte, sie dachten nun an seine Schwärmerei und Sehnsucht und suchten schon am dritten Tag nicht mehr die Wälder ab nach ihr. Sie suchten draußen in der Welt so fremd sind Eltern zu ihrem Kinö, das nicht vor ihren Augen steht und ahnten nicht, daß nur einmal der Menschenlärm im Tal zu stocken brauchte, und alle hätten den wilden Schrei von Lahneck gehört, wo ihm allein, dem fremden Fräulein, die Augen nichts mehr nützen konnten, weil sie die reiche Welt zu Mhen und die Menschen darin sah, auch solche die sie suchten und alle, die bereit gewesen wären, sie zu retten.

So tückisch war ihr Schicksal, daß einer sie erblickte und ihr nicht half, weil er den Hilfeschrei für einen 2uchszer hielt. Das war ein junger Arbeitsmann, als er der Lahn entlang am zweiten Abend zur Grube ging. Er sah den Schleier wehen und hörte ihren Schrei und winkte mürrisch mit der Kappe, indem er weiterging. Er hatte es schon manchmal mit Bitterkeit gehört, dah sie ihn riefen von einer fröhlichen Wanderung, indessen ihm der Zwang täglicher Arbeit den Schritt zur Grube lenkte, wo er acht Stunden lang das Silbererz aushaaen muhte, das solche Menschen nachher im Leichtsinn durch den Beutel ging. Er wußte nichts vom fremden Fräulein, das die Kapeller suchten, weil er den Tag verschlief, um mit der Dachtschicht einzufahren. Rur als er später hörte, dah die Treppe im Turm von Lahneck eingebrochen wäre, verwirrte sich das mit der Sage bei ihm, die er aus seiner 2ugend wußte: dah ein­mal allabendlich von Montabaur ein 2uNker durch die Lahn geritten wäre, um die Geliebte auf Lahneck Heimzusuchen, sofern ihr Schleier als ein Zeichen an dem Bergfried geslattert habe. So sei er einmal in der hochgehenden Lahn ertrunken, und seit­dem stände abends der Geist von feinem Fräulein oben und winke mit seinem Schleier bis zum 2üngsten Tag.

Da nun die Sage wieder neu umging, indessen immer noch die Eltern rheinauf, rheinab die Welt nach dem verschwundenen Fräulein durchsuchen ließen: kam es manchmal, dah die Sage am selben Tisch besprochen wurde, wo von dem fremden Fräulein die Rede war, nur dah in keinem der dicken Menschenköpfe ein­mal der Gedanke von einem zum andern übersprang. So ging das Leben tausendfältig um den Turm herum, der Rahrung, dem Vergnügen, den Leidenschaften und den Gedanken der Menschenwesen nach und spielte abends mit der Sage von einem alten Anglück, indessen sich ein neues grausig damit vermischte. Denn wie ein hochgereckter Arm hielt erst durch Tage, danach durch Wochen, Monate2ahre der Turm den Stürmen und der Sonne ihr Opfer hin, ein schönes Menschenfräulein, das Tag und Rächt den Vögeln zum Frah geworden war.

Auch bei den Eltern in Westfalen und bei der alten Tante lief sich schliehlich der wilde Schmerz in Täglichkeiten taub, nur manchmal nachts, wenn Rächt und ©türme um die Kammer gingen, darin die Schlaflosigkeit im Flackerlicht einer Kerze die Karten des Todes mit dem Leben mischte zu einem Spiel von Enttäuschung und müder Bitternis, stand oft ein Mäbchenleben auf mit einer Frage, die keiner lösen konnte. Bis die Gefragten selber der Tod wegnahm zuerst den Vater mit dem grauen Doppelbart, danach die blasse Mutter und erst zuletzt die alte welke Tante, weil die ihm sicher war und ihr Geschick zu dem vom fremden Fräulein legte: so dah nur noch die Sage lebte, darin ein grüner Schleier verwoben war, den manchmal einer bei Sturm in Hellen Mondnächten nach dem 2unker von Monta­baur winken sah.

Dis auch die alte Sage an der neuen sterben muhte; denn als nach vielen 2ahren Burg Lahneck hergerichtet wurde, weil die Romantik nun wieder Menschen trieb, 'darin zu wohnen, und als man auch mit Leitern den Turm bestieg: lag ein Gebein darauf von feinen Mähen, das hatte sorglich wie zur Rächt die Schuhe neben sich gestellt und nur die Kleiderfetzen hatten die Stürme Herumgetrieben, dah die Reste an den Jacken der alten Zinnen klebten; hinunter aber in den Turm hing noch das Stück von einem Strick, der aus gedrehtem Kleiderstoff sorgsam geflochten war.

Da verblahte die Gestalt der Sage und lebte neu im fremden Fräulein und wurde offenbar, wie sich die Schicksals-- dinge der Menschheit in Weiten mischen, darin die Menschen nur wie die Schaumbänder auf den Wellen von Schlag zu Schlag ihr Tageslicht einmal erblicken; denn wie der Wolktn- himmel bleibt, obwohl die einzelne Wolke sich bildet und ver­geht, so stirbt der Mensch, durch den die Menschheit lebt.

Echristleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühi'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehen.