Ausgabe 
29.12.1925
 
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Gesellschaft, Wirtschaft, Bo«, Ration, Bwevland nichts <M DebMwi^mrg der WesenSbeschaffscheit des ebtgelraen sind, datz die Absicht zu ihrer Besserung aus dem Willen deS einzeinsn ffteßsnilmb, sich selbst zu bessern, das heißt, all« seine Grdaicken, Wünsche, seine Handlungen in Uebevetnstimimmg mit jener göttlichen Lief« feines Wesens zu setzen, von der ich eingangs gesprochen habe, die in der wortlosen Sprache des Gewissens so leise, geheimnisvoll und eindringlich in allen Fällen der 216» toeT<vautg zu ihm redet. Gr ist sicher, aber nicht mehr auf dem Umwege über veraltete Dogmen, daß diese Stimme einem Rich­ter angehört, der immer bei ihm ist, den man weder täuschen, noch dem man entrinnen tarnt, der das Geheimste sieht und vor rPJ* das Verborgenste geschieht wie auf offenem Markte, weil dieses allwissende Wesen niemand anders ist Äs er selber. Und er wein immer klarer, immer deutlicher und zwingender, daß reine Gnade imstande ist, die Wanbelformen feiner irdischen Art diesem seinem einigen Wesen anzugleichen, sondern nur sein reiner, guter Wille. Er hat es nicht nötig, auf die Gebärde seiner Handlungen, auf den 2liisgang seines Wirkens, auf die Formen und Folgen seiner Gedanken ängstlich acht zu geben, er hat sich in nie ermüdendem Ernst nur zu bemühen, daß alles, was ec, fühlt, denkt und tut, im Geist der Güte, Treue, Wahr­haftigkeit urch Gerechtigkeit geschieht. Das andere im Leben, was sich gewöhnlich Glück nennt, wird ihm zugegeben werden, wenn es un ewigen Sinne ihm zugehört. Auf diese Weife ist der gute Wule als die ausführende Gewalt seines tiefsten, seines gött­lichen Wesens die Macht, von der sein irdisches Schicksal abhängig ist, und wenn wir den Wahrspruch wiederholen: .Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens find', so tun wir es in einer souveränen, königlichen, verantwortlicheren Ueber- zeugmig als di« Menschen der alten Art. Diese innere Rüstung wird der heiligen Rächt eine noch tiefere Weihe und dem neuen ^ahr die Sicherheit eines neuen Lebens und wirklich- einerneuen Zeit" verleihen.

Denn mrr dieses ewige Menschentum ist Sinn und Maß aller Dinge.

Neujahrsspuk.

Don Charlotte Riese.

(Rachdruck verboten.)

. »L>bes um Neujahr mehr spukt, als sonst?" Der alte Kaptein l>Zte sich fester in seinen Stuhl und kiriff Sie Augen zusammen. Kocht das Wasser, und ist genug Zucker in den Gläsern? Sonst geb ich meinen Samaica nicht her. Er kommt nämlich wirllich aus camaica und nicht aus irgendeiner Bremrerei in Deutschland. Hao' ihn selbst initgebracht und durchgeschmuggelt. Denn dazumal schmuggelte man noch. Heute nicht mehr? Ich weist nicht, und was ich nicht weiß, darüber red' ich nicht. Reujahrsspuk? Wer sagte das Wort?" Der Kaptein sah sich mit seinen scharfen Augen im Kreise um. und wir sahen alle ganz still. Hatte er das Wort gesagt, oder einer von uns?

Gemütlich war es in der kleinen Kombüse bei dem alten See­bären, den wir den Kaptein nannten. Ob er ein Patent auf diesen Dllel hatte, weist ich nicht. Das war uns einerlei. Blitzblank war Der Mahagonitisch, auf dem die Gläser und die Kuchen standen. Die Gläser mit dem duftenden Trank mehr für die Männer, die Kuchen für die, die der Kaptein die Weibsen nannte. Er hatte Ichon Besuch von einem alten Freund gehabt, und war schon etwas in Stimmung, während wir aus dem Schnee kamen, aus der ^ungenden Kälte. 2lber die wohlige Wärme, der Duft des Pun­sches stteg uns wohl gleich etwas zu Kopf. Einer von uns be­hauptete, am Reujahrsabend müsse es immer ein wenigspökeln".

