Ausgabe 
29.9.1925
 
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312 -

Kazia, erkennst du mich nicht?"' frage ich.

Und ich muß über ihr verdutztes Gesicht laut auflachen.

Das rsi ja Wladek," sagt Swiatecki.

Kazia sieht mich prüfend an, endlich ruft sie lachend:

»Pfui, was für ein garstiger Greis! '

Ich ein garstiger Greis! Möchte doch lviffen, wo sie einen schöneren gesehen hat. Aber für die arme Kazia, die in den ästhetischen Grund>ätzen des föerrn Snslowski erzogen ist, mag wohl jeder Greis garstig sein.

Ich ziehe nüch m unteren Küchenraum zurück und erscheine nach wenigen Minuten in meiner früheren Gestalt wieder.

Kazia und die Eltern beginnen auszufragen, was denn diese Maskerade zu bedeuten habe.

Was die Maskerade zu bedeuten habe? Die Sache ist ganz einfach. Sehen Sie, meine Herrschaften, wir Maler erweisen einander von Zeit zu Zeit kollegialische Dienste und stehen zuweilen einer dem andern Modell. So hat mir z. B. Swiatecki für den alten Juden gestanden. Last du ihn auf dem Bilde nicht erkannt, Kazia? Ich stehe jetzt dem Cepkowski. So ist es eben unter Malern Brauch, namentlich in Warschau, wo es an Modellen mangelt."

»Wir sind gekommen, um dir eine Aeberraschung zu machen," sagt Kazia.Aeberdies bin ich noch nie in meinem Leben In einem Atelier gewesen. Gott, welche Anordnung! Ist es so bei allen Malern?"

Ungefähr, ungefähr!"

Lerr Suslowski erklärt, es wäre ihm lieber gelvesen, bei mir etwas mehr Ordnung vorzufinden und er erhoffe in dieser Linstcht von der Zukunst gründliche Veränderung. Ich verspüre große Lust, ihm meine Karse an den Kopf zu schleudern. Kazia lächelt dabet kokett und sagt:

Da ist ein gewisser Dialer, ein großer Taugenichts, bei dem es ganz anders aussehen wird, sobald ich mich an die Arbeit gemacht habe. Es wird alles ordentlich arrangiert, aufgestellt und abgestaubt werden."

Bei diesen Worten hebt sie ihr Stumpfnäschen in die Löhe, blickt auf die Guirlanden von Spinngewebe, welche die Ecken meines Ateliers schmucken, und fügt hinzu:'

So eine Unordnung kann auch die Käufer abschrecken. Da kommt einer und glaubt sich auf dem Trödelmarkt zu befinden. Lier z. B. diese Waffen entsetzlich verrostet! And dabei hat man bloß das Dienstmädchen zu rufen, ihr anzuordnen, etwas Ziegel zu stoßen und alles wird blank wie ein neuer Samovar."

Jesus Maria! Sie spricht von Käufern und will meine alten ausgegrabenen Panzer mit Ziegelstein putzen. Aber Kazia!"

Der beglückte Suslowski küßt sie auf die Stirn, während Swiatecki einen unheilverkündenden Laut ertönen läßt, der an das Grunzen eines Wildschweines erinnert.

Kazia droht mir mit dem Fingerchen und sagt weiter:

Bitte sich zu merken, daß sich alles ändern wird."

Dann sagt sie endlich:

Und wenn ein gewisser Lerr heute Abend nicht zu uns kommt, so wird er ganz abscheulich sein und wir werden ibn nicht mehr lieben."

Bei diesen Worten verdeckt sie ihre Augen. Ich kann nicht leugnen, daß in ihren Allüren viel Anmut liegt. Ich verspreche zu kommen und begleite meine zukünftige Familie hinunter bis zur Straße.

Ins Atelier zurückgekehrt, finde ich Swiatecki mit einem miß­trauischen Seitenblick ein vor ihm liegendes Paket mit Kundert- rubelfcbeinen musternd.

Was ist das?"

