Ausgabe 
29.9.1925
 
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3m Magreb.

Von E. von £lng em-Sternberg.

Magreb bedeutet das Land des Sonnenunterganges, das Land, in dem französische und spanische Leere um die Lerrschafk ringen, in dem Abd el Krim zwei Großmächten die Stirne bietet, das Rerch der Wunder, des Blutes, der Grausamkeit und des Glaubens. Auf das Magreb, wie die Mauren ihre Leirnat nennen, auf Marokko, schaut heute die Welt Europas mit wachsender Aufmerksamkeit, dort entscheidet sich das Schicksal westlicher Völker, dort lasten die Jahr­tausende über den Gräbern verlorener Zivilisationen. Phönizier und Römer, Goten und Mauren sind im Weltengeschehen am Rif vorbei­gezogen, haben geherrscht und sind in der Vergänglichkeit aller Dinge versunken. An Marokko fuhren die alten Galeeren vorbei zu den Inseln der Seligen, Niederlassungen wurden gegründet, deren Ruinen noch heute aus dem Sande ragen, dort, wo die Omajaden geherrscht, wo die Kalifen ihre Märchenstädte bauten, rollen heute französische Tanks und fliegen spanische Luftschiffe. Europa sendet Feuer und Tod und will den Geist Afrikas, der sich in den wilden Bergen des Rifs verschanzt, zur Unterwürfigkeit zwingen. Afrika wehrt sich. Die heiße Sonne, der Sand, die wilden Felsen, die Anzugänglichkeit des Bodens und die fanatischen Bewohner sind seine Bundesgenossen.

Wer den Boden Marokkos betritt, kann den Geist Afrikas erfassen. Die Sonne glüht, Leiß und Schwül werden zu leeren Worten. Sie bezeichnen nicht jenen Zustand, wenn der Mund anstatt Luft glühende Lohe einatmet, wenn das Gehirn zu denken aufhört, wenn der Lerzschlag bald stockt, bald wild an den Brustkorb pocht und wenn der Tod als Kühle und Erlösung lächelt. Trotz des seidenen Gesichtsschleiers blenden die Lichtgarben und zaubern über den Sand­flächen lockende Gebilde. Aber auch die wechselnde Fata Morgan« wird zur Pein, denn alles herum scheint unwirklich, ein Feenpalast der Djina. Die kahlen Steinblöcke verwandeln sich in drohende, glühende Giganten. Der Sand wird zu einem goldprickelnden Bache. Dort liegen die Vorberge von Saarun. Auch sie erscheinen anfangs wie eine Täuschung, wie eine amethystfarbene Flamme über einem opalleuchtenden Abgrund... und dann plötzlich öffnet sich vor uns das Paradies. Grüne Maulbeerbäume, und in ihrem Schatten riefelt kühles Wasser über das Gestein. Vor der Quelle liegend, fallen diamantene Tropfen erquickender Seligkeit über die Finger.

.Sinter einem Felsenvorsprung tritt unvermutet ein bronzefarbener, fast nackter Mann hervor. Die Laare find in kleine Zöpfe geflochten. Er trägt einen Korb auf den Schultern, dessen Deckel fich hebt und senkt. Es ist ein Mönch aus dem Orden der Assauya, dem die Schlangen gehorchen und der in Aazza» ein großes Kloster besitzt. Der Mönch öffnet den Deckel seines Korbes und dabei beginnen sich um seine Arme und um seinen Lais Giftschlangen zu ringeln, ihre gespaltenen Zungen berühren zart das Gesicht des Beschwörers. Das Geschenk einer größeren Münze versetzt den Mönch in unbe­schreibliche Freude. Als Dank übt er seinen Schlangenzauber aus. Er faßt nach dem Kopf eines der Anwesenden und preßt die Schläfen mit seinen starken, heißen Länden zusammen. Dann bläst er lange auf den Scheitel und murmelt dabei unverständliche Worte und Sprüche; schnell ergreift er dann eine der giftigen Schlangen und legt sie dem Neophyten um den Lais. Ein unfägliches Gefühl des Grauens und des Ekels, und doch steht man wie gebannt und wagt sich nicht zu rühren. Die Schlange züngelt aber sticht nicht, und der Mönch versichert feierlichst, daß man fortan auf Schlanaennestern schlafen könne.

