Eichener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, den 30. Mai Nummer 43
Christophorus.
Don Jakob Kneip.
Es eist und bläst und windet sehr, Der Wind kommt heut vom Osten Herl Am Dorsend oben, im kalten Licht Lädt Krimkorn, der Bauer, Reisig ab. Sein Bub, der blasse, Reicht ihm vom Wagen die Bündel an, Zerrt, schiebt und hebt: Die Bürden sind zu schwer!
Da flucht der Alte manchen Doynerkeil:
„Run sah doch zul Richt so gesteift! Tust dir nicht Wehl Der Dube schweigt, halb schon den Tränen nah. Berstohlen haucht er in die blauen Fäuste, Zerrt, schiebt und hebt: Der Wagen wird nicht leer. Da kommt Sankt Christoph durch den Birkenschlag, Aufwärts die Trift, Steht in der Schneise, vom Geäst verdeckt, Schaut beiden zu — und lächelt — älnd sein Heiligenschein Durchleuchtet wie der Mond den Winterwald. Sein Arm und Bein: wie braune Eichenäste! Sein Stecken ist ein schlanker Eschenstamm.
Doch wie er stapft heran, Gleicht er dem alten Schäfer Holtermann, Im Wettermantel. pelzverhüllt, Steht dicht beim Wagen, faßt mit an — Schau!
— plötzlich ist der Hof von blauem Licht erfüllt! plnd eh'' es Sohn und Vater fassen kann, O Wunder!
Ist der Wagen leer, Ist der Schuppen voll.... And wie verwirrt der Bauer danken soll, Sieht er den Alten nirgends mehr.
Dies ist ein Frühling, der sich für Aestbauer lohnt, dies maikäferreiche Jahr. Den ganzen Tag tragen Amseln und Stave einen braungerösteten Sonntagsbraten nach dem anderen im Schnabel davon. -3n tiefem Schlaf fällt der hübsche Schokoladenbraune diesem grausamen Schicksal anheim. Das gibt dem Zuschauer ein wenig Beruhigung. Auch bleiben genug zurück! Sobald die bunte Dämmerung verlöscht, Amsel und Star gesättigt schlafen und alles Weitere dem Weltmeister da oben überlassen, dann beginnt über den Wipfeln ein Rauschen, wie wenn ein Aiesenventilator eingeschaltet worden.....
Die großen Bäume haben auch das schon erlebt. And überwunden. Mehr als einmal sogar. Vielleicht rauschen sie dies den zarten Emporkömmlingen zu. die man zwischen sie gepflanzt. Denn wie wunderbar strecken sich diese. Wie kühn und mutig.
Als man sie einsetzte, die dünnen Stämmchen, sagte man sich, wenn auch vielleicht nicht für sich selbst, für irgend jemand pflanzt man immer. Irgend jemand wird ihren Schatten, ihre Früchte genießen. And dieser Winter stärkte keine Hoffnung. Endlos, hartherzig und rauh, wie selten hier, wo der Rhein den See durchläuft, rebenhügslbekränzt, wie er es nun einmal gewohnt, sobald er den Bergen entlaufen. Richtige Pessimisten glauben überhaupt nicht mehr an ein Frühjahr. Die Welt erkaltet. Gletscherzeit.
Der Saft in den schlauen Bäumchen mag gekichert haben über so viel Weisheit. Die Alten, Großstämmigen mögen es ihnen zugeknurrt haben, daß den Menschen noch nie ein Frühling früh genug gekommen. Fest wurzelten sich die Kleinen ein. Rot hilft wachsen. Kälte macht fest und ausdauernd. Mit dem ersten milden Sonnentag begann ein Blühen, Recken, fast zum Schrecken. Alles im Garten blühte, der kleinste Winkel, der zarteste Zweig. Alles geheimnisvoll gewachsen, übermäßig weiterstrebend, wie Hoffnung auf bessere Zeiten. Die schlanken, schmalen Birnbäume, schneeweiße Blütenbräute. Der kleine Kirschbaum wackelt vor Eitelkeit ob seiner lächerlich reichen rosa Pracht. Die Keine Quitte schluckt aus zahllosen weiß-roten Blütenbechern Morgen- und Abendtau wie ein gewiegter Lebenszecher.
Der Srdbeerhügel, eine weihe Sternenpromenade. Die Amsel trippelt schon auf und ab darin, hält Musterung. Sie wird sich wundern. Auch Gastfreundschaft hat Grenzen. Wenn die Beeren kommen, wird weißer Mull naschenden Schnäbeln unerfreuliches Hindernis sein. Jedem das Seine im Welthaushalt. Dir die Käser, uns die Beeren.
