Ausgabe 
30.5.1925
 
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Man irrt sich nicht in dieser Voraussetzung. Schlechtes Gewissen zeigt sich in allzu großer Höflichkeit. Die pfmfe un Mundwinkel, aber mit tiefer Hochachtungsverbeugung, Egt sich bald darauf der Herr Amtsrichter über den bibabunten Garten- zaun, macht Kompliment nach Kompliment über bm Dlrunen und Dlütenfülle des Dreijährigen, der fernem Alter ade Ehre n<ld3JSa hat vielleicht die Pipapoesie mitgeholfen/' antwortet man. Nicht ohne Vergnügen. Der Umgang mit Menschen sott Freude machen.

Wie?"

Nun ja, die Pipapoesie." ,

Herr Amtsrichter lächelt, wie wenn er eure Stachelbeere zu früh zu kosten versucht.

Welch eine drollige Umschreibung dieses erhebenden Wort- chens. Welch reizender Einfall wieder ..."

Die besten Einfälle kommen oft über den Zaun geflogen, Herr Nachbar ...."

Herr Amtsrichter a. D. denkt, wärst du ein Spatz oder Mai­käfer. Schietzen oder dörren, beides sollte nur recht sein, am liebsten eins nach dem anderen.

Fröhliche Pfingsten!" sagt er laut, und fest. Menschen sollen Freude voneinander haben. Was dir der Nachbar wünscht, wünsche ihm zurück.

Ebenfalls!" sagt man also.

Doch warum alte Amtsrichter heraufbeschwören, wenn man von Blumen sprechen will. Da sind die kleinen Fliederbäume. DieFliederpraktikanten", wie sie genannt sind, lieber und über mit duftenden Dolden stehen sich die kleinen Stämme gegen­über. Die einmal ein hohes Frühlingstor bilden sollen. Neben ihnen polstern sich die Phäonien im dicken Purpurrot,von hehren Pfingstgewalten im tiefsten angefacht." Nicht weit davon verraten sich am Duft die Maiglöckchen, eingehüllt in ihr hell­grünes Schwertblatt wie in 'einen zarten Seidenmantel. Aus dem Gebirgswald stammten die ersten Wurzeln, aus Neugier eingepflanzt. nun eine weite, frohe Schar geworden. Primeln, Narzissen, Tulpen, Nelken, Dalsaminen, Kressen, Stiefmütterchen drängen sich durcheinander in übermütiger Buntheit wie Kinder in Sommerkleidern auf dem Schulhof zur freien Pause.

Zwischen ihnen, schon seit Wochen überreich blühend, nieder­geneigt: Frauenherz. An Rispen schaukelnde Korallenherzen mit weißen Perlenpünktchen an der Spitze. Die ihnen auch den mitleidigen NamenHerzchen in Tränen" eingetragen und uns das wehmütige Liedchen:Frühling schon Hmzchen in Tränen bringt, ahnt er, wie rasch der Sommer verklingt?"

Wenn die Rose blüht, verschwindet das Frauenherz, ver­steckt sich von selbst unter der Erde wie ein bescheidenes Mutter- Herz, das sich zurückzieht zur Zeit der lauten Freude. 3m Vorfrühling jedoch, wenn alles sich aufs Reue nach Farbe sehnt und blaßrofa noch Glut bedeutet, erscheint es wieder, früher als alle, mit neuen Blüten, neuem Mut. 3etzt warten schon die Strohblumen auf seinen Platz. Sie, zum Gegenteil, haben die Absicht, den ganzen Winter auszuharven, wollen dem geheizten Zimmer noch Buntheit geben. Sie sind ewig, aber sie müssen sich's gefallen lassen, daß man sie zupft, so bunt, so borstig, wie sie sind, und ihnen zuruft:Unsterblichkeit, du bist von Stroh!"

Viel solch freudiger Gedankenspiele verschenkt solch blühend Stückchen Erde.

Die Kinder, Blüten unter Blüten, sie singen im Ringelreigen: Ihr Blümchen, die ihr still und rein Blüht, welket und zerstiebt.

