Ausgabe 
29.12.1925
 
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flee, lautlos schwebenden NachtraubvSgel, di« auf 9t6«ntewer KEHeu den Gletscherwänden spähn.

Anten schlug es auf einmal irgendwo zwölf Mr.

Sumpf hallten dann einige dünne Schüsse, schwaches Sttmm- getötet, eine Rakete als entzünde sich ein Streichholz in der £fefe und ich stand plötzlich vor einem mächtigen Klvstertor. Ach dachte an ein Hospiz zur Rettung Verirrter auf den furcht- Daren Dergpässen bei Sturm und Lawinen aber das gewaltige Dor drehte sich von Geisterhand in den Angeln und ich glitt von selbst auf einen runden Binnenhof, in dessen Mitte ein unge- heiirer Brunnen einen Weib brausenden Schaumstrahl wie aus Sekt und Kristall empor wirbelte, wie aufgetrieben von unfatz-- licher Kraterleidenschaft einer ewigem Gotteskrast. Auf der Rund- mauer dieses Brunnens aber fast ein ehrwürdiger Greis, hielt bei meinem Anblick gleich ein silbernes Decherlein in den hoch Senden Gischt inti> schritt mir milde entgegen: »Also trinke, ad1

Wer bist du ? stammelte ich noch mächtiger geblendet und hingerissen von dem unerhörten Schauspiel dieses Sprudel- hrumrens, dessen kühler Dunstatem mir Myriaden zerplatzend« Stäubchen und knatternde Perlen an die dicken Mauern des Hofes zu schleudern schien. Kaum verstand ich die Worte des Greises vor dem rhythmischen Gedonner dieses schier überirdischen Wasser­falls.

Aengste dich nicht trinke nur, mein Sohn, den die Arsehn- fucht des Menschenherzens in dieser Stunde zu mir trieb!"

Aber ich wehrte mit beiden Händen und taumelte:Sag' erst, wo bin ich?"

Da lud mich der Greis ein, Platz zu nehmen auf dem mit­zitternden Brunnenrand und ich zog die Schulter vor Schauder mrd drängte mich noch ganz fest an ihn, denn ich ahnte, daß ich zu einem jener sagenhaften Zauberer geraten sei, von denen das Doll immer noch flüstert und die nach der Statistik doch nicht mehr existieren sollen.

Leitete dich jedoch nur Zufall her" begann der Alte (man sah die Lippen nicht, als spräche nur sein gebauschter Bart)so wisse denn: ich bediene den heiligen Jungbrunnen, wo Liebe und Glauben die Mißgunst und den Reid erlöschen machen, ich be­diene den Born der ewigen Gegenwartl Die guten wie auch alle bösen Geister erscheinen hier, die im Ablauf des Geschehens Wohl hinfällig werden, ermatten und wie untergehen, dann aber ur­plötzlich und wie neugeboren dastehen, aufgefrischt zu unbändigster Ditalität und darum ewig jung und gegenwärtig bleiben! Pah auf wer da kommt D

Sagen Schrittes wankte ein namenlos vermorschtes Mütter­chen, das graue Leichentuch hing zerrissen, als schlürfe das Ge­spenst eines Gerippes heran, kaum noch eines Lebensseufzers fähig. And wortlos reckte es die knöcherne Hand, umkrallte mit den Fingern das silberne Becherlein voll Sprudel und schlürfte, schlürfte in langen durstigen Zügen und mit jedem Zug fiel es wie Borke von ihrem Antlitz, als entblättere sich eine neue Gestalt, leuchtete goldenes Haar aus den Strähnen, wölbte sich Brust mrd Wange, aber immer m>ch nicht zu voller Kraft, sie schien erst halb vollendet, halb entbunden des Derfalls und eilte doch, schon über fernsten Höhen schwebend, eine Wage schwingend, ins Chaos der Welt zurück.

Das war die Gerechtigkeit, die ganz ermattet schien, ausge­höhlt bis zum Absterben, und selbst die Kraft des Dorns ver­mochte noch nicht, ihr die ganze Schönheit zurückzugeben" flüsterte der Hüter des Quells" die namenlos vergewaltigt« von Böllern und Menschen; pst! ein andrer naht!"

