Ausgabe 
29.9.1925
 
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Gießener Kmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, den 29. September Nummer Z8

Reisefegen.

Von Sans Schiebelhnth.

Geb aut. Die Götter haben deine Stirn geküßt.

Geh sanft und wisse: alle Lasse» schlafen.

Nichts Böses wird dir begegnen. Allwege

Wartet dein eine gnädig schirmende Sand.

Rosen aber und Gold sät wegwärts vor dir das Frührot. Rastest du, wölbt sich des Mittags tiefblaue Lalle Gern dem Gast. And sanft, denn mit Sang und Salbe Belabt der Abend lind den tagmüden Sinn.

Wohne tief im Wunder der ftemden Nacht, erlausche Was dir ein anderer Traumvogel zärtlich verrät.

Leere den Becher ganz und hebe dann wieder Weiter auf Pfaden ins Licht leichtleicht den Fuß.

Das Traumreich der Wissenschaft.

A. von Gleichen-Rußwurm.

Von Ainerika aus wird eine Revolutionierung der Wissenschaft und damit des gesamten Erdbetriebs angekündigt. Dank der Ent­deckung des gelehrten Dr. G. Wendt soll sie unaufhaltsam in die Nähe rücken, denn dieser Erfinder behauptet, daß es ihm gelungen sei, sich mit Lilse höchster Litzegrade der Kraft anatomischer Zersetzung zu bemächtigen, einer Kraft, die alle bisher wirkenden motorischen Kräfte wie Kinderspiele weit hinter sich läßt.

Sensationelle Nachrichten von Entdeckungen und von Umwälzun­gen in der Wissenschaft mehren sich unheimlich, bald hört man von hygienischen Neuerungen oder Wunderkuren, die das menschliche Leben unendlich verlängern, so daß man künftig von einem rüstigen Lundertjährigen wie bisher von einem Sechzigjährigen frechen wird, bald verlautet, daß irgendwelche Strahlen Wände und Decken durch­leuchten und erlauben, in jöde Wohnung und in jeden Schrank zu sehen, bald wird verkündet, das Geheimnis, Gold zu machen, sei gelöst. 1

Zuweilen verschwinden diese leuchtend aufgestiegenen Ver­sprechungen wie Raketen, sicher ist aber, daß zahlreiche tatsächliche Errungenschaften die Welt derartig verändert haben, daß alle Zu­kunftsromane längst überflügelt sind. Dichterische Intuition hat mancherlei richtig vorempfunden, man braucht nur Jule Verne oder Wells oder auf sozialem Gebiet nachzulesen. Jetzt betrachten aber nicht mehr Dichter, sondern Gelehrte von Ruf und Beruf die Zukunft der Wissenschaft im Zusammenhang mit der Zukunft des Menschen vom philospohischen Standpunkt aus. Das Besondere an dieser neuzeitlichen Betrachtung ist, daß die Zukunft durch verschiedene Temperamente geschaut wird.

Wissenschaft und Zukunft" oderDädalos" nennt I. B. Lal- dane in Cambridge sein WerkIkaros" oderDie Zukunft der Wissenschaft" Bertrand Nusselle das feine; ersterer zieht als Op­timist, letzterer als Pessimist seine Schlüsse. Da wird Dädalos zum Sinnbild des Machtrausches bei erster Entdeckung oder Erfindung des Flugvermögens, er bedeutet die grenzenlosen Ausstieg- und Fort­schrittsmöglichkeiten, die dem Aebermenschrn die Wissenschaft der Zukunft gibt. Das Gegenspiel betrachtet Ikaros als Gleichnis des von Lochmut erfaßten und darum kläglich endenden, allzu kühn Vor- dringenden. In ihm zeigt sich die Gefahr jener Lybris, jener frevel- haften Maßlosigkeit, die zwingend zum Absturz verurteilt.

Anwillknrlich erinnert man sich an das alte stiestsche Märchen von Frau Ilsebill, die von der Fischerhütte zu Schloß und Palast, zu Kaiser- und Papstthron anstrebt, sich aber nicht einmal damit, begnügen läßt, sondern begehrt der liebe Lerrgott zu werden, worauf sie in ihre ursprüngliche Armseligkeit zurückgeschleudert wird. Beinr Weltkrieg wurde schon die Probe aufs Exempel gemacht, daß gerade ein Llebermaß von technischen Fortschritten, von Industrialismus in riesigem Ausmaß zu einem gigantischen Ringen um Rohstoffe und Märkte führt, und einen Zustand bringt, der den Menschen, als er von Zivilisation zuviel begehrte, rasch herabkommen ließ und den Rückschritt bis zur Groteske der Löhlenbewohner steigerte. Die Wisseirschaft vermag eben nicht ihren Erfolgen Milde, Bescheiden­heit und Verträglichkeit beizunrischen.

Es gibt kein Serum gegen Gier und verderblichen Fanatismus jeder Art.

Nicht nur unvermögend ist die Wiffenschaft den Menschen ethisch zu heben, damit seine Gesellschaftsordnung erträglich werde, sie hat sogar alle mllhsain erstandenen Erträglichkeiten des Daseins, alle \ Eingewöhnungen und höflichen Formen rasch vernichtet und Zwangs- I läufigkeiten geschaffen, die ethisch ungesund sind und zu katastrophaler: S sozialen Antithesen führen. Außerdem tritt notwendig der Fall ein, I daß sich die Kohlenvorräte erschöpfen, uird welcher Krise steht der 8

von der Wissenschaft erzeugte und genährte Industrialismus dann gegenüber!

