Ausgabe 
30.5.1925
 
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Pfingsten in Monte Tasfino.

4 Von Walter von Rummel.

Aus langgestrecktem, breitem Lale reckt sich hoch und steil der Berg empor, dessen Gipfel von der uralten Benediitiner-- abtei Monte Eassinv gekrönt wird. Kahl und mit Geröll bedeckt ist der steile Abfall. Aür spärlich und selten steht da und dort ein verkrüppelter Oelbaum, ein staubbedeckter Lorbeer­strauch. Großer, gelber, stark duftender Ginster umblüht die Felstrümmer, verstreute, kleine Blumen suchen in der mageren Erde nach Feuchtigkeit und spähen nach Regen aus.

Wer auf dem Wege von Rom nach Reapel die Dahn verläßt und die Straße verfolgt, die in weitgeschweiften Win­dungen aus dem Tale zum Kloster hinaufführt, der wird auf seiner Wanderung meist nicht vielen Menschen begegnen. Äir- gends ist eine Ansiedlung, weder Haus noch Hütte zu sehen. Rur etwas tiefer als die Abtei ragt an vorspringendem Platze ein bereits zum Kloster gehöriger, einmal gegen die Sarazenen erbauter und langst verlassener Wachturm. Eine lange Geschichte könne die an der Stelle eines römischen Apollotempels errichtete Abtei erzählen. Sn ihrer Bücherei und in ihren Archiven ruhen bekanntlich die ältesten und kostbarsten Pergamente.

And einmal im Sahr, an Pfingsten, wird es um das stille Kloster herum laut und lebendig. Das an alter Bätersitte zäh festhaltende Landvolk pilgert in Hellen Scharen nach dem Berge von Cassino, wallfahrt zum Grabe des hl. Benedikt, so wie seine Vorfahren, festlich bekränzt und geschmückt, zum Tempel Appols hinaufgestiegen sein mögen. Schon am Samstag vor der Feier rücken sie an. Vier, fünf Tage sind sie bereits auf der Wande­rung so weit kommen sie oft her haben sich vielfach

von den entlegenen Dörfern der Abrißen aus aufgemacht.

Singend und betend legen sie in den kleinen oder größeren

Gruppen, in denen sie die Fahrt angetreten, die letzte, scharf ansteigende Wegstrecke zurück, voran der Führer, einen langen Stab in Kreuzesform tragend. Das Wenige, dessen sie während ihres acht- bis zehntägigen Aufenthaltes bedürfen, führen sie in leichten Bündeln, Körben und Säcken mit sich. Hvchaufgerichtet, gerade, tote der Dlütenschaft der Agave einherschreitend, tragen Frauen und Mädchen die Lasten mühelos auf dem Kopfe. Mit lautem Gesänge durchziehen die Pilgerscharen die Kloster- Pforte, machen im Hofe Halt und schöpfen sich Wasser aus dem in der Mitte stehenden Brunnen.

Welche Verschiedenheit der Trachten! Das ist eine Farben­pracht, von der nur der Pinsel des Malers, nie die Photographie eine Ahnung geben kann. Tiefrote Röcke und Mieder, schneeig schimmernde, von alten kostbaren Spitzen umsäumte Kopftücher. Grüne und gelbe, blaue und lila Töne dazwischen, alle Farben des Regenbogens Vereinen sich zu einem Gemälde, wie man es so stark leuchtend auch in Italien nicht so leicht wieder finden wird. Rur die jüngeren Männer huldigen leider bereits, sehr zu ihrem Schaden, der Alnfitte billigerer und charakterloser städtischer oder halbstädtischer Kleidung. Aber siehe da! Außer mir noch einige Fremde. Recht elegante Leute, die Damen in hellbraunen Staubmänteln. Doch ndn. Bald bin ich so weit, daß ich ihre Herkunft weih. Auch sie stammen aus den Dörfern der Mruzzen, sind nach Amerika ausgewanderte italienische Dauern, die drüben ihr Glück gemacht haben, und für einige Wochen in die alte, nie vergessene Heimat zurückgekehrt sind.