And es kroch auf allen Bieren ein armselig abgemagerter Wurm herbei, dessen tückische Augen aber immer noch aus schie­lenden Spalten glühten und flackerten und Geifer troff vom Mund. Mit Tigerlippen schwang er sich an den Decherrand und soff, soff, soff uird Ring um Ring schwoll fein Leib zum platzend gefüllten giftig grünen, aufgedusenen Panzer, knurrend und schurrend vor Behagen, schlug, auf einmal gesättigt, vafendeS Brüflgelächter und sprang in kolossalster Verjüngung als ein ausgewachsener Drache mit sieben Flügeln in die Welt wie auf feine Beute zurück.

Das war der Molch des Hasses" raunte der Wächter der sich selber schier verzehrt hatte und nun mit Platzenden Sutern wieder hervorkriecht bei der ersten besten Gelegenheit; trauet nicht den Schönrednern!"

Jämmerliches Husten und Stöhnen, wie nach schwerem Leiden und vieler Drangsal, ertönte und an zwei Krücken, kaum noch vorwärts, schleppte sich ein hilflos geschundener Bettler heran, der eine Sense auf dem Rücken trug, ein Stundenglas um den Hals baumelnd.

D u bist es, Vater Kronos, Gott der Zeit?" rief der Wächter. And Kronos stöhnte:Schnell, schnell, eh mir ganz der Atem ausgeht, schnell den Decher her! Denn ich will mich auch verjüngen, ich will ja endlich die neue Zeit fein, die neue Zeit, nach der fie jetzt alle schreien und rufen die neue, neue Zeit - oh!"

And der Drunnenwächter reichte ihm den gefüllten Decher, stützte ihm noch das Kinn beim Stütfen und KronoS lieh das Dulderhaupt, das schon beinah kahlköpfig war. tief in den Racken sinken hintüber und nahm einen unbändigen Schluck, noch einen, abermals einen und die hundertjährigen Runzeln schwanden, es schwand fein Gewand und siehe siche ein zappelnder Säug­ling. mit Flügelchen an den Fersen wie Heringsffessen Nein,

fiel patsch! auf den iuufteu Boden und hielt als Kinderspielzeug das Stundenglas fest in der Hand.

Der Wächter des Brunnens griff das greinende Geschöpf be­hutsam auf den Arm:

Das also bist du, bist du? Du hilflose Kreatur, du atmet Knirps, du mageret Balg, du unmündiger Puck eia, popeiai Die Kriegsfurie ist deine Dante, der Hunger ist dein Detter, die Derzweiflung deine Schwester möge der Glaube dein Drü­ber sein! Grütze mit alle deine Taufpaten und sie möchten dir ein gutes SHnullerchen in den Mund tun!"

And der Säugling wankte und schwankte davon gen . . < Locarno, wo seine Wiege stehen soll.

Ich schritt nachbenflich hinterdrein.

Unter dem Tannenbaum.

Don Theodor Storm.

(Schluß.)

Zu beiden Seiten deS Gärtchens lagen di« Geschenke für den Knaben; eine scharfe Lupe für die Käfersammlung, ein paar bunte München er Bilderbogen, die nicht fehlen dürften, von Schwind und Otto Specktet; ein Buch in totem Halbfranzband; dazwischen ein kleiner Globus in schwarzer Kapsel, augenschein» lich schon ein altes Stück.Es wat Onkel Erichs letzte Weih­nachtsgabe an mich," fügte der Amtsrichter;nimm du «3 nun von mir! Es ist mir in diesen Tagen aufs Herz gefallen, daß rch ihm die Freude, die et mir als Kind gemacht, in späterer Zett nicht einmal wieder gedankt; mm haben sie mir den alten Herrn im letzten Herbst begraben!

Frau Ellen fegte den Arm um ihren Wann und führte ihn an den Spiegeltisch, auf dem heute die beiden silbernen Arm- feuchter brannten. Auch ihm hatte fie beschert; das erste aber, wonach seine Hand langte, war ein kleines Lichtbild. Seine 2utgen ruhten lange darauf, vÄhrsnö Frau Elfen still zu ihm emporsah.