In Marokko darf kein Christ eine Moichee be;uchen, aber es ist ihm nicht verwehrt, ein mohamedanisches Kloster zu betreten. Graue Wände, an denen eiserne Ständer für Fackeln befestigt find, einige schön geschwungene Steinbogen, und ganz kleine enge Oeffnungen als Fenster. Bei den Bußübungen in einem Assauyakloster, die im schönen Garten abgehalten zu werden pflegen, quietschen die Flöten wild durcheinander, kleine Trommeln wirbeln und verstimmte Saiten­instrumente begleiten lautes Singen, Stöhnen und Beten. Ein kettenbeladener Mann scheint in der Mitte zu tanzen, wenigstens bewegen sich seine Beine in sprunghaften Bewegungen, während das Gesicht das starre Aussehen einer Totenmaske zeigt. In den Rücken sind eiserne Laken und Nadeln gebohrt, so daß das Blut in kleinen Streifen über die Laut herniedersickert. Dann tritt aus dem Ämter- gründ ein weißbärtiger würdiger Greis hervor, dem die Anwesenden voll Ehrfurcht die Land Kiffen, die er wie segnend erhebt. Er tritt auf den Büßer zu, spricht ein Gebet oder eine Beschwörung und plötzlich wird der Tanzende ruhig, seine Züge glätten sich... und seltsam, das Blut hört auf aus seinen Wunden zu tropfen. Die Gift­schlangen, die sich um feine Arme und Schultern gewunden hatten, lassen wie verdorrt ihre Köpfe hängen.

Nicht weit vom Kloster der alte Löwenzwinger, der heute leer steht und neben dem im Sonnenglast die Kadaver von gefallenen Maultieren und Eseln faulen. Französische Offiziere und Pariser Chansonetten in ihrer Begleitung, die aus Fez aus den Kriegsschau­platz herübergekommen sind, gehen naserümpfend vorüber. Im Zwinger hielten die Kaids und Scheichs an starken Ketten ihre Löwen, die von Sklavinnen gefüttert wurden, und denen man auch auflässige Rifleute, nur mit einem kurzen Schwert und kleinem Schild bewaffnet, vorzuwerfen liebte. Mancher Sultan in Fez fand eine besondere Freude daran, seine tapferen Gefangenen mit dem Löwen kämpfen zu lassen. Siegte der Gefangene, so wurde ihm, wenn er dem Sultan Treue versprach, das Leben geschenkt. Die Löwen, von denen jeder in einem Zwinger saß, gewöhnten sich bald an die ihnen zugeteilte Sklavin und schlossen mit ihr eine große Freundschaft, man fand sie bisweilen im selben Käfig schlummernd vor und der Löwe bewachte seine Freundin.

Der Tod im Löwenkäfig galt fast als eine besondere Gunst im alten Marokko. Dem Sultan el Raschid z. B. machte es Freude, seine Gefangenen persönlich zu vierteilen. Er rühmte sich, daß es in seinem Garten keine Rose gäbe, die nicht mit Menschenblut begossen worden sei. Muley Sttman ließ seine Gefangenen einsalzen, d. h. er befahl ihnen kleine Einfchnitte am Körper zu machen und die Wunden mit Lauge einzureiben. Dann ließ er sie in mit Salz gestillte Kisten verpacken, die eine Oeffnung für den Kopf hatten. Diese Kisten wurden im Audienzsaal aufgestellt, und Sklaven mußten die Unglücklichen mit kühle» Gettänken stärken, damit sie nicht zu bald ihren Qualen erlägen. Unter dem Stöhnen der Sterbenden ließ der Sultan dann seine Taten durch Barden preisen.

