Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang l92S Dienstag, Sen 29. Dezember ' Hummer |oi/ -
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Neujahrsgrutz.
Bo» Otto Ernst.
Ans Lor des Türmers Hab' ich heut Gepocht mit lautem Rufen:
„Komm, führe mich vor Mitternacht -Ium Turm hinauf die Stufen!
Denn ein Gelüsten treibt mich Heut, Mit mächtig Hallendem Geläut Die Welt zu meinen Füßen Zu begrüben.“
And an des Alten Seite stumm
Bin ich emporgestiegen,
Tief lag die Erde, schiwewertzültt, Geruhig und verschwiegen.
Die weite Stadt — ein Lichtermeer! Das blinkte hold von unten Her Wie goldnes Stevngewimmel Bom Himmel,
And oben hab' ich tiefen Zugs Den Hauch der Aacht getcuntan; Berauscht von tausend Bilder», ist Mein Geist in sich versunken —: 3eb’ Licht dort unten schien ihm da Ein Auge, das ins Ferne sah, , An Tagen, die vergangen,
Zu Hangen.
And jeder Blick erspähte bald
Aus grauem Aebeldampse ®t» eignes und besondres Btto Vom ewige» Srdsnkampfe.
Wie manchs leise Träne tttitit, Wie manches feste Herz begann 3« still erneuten Wut« Zu bluten !...
Hob sich aus fernem Dunkel nicht Hier — dort — ein Totenhügel? Flog nicht ein freundlich Antlitz her Auf traumbewegtem Flügel?
O ja, in stiller Neujahrsnacht _ Der Toten wird zuerst gedcuAti' Der Lieben, die im Hasen Arm schlafen.
Doch mehr als Tod ist Lebensnot — tn mancher Kammer Gellt jäh durch die Erinnerung Ein lauter, wilder Jammer!
Gin -nie verglomnmes Wch «ittacht So manchem diese stille Rächt, Dem alles, was er träumte, Zerschäumte.
And ewig Kampf und ewig Streit Mit Leiden und Gefahren, Mit Elend, Krankheit, ßug und Trug Seit taufend, tausend Jahren!
And wa r's ein Jahr des Glücks vielleicht, So hat's uns doch daS Haar gebleicht, So ist es doch verronnen - Zerronnen —
Wir kämpfen mit der Qtageeiu. Der Zeit, der nimmermüde» — Still! War mir'« doch, als ob zur Lust Don fern Gesänge lüden — Fürwahr: ein leises Kling und Klang... Zum Mund mit Jubel und Gesang Der Trank von Glut und Leder, Die heben !.,.
Ja! Eine Freuöensonne glüht Inmitten wildM Krieges: I» allen edlen Herzen ist's Die Zuversicht des Sieges' Doch wo daS Schwert, ■ das Hn erwirbt, DaS jeden Höllengeist verdirbtr’ Wo glänzt die blocke Wshre, Die Hehve?
uiun Mitternacht! — Da lieh ich weit Die Glocke donnernd schwingen, And meine Seele schrie hinein
Mit Beben und mit Klingen:
Sie soll uns Schwert des Lichtes sein Die reine Siegerin allein
In Rächt- und Sturmgetriebe: Die Liebe.
Neujahrsgedanken.
Bon Hermann Stehr.
Die Tage kommen und verändern uns. Die Tage gehen und lassen uns zurück, wie wir nie waren. Kein Morgen gleicht dem anderen. _ In jeder Frühe sehen wir Welt und Mensche» und uns selbst anders als in der vorhergehenden. Wie können wir „Ich zu unS sagen, wem, das, nxtr ioie mit diesem Wort bezeichnen fortwährend durch Wandelformen vor uns entsteht und wieder hinschwindet?
