Ausgabe 
30.6.1925
 
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.Das dämpft auch den Knall," fuhr der Dartmann fort, .überdies in dem Donnerrollen des Zuges hört man ja kaum ektoas; aber gleichwohl bin ich auch noch mit andern Waffen versehen." Er öffnete seine merkwürdig professionell aussehend« Handtasche. Ich traute mich kaum hineinzublicken in das stählerne Blinken wie von vielen Messern. .Pulver sind auch nützlich, meinte er. .und das sicherste sind Flüssigkeiten, die sofort be- tänbend wirken, besonders für empfindliche Nerven.

Wie komme ich nur hinaus und ins Rebeneoupä, wo gute Leute schlafen? dachte ich. Aber ehe ich zur Tür gekommen wäre, hätte ich schon sein Messer im Rücken haben können. Sitzen bleiben! befahl ich mir, auszuharren.

.Wie alt sind Sie. Gnädige?" fragte er. Ich machte 26 aus meinen 22. . ,

Ich hätte Sie für 30 gehalten. Smd Sie verhecrateti'"

Erst wollte ich wieder lügen, aber dann dachte ich: « ist besser, er hält mich für ein armes, altes Mädchen, dessen Kost« und Taschen keine nähere Desichttgung lohnen. ^Sollte ich in Bologna aussteigen unter irgendeinem Dortoande - -Um Mitter­nacht aussteigen '< Wenn er dann mit ausstiege? And es toaren noch Stunden bis dahin. Das grelle Licht tat mir weh.Sie möchten nun wohl gern schlafen?" flüsterte er,wir wollen das Licht abdänrpfen,' aber erst gestatten Sie, daß ich meine NaM- vorbereitungen treffe." And er entnahm der unheimlichen Ham>- tasche ein Fläfchchen rmd goß daraus in ein anderes Gefäß und dann noch in sein Taschentuch, in dem ein Wattetampvn ju sein schien. Ich fühlte, tote mir das Blut aus den Lippen wich. .3d) bin nicht indiskret, wenn Sie sich's bequem machen wollen , sagte er, die Hand an der Harmonika der Lampenhülle. ®anni streckte er sich mit gräßlich langsamem Behagen auS und schwß die Augen. 3ch faß in Angst wach und lieh seine Amrcsse im Dämmer nicht aus den Augen. Todmüde war ich, aber ich traute mich nicht, einzuschlafen. Als endlich der Zug in Bologna hielt und Licht von draußen hereinfiel, fah ich, daß der Mensch fest schlief; er schnarchte sogar ein wenig, und der Fächerbart weht« leise. Aber das konnte Verstellung sein. Der Mut zum Aussteigen war mir vergangen; ich sah starr, tote die Prinzessin, die das schlafende Angeheuer bewachen muß. And nun noch die lange, lange Fahrt bis Verona. Würde er weiter schlafen, weiter lauern? Wollte er nur die spätere Rächt abtoarten?

Wie ich dann noch eingeschlafen bin. ist mir unbegreiflich. Früh am Morgen wachte ich auf und sah mein Gegenüber in friedlichem Schlummer. Erst kurz vor Verona regte er sich.

3ch habe vortrefflich geschlafen," erklärte er, .Sie wohl nicht so gut, meine Gnädige? Sie haben sich wohl «in wenig gefürchtet? Sie müssen wissen, ich bin selbst von Aattrr feige und traue niemand, am wenigsten alleinreif enden Damen. Des­halb ziehe ich es vor, meinen Reifegenossen Angst einzuflöhen. Dars ich mich 3hnen jetzt vorstellen? Ich bin durchaus kein Lust- oder Raubmörder. Mein Rame ist Schmidt, ich reise in Schönheitsartikeln und Körperpflege. Ich habe in Italien viele neue Kundschaft erworben. Diese Stahlartikel, die Die kaum an­zusehen wagten, dienen zur Beseitigung überflüssigen Haar» Wuchses; die Pülverchen sind das unschädlichste Mittel zur Er­weiterung der Pupille, keine gesundheitswidrige Belladonna. And dieser niedliche Browning ist eine Attrappe für Schreib­tisch und Rachttisch der eleganten Dame. Gr ist mit Parfüm ge­laden. Wenn Sie lvsdrücken, haben Sie den östlichsten Zimmer­dust." Das Scheusal schoß und erfüllte das Evupß mit Ambre anttque. Ich war wütend. Das einzige, was mir einfiel, um diesen Kerl, der sich über Dich und mich lustig gemacht hatte, zu ärgern, war:Run, wissen Sie, mein Herr, wenn Die ein erfahrener Kosmettker sind, hätten Sie doch sehen müssen, daß ich nicht 30 Jahre, sondern knapp 22 bin."