Die soll nicht meine Freundin fein. Die nicht die Blumen liebt.

Ein Riesenpfingstfest,

Don K. von Iezewski.

Als der mittelalterliche Dichter Heinrich von Deldeke seine Eneit" niederschrieb, da nahm er, um die Hochzeit des Helden Aeneas mit der Königin Dido ganz besonders glanzvoll zu schildern, sich zum strahlenden Vorbild das größte Pfingstfest, das die deutschen Lande gesehen, den Riesenreichstag, den Friedrich Barbarossa im Mai des Jahres 1184 in der para­diesischen Ebene bei Mainz abhielt zum Zeichen seiner Macht sowie zur Ehre seiner Söhne Heinrich und Friedrich, deren Schwertleite daselbst gefeiert werden sollte. Gleich manch anderm berühmten Dichter hatte der SängerEneit" dem märchen­haften Feste beigewohnt, und sein begeistertes Wort verhieß, daß nicht etwa nur nach hundert Jahren noch, sondern immer und immer wieder die Wunder an Glanz und Lust verkündet werden würden, die auf des mächtigen Kaisers Fingerwink hin sich auf der weiten Au entfaltet hatten. Machen wir dieses Wort wahr, indem wir heute das Riesenfest vor uns erstehen lassen!

Auf den 20., den 21. und den 22. Mai war es angeseht worden, und ein ganzes Jahr zuvor waren die Einladungen in alle Richtungen der Welt ergangen. Da hatten sie Zeit, sich zu rüsten, die weltlichen Machthaber wie die kirchlichen,

und sie taten eS nach Kräften. Als die Zeit gekommen war, da strömten vierzigtausend Gäste nach der einen Heberlieferung, siebzigtausend nach der anderen, in Pracht und Prunk heran. Zog doch allein der Böhmenherzog Friedrich mit 2000 Rittern ins festliche Lager ein und Philipp von Heinsberg, der mäch­tige Erzbischof von Köln, mit 1700 Reisigen. Für die Ge­ladenen hatte man auf dem Festplatz eine Zeltstadt erstehen lassen, die allen Obdach bot. In der Mitte dieser Stadt lagen oder ragten vielmehr zwei große, prächtig verzierte Holzbauten: Ein Palast für die kaiserliche Majestät und eure Kirche von so stolzen Ausmaßen, daß sie die vielen Fürsten und Großen während des Festgottesdienstes würdig aufzunehmen vermochte. Doll Bewunderung glitt der Blick über die beiden Zierbauten, voll Lust flog er über die vielen, vielen bunten Zelte mit den farbigen Dannern und Fahnen auf ihrer Spitze, voll kindlichem Staunen blieb er hängen an den riesigen Satten» Häusern, die man zurechtgezimmert hatte, um in ihnen das für die Bewirtung nötige Schlachtgeflügel zu bewahren.Man hätte gar nicht glauben sollen, daß es in der Wett so viel Hühner gäbe!" schrieb in Erinnerung daran ein Teilnehmer des Festes, den solche Mengen an Federvieh überwältigten. Wie einörucksreich mögen erst die vielen Schiffe mit Wein­fässern des Kaisers Ehre verkündet haben, die wie eine regel­rechte Flotte das Rheinufer entlang lagen!

Wie man sich wohl denken kann, strömten Schaulustige in Scharen nach der Gegend. Auch Spielleute und Gaukler kamen in Menge, denn außer einem dankbaren Publikum fanden^ sie hier einen großzügigen Herrscher und viel freigebige Fürsten, die nicht mit Gaben geizen würden für das fahrende Volk.