Wie wenn die Flügelschnelle unsre echt menschlichen Gedanken erraten, fliegt sie davon. Auf der obersten Spitze des Hauses, wo man über See und Schweizer Land hinweg den Weg nach Süden sich schlängeln sieht, sitzt sie. Dort beginnt sie ein seliges Abendlied zu flöten. Menschliche Körperschwere fühlt sich beschämt. Gebührten solchen Sängern nicht alle Beeren?
Ein Räuspern hinterm Zaun erinnert an andere Meinungen, andere Anschauungen. An „normale Begriffe", wie der Herr Amtsrichter a. D. Keine nachbarliche Meinungsverschiedenheiten zu benennen pflegt. In gestreifter Leinwandhvse und offenem Jägerhemd knallt er mit seiner Gartenflinte alles nieder, was in seinem Garten die Flügel regt. Gr schüttelt die Maikäfer von den Bäumen und füllt damit die Dlecheimer seiner Enkel. Richt zum kindlichen Spiel. Er gibt sie den Hühnern zum Futter, er dörrt sie für den Winter. Wie gern würde er manchen Rachbar dörren. Zum Beispiel solche, die Tiere „mit Poesie" betrachten.
Mit „Pipapoesie", wie er sich ausdrückt, wenn er zu dem Herrn Hauptlehrer spricht, hinweg über die Johannisbeerwand.
Der Herr Hauptlehrer ist der Ansicht, daß die meisten Tiere in einem Garten hierorts schädlich sind. Ins Jenseits gebracht jedoch sich wiederum nützlich erweisen. Beispielsweise: Mar- käser. Im Augenblick aber beschäftigt den Herrn Lehrer am meisten sein Boot, das er mit neuer Farbe streicht und das am Pfingstmorgen ins Wasser soll.
Herr Amtsrichter borgt sich einen kleinen Farbenrest, um einen Gartenstuhl anzustreichen. Auf dem er Pfingstsonntag frühstücken will. , „ . . ..,
Herr Amtsrichter spricht laut. Er ist es von seinem früheren Beruf her gewohnt, daß man zu hören hat, was er sagt.
Flüstert der Herr Amtsrichter a. D., so weiß man, daß er etwas über den „poetischen" Rachbar spricht. Aeber diesen Rachbargarten, wo Lauch, Zwiebeln, Rettiche, Kohl kaum sichtbar, aber Bibablumen so bibabunt, wie einst der Garten seines Großvaters gewesen.
Pfingstparaphrase.
Von Alice Verend.
Eiii Kind ist mit drei Monaten aus seinem dummen Zeitalter heraus, sagt man. Ein junger Garten mit drei Jahren. So alt ist der meine dieses Pfingstfest. Er gibt voll gütigsten Eifers reiche Betätigung dieser menschlichen Behauptung.
Ein Blühen ist darin, wie wenn alle Frühlingslieder, die je gesungen wurden, vereint über das hohe, hellgrüne Gras schwingen.
Sieben alte Apfelbäume gaben in diesen drei Jahren allem Reugepflanzten Beispiel und Belehrung. Zeigten den Zagenden, Schwankenden, wie man geduldig den Staub und Lärm eines Reubaues schluckt, wie die rauhen Herbstnebel dech Bodensees aufgesaugt werden müssen, wie man den Schneepelz schwergebeugt trägt und selbst das Blühen nicht aufgeben darf, wenn immer aufs Reu- Feuchtigkeit und Kühle boshaft die Knospen schrecken wollen.
Sie siwd Respektspersonen. Richt nur dem Pflanzenjungvolk. Auch uns. Sie blühten an gleicher Stelle, als man selbst noch umherwanderte, nicht ahnend, wo das Haus stehen wird, „das Haus mit dem roten Dach und dem Blumengarten", das jedem von je vor Augen steht, der in einer Großstadt geboren. Vielleicht waren sie es gerade, die plötzlich den Mut schenkten, zwischen ihren festen Wurzeln einen Grundstein zu wagen? In einem Städtchen des Bodensees, dessen Bürgermeister der Rach- komme des köstlichsten deutschen Lyrikers ist, bei dessen Ramen von selbst die Verse aufklingen: „Frühling läßt sein blaues Band flattern durch die Lüfte...“
Jedenfalls, den Apfelbäumen galt di« erste Aufgabe des neuen Heims! Zwei Starenkasten wurden gebaut und hoch und katzensicher ihre:: Wipfeln anvertraut, das Flugloch nach Osten, freudig der Morgensonne zugewandt. Am ersten Frühlingstag waren sie bewohnt. Run sind sie es zum drittenmal. Heiter zwitschern die Stare Morgen und Abend ein. Gemeinsam mit den Amseln, die noch vertrauensvoller waren. Kaum war der Türpfosten des neuen Hauses da, bauten sie ihr Rest zwischen die Glyzinenranken. - 1 „ .