Entschuldigen Sie," sagte der infame Schmidt, .darf ich Ihnen da meine Hautfalbe Quickborn empfehlen? Sehen Die, ich bin fünfzig. und meine Haut ist glatt." Ja, daS war sie, schaurig glatt. Der Zug hielt.Hier muß ich auSsteigen," sagte Schmidt,ich wünsche gute Weiterreise. Darf ich mir erlauben, Ihnen ein Probefläfchchen Quickborn zu überreichen? Adresse der Firma befindet sich unterm Etikett. Damit stieg er aus.

Ja. siebe Tante, die fchlaflose Dacht verdanke ich Deinem Vertrauen auf die Dollbärte. Ich wäre doch wohl besser $u den bartlosen Ausländern im Rebencoupß eingestiegen, von denen Du nicht wußtest, ob eS Kinoschauss^eler öfter Mädchenhändler waren...

Der Narrenbädeker.

Vvn Arthur Holitscher*).

Orientierungssahrt.

Die Seine teilt Paris in zwei Teile. Rechts von der Seine siegt daS rechte Ufer, links la Rive Gauche.

Don der Madeleine bis zur Bastille erstrecken sich 64e gco&en Boulevards. (Die Bastille ist an einem 14. Juli ge-

*) .Der Rarrenbäde ler" von Arthur Hvlitscher im S. Fischer-Verlag mit Holzschnitten von Masereel führt einen sehr eindringlich-besinnlichen Pfad durch den Todestaumel einer verkrampften, sterbenden Welt. Kann man das europäische Toll­haus von heute überhaupt noch anders ansehen, als mit diesen Augen? Ein verteufelt ernstes Buch, dieser närrische Führer durchs Narrenland. ... . . -

fallen (Nationalfeiertag); die Börse aber steht noch; es ist viÄ Geschrei um sie.)

Don der Madeleine bis ans Ende des Boulevard des Italiens kann man in drei Minuten gehen, im Autotaxi dauert die Fahrt eine halbe Stunde. Dieser .Umstand besagt, daß daS Schicssal der großen Städte besiegelt ist.

Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Speed; die Entwicklung bewegte sich von der Postkutsche sehr rasch zum Aeroplan vorwärts; ich möchte wissen, was von unserer Zivili­sation übrigbliebe, wollten wir die Schnelligkeit, mit der tote von einem Ort zum andern gelangen können, zugleich mit Jazz und Tahlorshstem, Gasbomben und anderen Beschleunigungs- Mitteln, aus unserer Zivilisation wegdenken, abziehen oder streichen.

Die große Stadt ist ein einziges Verkehrshindernis. Sie ist unter die Räder der Entwicklung geraten, erledigt, muß ver­schwinden. Die große Stadt leidet in den Hauptverkehrsadern, besonders um die Stunde der Verdauung, an Kongestionen; sie wird bald an Apoplexie sterben.

Man hat sie unterbohrt; die Klistterspritzen der Metrv- Antergrunktzüge erleichtern sie indes nur ungenügend; an den Straßenecken stauen sich alle zehn Schritte weit Autokolonnen, Omnibusparks; lebende Semaphoren in Schutzmannstracht lenken sie mit Signalen: halt, vorwärts, zurück; nützt alles nichts, die Stadt, ein lebendes Wesen, unterliegt den Gesetzen des Kreis­laufs; Embolien wirken auf die Dauer tödlich auf sie wie auf den Menschen.