Nach der blendenden Sonnenglut schwimmt der Mond am Limmel empor. Die engen und schmutzigen Gassen von Aazzan sind plötzlich silberlackiert. Auf de» flachen Dächern und Terrassen haben sich die Frauen verfammelt, tanzen oder liegen auf weichen Kiffen und träumen in der lauen Nacht. Aus einem maurischen Kaffee klingt das leise Weinen der Gembras. Auf einem kostbaren Teppich sitzen einige Mohren und lassen die Finger nachlässig über die Saiten gleite». Einer von ihnen beginnt einen seltsamen Gesang, es ist mehr em moduliertes gutturales Stöhnen, das von kauten Klagen unter­brochen wird. Es klingt wie ein Nus aus vergangenen Jahrtausenden, wie aus den Gräbern erloschener Völker und Zivilisationen. Die Besucher lauschen und hocken dabei mit untergeschlagenen Beinen auf den Matten oder auf niedrigen Schemeln und schlürfen langsam den süßen, dickflüssigen Kaffee, der von Knaben in feflverschlossenen winzigen Gefäßen auf dem Kohlenfeuer zubereitet wird, oder sie ttinken stark gewürzten Tee. Die vornehmen Mauren duften nach Ambra und anderen Wohlgerüchen, ihre Fingernägel sind rosa geschminkt, auch ihre Bärte sind gesiegt und parfümiert. Jetzt stimmt die Musik Neglabat, d. h. baechische Liebeslieder an, und als dann eine Tänzerin aus Bu-Saada mit brennenden Glutaugen und ge­schmeidigem Körper erscheint, da sind wir plötzlich mitten in eine andere Welt versetzt, von der einst die arabischen Sagen, als wir noch gläubige Knaben waren, zu berichten wußte». Nu» erscheint in einen schneeweißen Burnus gehüllt der Märchenerzähler. Kadenzen be­tonend singt er seltsame Begebnisse von Kalifen und Jins. Man zweifelt garnicht an der Wahrheit seiner Geschichte»., Draußen verliert sich der Lorizont in der Endlosigkeit, im Leuchten nebelhafter Sterne, und es scheint, als ob sich im Weltall plötzlich eine Pforte öffne» müßte, durch die lächelnd, im blauen Gewände das Wunder tritt. Dann schmetternde Fanfaren vom Platze. Die Soldaten sammeln sich zum Marsche. Finster blicken die Männer zu Boden, und der Märchenerzähler schweigt. Kanonendonner hallt aus der Ferne. Der Kampf zwischen Islam, zwischen Aftika und Europa, der vor zwölf Jahrhunderten begann, ist noch lange nicht zu Ende. Im Rif rauchen die Feuerzeichen. Das-Volk steht auf...

Die Dritte.

Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerlehen.

Vcm Heinrich Sienkiewicz.

(Fortsetzung.)

Swiatecki behauptet, daß ich statt zu malen, mein Auskommen als Modell haben könnte, was für die Kunst sogar ein Ge­winn wäre.

Es ist halb zwölf... Eva fährt vor.

Ich schicke in den Wagen zunächst ein Bündel mit meinem alltägliche» Anzug für de» Fall, daß ich in die Lage kommen sollte, mich umlleide» zu müssen. Sodaun nehme ich die Harfe, gehe hinunter bis an die Wagentür und sage:

»Gelobt fei Jesus Christus!"

Eva ist höchst erstaunt und entzückt.

»Ein prachtvoller Imker! Ein großartiger Sängergreis!" wiederholt ste lachend.Aur einem Künstler kann so etwas einfallen I"

Dabei sieht sie selbst aus wie ein Sommermorgen. Sie trägt ein Kleid von Avhfeide imb einen Strohhut mit Mohnblumen. Ich kann kein Auge von ihr wenden. Sie kam im offenen Wagen und die Leute auf der Straße beginnen uns zu umringen; aber sie kehrt sich nicht daran.

Endlich setzt sich der Wagen in Bewegung, das Herz beginnt mir lebhaft zu pochen in einer Viertelstunde werde ich bie «träumte Helena sehen... Wir sind noch nicht hundert Schritt« gefahren, als ich Oftrzhnski uns entgegenkommen seh«.

Den mutz man aber auch überall treffen!

Als er uns bemerkt, bleibt er stehen, grüßt Gvchen, dann beginnt et uns beide scharf zu mustern, insbesondere aber mich Ich glaube nicht, daß er mich erkannt hat; nachdem wir an ihm borübergef ähren find, wende ich den Kopf um und sehe ihn noch immer dastehen und unS mit den Blicken verfolgen. Erst an der Straßenecke verliere ich ihn aus den Augen. Der Wagen bewegt fich ziemlich rasch vorwärts, trotzdem scheint mir di« Fahrt eine Ewigkeit zu dauern. Endllch in der Delvedsre-Allee hatten wir an...

Wir find vor Helenas Haus.

Ich stürme auf die Tür zu, als ob es brennte.

Eva läuft hinter mir her und ruft:

»Welch unausstehlicher Atter!"

Ein sehr vornehm dreinschausnder Lakai öffnet uns die Dur und reißt bei meinem Anblick die Augen weit auf. Eva beruhigt