Vom ersten Augenblick an fesseln die Gesichter der Psingst- Pilger. Sch erblicke Männer, die wie römisch: Soldaten und Legionäre vor mir stehen, ganz herausgeschnitten aus irgend­einem alten Relief, sehe sie mit ihren prächtigen scharfgemeißelten Köpfen in der Toga über das Forum wandern. Bei manchen Frauen und Mädchen ist es wieder, als ob sie ihre Prägung und Eigenart dem großen Völkerchaos und der wilden Blut­mischung der spätrömischen Zeit verdankten. Asiatischer und afrikanischer Einschlag will sich da und dort geltend machen.

Angemein genügsam und lebensbescheiden sind all diese Leute in ihren Ansprüchen. Für sämtliche Bedürfniffe dieser großen Volksmenge sind nur ganze zwei kleine Verkaufsbuden vorhanden, in denen man gegen ein paar Soldi ein Glas Wein, ein bißchen Makkaroni oder etwas Brot haben kann. Doch nur die Reichsten und Aeppigsten sprechen hier vor. Mle anderen begnügen sich mit einem Stück trockenen Brotes, das sie mit­gebracht haben, oder einer Kette Kastanien, die sie ungekocht genießen. Die lange, kalte und nasse Rächt von Samstag auf Sonntag verbringen sie in ihre Decken und Mäntel gehüllt unter freiem Himmel.

Am Pfingstsonntag wohnt man dem langen, feierlichen Hoch­amt mit größter Andacht und Aufmerksamkeit bei. Ein Zwischen­fall stört den Gottesdienst. Sn dem dichten Gedränge hat eine Abruzzenbäuerin ihr Kind verloren. Anbekümmert um Qtmt und Feier schreit sie den Ramen des Verlorenen mit gellender Sttmme in die Kirche hinein, ruft ihn durch alle Höfe, streckt die Arme steil und klagend zum Himmel empor, rauft sich das Haar, gebärdet sich wie rasend. Erst nach beendeter Kirchenfeier sindet sie die Kleine wieder mitten in dem herauSströmeNden Volk.

Rasch, wie sie herangekommen, sind die Leute, ist das ganze bunte Treiben verschwunden, weggefegt wie Spuk, als ob alles

nie dagewesen. Eilig schließen sich die abwandernden DorfgruppeN zusammen. Mit hoher Stimme setzen einige Frauen zu einem Liede ein, tiefer antworten die Männer. Anter lautem Gesang ziehen die Pilger den Berg hinab. Auch die zwei Bettler, dis bisher an der Klosterpforte gesessen, der Einäugige und der Lahme, zwei etwas stark verrissene Mämrer, erheben sich nun. Der Kafsasturz, den sie noch rasch und summarisch vornehmem scheint zu ihrer Befriedigung auszufallen. Denn sie quittieren das Ergebnis der Zählung mit beifälligem Ricken der verwil­derten Häupter. Arm in Arm humpeln sie als letzte Festteil­nehmer davon....

Still und verlassen liegt die uralte Wtei St. Benediktus wieder in der heißen Waisonne da.

Das fremde Fräulein.

Don Wilhelm Schäfer.' j J

(Schluß.-

Sie fröstelte danach, weil sie im Schatten einer Zinne saß und weil ein Wind ihr in den Racken strich; sie setzte sich hin­über, wo sie das Streitfeld sah, in das hinein die Ankraut- wüsten der alten Durggärten hingen. Sie schüttelte den Kopf, ganz deutlich schüttelte sie ihn, und sagte nein, daß sie erschrak und nicht mehr lächeln konnte. Doch wollte sie sich einer heiteren Musik erinnern; es kam auch schon ein Walzer, danach sie mit den Füßen vielmals im Tanz fröhlich gewesen war. Sie sah danach, die nun in festen Schuhen staken, und dachte, daß die Männer gern nach ihren kleinen Goldschuhen blickten; so kamen auch die Tänzer, einer nach dem andern, aus vielen Orten, wie nur ein Traum sie alle auf einmal bringt, und keiner war darunter, dem sie näher gekommen war, nur einige vielleicht. Sie ließ sie, die sich von selber gemeldet hatten, nun nach­einander m der Ordnung vortreten, die ihr beliebte, scherzhaft scheltend, daß keiner sie erlöste, auch der nicht mit der Schüler­mütze, mit dem sie nur ein paarmal als Kind Schlittschuh ge­laufen hatte und der als einziger von allen ihrem Mund mit Küssen nahe gekommen war.