Im Bois de Dvulogne rasch, rasch, aneinander vorüber. Keiner sieht mehr den andern. Ehemals im Dorüberfahren ein Nicken, Erkennen, Lächeln; heute die kinematographifch verwischte Silhouette der vorüberschießenden Limousine, Auge vorwärts, Blick auf Lenkkurbel und Rückwand des vorne laufen­den Wagens; das einzige Menschenantlitz das des Polizisten, der die Wagenreihe aufhält.

Hinter der Madeleine entdecke ich eine Pferdedroschke. Sie ist auflackiert und toiederauflackiert; dem alten Kutscher hat man seinen greifen Gaul gelassen, schlafend hängt der Mensch über dem Rotz, fein Bart ist ihm durch den Kutschbock gewachsen, Rip van Winkle: er wird noch ü la ooirrfe und ä l'heure be­zahlt, das Rad ferner alten Karosse ist an keinen mechanischen Zählapparat angeschlossen, Kussche, Mensch und Tier entschwinden rückwärts gleitend in den Rebeln des vormechanisttschen Zeitalters.

Statue im Tu-.leriengarten.

Die große Stadt!

Ihr droht ihr Schicksal auf der Erdoberfläche, tief unten im dröhnenden Untergrund; noch lauter aber hört sie, wiewohl im Anterbewußtsein, ihr Ende von oben nahen, näher und näher ertönen.

AuS Marmor gemeißelt, von Bartholoms, dem alten Meister desTotendenkmälS", angefertigt,Paris 19141918" benannt, steht eine elegante, oben entblößte Dame aus dem herrlichen, weiten, freien Platz vor dem Louvre. Sie hat auS Marmor eine Watteau-Falte im Rücken; ein Schwert hält sie wagrecht in den Händen, leicht und ungezwungen wie einem Sonnenschirm; auf dem Kopf sitzt ihr, aus Marmor, eine Sturmhaube, mit dem Bügel in der Mitte, den die Mode bereits für Damenhüte verwertet hat; sie schaut, nicht ungraziös, fast' kokett, wenn auch der Situation entsprechend leidlich ernst, ein bißchen schmollend, in die Lust hinauf. Sie Figur wurde vom Petit Journal" gestiftet und soll daran erinnern, daß Paris im großen Krieg Luftangriffe erfolgreich abgewehrt hat.

Auf dem herrlichen, wetten, freien Platz ist diese Figur eine Figur. Wie wäre es, wolltet ihr sie im engen, dichtbevölkerten Mavais aus stellen? Oder im Faubourg St. Denis, wo noch mehr Menschen noch dichter bei-, mit», neben-, über» und unter­einander Hausen? Dort wäre die Figur schon etwas mehr als eine Figur, und sie sollte doch auch, wahrlich als etwas mehr gelten als ein (mittelmäßiges) Kunstwerk.

Im Faubourg St. Denis müßte sich die Rückenfalte auto- mattsch zu einem bauschigen Anterrock Herumdrehen, unter dem, tote unter den Flügeln der Mutter Henne bei einem Gewitter, die große Stadt ihre wehrlosen Kinder vor den drohenden Bom­benabwürfen versteckte.

Aeber den Marats, den Faubourg St. Denis, das Lands­berger Mertel, die Köpenicker, Prenzlauer, Elsässer Straße, über Jssington, die Minories, Shoredttch und Lambeth, über Traste- sere, Dia Roma, über die Botoerh, Allen, Delanceh (Street, über den Loop und Michigan Avenue lohnt es, auf Flügeln durch den Aether die leichten Tuben herbeizuführen, weil man hier recht viele Menschen treffen kann, bis man dann in an­mutiger Kurve davonfliegt, ein Pünktchen im Sonnenglanz, im MondeNfchein, zwischen dem Wollengetümmel, kaum wahrnehm­bar, während unten der Tod die Stadt bei ihrem Herzen anpackt, wilde Panik bas Doll zersprengt, seine Gesetze zerreißt, Abgründe öffnet und aufrührt, daß man die Antergrundschienen im Tages­licht gewahrt, das Eingeweide des Fortschritts der Welt und des Jahrhunderts offensichtlich zu Sage liegt...

Hippokratisches Gesicht der großen Stadt! Donnernd rollen die Omnibusse rechts und llnks an der anmutigen Marmordame vorüber, die, mtt Zügen der Pariserin ausgestattet, den Typus