And welche Amwälzung mit unabsehbaren Folgen steht bevor, wenn es gelingt, unabhängig von der Kohle zu arbeiten, die im mo­dernen Weltgetriebe die Grundlage bildet? Oder wenn Entdeckungen .gelehrter Forscher die bisherigen, noch ungefähr wirkenden national- ökonomischen Gesetzlichkeiten aufheben?

Denn, wohlgemerkt, das atemlose Tempo jetziger Neuerungen, die man Forsschritt zu nennen beliebt, läßt keine Zeit, sich allmählich anzupassen, sondern es geht vor als Katastrophenentwicklung, die bei jedem Ruck, bei jeder Explosion unzählige Opfer fordert.

Wahllos wird die Menschheit zusammengedrängt, künstlich zu einer künstlichen Fruchtbarkeit gezwungen, dann wieder auseinander- gerissen. Taten und Täter werden vergessen und gleichgültig.

Diesem dämonischen Bild, das aufstetgt, wenn sich eine Zeit der Weltanschauung des Ikaros anvertraut, hält die Auffassung des Dädalos ein anderes entgegen, das hellbeleuchtet die strahlende und hoffnungsreiche Seite der zukünftigen Wissenschaft zeigt.

Müssen wir anerkennen, tote groß das Verdienst der Wissenschaft um Leilung von Krankheiten und Betäubung von Schmerzen ist, tote siegreich sie im Kampf gegen die Schmerzempfindung vorgeht, wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Verbreitung von Opium und Kokain durch ihre zersetzende Verheerung das wohltätige Wirken der Mittel auszuheben beginnt. Auch die phantastischen Fortschritte der Chirurgie haben Schattenseiten, die man nicht gern wahr haben will. Am restlosesten kann man sich freuen über die Erfolge auf dem welt­umfassenden Gebiet der Lygiene, die alle Winkel von Verkommenheit und (schmutz mit erfrischendem Luftzug durchstreicht, doch selbst hier macht sich Pedanterie, macht sich Fanatismus unliebsam breit.

Die Äerkünstlichung des Lebens wird aus anderem Gebiet jedoch viel auffallender. Künstliche Nahrungsmittel, Nährpillen, die des Essens und Trinkens überheben, stehen auf dem Programm der Wissenschaft von morgen, die künstliche Befruchtung, die schon an Pflanzen mit allerlei Ergebnis versucht wurde, soll auf die Menschen angewendet werden. Die voraussichtliche ungeheure Zunahme der Bevöllerung und die vollständige Industrialisierung der Erde, die mit künftiger Entwicklung zusammenhängt, muß jede Landwirtschaft im alten Stil illusorisch machen, dagegen gedenkt man eine nahrhafte Alge im Meer zu kultivieren/ die in kolossalen Fabriken zur Ler- stellung jener Nährpillen verwendet wird.

Solch böser Traum, den mancher Wissenschaftler als Fortschritt verkündet, dünkt heute schon nicht mehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß der Anverstand des Staates in vielen Ländern den alten Bauernstand, den niemand ersetzen kann, systematisch ruiniert durch Bevorzugung der Arbeiter, daß die Großstadt den jugendlichen Landbewohner anzieht und blendet, wie das Licht die Motte, und bald keine Lände mehr zu finden sind für die altehrwürdige Arbeit der Land.

Wie von» Dienst der Erde, wird der Mensch vom Dienst des Laufes abgezogen, und die Läuslichkeit geht wie die Landwirtschaft aus Mangel an tteudienenden Länden zugrunde.

Mächtige Lebensgewohnheiten und Leiligtümer soll die künftige Wissenschaft ersehen, sie experimentiert ja bereits in diesem Sinn, durch Massenbetriebe, Massenwohnungen, die künstlich gehalten sind, Massenartikel und Massennährmittel ohne besonderen, persönlichen Reiz. Die trostlose Langeweile des verkünstelten Lebens, für das alles, was Wir Natur nennen, ein Märchen aus alter Zeit sein wird, durch unbegrenzte Schnelligkeit des Verkehrs, durch Aushebung der Ferne wett zu machen, stellt sich als das eigentliche Stteben der Zeit heraus.

Wahrscheinlich bringt die Wissenschaft auch ungeahnte Rausch- und Genußmittel, die Wein, Tabak, Kaffee überbieten, sie wird, wie es die Versuche von Embden in Frankfurt schon begonnen haben, durch Präparate die menschliche Energie bedeutend steigern. Die Arelemente und deren okkulte Kraft werden der Äexerei untertan gemacht in anderem, mächtigerem Sinn als die Lexenmeister träumten. DieElementargeister" von einst sind dann Knechte des Menschen.

Aber die Gefahr besteht, daß wir genau wie im alten Märchen, Knechte unserer Knechte werden. Nicht umsonst hat sich die Wiffen­schaft in Tempeln okkult gehalten, in Geheimnis gewoben. Nur sorgfältig geschulte Adepten vererbten sie von Geschlecht zu Geschlecht, sorgsältig 'erzogen, sittlich gefestet, peinlich geprüft vor jedem Er­schließen eines neuen Grades. Man hegte die Aeberzeugung, daß Wissen nur dann wohltätig wirkt, wenn sittlich hochstehende und Weise ällein den Schlüssel dazu besitzen, Lüter sind und über seine Macht verfügen. Ein tragischer Konflikt enffteht, wenn der wissen­schaftliche Fortschritt von sittlichem Niedergang begleitet ist, wenn die Elementargeister sinnlos fürchterliche Eimer schleppen, wie in Goethes Ballade vom Zauberlehrling, und kein erlesener Meister sie durch ein Spruch in nützliche Besen zrwückverwandelt.