Weißt du, was passiert ist?"

Nein!"

Ich habe jemanb bestohlen wie ein gewöhnlicher Dieb."

Wieso das?"

Ich habe meine Leichname verkauft."

Und dies ist das Geld dafür?"

Jawohl! Ich bin ein gemeiner Wucherer."

Ich umarme Swiatecki, beglückwünsche ihn aus »ollem Lerzen, und er beginnt mir zu erzählen, wie die Sache kam.

Da sitze ich nach deinem Weggehen, und es kommt ein Lerr, der mich frägt, ob denn ich Swiatecki sei. Ich sage:Ich möchte doch wissen, weshalb ich denn nicht Swiatecki sein soll." Da sagt er: »Ich habe Ihr Bild gesehen und will es kaufen." Ich sage:Gut! Aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß man ein Idiot sein muß, um ein so niederträchtiges Bild zu kaufen." Darauf er:Ein I Idiot bin ich nicht, aber ich habe die Marotte, Bilder zu kaufen, die von Idioten gemalt sind!"Wenn sich die Sache so verhält, I dann ist es gut," sage ich. Er frägt mich nach dem Preis und ich sage:Was geht denn das mich an..."Ich gebe Ihnen so und so viel."Gut dann! Wenn Sie es geben wollen, dann geben Sie!" Er gibt's und geht. Eine Karte hat er hinterlassen mit dem Namen:Bialkowski, Dr. med." Ich bin also ein ganz gemeiner Wucherer, und basta!"

Es leben die Leichname! Swiatecki, du mußt heiraten."

Lieber hänge ich mich auf," sagt Swiatecki.Ein gemeiner Wucherer bin ick und nichts weiter!"

15.

Am Abens bin ich bei Suslowskis.

Ich sitze mit Kazia in der Nische des kleinen Salons, wo ein kleines Sopha steht.

Frcm SuslowSka fitzt am Tisch bei der hellbrennenden Lamp« und naht an einem Stück von Kazias Aussteuer- Lerr Suslows« liest mit Würde am selben Tisch die Abendnummer desPapiev- drachen.

Mir ist nicht ganz wohl zu Mute, ich möchte gern meine DM- fttmmung verscheuchen und rücke ganz nahe an Kazia Herrn».

Im Zimmer herrscht Sttlle. Man hört das Flüstern von Kazia, die ich zu umfassen suche und die mir zurannt:

Wladek, Papa wird es sehen."

Da ergreiftPapa" das Wort und beginnt vorzulesen:

Das Bild des bekannten Malers Swiatecki, betitelt: -Di» letzte Begegnung" wurde heute von Dr. Bialkows« für 1500 9<uM angekauft."

»Ach ja!" säge ich,Swiatecki hat das Bild heute früh verkauft."

Dabei suche ich wieder Kazia zu umfassen und höre fi« toteber flüstern:

Papa wird es sehen."

Unwillkürlich richte ich meine Blicke auf Lerrn Suslowski.

Plötzlich sehe ich, daß sich sein Gesicht verändert; er HM di» Land vor die Augen und beugt sich über denPapierdrach«»?

Was zum Lenker mag er nur da gefunden haben?

Vater, was ist dir?" fragt Frau Suslowska.

Er steht auf, geht ein paar Schritte auf uns zu, bleibt dann stehen, fleht mich mit durchbohrendem Blick an, ringt die Lände und beginnt das Laupt zu schütteln.

Was Ist Ihnen?"

Da steht man, wie Linterlist und Verbrechen doch an den Tag kommen," erwidert pathetisch Suslows«. Mein Lerr!Lesen Sie nur, wenn Ihnen das Schamgefühl es gestattet, bis zu Ende m lesen."