<r Tagte, und ganz gewiß, heute abend hätte er schon etwas Weistes, ganz Sonderbares aus dem Wasser steigen sehen. Dort, wo die Boote lagen, und leise mit den Eisschollen spielten, die sich am Ufer ansammelten. Natürlich die See stattd noch nicht fiel ihr nicht ein. Sie hatte nur am Rande Keine scharfe Eis­stücke, die wie eine Klötterbüchse raffelten. Aber es war gemüt­lich, darauf zu hören, wenn man im warmen Zimmer säst, wo der Dust von Jamaica die Lust durchzog.

ReujahrsspUk!" Der Alte wiederholte das Wort noch ein­mal.Ratürlich spukt es um Neujahr, wie sollte es nicht. Peter sagt, er hat 'was Weihes aus dein Wasser steigen sehen. Wird wohl der Köter von Hinsch sein, der hinter lebendigen Fischen her ist, und hofft, daß sie ihm am Strand Begegnen. So ein Reiyahrsfpuk ist man schwach, mein Peter, da kannst dir nichts mtf einbilben. Komm du Leber Klock zwölf hier in meine alle Kombüse, da sollen dir die Haare zu Berge stehen, nur, dast du beinah keine mehr auf deinem Schädel hast. Wehst du das große leere Vogelbauer, das auf dem Fensterbrett steht? Da hat Frida darm gewohnt, meine grüne Frida, die ich mit aus Brasilien t .a<$!eun$ die ich zuerst Fritz nannte, toeil sie doch ein Herr sein sollte. Sie benahm sich auch in jeder Beziehung wie ein vernünftiger Mann, lernte eine Menge Worte, pfiff und schwatzte das Blaue vom Himmel, bis sie eines Tages still und plustrig wurde, nicht mehr recht wußte, ob sie mir guten Morgen oder gute Rächt sagen wollte. Ich fürchtete, sie ginge mir ein, aber mneö Morgens fand ich ein Ei in ihrem Käfig. Sie war kein Fntz, sondern eine Frida, und nachdem sie mir dies bewiesen oatte, wurde sie wieder gesund, und liest es auch bei tzem einen: Ei bewenden. Seht ihr das Schiff unter der Decke? Das ist meine ~uife, mit der ich zwanzig Jahre gefahren bin. Sie ist dann beim

Hörnumrisf gestrandet und von den Wellen auseinander aeschla- gen, aber Mr haben uns alle gerettet, und jung war sie nicht mehr. 2lus dieser meiner Luise hat meine Frida am Tage viel gesellen und sich geschaukelt dabei fang sie etwas vor sich hi«, und ich hörte es gern. Abends spazierte sie dann in ihren Käfig und ich weist noch heute nicht, wie es tarn, daß sie in einer Rächt oben unter der Decke säst und schlief,- als bei mir eingebrochen tour&e. Die Halunken wußten, daß ich hinten nach dem Hof M schlief, und sie wußten auch, daß ich Geburtstag gefeiert und viel- llicht etwas reichlich geladen hatte. Sie drückten eine Fenster­scheibe. ein und fingen an, Bei mit auszuräumen, als von oben eine Stimme kam:Bedienen Sie sich, meine Herren! Rur nicht genieren, es ist Ihnen alles gegönnt!" Und dazu schreit Frida Hurra!" mit einer solchen Stimme, dast ich auf wache und denke, es mutz irgendwo Brennen. Run, es Brannte nirgends und die Einbrecher waren schon wieder aus dem Fenster. Aber der eine fiel in der Eile hin und verknackte sich den Fuß und der andere weinte und schrie, weil er davon überzeugt war, eine Geister­stimme gehört zu haben und er vor Geistern mehr Angst hatte als vor leibhaftigen Menschen. Ich habe die zwei Burschen laufen lassen und eingebrochen ist nicht wieder Bei mir die Leute sagen, dast es Bei mir spökelt. Das tut es auch. Meine Frida ist leider gestorben, aber in der Reujahrsnacht, wenn ich ihren teeren Käfig Betrachte, dann sehe ich sie ganz deutlich darin sitzen, und sehe, wie ihre schwarzen Augen mich ansehen. Und die Luise, das gute Schiss, das mich fo oft über das Wasser ge­tragen hat, das schaukelt leise, seine Segel spannen sich und ich höre den Kapitän durchs Sprachrohr rufen. Alles in der Reu- jahrsnacht. Hinter dem Ofen fleht der alte Ohreustuhl. Auf Dein hat mein 'Vater gesessen, hat seine Pfeife geraucht und feine Geschichten erzählt. Der wußte Geschichten! Auch von Geistern, nur daß er nicht an sie glaubte. Aber in der Reujahrsnacht sehe ich meinen Vater im Lehnstuhl sitzen. Seine weißen Haare leuch­ten und seine Augen blitzen. Der hatte mehr erlebt als unsereiner. Als junger Matrose war er dem Haifisch zu Leibe gegangen, der feinen Besten Freund am Fuß gepackt hatte und mit ihm ab- fchwrmmen wollte. Vater sttest dem Räuber das Messer tief in den Leib, und der mutzte seine Beute lassen. Ratürlich den Fuß nahm et mit und Onkel Siems humpelte fein Leben lang nur nrit anderthalb Beinen herum. 2lber er sand sich darein, heiratete in eine kleine Dauernstelle und jedes Jahr kriegte Vater seine zwei Schinken und vier Würste. Onkel Siems hat noch Bei mir ®eöaHer gestanden und mir einen silbernen Löffel geschenkt. Ich hcw' ihn noch, 'wenn er auch für meinen Mund ein bißchen klein geworden ist. Ich brauch« ihn zum Umrühren für den Grog, unD Dann denke ich an Vater, an Onkel Siems unD an t>en Hai­fisch. Und in der Reujahrsnacht kommen sie alle zu mir, die alten und die jungen Freunde, die, die fchon lange schlafen und die, die noch bei mir sitzen, Punsch trinken und Kuchen essen!"