Da wußte sie auf einmal, daß sie nicht sterben konnte, weil sie vom Leben erst nur die Jugend kannte und weil erst für sie kommen mußte, .wofür sie sich in Träumen von hundert Rächten und in der Sehnsucht stiller Tage ein Band geflochten hatte, das sie einmal an einen hängen wollte, und das sonst abgerissen wäre sie mußte lächeln, wieder lächeln und säst lachen, wie einer sich für ein Geschenk bedantt: daß sie erst dieses Bild daran erinnerte, wie sie doch Kleider hatte zu zerreißen und aus den Bändern einen Strick zu flechten, stark und lang genug, auf das oberste Dallenwerk zu kommen. Doch stand sie noch nicht aus. weil es noch viele Viertelstunden zum Abend waren, und weil sie ruhig auf einen Retter warten konnte, wenn sie auch wirllich eine Rächt hier oben blieb mit ihrem Abenteuer. Wie sie das Wort ausdachte mit feinem seltsamen Klang sie merkte, wie sich die Gedankenreihen mit Worten formten, die an den Lippen wie Perlenketten vorübergezogen wurden, ob­wohl sie keines sprach fiel sie die Sehnsucht ihrer Madchen- jahre an, und sie erstaunte, was für Dinge und Bilder aus ihr selber gewachsen waren, darin sie Tag und Rächt wie in der Wirllichkett spazieren konnte. Sie dachte, daß der Tod nichts sei, als von den Störungen der Sinne befreit, der Augen und der Ohren, tiefer in diese Märchenwelt da innen zu versinken.

Sie lächelte schon wieder, daß sie aus Furcht vor dem Tod sich nach dem Tod mit solchen Gedanken sehnte, und dachte sich nun tapfer in ihn hinein: daß sie dann selber nichts mehr war, auch nicht das Snnerfte von sich, daß sie den Elementen, die auch jetzt in ihrem Blut und Atem kreisten, ganz ausgeliefert war, daß unter einem Hügel von Kränzen die wie sie selber verfaulten in einem Sarg, der faulig wurde, ihre Hände, ihre Augen, ihr Gehirn langsam ins Fließen kamen. Sie spürte da zum erstenmal, wie keiner sich den eigenen Tod ausdenken könnte, weil er auch noch die Fäulnis seiner Glieder wahr­nehmen möchte.

Es wurde heißer auf dem Turm; doch wuchs ein neuer Schatten dort, wenn dieser hier verging; sie dachte, daß sie nun wie die Zeiger an einer Ahr umgehen müßte, bis dieser Tag vorüber wäre. Sv sah sie wieder auf di« Ahr und merkte, daß von der zweiten Viertelstunde noch kein Drittel vergangen war. Die Sonne stach, so meldete sich der Durst bei ihr: da fiel zum andernmal die Furcht des Todes über sie, daß sie verhungern und verdikrsten könnte.

Auch diese Furcht verließ sie nun nicht mehr, doch stieg und sank sie in die Flut zurück, darin ihr die Gedanken nut Tapfer­keit und Kleinmut, mit Zorn und Scham und Angst und Lächeln schwammen. Rur fing sie an zu leiden, wie ihr die Lippen fiebrig trodneten und wie ihr bald die Zunge schmerzte, wenn sie die netzen wollte. Sie ging und faß, sie stand und winkte mit ihrem grünen Schleier, manchmal schrie sie auch, so schrill daß ihr das Blut den Kops zersprengen wollte: doch nahm die Luft ihr alles fort vom Mund und ließ es ohne Echo mit dem fernen Lärm der Wenschenwelt aufsteigen hr den verdünnten Raum. So fing