Bei diesen Worten macht er eine Bewegung, als ob er sich in eine Toga einhüllen würde, und überreicht mir denPapierdrachen". Ich nehme das Blatt und mein Blick fällt auf eine Mitteilung mit der Aeberschrist:Der Larfner aus der Akraina.,, Ich werd« etwas verblüfft und lese rasch das Folgende:

Vor einigen Tagen erschien in unfern Mauern ein seltener Gast in Gestalt eines steinalten Larsners, welcher bei den hi« wohnhaften Familien aus der Akraina die Runde macht und für ein Almosen seine Lieder zum Besten gibt. Wie man erzählt, hat stch unsere bekannte und beliebte Künstlerin E. A. ganz besonders feiner angenommen, und heute früh, noch konnte man sie mit ihm ausfahr«, sehen. In den ersten Tagen nach dem Erscheinen des Fremdlings entstand das seltsame Gerücht, daß sich unter dem Bauernrock des Larfners einer unserer berühmtesten Maler verberge, der sich auf diese Weise, ohne die Aufmerksamkeit der Ehemänner und Vor­münder zu erregen, leicht zu den Boudoirs der Damen Eintritt verschaffe. Wir sind überzeugt, daß dieses Gerücht jeder Grundlage entbehrt, deshalb schon, weil unsere Diva ja niemals berattige Landlungen begünstigen würde. Der Alte ist, gemäß den von unS eingezogenen Erkundigungen, dirett aus der Akraina hierhergewan- dert. Sein Verstand ist etwas getrübt, aber sein Gedächtnis noch vorzüglich."

Limmel unv Löste!

Suslows« ist so aufgebracht, daß er keinen Laut hervorbringen kann. Endlich aber läßt er seiner Entrüstung freien Lauf.

Welche neue Vorspiegelung, welche neue Ausflucht werden Sie zur Rechtfertigung Ihres Benehmens Vorbringen? Waren Sie es nicht, den wir in dieser schändlichen Verkleidung gesehen haben? Wer ist denn dieser alte Larfner?"

Ich war es," antwortete ich,ich begreife aber nicht, weshalb Sie meine Verkleidung schändlich finden."

' In diesem Augenblick reißt mir Kazia denPapierdrachen" aus der Land und beginnt zu lesen; Suslowski aber drapiert sich noch fester mit der Toga der Entrüstung und fagt:

»Also nachdem Sie kaum die Schwelle eines ehrbaren Laufes betreten haben, bringen Sie in dasselbe Ihre Anmoral; also noch ehe Sie der Gatte dieses unglücklichen Kindes sind, verraten Sie es »n Gemeinschaft mit einer leichtfertigen Dame, mißbrauchen Si« unser Verttauen in schnödester Weise, brechen Sie Ihr heiliges Ge­löbnis . . . And um wessen willen? Wegen einer Theaterhetäre!"

Da ergreift-mich die höchste Wut. . .

Mein Lerr!" sage ich,genug dieser Phrasen! Diese Letäre »st mehr wert, als zehn falsche Catone von Ihrem Schlage. Sie sind mir eigentlich noch nichts, lieber Lerr, und merken Sie sich, bitte, daß Sie mich langweilen! Ich habe Sie und Ihr Pathos satt und..."

Die Worte versagen mir, und ich brauche übrigens keine mehr, denn Suslowski öffnet plötzlich seine Weste, als ob er sagen wollte:

»Stoße zu, verschone mich nicht, hier ist meine Brust ..." Aber ich denke gar nicht daran zuzussoßen, sondern erkläre, daß rch fortgehe aus Befürchtung, daß ich sonst Lerrn Suslowski noch manches sagen würde.

And ich gehe wirklich fort, ohne mich zu verabschieden.

Die frische Lust kühlt etwas meinen erhitzten Kopf.

Es ist neun Ahr abends, das Wetter ist wunderschön.

Ick muß noch ein wenig spazieren gehen, um mich völlig abzu­kühlen, und eile in die Belvedere-Allee.

,, Die Fenster von Lelenas Villa sind dunkel. Augenscheinlich ist sie nrcht zu Lause. Ich weiß nicht, weshalb mich dies sehr »er- dneßllch macht.

(Fortsetzung folgt.)

tzchriktleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei, 'S. Lange, Viehen.