Der Kaptein schwieg und nahm einen langen Schluck. Drau­ßen Kirrte das Eis und- seine Stimme fang etwas Unverständ­liches.

Er sollte man das Singen lassen!" sagte der Kaptein.Nach­her. um zwölf, spielt die Stadtmusik vom TurmDes Jahres letzte Stunde" und es läuten die Glocken das neue Jahr ein. UnD dann stehen sie cftw auf, die einmal in diesem Zimmer ge­sessen haben 'und verWUgt gewesen find. Und wenn sie auch in Wirklichkeit fest schlafen, so leben sie in unseren Gedanken, und vielleicht denken sie an uns, wie wir an sie, und vielleicht möchten sie uns dies zeigen. Ich aber möchte sie nicht stören. Sie haben ihr Teil Unruhe in ihrem Leben gehabt, man soll ihnen die Ruhe gönnen."

Das ist alles kein Reujahrsspuk!" murmelte der unver- verbesserliche Peter, und der Kaptein schüttelte den Kopf.Rein, mein Junge, mit den Kerlen, die Reujahr durchaus Geister sehen wollen, hab' ich Nichts zu tun. Ich mach' mir meine Gedanken! von alleine, und wenn dir das nicht genug ist, dann geh zu den Booten, wo Geister Herumlaufen, selbst wenn es man bloß Hunde sind. Vielleicht siehst du auch den Klabautermann er war lange verreist, jetzt soll er wieder da fein. Gesehen hab ich ihn noch nicht, aber wer sich große Mühe gibt, wird ihm vielleicht begegnen. Es kommt alles auf den guten Willen an."

Ach nein, wir wollten den Klabautermann nicht aufsuchen wir hatten genug am Kaptein mit feinem stillen Reujahrsspuk. Selbst Peter sah dies ein, atmete den Duft von Jamaica und horchte auf das leise Klirren der Eisschollen. Sie fangen das alte Med vom ewigen Werden und Vergehen, und daß aller Reujahrsspuk ein Erinnern, ein Richt vergessen ist.

3n der Neujahrsnacht.

Von Josef Winckler.

In der diesjährigen Reujahrsnacht wir waren auf Skiern und Rodelschlitten hinaus gezogen ins verschneite Gebirge machte ich mich aus der Grog trinkenden Abendgesellschaft des Hotels für ein Stündchen frei und glitt unbemerkt auf einsame Wanderung unter herrlichstem Mondschein, unter dem vollen Sternenbogen an vereisten Wäldern und Wipfeln vorbei ich streife oft allein abseits Der Heerstraßen zu Wundern ungeftörter Naturoffenbarungen glitt leicht an den flaumigen Abhängen, nur Knirschen der Skier und Stoßen des Stockes sirrte durch die Weltstille, glitt mit meinem gigantifchen Schatten allein, der vom Mond links auf die bleich bläuliche Schneefläche geworfen wurde, in Selbstvergessenheit und Flugtrunkenheit, wie einer jener gro-