Das was „Ich' sagt, kann dieses Flüchtige, Btelveräuder- üche, immer Wandelbare nicht sein, sondern muß ein Wesen fein das Flucht nicht kennt, »och Veränderlichkeit, noch Wandel. — Denn alles Denken eines Menschen muß von einer höheren Macht in uns gewertet werden, das Gefühl kann sich durch sich selbst nicht erfassen, der Geist tarnt seiner selbst nicht habhaft werden, und -noch das tiefste Bewußtsein seht eine durchdringende Klarheit voraus, kraft der es erst möglich ist. Keine Erhabenheit erreicht dieses Wesen, kein Scharfsinn -enträtselt, keine Heiligkeit erschöpft, keine Verruchtheit zerstört es. Wir sind mehr als wir vor uns und den anderen erscheinen, und vermögen uns in der Wirbelmuhle dieses Daseins nur zu retten, indem wir an dl«s<-s verborgene, nie enträtselbare Wesen glauben, das wir zutiefst such, das Raum -nicht kennt, noch Zeit, und vor dem selbst unsere Geburt und unser Tod -nicht mehr bedeuten als Kommen und Gehen.
Vor diesem ewigen Wesen, was wir zutiefst sind, taucht nicht -nur . unser irdisches Wesen fortwährend auf, verwandelt sich, schwindet und bildet sich -neu wie ein Schatten an der Wand wte eine Wolke am Himmel, wie eine Welle im Teich: wir über- schauen auch das Heraufkommen mächtiger Reiche und ihren V^brll, den Sieg und den Sturz von Religionen und Kulturen, das Blühen und Vergehen der Völker bloß als Wandelformen deren Flüchtigkeit uns nicht mutlos macht und Verzweiflung bringt, sondern uns eine Sicherheit bestätigt, deren Klarheit so ttef bereit Weite so unermeßlich ist, daß selbst der Tanz der Gesttrne -nur als ein annäherndes Sinnbild unserer Wesenheit erscheint, die vor unserer Geburt schon war, durch kein Schicksal tn Frage gestellt und durch feinen Tod vernichtet werden kamt
Von hier aus betrachtet, erfjäüt die Hoffnung des irdischen Menschen seine unzerstörbare Sehnsucht nach einem höheren, reineren, tieferen Leben einen Sinn, den fein Pessimismus zu entwürdigen und zu vernichten imstande ist. Muh es uns nicht als ein Wunder erscheinen, daß jeder einzelne Mensch trotz der tausendfachen Enttäuschungen, die er sich selbst fortwährend bereitet, nicht aufhören tann, an sich selbst zu glauben, weil er sonst sterben müßte? And ist es nicht unbegreiflich, daß wir den Selbstmörder als einen Anormalen, geistig Gestörten betrachten müssen, weil er von diesem Glauben abtrünnig geworden ist?
Dieses Recht tntb diese Pflicht auf Hoffnung und den Glauben des Menschen an sich erscheint uns nach diesem 'Weltkriege, nach dieser Weltzertrümmerung und -Umwälzung, in dem unübersehbaren Chaos der Nachkriegszeit als ein Rätsel, das wir an uns erleben, ohne es zu verstehen. -Der Staat wie ein Wrack, die Gesellschaft eine trübe, brodelnde Masse, die Wirtschaft ein untergrabenes Gebäude, die Familie ein madiges Kernhaus. Würde eine freche, närrische oder gespreizte Maskerade. Kirchen Zufluchtsstätten Verwirrter und Ratloser, wo die Wahrheiten galvanisiert werden, die als Leichen auf dem ungeheuren Schlachtest) zurückgeblieben sind, das Vaterland ein Zankapfel würdeloser, niederer Parteizwietracht. Nirgends ist die Rot so groß wie in Deutschland, die Gefahr so fühlbar wie hier, die Eichicht in die Zerrüttung so schonungslos wie bei uns. und dennoch nirgends auch hat Hoffnung die gleiche verzweifelte Festigkeit, das Dertrauen, die Anerschütterlichteit und der Wille die stahl- - taste, unbeirrbare Entschlossenheit, aus diefsn Verhältnissen der Teufelei und Fron m ein neues, höheres Leben zu kommen.
Denn -nirgends als im deutschen Menschen lebt, wenn auch den meisten -müh unbewußt, die Aeberzeugimg so stark, daß Staat,