Am 20. Mai, dem Tage der Pfingsten begannen die Fest­lichkeiten. Nicht ohne eine jener tief verstimmenden Störungen zwar, als fällten wir immer daran erinnert werden, daß wir uns in der Welt in einer Dämonie befinden und auf reine Freude keine Hoffnung nähren dürfen! Als nämlich Bar­barossa nach einer prächtigen Prozession von feinem Palast hinüber zur Kirche diese betrat in Begleitung seiner Gemahlin, der Kaiserin Beatrix und feiner zwei ältesten Söhne, als er das Gotteshaus betrat, in dem die weltlichen und geistlichen Fürsten seiner schon harrten, da verstellte ihm kurzerhand der Abt von Fulda den Weg und beschwerte sich bitter darüber, daß der Platz zur Linken des Kaisers, der auf allen Mainzer Reichstagen doch ihm zukomme, diesmal dem Kölner Erz­bischof gewährt worden fei. Mit freundlichen Worten bat daraufhin Friedrich den Kölner, dem Fuldaer den Platz zu räumen. Dies aber hatte eine gewaltige Derstimmung des mächtigen Kirchenfürsten zur Folge, ja, der Gekränkte war drauf und 'dran, mit allen seinen Mannen das Fest zu ver­lassen, und hätte es wohl auch getan, wenn nicht der zwanzig­jährige König Heinrich, der jugendliche Kaisersohn, ihm an der Kirchentür noch um den Hals gefallen wäre und ihn gebeten hätte, die herrliche Feier doch nicht durch seinen Weggang zu zerstören. Der zurücktreten mußte, war der Fuldaer Abt. So war der Streit, der aus geheimen Spannungen hervor- gegangen und selbstverständlich nicht ohne verhängnisvolle Wirkungen für die Zukunft war, für- den Augenblick wenigstens Beigelegt, und die prunkvollen Gastmähler des ersten Pfingst­tages nahmen in Frieden ihren Verlauf.

Der nächste Tag war der Tag der Schwertleite und der schönste des Festes. Da zeigten 20 000 Ritter ihre Künste, zeigten in strahlender Pracht, tote sie das Roß zu lenken, tote sie Danner, Schild und Lanze zu führen wußten. Da legten nun auch die Kaisersohne Heinrich und Friedrich die lang­ersehnte Probe ab, und als die unblutigen, glanzvollen Kämpfe geendet, umgürtete man sie beide mit dem Schwerte des Ritters. Änd wie im Nibelungenliede die Eltern Siegfrieds, fo ftreilten auch ihre Eltern in kaiserlicher Gnade Geschenke über Geschenke, Pferde und Gewänder, Gold und Silber aus. Die Fürsten folgten ihrem Beispiel, und so ging niemand leer aus von alt den Mannen, Sängern, Pilgern, den Gauklern und den Armen.

Aehnlicher Lust geweiht war der dritte Tag. Freilich hätte man auch hier auf Deutschlands größtem Pfingstfest lagen können:Meister muß sich immer plagen." Während die junge Ritterblüte sich also tummelte der Rotbart selbst hatte sich übrigens am zweiten Tage einmal ihren stolzen Spielen zugesellt war der Festplah für die mächtigsten und einflutzreichstM der Teilnehmer ein Feld geheimer, wichtiger politischer Arbeit. Wenigstens neigen unsere Geschichtsforscher zu der Auffassung, daß auf dieser scheinbar ganz der Freude geweihten Zusammen­kunft so vieler gewalttger Häupter sehr schwerwiegende Ent- schlüffe gefaßt, sehr ernste Staatsgefchäfte erledigt worden sind.

Gern hätte man die fröhlichen ehrenreichen Spiele auch am vierten Tage fortgesetzt, wenn nicht ein beklagenswertes Unglück es den Fürsten hätte schicklicher erscheinen lassen, den Jubel abzubrechen. Am Abend des dritten Tages erhob sich leider ein heftiger Sturm und riß die Kirche fotoie einige andere Gebäude und mehrere Zette um. Fünfzehn Menschen büßten dabei das Leben ein. Ihr tragisches Geschick aber ward schneller öergeffen von der lebensfrohen Menge als der Glanz des märchenhaften Festes, der lange noch nachleuchtete in den Herzen und in den Liedern derer, die es geschaut! L_