Gs war sein elterlicher Garten; dort unter dem Ahorn vor dem Lusthaufe standen die beiden Alten selbst, das noch dunkle volle Haar feines Vaters war deutlich zu erkennen.

Der Amtsrichter hatte sich umgewandt; es wat, als suchten seine Augen etwas. Die Lichter an dem Moos gärt chen brannten knisternd fort; in ihrem Schein stand der Knabe vor dem auf» geschlagenen Weihnachtsbuch. Aber droben unter der Decke des hohen Zimmers wat es dunkel; der Dannenbaum fehlte, der das Licht des Festes auch dort hinauf getragen hätte.

Da klingelte brausten im Flur die Glocke, und die Haustür wurde polternd aufgerissen.Wer ist denn das?" sagte Frau Ellen; und Harro tief zur Tür und sah hinaus.

Draußen hörten sie eine rauhe Stimme fragen:Din ich denn Hier recht beim Herrn Amtsrichter?" And in demselben Augenblicke wandte auch der Knabe den Kopf zurück und rieft Knecht Ruprecht; Knecht Ruprecht!" Dann zog et Vater und Mutter mit sich aus der Tür.

Es war der große bärtige Mann, der den beiden Spazier­gängern vorhin oberhalb der Stadt begegnet war; bei dem Schein des Flurlämpchens sahen sie deutlich die rote Hakennase unter der beschneiten Pelzmütze leuchten. Sein langes Gepäck hatte er gegen die Wand gelehnt.Ich habe das hier abzugeben l" sagte er, indem er auch den schweren Quersack von der Schulter nahm.

Dorr wem denn?" fragte der Amtsrichter.

Ist mir nichts von auf getragen worden."

Wollt Ihr denn nicht näher treten?

Der Alte schüttelte dem Kopf.Ist alles schon besorgt! Habt gute Weihnacht beieinander!" And indem er noch einmal mit der großen Rase nickte, war er schon zur Tür hinaus.

Das ist eine Bescherung!" sagte Frau Ellen saft ein wenig schüchtern.

Harro hatte die Haustür aufgeriffen. Da sah er die große dunkle Gestalt schon weithin auf dem beschneiten Wege hinaus» schreiten.

Run wurde di« Magd herbeigerufen, deren Bescherung durch dieses Zwischenspiel bis jetzt verzögert war; und als mit ihrer Hülfe die verhüllten Dinge in das helle 'Weihnachtszimmer ge­bracht waren, kniete Frau Ellen auf dem Fußboden und begann mit ihrem Trennmesser die Nähte des großen Packens aufzu­lösen. And bald fühlte fie, wie es von innen heraus sich dehnte und die immer schwächer werdenden Bande zu sprengen strebte; und als der Amtsrichter, der bisher schweigend dabei gestanden, jetzt die letzten Hülfen abgestreift hatte und es aufrecht vor sich hingestellt hielt, da war'S ein ganzer mächtiger Dannenbaum, der nun nach allen Seiten seine entfesselten Zweige ausbreitete. Lange schmale Bänder von Knittergold riefelten und blitzten überall von ben Spitzen durch das dunkele Grün herab; auch die Tannäpfel waren golden, die unter allen Zweigen hingen.

Harro war indes nicht müßig gewesen, er hatte den Quersack aus gründen; mit leuchtenden Aug en brachte er einen flachen, grün lackierten Kasten geschleppt.Horch, es rappelt!" sagte er; es ist ein Schubfach darin!" And als sie es aufgezogen, fanden fie Wohl ein Schock der feinsten weißen Wachskerzchen.

DaS kommt von einem echten Weihnachtsmann!" sagte der Amtsrichter, indem er einen Zweig des Baumes herunterzog. .da fitzm» schon überall die kleinen Blechlampetten!"

Aber es war nicht nur ein Schubfach in dem Kasten; es war auch obenauf ein Klötzchen mit einem Schraubengang. Der Amts-